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Mittwoch, 25. Februar 2026

Ein Stadion geht – die Legende bleibt



Rezension

Michael Höller
Ein Stadion geht – die Legende bleibt
Meine Reisen zu den Lost Grounds Europas
Meyer & Meyer Verlag 2025
256 S.







Ein Buch über Reisen zu verlorenen Fußballstadien und -plätzen, zu Lost Grounds. Michael Höller veröffentlichte ein sehr persönliches Werk, in dem er seine eigene Geschichte und seinen Zugang zum Fußball und zum Groundhopping ebenso beschreibt wie seine erwachte Leidenschaft für die Lost Grounds. Nach jahrzehntelangem Groundhopping sucht er seit 2012 auf den Reisen auch immer nach Lost Grounds. Mit Erscheinen des Buchs hat er mit Stand 31. Mai 2025 725 Lost Grounds gespottet, wie er hier schreibt. Klar tritt dabei für ihn zu Tage: „Belgien ist DAS Paradies für LOST GROUNDS. Man kann auf nahezu jedem dritten Quadratkilometer einen aufgegebenen Fußballplatz finden.“ 125 von ihm besuchte, fotografierte und erkundete Lost Grounds stellt Höller in seinem Buch vor. Die Orte sind nicht nach Ländern oder sonstigen Kategorien geordnet sondern folgen der Reihe nach denen Höller sie besuchte. So folgt etwa auf Kaliningrad mit Sportplätzen aus dem ehemaligen deutschen Königsberg ein Stadion im indischen Kolkata und danach kommt ein Lost Ground in Belgien. Auf vielen der 766 Fotos bleibt das Auge länger hängen.

Michael Höller beschreibt auch Erlebnisse aus seiner eigenen Fußballfan- und Groundhopperkarriere, wobei Anekdoten die Umstände vergangener Zeiten deutlich machen, wie jene aus dem Jahr 1991 über „das ungläubige Gesicht des Mitarbeiters der Fahrplanauskunft am Kölner Hauptbahnhof, als ich ihn im Vorfeld der Tour nach der Zugverbindung Porto-Campanhã – Liverpool Lime Street fragte und er einen Stapel Kursbücher aus dem Schrank räumen musste, um mir diese Frage zu beantworten.“ Ich kenne die seinerzeitigen blauen Kursbücher der ÖBB noch aus den 1990er Jahren. Ich nehme aber an, der Großteil des Publikums des Blogs hier weiß nicht mehr, was so etwas ist.

Neben den schönen Fotos und den persönlichen Erzählungen kann man hier auch einiges über die Stadien lernen. So berichtet Höller etwa ausführlich über die Geschichte des Stadion Serp i Molot in Charkiw, von dem ich bei meinem Besuch damals 2012 zwar einige Fotos machte, aber weniger dazu in Erfahrung brachte. Umfangreich recherchiert hat Höller auch zum Weidenpescher Park in Köln. Denn: „Anders als häufig behauptet, fanden an dieser Stelle 1905 und 1910 nicht die Endspiele um die Deutsche Fußballmeisterschaft statt.“ Mit umfangreicher und sehr guter Recherche ermittelte Höller die verschiedenen Standorte der Sportplätze dort und damit die tatsächlichen Endspielorte, die nicht am heute zu besichtigenden Lost Ground Stadion Weidenpescher Park waren.


A4 / 30,00 € / erhältlich im Buchhandel / ein-stadion-geht.de

Donnerstag, 29. Januar 2026

Ballesterer Bibliothek 5: 25 Jahre




Rezension


ballesterer bibliothek 5
25 Jahre ballesterer Fußballmagazin
Wien, November 2025
148 S.








„Der nicht ganz unparteiische Blick auf den Fußball ist weiter vorhanden.“ sagt Gründer Reinhard Krennhuber. Die fünfte Ausgabe der Bände der ballesterer bibliothek gilt dem Heft selbst. Es ist kein Best-of, wie das Vorwort erklärt, sondern eine Sammlung von Texten und Themen aus 25 Jahren, „die für diese Geschichte stehen, die Kontinuität und Veränderung zeigen, die zeitlos und zeitgebunden, lustig und spannend, informativ und unterhaltsam sind.“ So gibt es in diesem Buch wiederabgedruckte historische Interviews, Berichte, Kolumnen und Reportagen sowie Beiträge über die Gestaltung des Hefts gepaart mit aktuellen Einordnungen. Am Anfang steht das Interview mit Krennhuber, der auf die Anfänge und die Entwicklung zurückblickt und aus dem das Amfangszitat stammt.

Man liest aus dem Archiv nachdenkliche Gespräche wie mit Ivica Osim (Nr. 8, April 2003), eine Reportage über Peter Wurz („Ich werde doch nicht mein ganzes Leben dem Fußball opfern.“, Nr. 88, Jänner/Februar 2014), den große Wellen auslösenden Artikel aus der sehr verdienstvollen Reihe Fußball unterm Hakenkreuz (Nr. 11, Dezember 2003) oder das ganz und gar herrliche Interview mit einem Fischhändler, nachdem Rapid-Tormann Strebinger aus dem LASK-Block mit Fischen beworfen worden war. Man diskutiert hier die besten Fische für das Werfen. (Nr. 148, Jänner/Februar 2020). Es gibt das Interview mit Vertretern dreier Generationen der Ultras Rapid aus ihrem 25-jährigen Jubiläumsjahr (Nr. 84, September 2013) oder die Reportage über eine Auswärtsfahrt mit den Rieder Glory Boys (Nr. 41, April 2009) nachzulesen. Letzterem Artikel folgte ja ein „Scheiß Ballesterer“-Spruchband beim LASK – ein Spruch, mit dem später Schals als ballesterer-Merchandising bedruckt waren.

Mit einer Folge meiner Serie über die vermeintlichen „Nebenschauplätze“ des Fußballs im österreichischen Unterhaus, „You can't stop Leonding“ über den ASKÖ Leonding (Nr. 173, September 2022), darf auch ich hier vertreten sein. In der Statistik der Groundhopping-Rubrik finde ich mich unter den Top Ten ihrer Autorinnen und Autoren, obwohl ich dort auch schon länger nicht mehr veröffentlicht habe. Auch wenn ich mittlerweile Autor im Heft bin, bin ich weiterhin vor allem ein begeisterter Leser.

Der Band zeigt die inhaltliche Vielfalt und Tiefenschärfe des ballesterer in seinem erfolgreichen ersten Vierteljahrhundert.


größer als A5 / 14 € / erhältlich im Zeitschriftenhandel / 25.ballesterer.at

Freitag, 5. Dezember 2025

Hütteldorfer Wödmasta



Hütteldorfer Wödmasta
100 Jahre Ernst Happel
29.11.2025 – 30.4.2026
Sonderausstellung des Rapideum



Ernst Happel ist eine Sonderausstellung des Rapideum gewidmet. Als Spieler war er mit Rapid sechsmal Meister und einmal Cupsieger. Als Sektionsleiter konnte er den Meistertitel 1959/60 feiern und mit Rapid ins Europacupsemifinale 1960/61 vorstoßen, bis er in die Welt hinauszog und zu einem der besten Trainer der Fußballgeschichte avancierte. Der am 29. November 1925 in Wien geborene Happel wäre dieser Tage hundert Jahre alt geworden, wenn er nicht schon am 14. November 1992 verstorben wäre.


Drei Sonderausstellungs-Vitrinen in den Räumen des Rapideums sind Happel gewidmet. Gleich zu Beginn ist das Kartenspiel als seine persönliche Leidenschaft dargestellt.


In der bewährten Rapideum-Ausstellungsgestaltung lassen sich Schubladen öffnen, in denen man Exponate sieht und über Happel erfährt. Bücher in deutscher und niederländischer Sprache über ihn.


Zeitungsseite über das wohl größte Match des Spielers Ernst Happel. Er erzielte heute wie damals sensationell aus zwei Freistößen und einem Elfmeter als Verteidiger drei alle Rapid-Tore bei einem Europacupsieg über Real Madrid. In der zweiten Saison des 1955/56 eingeführten Europacups der Meister traf Rapid in der ersten Runde auf Real Madrid, die in jener Zeit den Europacup 1955/56 bis 1959/69 fünfmal in Serie gewannen. Das Hinspiel verlor Rapid vor 125.000 Zuschauerinnen und Zuschauern im Estadio Santiago Bernabéu 4:2, gewann aber das Rückspiel vor 53.000 im Wiener Prater 3:1. Weiter ging es leider nicht. Das nach Reglement danach anstehende Entscheidungsspiel wäre auf neutralem Boden auszutragen gewesen. Rapid entschied sich damals aber, es gegen viel Geld an Real Madrid zu verkaufen, so fand es wieder im Bernabéu statt. Rapid verlor 2:0.


Wie damals üblich, spielte Rapid Tourneen in Übersee, um Geld zu verdienen. In der Südamerika-Tournee in Juni und Juli 1949, lernte man dort ein neues Spielsystem kennen, das man als „brasilianisches System“ nach Wien mitbrachte. Happel kam es entgegen: „Sein Amt als Ausputzer entspricht seinem ungestümen Temperament.“


Happels Weggefährten bei Rapid (1938 bis 1954 und 1956 bis 1959) und seine Zeit als Sektionsleiter nach Spielerkarriere-Ende (1959 bis 1962)


Sammlung von Film- und Videobeiträgen


Wo Ernst Happel in den Vitrinen und Laden der Dauerausstellung des Rapideum vorkommt, ist jeweils gekennzeichnet, und ergänzt die Sonderausstellung. Als Mitglied des zum hundertjährigen Vereinsjubiläum 1999 gewählten Jahrhundertteams ist Happel auch in einer Säule präsent. Sie zeigt eines seiner Rapid-Trikots (das älteste bekannte Rapid-Trikot) und sein Trikot von der FIFA-Weltauswahl 1953.


Vitrine mit Straßenschild der nach Ernst Happel benannten Straße vor dem Stadion De Kuip in Rotterdam, wo Happel als erfolgreicher Feyenoord-Trainer der Jahre 1969 bis 1973 mit dem Europacupsieg 1969/70 hoch verehrt wird. Bis heute sichtbare mediale Präsenz Ernst Happels wird durch die ihm gewidmete jüngste Ausgabe des ballesterer gezeigt, die u.a. Interviews mit Weggefährten enthält.


Aufgrund Happels erfolgreicher Trainerzeit beim HSV 1981 bis 1987, wo er mit Meistertitel, Pokalsieg und Europacupsieg alles gewann, was zu gewinnen war, ist Ernst Happel auch im HSV-Museum in Hamburg und im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund als wichtige Person der deutschen Fußballgeschichte präsent.


Mit Rapid hatte Ernst Happel nach Ende seiner Funktionärstätigkeit 1962 ein „schwieriges Verhältnis“, wie der Ausstellungstext unumwunden schreibt. Dazu trug persönliche Enttäuschung bei. In den 1980er Jahren hatte der SK Rapid leider keinen guten Umgang mit Geschichte und verdienten Legenden der Vergangenheit.


1992 trainierte Ernst Happel am Ende seines Lebens die österreichische Nationalmannschaft. Nach seinem Tod wurde das Wiener Praterstadion von der Stadt Wien Ernst-Happel-Stadion benannt. Zwei Gedenktafeln erinnern dort an ihn, eine aus dem Jahr 1993 und eine aus dem EM-Jahr 2008.


Erinnerung an Ernst Happel im Block West anlässlich seines 25. Todestags bei einem Heimspiel 2017.


Blick in die Ausstellung


Flutlichttrikot von 1956 (Replika des damals zur besseren Sichtbarkeit bei noch geringerer Lichtstärke angefertigten Trikots) und das Spielplakat des legendären Spiels gegen Real Madrid 1956. Es war nämlich nicht nur ein Happel-Torfestival sondern auch das erste Flutlichtspiel im Wiener Praterstadion.


Gegenstände Ernst Happels in der Rapideum-Dauerausstellung


Zur Ausstellung brachte das Rapideum wieder eine Broschüre heraus.






Rezension


SK Rapid (Hg.)
Hütteldorfer Wödmasta
100 Jahre Ernst Happel
Projektleitung und Text: Matthias Schmid, Julian Schneps
Wien 2025
44 S.





Die Broschüre erweitert und vertieft die Rapideum-Ausstellung über Ernst Happel. Die in den kurzen Ausstellungstexten angerissenen Themen haben hier mehr Platz. Zusammen mit den auch in der Sonderausstellung zu sehenden Bildern, wird die Geschichte Happels bei Rapid näher beschrieben. Dazu gibt es Interviews zu lesen. Mit Branko Milanović, den von Rapid-Sektionsleiter Happel aus Belgrad im Auto abgeholt hatte, ohne Zustimmung von Roter Stern zu haben. Mit Franz Hasil, der unter Trainer Happel die beste Zeit seiner Karriere hatte. Mit Andi Herzog, der von Happel stets als „Zauberer“ angesprochen wurde. Mit seiner Enkelin Christina Happel. Sie erzählen Eindrücke und Anekdoten und vermitteln so ein Bild über den Menschen hinter dem „Grantler“. Die Broschüre beschreibt u.a. auch das Zustandekommen der beiden Spitznamen „Aschyl“ und „Wödmasta“.

A5 / 6,95 € / erhältlich im Rapid-Shop

Mittwoch, 26. Februar 2025

Il tacco d'Italia



Rezension


Josef Gruber
Il tacco d'Italia
Ultras in Apulien
Unterwegs Fanzine Verlag 2024
356 S.








74 (!) Fanszenen aus der italienischen Region Apulien stellt Josef Gruber hier in einem 356 Seiten dicken Buch vor. Gleich nochmal 90 Seiten stärker ist das Buch über Ultras in Apulien damit als sein Buch Lo stile di vita über Ultras in Kampanien mit 266 Seiten und das zweite Lexikon Le isole mit 264 Seiten über Sardinien und Sizilien. Man kann auch hier Seite um Seite nur staunen, was dabei sowohl über die bekannten großen Szenen als auch viele kleine Szenen an Informationen, Bildern und Texten zusammengetragen wurde. Das eine oder andere Mal war ich ja doch auch schon selbst in der Region und das eine oder andere habe ich darüber doch auch schon gelesen. Dennoch hört man hier im Buch nicht auf, Neues zu erfahren und Ultrasszenen präsentiert zu bekommen, von denen man noch nie gehört hat. Dass ich ein paar wenige Fotos zu diesem umfangreichen Werk beisteuern durfte und mein kleiner Blog als Quelle für ein paar Beschreibungen dienen konnte, erfüllt mich mit Freude.

Von Süden nach Norden, beginnend also mit der Provinz Lecce, geht es diesmal geographisch durch die Region Puglia (Apulien) am Absatz des italienischen Stiefels (il tacco d'Italia). Die ersten Ultrasszenen, die Gruber hier vorstellt, sind aber nicht große und bekannte, sondern mit Aradeo, Bagnolo del Salento, Copertino und Cursi durchaus etwas für Feinspitze. Auch hier gibt es aber Wissenswertes zu Stadt, Vereinsgeschichte und Szene sowie ältere und aktuellere Fotos. Casarano ist dann der erste größere Name, der gleich mit zahlreichen Fotos, Geschichte und einem übersetzten historischen Interview aus dem Supertifo sieben Seiten einnimmt. Die besten Kapitel sind wie in den vorherigen Büchern auch hier jene, bei denen Gruber aus seinem Wissen von fast drei Jahrzehnten als Fanzineautor und Italienreisender und seinem eigenen Erfahrungsschatz von Besuchen vor Ort schöpfen kann. Vergangene Interviews, die er mit dortigen Protagonisten geführt hat, wie bei Gallipoli, Tricase, Monopoli oder mit dem Salzburger Salva über Barletta, druckt er hier nicht nur dankenswerterweise erneut ab, sondern versieht sie auch mit einem Update aus dem Jahr 2024. Interviews mit Foggia, Cerignola und Manfredonia haben einen hohen Wert.

Der große Brocken des Buchs ist eindeutig Lecce mit 47 Seiten und u.a. ein eigener Artikel zum „striscione merlato“ (Zinnenbanner) und zu seinem Youtube-Hit Lecce-Parma 2003/04. Aber auch über Bari (27 Seiten), Barletta (21 Seiten), Taranto mit einem Fokus auf die 70er/80er Jahre (19 Seiten), Foggia (17 Seiten) und Monopoli (13 Seiten) gibt es jeweils sehr viel an Stoff mit historischen Fotos und alten Texten, aber auch lebhaft geschilderten Eindrücken von Besuchen Josef Grubers dort im Lauf der letzten Jahrzehnte oder von ihm selbst geführten Interviews wie mit dem Capo der Seguaci della Nord von Bari.

Noch faszinierender als die ausgeleuchteten großen Kurven ist die Vielfalt an präsentierten kleinen Kurven. Etwa vom Derby von Poggiardo zu erfahren. Am interessantesten war für mich der Beitrag über Trani, da ich in diesem Riesenstadion gern einmal ein gutes Spiel sehen möchte und nie verstanden habe, wie die Situation ist. Allerdings lässt die Lektüre hier keine Hoffnung aufkeimen.

Die Kapitel sind manchmal länger und manchmal kürzer, nicht weil die jeweiligen Kurven interessanter oder uninteressanter wären, sondern weil sich Gruber an die Devise hält „dankbar sein für das sein, was man erhält“, was die mal größere und mal kleinere Freigiebigkeit von Informationen aus den Kurven betrifft. Basis einiger Kapitel sind zwar seine Erfahrungen und Eindrücke, gerade hinsichtlich der Geschichte und vieler Details hält sich Gruber an Quellen und Leute vor Ort. Das ist ein Qualitätsmerkmal.


A4 Format / ausverkauft / Unterwegs Fanzine Seit 1996

Freitag, 10. Januar 2025

Ballesterer Bibliothek 4: Fußballstadt London




Rezension


ballesterer bibliothek 4
Fußballstadt London
Wien, November 2024
148 S.








„Ohne London würde es den Fußball, so wie wir ihn kennen, nicht geben.“ ist ein starker erster Satz im vierten Band der ballesterer bibliothek. Auch wenn der Norden Englands jahrzehntelang bestimmend blieb, hält das Vorwort über London fest: „Der junge Sport bekam dort sein erstes Regelwerk, die erste Profiliga der Welt wurde ebenfalls in der englischen Hauptstadt gegründet.“ Der ballesterer selbst hatte mit When Saturday Comes ein Londoner Vorbild und hatte bereits 2003 eine Titelgeschichte über Millwall, wie hier erinnert wird.

Das Buch erschließt die Londoner Fußballwelt in Kapiteln namens Geschichte, Gesichter, Orte, Fans und Kultur. Über englische und Londoner Fußballgeschichte kann man natürlich mehr als nur ein Buch füllen, der Band greift hier aber einige interessante Aspekte heraus wie die erwähnte Nord-Süd-Thematik oder die Windrush-Generation. Da ein österreichischer Trainer derzeit bei einem Londoner Verein (Crystal Palace) arbeitet, ist ein Interview mit ihm im Gesichter-Kapitel naheliegend, allerdings inhaltlich in seinen Aussagen gar nicht so spannend. Das waren eher Portraits von so unterschiedlichen Personen wie Mohamed Al Fayed oder Fara Williams. Das beste Kapitel handelt von den Orten des Fußballs in London, der „Stadt der Stadien“. Gute Themen und es gibt darin auch einen Artikel über das von mir erst kürzlich besuchte Wimbledon, den ich aufgrund der umständehalber zeitverzögerten Lektüre erst danach gelesen haben. Um Hooligans in den 1980ern, neue Ultras und Pubs geht es u.a. im Fans-Kapitel. Im Kultur-Kapitel gibt es u.a. ein Interview mit Andy Lyons vom erwähnten WSC. Er spricht über Fanzinekultur und beantwortet die Frage nach dem Publikum der Zeitschrift mit „Menschen, die zum Fußball gehen, die teilnehmen und nicht nur im Fernsehen zuschauen.“ Damit kann ich mich identifizieren.


größer als A5 / 14 € / erhältlich im Zeitschriftenhandel / london.ballesterer.at

Mittwoch, 14. Februar 2024

Von der Schinderwiese zur roten Erde


Rezension

Peter Biwald / Karl Vranovitz
Von der Schinderwiese zur roten Erde
Eine Geschichte des Landstraßer Fußballs
Wien 2024
Echomedia
168 S.





Eine Geschichte des Fußballs im 3. Wiener Gemeindebezirk Landstraße bietet das Buch von Peter Biwald und Karl Vranovitz. Sie geben zunächst einen Überblick über die Fußballentwicklung seit der Gründung des ersten Fußballvereins im Bezirk, dem SC Graphia 1899, und berichten dann über die Zwischenkriegszeit, die durch die politischen Zäsuren 1934 und 1938 verlorenen Vereine, den Wiederaufbau nach 1945 bis zum Auf und Ab in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts.
Als die erfolgreichste Zeit des Landstraßer Fußballs gelten die 1970er Jahre, als sich der Rennweger SV (1901) und der LAC (1911) Derbys in der Wiener Liga lieferten und beide auch im ÖFB-Cup spielten. Der LAC hatte dabei vor jeweils 2.500 Zuschauerinnen und Zuschauern 1972 den SK VÖEST Linz (in der Saison darauf österreichischer Meister 1973/74) am alten LAC-Platz in der Erdbergstraße und 1980 am heutigen Platz in der Baumgasse den damals leider regierenden Meister FAK zu Gast. „Mit Gerhard Steinkogler setzte die Wiener Austria jedoch einen nicht spielberechtigten Spieler ein, da die Freigabe von Werder Bremen am Spieltag noch fehlte. Der LAC hätte bei Einbringen eines Protests dieses Cup-Spiel nachträglich mit 3:0 gewonnen, verzichtete jedoch auf den Einspruch.“ berichten die Autoren von letzterem Spiel. Schade! Wenigstens kamen die Lilanen nach der Regelwidrigkeit nicht weit im Bewerb und schieden in der nächsten Runde gegen den späteren Cupsieger GAK aus. Im Buch gibt es auch noch ein eigenes Kapitel zu den Landstraßer Vereinen im Cup, mit schönen Statistiken.

Im zweiten Kapitel werden die seit 1899 gegründeten und bis 2023 bestehenden Landstraßer Fußballvereine vorgestellt. Manche haben oder hatten jahrzehntelange Tradition, andere bestanden nur kurz. Neben Arbeiter- und Werksvereinen gibt es unter den zahlreichen Namen auch migrantische Vereine wie den tschechische Sportovní Klub Čechie ve Vídni (1908 bis 1930) mit eigenem Platz dort, wo heute der Wildganshof steht (es wird geschätzt, dass am Höhepunkt der Migration nach Wien während des Ersten Weltkriegs 300.000 Tschechinnen und Tschechen sowie Slowakinnen und Slowaken in Wien gelebt haben, in Favoriten mehr als ein Viertel der Bevölkerung), in jüngerer Zeit den bosnische Klub BiH SV bzw. FC BiH oder Vereine mit türkischem Hintergrund. Beim Vereinsnamen FC Fano wäre meine erste Assoziation Fano gewesen, Namensgeber war aber ein Café Fano „mit Schwerpunkt Abendbetrieb und nicht für die Nachmittagsjause“, wie es die kundigen Autoren beschreiben. In den 1920er Jahren gab es rund dreißig Vereine. Derzeit sind es nach Rückgang bis in die 2010er Jahre mit dem Rennweger SV und dem LAC nur mehr zwei.

Ein spannendes Kapitel widmet sich den Fußballplätzen in der Landstraße, von denen viele zwischen Aspanggründen, Arsenal und St. Marxer Friedhof lagen. Insgesamt listet das Buch zwölf Fußballplätze auf, die es im Lauf der Geschichte in der Landstraße gab. Deren erster war die Schinderwiese bzw. Arsenalwiese beim Arsenal, wo circa 1900 bis 1908 gespielt wurde. Heute gibt es nur mehr die beiden bekannten Plätze des Rennweger SV (seit 1919) und des LAC (seit 1977).

Übersichtstabellen zu den Vereinen erleichtern den Überblick. Fotos und Zeitungsausschnitte geben einen Eindruck in die Zeit. Mit dem Abdruck des Protestschreibens des Rennweger SV gegen die Einteilung in die 3. Klasse vom 13. August 1945 gibt es im Buch auch ein besonderes historisches Schmankerl.


33,50 € / im Buchhandel erhältlich

Donnerstag, 8. Februar 2024

Ultras



Rezension

Sébastien Louis
Ultras
Geschichte einer Bewegung
Wien 2023
Promedia Verlag
368 S.







Ultras, les autres protagonistes du football war der Titel der französischen Originalausgabe aus dem Jahr 2017. Aus den „anderen Protagonisten des Fußballs“ wurde in der dankenswerterweise nun vorliegenden deutschen Übersetzung dieses Buchs im Zusatztitel die „Geschichte einer Bewegung“. Wie in Italien die anderen Protagonisten des Fußballs die Bewegung der Ultras formten und sich diese in den letzten sechs Jahrzehnten auch veränderte, ist das Thema des Werks von Sébastien Louis. Der Autor kennt diese Welt aus vielen Jahren mit dem CU 84 von Olympique de Marseille, hat über sie umfangreich wissenschaftlich gearbeitet und begleitet sie journalistisch. Mit Thomas Lanz hat das Buch einen kundigen und versierten Lektor und Übersetzer in die deutsche Sprache gefunden.

Sébastien Louis holt in sieben Kapiteln weit aus und schreibt mit wissenschaftlich geschulter Detailliertheit und Tiefgründigkeit. Er beginnt mit den Anfängen des Fußballs in Italien, beschreibt wie aus Tifosi Ultras wurden und wie englische Fankultur als Inspirationsquelle und der politische Kontext Italiens in den 1960ern diese Entwicklung prägten. Das Buch behandelt die Ultraskurve als Organisationsmodell, die Identitätsfrage, Spektakel und Gewalt, Repression, die einschneidenden Katastrophen von Genua 1995 bis Catania 2007 und die Gegenwart von Ultras im Angesicht der Kommerzialisierung des Fußballs. Ein Glossar zu Begrifflichkeiten und ein umfangreicher und gut ausgewählter Bildteil schließen das ganze ab.

Die sehr große Fülle und auch Vielfalt an Quellen und Material, die im Buch verarbeitet sind, machen es zu einer gewinnbringenden, lehrreichen Lektüre. Man lernt über Licht- und Schattenseiten und erfährt auch Anekdoten aus der Fußballgeschichte, bevor es noch Ultras gab: „Mit dieser wachsenden Leidenschaft und dem steigenden Fußballfieber, das den Namen Tifo erhält, häufen sich auch die Zwischenfälle auf und abseits des Rasens. Am 19. März 1922 wird Achille Gama, Schiedsrichter des Spiels Venezia-Modena, zum Ziel von Fans, die wegen eines nicht anerkannten Tores in der 88. Minute das Spielfeld stürmen. Er sucht Zuflucht in der Umkleidekabine und verlässt das Stadion versteckt in einer Gondel, die von Venezias Kapitän Giovanni Borgato gesteuert wird.“


25 € / im Buchhandel erhältlich

Freitag, 5. Januar 2024

Das Fußballstadion, Band 2



Rezension

Josef Gruber
Das Fußballstadion
Lost Grounds und Stadien abseits der Moderne
Band 2
Unterwegs Fanzine Verlag 2023
260 S.







Schon ein Jahr nach dem hochgelobten Buch Das Fußballstadion legt Josef Gruber einen zweiten Band über „Lost Grounds und Stadien abseits der Moderne“ vor. Die Bücher zeigen Grubers Fotografien, zu denen er eigene Erlebnisse schildert und eine ausführlich recherchierte Geschichte der Stadien hinzufügt.

Der Hauptteil der Stadien kommt wie im ersten Buch weiter aus Deutschland, Italien, Österreich, Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn. Der Rahmen ist im zweiten Band etwas weiter gesteckt. So geht es weit hinunter in den österreichischen Ligen etwa nach Niederrußbach und geographisch geht es über die aus dem ersten Buch bekannten Länder im Umkreis Österreichs weiter hinaus nach Südosteuropa – nach Albanien, Bosnien und Herzegovina, Bulgarien, Kroatien und Nordmazedonien – sowie zu einem Sprung auf die Insel nach London. Die Außenansichten der drei Stadien aus London sind eine besondere Zeitreise, da sie aus dem Jänner 1998 stammen, somit über 25 Jahre her sind und weder Highbury noch Boleyn Ground oder das alte Wembley mit seinen markanten Türmen mehr existiert. Ein Beispiel, wie sich Ansichten verschieben, nennt Josef Gruber hier mit seiner damaligen Ablehnung einer umgerechnet 400 Schilling – also damals viel Geld – kostenden Wembley-Stadionführung. Heute hätte er „für diese Führung wohl jeden Preis bezahlt“.

Manche Berichte haben große Aktualität wie die Erinnerungen und Fotos an das CSKA-Stadion in Sofia, wo jüngst erst vor wenigen Wochen das Abschiedsspiel vor dem Abriss stattfand, wie ich Bildberichten von im Unterschied zu mir gut informierten Fußballreisenden entnehmen musste. Dort hätte ich gern einmal ein Spiel gesehen gehabt und es betrübt mich, dass ich von Abschied und Abriss nichts wusste.

Andere Berichte sind zeitlos und man kann staunend die Bilder von noch existierenden oder bereits abgerissenen Stadien betrachten, die Josef Gruber im Lauf seiner jahrzehntelangen Reisen besucht hat. Es sind Stadien aus nah und fern. Nah wie das abgerissene MÁV Előre stadion in Székesfehérvár und das verfallene Stadion in Esztergom. In der Ferne beeindrucken diesmal einige Stadionbilder aus Sizilien. Highlight ist dabei Giarre, wo Gruber das Stadio di Polo e Atletica mit Bildern und seiner Geschichte vorstellt. Das Stadion ist eigentlich kein Lost Ground, weil die Stadionruine nie fertiggestellt und eröffnet wurde und kein Fußballspiel darin bekannt ist. „Jedoch berichten meine Quellen, Augenzeugen der lokalen Ultras-Gruppen, dass man hier sehr wohl ab und zu Nachwuchsspiele ausgetragen hat und zumindest ein paar Trainingseinheiten der Kampfmannschaft über die Bühne gingen. Jedoch liegt das schon ein paar Jährchen zurück. Mit Dokumenten belegen lässt sich das nicht.“ schreibt Gruber.

Die Gründlichkeit, mit der die Geschichte der Stadien erforscht wird, ist jedesmal beachtlich. Dass mein Blog genutzt und an der einen oder anderen Stelle im Text zitiert wird, freut mich sehr. Man lernt auch bei Stadien, die man zu kennen glaubt, wie dem SVSE Sporttelep in Sopron, von dem Gruber berichtet, dass die Steintribüne einst doppelt so groß und mit einem Holzdach versehen war. Die bekannte Geschichte des Transports der alten Holztribüne vom Union-Stadion in Wels nach Pichl bei Wels hat Gruber mit Archivdokumenten rekonstruiert. Er hat sich mit Akribie drei ehemaligen Sportplätzen in seinem Wohnort gewidmet und die Geschichte des St. Pöltner Rennbahnstadions aus der Vergessenheit hervorgeholt. Wo es keine abdruckbaren Fotos gibt, vermitteln im Buch Skizzen einen visuellen Eindruck aus vergangenen Zeiten.


A4 Format / 34,90 € / Kontakt unterwegsfanzineverlag.at

Dienstag, 26. Dezember 2023

Ein besonderer Abend


Rezension

Curva Viola Salzburg
Ein besonderer Abend
Salzburg 2023
48 S.



Das Fotobuch vom Cupspiel der Austria Salzburg gegen Red Bull ist eine von zahlreichen Initiativen, die in Salzburg unternommen wurden, um Geld zur Begleichung der drakonischen Strafe des ÖFB zu sammeln. In für einen Amateurverein dramatischer Höhe verlangt der ÖFB für Pyrotechnik 34.300 € von Austria Salzburg. Eine Protestbeschwerde hat man eingebracht, ein Einsehen von Seiten des Verbands ist aber ungewiss. Dass mit einem Funktionär Rapid an der repressiven Strafverhängung beteiligt war, wie in der Beschwerde beschrieben, beschämt.

Die Austria Salzburg spielte 2023 im ÖFB-Cup erstmals auf Kampfmannschaftsebene gegen das Projekt des Dosenkonzerns, der den Verein 2005 übernehmen und auslöschen wollte. Ersteres gelang, zweiteres nicht. Das Buch kommt ohne Text aus und lässt allein die Bilder sprechen. Nicht nur die Pyrofotos vermitteln, dass es „ein besonderer Abend“ war, wie das Buch betitelt ist.


A4 Querformat / 19,33 €
Das Buch war über Vorbestellung erhältlich.
Spenden: Virtuelle Pyroshow um Austria Salzburg zu unterstützen

Mittwoch, 4. Oktober 2023

Superjuden – Jüdische Identität im Fußballstadion

Superjuden
Jüdische Identität im Fußballstadion
Jüdisches Museum Wien
Sonderausstellung 12.7.2023 – 14.1.2024


Jüdische Geschichte und Fankultur in Wien, von Vienna und Wiener Austria, sowie FC Bayern München, dem AFC Ajax und Tottenham Hotspur FC ist das Thema einer Sonderausstellung des Jüdischen Museum Wien.


„Was macht einen Fußballklub zu einem ,jüdischen Klub‘? Ehemalige jüdische Akteur:innen? Die Eigendefinition der Fans oder die Zuschreibung gegnerischer Anhänger:innen“ stellt die Ausstellung einleitend als Frage und behandelt in Folge Versionen von Antworten anhand ausgewählter Beispiele.


Am Anfang des Rundgangs in der Bel Étage des 1993 von der Stadt Wien und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im Palais Eskeles in der Wiener Innenstadt eröffneten Jüdischen Museums steht eine Frau. Das Portaitbild zeigt Ella Zirner-Zwieback, die als Kaufhausbesitzerin und Modeschöpferin wohlhabendes Mitglied des Wiener Bürgertums war und die Gründung der 1. Österreichischen Damenfußball-Union maßgeblich finanziell unterstütze. Die erste Fußballliga für Frauen in Österreich konnte ausgegrenzt vom ÖFB und begleitet von Häme in den Zeitungen 1936 und 1937 zwei volle Meisterschaften ausgetragen, bis sie 1938 von den Nazis verboten wurde. Ella Zirner-Zwieback konnte als Jüdin ihr Leben durch Flucht vor den Nazis aus ihrer Heimatstadt Wien in die USA retten.


Herausragendes Beispiel für die jüdische Fußballkultur in Wien bis 1938 ist der SC Hakoah, österreichischer Meister 1924/25 in der ersten im Profi-Betrieb durchgeführten Meisterschaft. Dies wird im ersten Raum der Ausstellung ebenso gewürdigt wie der wohl einflussreichste Mann der österreichischen Fußballgeschichte, Hugo Meisl. Von ihm gibt es seine Schiedsrichterpfeife zu sehen und das ikonische Gemälde des Wunderteams, auf dem er klassisch im Anzug mit Melone und Gehstock abgebildet ist. Nicht Teil der Ausstellung, aber ein sinnvoller Gegenwartsbezug wäre eine Erwähnung des aktuell im Wiener Unterhausfußball aktiven SC Maccabi.


Wie sich die Frage der jüdischen Identität im Stadion darstellt, ist Gegenstand der weiteren Räume.


Der First Vienna Football-Club wurde 1894 von britischen Gärtnern des Nathaniel Mayer von Rothschild mit den blau-gelben Rothschild-Farben als Vereinsfarben gegründet. Sein Name wurde von der Fangruppe Partisan*Rothschild 2012 aufgenommen.


Das herrliche Gemälde des Stadions auf der Hohen Warte aus dem Jahr 1928 war schon bei mehreren Wiener Fußballausstellungen zu sehen und ist jedesmal eindruckvoll.


Die Ausstellung präsentiert in Bild und Video-Interview die Bemühungen der Vienna-Fanszene um die Aufarbeitung ihrer Geschichte mit vertriebenen und ermordeten jüdischen Spielern und Funktionären sowie den sportlich größten Erfolgen in der NS-Zeit.


Im Teil über die Wiener Austria steht u.a. die Lebensgeschichte des Norbert Lopper im Vordergrund, der die KZs Auschwitz und Mauthausen überlebte und von den 1950er bis in die 1980er Jahre in einer heute wohl als Manager bezeichneten Funktion den Verein maßgeblich gestaltete.


Miniaturausgabe des Mitropacup-Pokals des langjährigen Austria-Präsidenten Emanuel Michael Schwarz (1931 bis 1938 und 1946 bis 1957, unterbrochen durch die Nazis, vor denen er sein Leben durch Flucht und versteckt retten konnte). Den Mitropacup gewann die Austria unter seiner Präsidentschaft 1933 und 1936.


Fankulturell interessant sind eine Fahne aus dem Jahr 2008 und ein Fanschal jüdischer FAK-Fans aus dem Jahr 2005. Angesichts der Dominanz rechtsextrem/neonazistisch ausgerichteter Gruppen in der Fankurve der Wiener Austria waren sie aber nicht im Stadion zu sehen.


Antisemitisches aus den Reihen von Rapid. Rapid ist abgesehen davon sonst nicht Thema, obwohl hier im letzten Jahrzehnt viel in guter Richtung weitergegangen ist.


Im Bereich über den FC Bayern München sind die Aktivitäten der Ultras der Schickeria zur Erinnerung an den ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer und jüdische Vereinsgeschichte Thema. Zu sehen ist auch eine Fanzine-Ausgabe ihres Gegen den Strom aus dem Jahr 2006.


Tottenham-Fangesänge „Being a Yid“ erschallen in diesem Bereich aus Lautsprechern. Thematisiert wird in den Texten, dass es in der THFC-Geschichte zwar nur wenige jüdische Spieler und Funktionäre gab, um 1900 aber im Umfeld im East End von London eine jüdische Gemeinde osteuropäischer Geflüchteter entstand. Der jiddische Wort „Yid“ wurde als abwertende Bezeichnung für sie verwendet und in den 1970er Jahren auch gegen die Tottenham-Fans, die das aber als Ausdruck des Stolzes selbst aufnahmen. Als rassistischer Begriff ist das Wort aber derzeit in der Kritik, auch wenn er von Fans weiter verwendet wird.


Ajax ist der vielleicht interessanteste Fall. Das alte Stadion lag in Amsterdam in einem Viertel mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil, bis im Zweiten Weltkrieg die Deutsche Wehrmacht die Niederlande überfiel und die Nazis die Jüdinnen und Juden ermordeten. Jüdische und israelische Symbole und auch in der Ausstellung zu hörende Fangesänge mit Melodien jüdischer Volkslieder entwickelten sich in der Nachkriegszeit als Reaktion auf antisemitische Anfeindungen, welche auf die jüdische Geschichte Amsterdams abzielten, zu einem hervorstechenden Merkmal der Fankultur. Entsprechendes Material der Hooligans der 1976 gegründeten F-Side ist ausgestellt. Von ihnen stammt auch der Ausstellungstitel, denn sie nennen sich „Superjoden“. Man sich hier auch einen Wechselgesang zwischen ihnen und den Ultras der VAK 410 anhören.


Der Film Superjews der in Amsterdam lebenden israelischen Filmemacherin Nirit Peled ging schon 2013 dem Thema nach.


Begleitend zur Ausstellung erschien eine ballesterer-Schwerpunktausgabe, in der Teile der Ausstellungsstücke präsentiert und Hintergründe kontextualisiert werden sowie zur Frage der positiven Selbstzuschreibung jüdischer Identität, die manche stolz verwenden und andere harsch kritisieren, ein Text von Niko Belivakic und auch u.a. in einer spannenden Gesprächsrunde von Barbara Staudinger, Bini Guttmann und Laurin Rosenberg zu lesen ist. Das Thema, dass die jüdische Inszenierung von nichtjüdischen Fans durch Präsenz und Wiederholung von Stereotypen negative Folgen für Jüdinnen und Juden hat, die sich dadurch vereinnahmt und provoziertem Antisemitismus ausgesetzt sehen, ist komplex.

Agnes Meisinger / Barbara Staudinger (Hg.)
im Auftrag des jüdischen Museums Wien
Superjuden
Jüdische Identität im Fußballstadion
Jüdisches Museum Wien 2003
112 S.

Eine Begleitpublikation zur Ausstellung bildet als Katalog die Ausstellungsstücke ab und bietet in deutscher und englischer Sprache Artikel zu Themen der Ausstellung. So gibt es hier einen Essay von Michael Brenner zur Thematik von jüdischen Vereinen und „Judenklubs“ aus persönlicher Warte oder von Agnes Meisinger einen Text über die Geschichte des SC Hakoah zu lesen. Vienna-Historiker Alexander Juraske schreibt über die spannende „Wiederentdeckung“ einer „jüdischen Identität“ der Vienna aus der Fanszene heraus und jüdische Partizipation im Verein bis zur Machtübernahme der Nazis 1938, stellt aber auch fest, dass sich in den 1920er/30er Jahren zwar gelegentlich antisemitische Attacken finden lassen, aber nicht „Zuschreibungen, die auf eine umfassende ,jüdische Identität‘ des Vereins oder die öffentliche Wahrnehmung der Vienna als ,jüdischer Verein‘ hindeuten würden.“ Matthias Marschik beschäftigt sich mit jüdischen Tradition und Gegenwart der Wiener Austria und erwähnt antisemitische Anfeindungen aus Reihen Rapids, Pavel Brunssen widmet sich Geschichtsaufarbeitung und Etinnerungsarbeit aus der Fanszene und dies aufnehmendem Marketing des Vereins bei Bayern München und Agnes Meisinger schreibt über die Frage nichtjüdischer Fans und jüdischer Identität bei Ajax und Tottenham abseits von Kultur und Religion.