Donnerstag, 27. Mai 2021

La Cosa Nostra 31/32



Rezension


La Cosa Nostra
31/32 plus Japan-Special
2019/20
402 S. + 438 S. + 330 S.










Mit großem Respekt habe ich dieses Mammutwerk entgegengenommen und gelesen. Ich habe über das für „Freunde und Bekannte, Nostalgiker und Leute mit Vorliebe für alte Fotos mit zu niedriger Auflösung über ne ganze Seite“ gemachte Fanzine von Hauptautor Arne und den Supporters Ulm noch nie eine nicht beeindruckte und beeindruckende Rezension gelesen. Wenn ich bislang daraus Auszüge in Blickfang Ultrà lesen konnte, blieb ich stets begeistert über durchdachtes Niveau und thematische Tiefe zurück. Noch faszinierender ist das, wenn man nicht nur die inhaltliche Qualität sondern auch den schieren Umfang der LCN von rund 1.200 Seiten in drei Bänden im Wortsinn vor Augen hat.

LCN 31 


Das erste ist das persönlichste der drei Bücher. Arne und Kollegen berichten von Spielbesuchen beim SSV Ulm. Es gibt doch recht viel Einblick in familiäre Umstände – „,Stellenweise fühle ich mich als Gastleser in deinem persönlichen Tagebuch‘ war eine Rückmeldung. Das ist es auch und jetzt wisst ihr warum und auch weshalb das Heft in Kleinst-Auflage bleibt.“) Neben den Spielberichten erfährt man etwas zum Rundum, etwa zum Spiel gegen Saarbrücken ein Interview mit dem Autor des dortigen Unterhausgroundhopping-Fanzines Haferbrei mit prägnanten Aussagen wie „Die Komplettierung des Saarlands ist für mich persönlich ein Lebenstraum.“ und liest emotionale Worte zum Spruchband „Glückwunsch zu 20 Jahren SU99“ beim Spiel am 3. März 2020.
Hefte, Bücher und Filme werden zahlreich rezensiert (u.a. Nachruf auf das Unterwegs) und von Fußballreisen in der Region sowie u.a. in Saudi-Arabien, in Portugal und Italien (das besuchte Spiel in Rom war übrigens nicht Champions League) ist zu lesen. In den Reiseberichten kommt es u.a. zu unerwarteten Exkursen über die Bukowina oder italienische Kriegsschiffe. Dazu gibt es Interviews mit Queerpass Bayern und 1951 Ideale & Leidenschaft aus Gera.
Arne hat fundierte Meinungen und äußert diese auch. Er spricht Probleme in Ulm an und gibt einen Hinweis, wie man das Zeitpensum von Familie, Gruppe, Arbeit und der Gestaltung dieses umfangreichens Fanzines schaffen kann. In den Fanzinerezensionen erkennt man kritische Haltung gegenüber oberflächlicher Groundhopper-Betrachtung („Das ist zwar das Heft eines Groundhoppers [...], aber die Berichte sind trotzdem gut geschrieben, über die besuchten Kurven steht auch was vernünftiges drin.“). Da fühlte ich mich ertappt. Denn auch bei mir steht das Stadion im Vordergrund, wenngleich mich die Kurven interessieren. Ansprüchen eines Ultras hinsichtlich der Betrachung von Feinheiten des Kurvengeschehens jenseits eines doch nur fernstehenden Blicks kann ich nicht dienen. Was ich gelernt habe: Aus Ahnungslosigkeit werden oft Bewertungen getroffen, die meist mehr von eigenem Unwissen als realem Geschehen zeugen. Daher verhalte ich mich da zurückhaltend. Aus Respekt vor der Macht und Wirkung des gedruckten Worts habe ich ja auch lieber einen Blog im flüchtigen Internetz.
Auch von anderen Personen gibt es prägnante Aussagen zu lesen. So in einem Interview mit Mirko O. (BFU, Polska Kibolska), der mich zum Nachdenken anregend zur Frage der persönlichen Vorliebe für italienische oder polnische Fankultur sagt: „Finde ich persönlich meist unnötig. Es geht schließlich nicht um Rankings über die Ländergrenzen hinweg, oder? Ich bin froh, dass es (noch) optische und akustische Unterschiede gibt. Ich kann auch die Kommentare à la ,Polen ist nicht so meins, ich mag lieber Italien‘ nicht mehr hören. Warum muss man das hervorheben? Kann man nur einen Stil mögen?“ Das brachte mich zu persönlicher Reflexion, gerade weil ich auch zu Italien tendiere. Mit dem Argument, dass es hier nicht um Rankings gehe, hat er mich angesprochen. Ich halte Rankings ohnehin in jeglicher Hinsicht für einen Irrweg. Es geht nicht um einen Wettbewerb und den damit einhergehenden sich immer weiter verbreitenden Zwang zu Entscheidungsfragen und beschränktem Schwarz-Weiß-Denken der Kategorie Daumen hoch / Daumen runter.
Lesenswert ist ein Rückblick in die Vergangenheit, wo anschaulich beschrieben und anhand Fotos nachvollziehbar gezeigt wird, wie und warum die Ultrabewegung in Ungarn in den 1990er Jahren und Anfang der 2000er Jahre auf einem anderen Niveau als in Deutschland befand und als Inspiration diente. Als hervorzuhebendes positives Beispiel der Gegenwart nennt Arne die Star-Wars-Choreographie von Ferencváros 2019, wo aus einem bekannten Motiv etwas Einzigartiges gezaubert worden sei. Es ehrt mich, dass dabei für den Abdruck im LCN meine Fotos dienen durften. Um das oben angesprochene Thema der Oberflächlichkeit nochmal aufzunehmen und eigene populärkulturelle Ahnungslosigkeit zu illustrieren, die später noch Thema sein wird: Ich schrieb damals in meinem Beitrag hier im Blog von „einem einem Motiv aus dem Science-Fiction-Film Star Trek“. Ich konnte das ungefähr zuordnen, aber mehr nicht. Ich machte mir keine Gedanken darüber. Es dauerte nur Minuten, bis ich nach Veröffentlichung per Nachricht auf meinen Fehler aufmerksam gemacht wurde.
Ich esse schon auch, aber Kulinarik ist nicht mein Schwerpunktgebiet: Im Feuilleton geht es in einem Bericht und Interview um ein „Maultaschenrestaurant“. Nie gehört, und auch nach Google-Suche: Sagte mir nichts. Ich bin und bleibe da wohl Banause. Wenn etwas abhelfen kann, dann Lektüre.

LCN 32 


In der letzten Ausgabe hatte es 2020 eine Spezialausgabe über 34 italienische Gruppen gegen, die in den letzten 50 Jahren Ultrà-Geschichte geschrieben haben. Vielfache Beachtung fand dies, da es in der ersten Corona-Lockdown-Phase im Frühjahr 2020 zum Download online gestellt wurde. Das Thema weiterführend widmet sich Arne hier eingehend den Kurven und Gruppen, zu denen die fachkundigen Gesprächspartner wenig beitragen konnten. „Sich etwas reinfuchsen“ nennt er das, wenn er eine unfassbare Menge an Material an Spielberichten, Fotodokumenten und beeindruckend gut lesbar übersetzten, inhaltlich hochspannenden jahrzehntealten Beiträgen aus dem Supertifo oder Büchern zusammengetragen hat, um Sanitarium Cremonese und Cremonese allgemein, Nucleo Sconvolti Cosenza und Fossa Lariana von Como zu portraitieren.
Spannend ist an den Supertifo-Übersetzungen der Abdruck der Seiten im Layout mit eingefügtem übersetztem Text. Eine sehr gute Idee, die den Zusammenhang und zeitgenössischen Esprit sichtbar macht. Die Ultrageschichte der Cremonese habe ich persönlich bedeutend unterschätzt, wie ich hier angesichts ihres Engagements gegen Pay-TV erkenne – als die ersten, die das Mitte der 1990er Jahren (!) als folgenschweren Antreiber der Entwicklung des modernen Fußballs erkannten und zum Thema von Protest machten. Beeindruckend ist die Fülle an zusammengetragenen Kurvenfotos, die auch sachverständig analysiert werden. Zu Cosenza waren im BFU 46 die Vorstellungen der Bücher von Tobias Jones und Domenico Scrivano samt Interview bereits zu lesen gewesen. Es ist noch einmal viel besser, dies hier im Gesamtzusammenhang von 94 Seiten textlicher und bildlicher Materialfülle über Cosenza zu lesen. Für mich war Cosenza schon zuvor ein Reisedesiderat. Das hat sich nunmehr noch verstärkt. Persönlich spannend ist es aber auch, mit welchem anderen Blick man selbst eine schon bereiste Station wie Como jetzt sieht, nachdem man all die Bilder hier gesehen und die Informationen gelesen hat. Man erkennt, wie oberflächlich man doch selbst war und ist.
Darüber hinaus gibt es noch viel weiteres aus bella Italia wie ein Interview zur Freundchaft von Campobasso mit FSV Frankfurt oder übersetzte Texte zur in I Furiosi prominent beschriebenen Schlacht nach der Begegnung zweier Sonderzüge von Milan und Sampdoria 1993.
Comics habe ich als Kind verschlungen, aber seither keinen Bezug mehr dazu. Weder mit Kunst-Expertise noch ausreichendem Blick für wesentliche Details der Ultrà-Welt ausgestattet, habe ich in LCN-Auszügen in BFU über mir bis dahin unbekannte Comics namens Freak Brothers und Corto Maltese und deren Bedeutung im Fußballzusammenhang erfahren. Hier wird mit Ranx ein weiterer Comic vorgestellt, der – wie an abgedruckten Fotos deutlich wird – wichtigen Niederschlag auf Symboliken von Ultras genommen hat ohne dass dies mir Banause ein Begriff gewesen wäre. Zur Ikonographie-Analyse ist hier viel von den Kurven von Cesena und Catania zu sehen und zu lesen. Ich gebe zu, dass mich diese Hintergründe mehr interessiert haben als der Anlass (besagte Comicfigur).
Im dritten Teil des Italien-Bands LCN32 werden Umstände zu einem für BFU geführten Interview mit Juve Stabia geschildert, das Interview ist zu lesen und es sind wiederum faszinierende übersetzte Texte und recherchierte Fotos abgedruckt. Dazu gibt es ein Interview mit Red Kaos aus Zwickau über ihre Freundschaft mit Juve Stabia. „Wenn ihr mich nach meinem persönlichen Highlight dieser Ausgabe fragt, dieses Interview ist es. Das ist reine Exklusivität.“ verspricht Arne darüber nicht zu viel.
„Aggregazione ist nicht nur ein Wort aus der Kurve. Unser ganzes Leben ist Aggregazione.“ ist im Interview mit Juve Stabia zu lesen. Was für ein Satz. Man kann hier viel lernen. Zu den Übersetzungen aus dem Italienischen gibt es hier so etwa ein Glossar, das einige geläufige Begriffe aus der italienische Ultrà-Sprache beleuchtet und erklärt, man werde sie hier „im Original behalten, weil die deutschen Übersetzungen entweder furchtbar klingen (,Brüderschaft‘) oder den Sinn nicht richtig transportieren.“ Eines der hier angeführten Beispiele ist das Wort Striscione, „weil der Begriff sowohl Zaunfahnen wie auch Spruchbänder bezeichnet“.

Japan Special 


Ein Buch von 330 Seiten über ein Land, seine Gesellschaft und seine Fußballfankultur, von dem ich außer den üblichen historischen Grundkenntnissen zur geschichtlichen Entwicklung, den Kriegsverbrechen der 1930er/40er Jahre und dem Epochenbruch Hiroshima/Nagasaki nur medial vermitteltes Halbwissen (= Halb-Nichtwissen) hatte. Ausgangspunkt ist hier wieder einmal ein mir bis dato unbekannter Begriff: „Cyberpunk“. Das wird hier beschrieben als „einem sehr düsteren Subgenre des Science-Fiction“. Von den zehn genannten Film- und Serienempfehlungen dazu habe ich drei davon vor 25 Jahren als Jugendlicher wohl ohne nachhaltigen Eindruck gesehen, von zwei habe ich den Namen schon einmal gehört und fünf sagen mir nichts. Aus großer populärkultureller Ahnungslosigkeit kommend, lerne ich hier, dass die kritische Auseindersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen dieses Genre aus Ultrà-Perspektive spannend macht. Arne schildert einleitend seinen Zugang zu Cyberpunk und berichtet dann von seinen Eindrücken und Spielbesuchen in Japan 2013. Dazu gibt es weitere Spielberichte von Japanreisenden zu lesen.
Im Hauptteil erzählen – begleitet von umfangreichen abgedruckten Fotosammlungen – Experten: Ein europäischer Ultra von Gamba Osaka bietet einen Einblick, wie die japanische Gesellschaft funktioniert und die Menschen in ihr Leben (wie immer so perfekt in flüssige Sprache übersetzt, dass man erst am Textende bei der Quellenangabe erfährt, dass dies im Original aus dem Englischen stammt). Ein Japanologe spricht im Interview über soziale Bewegungen und Subkulturen. Ein aus Deutschland stammender Ultra bietet über die Fanszene Kashiwa Reysol einige Einblicke, welche die anders ausgeprägte Fankultur in einer anders als in Europa gestalteten Gesellschaft teils deutlich illustrieren (Sinn und Zwecks des Anstehens am Vortag am Stadion habe ich nicht nachvollziehen können). „Wenn ich in der Bundesliga bei jedem zweiten Verein die gleichen Gesänge mit anderem Text höre, finde ich im Vergleich dazu die J.League erfrischend bunt und kreativ.“ hält ein anderer aus Deutschland Stammender, den es in die Fanszene der Urawa Reds verschlagen hat, dem Vorhalt eines auf Kopieren aufgebautem Support in Japan entgegen.
Dazu wird hier ein weiteres Interview mit Kawasaki Kazoku aus dem Schalker Blauen Brief abgedruckt. Die angesprochenen zahlreichen Fotos aus unterschiedlichen Quellen sind teils etwa hinsichtlich des Zaunbehangs kommentiert und teils ohne Kommentar für das p.t. Publikum zur weiterführenden Analyse abgedruckt.

Die Exklusivität der LCN illustriert eine im Making-of genannte Zahl: Knapp 20% aller Leserinnen und Leser war mit Beiträgen am Heft beteiligt. Die drei Bände bieten eine wahrliche Fülle an Material sowohl für Text-Menschen, die gerne lesen, (zu der Sorte zähle ich mich) als auch für optisch orientierte Menschen, die aus dem Studium der Fotos vielfältige Schlüsse zu den Kurven ziehen können. Das wird deutlich, wenn hier nach seitenweise Kurvenfotos der Schüssel en passant erwähnt wird: „Die Aufnahmen vom Gästeblock finde ich Bombe. Schaut euch einfach an, wie sich der Mob zusammensetzt und achtet auch auf das, was sich an den Rändern abspielt.“ Derart talentiert und fachkundig bin ich selbst nicht. Gerade das macht LCN aber spannend. Ich hatte viel erwartet. Dies wurde noch deutlich übertroffen.

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