Mittwoch, 5. Mai 2021

Mit Leidenschaft zum Lebenstraum



Rezension


Michi Hatz
Mit Leidenschaft zum Lebenstraum
Erinnerungen an das magische Jahr 1996
Wien 2021 (Echomedia)
304 S.









Michi Hatz, eine Stütze der legendären 1996er-Mannschaft Rapids, schrieb zum 25-jährigen Jubiläum ein Buch über jene Zeit. Es ist eine Autobiographie mit Fokus auf die Saison 1995/96 samt Vor- und Nachgeschichte. Hatz beschreibt sein Buch eingangs als „ein romantischer Liebesroman über den Fußball, ein geniales Team, eine besondere Zeit und Rapid Wien, den geilsten Verein der Welt!“

Bereits als Rapid-Fan war Hatz als Fußballer zu Rapid gekommen. „Schon als kleine Zwerge nahm uns unser Vater mit auf die berüchtigte Pfarrwiese,“ erzählt der 1970 geborene Hatz aus seiner Jugend, die er ein kleines Stück weiter westlich verbrachte. Am Rote-Erde-Trainingsplatz neben der Pfarrwiese hatte er auch bei einem Nachwuchs-Probetraining seine erste Erfahrung als Fußballer in Hütteldorf. Sie verlief zwar unglücklich, doch „weckte erst recht meinen Kampfgeist,“ schreibt Hatz. Kampfgeist war jedenfalls eine Eigenschaft, die ihn auch später als Fußballer auszeichnete.
In den 1980er Jahren erlebte er das Hanappi-Stadion als Ball-Bub im Innenraum und als Fan auf der Tribüne „Halblinks des früher noch nicht ganz so großen harzen Kerns auf der sagenumwobenen Westtribüne, dem stimmungsvollsten Sektor.“ erzählt er. „Als Fan habe ich so viele großartige Spieler und Matches gesehen, mitgelitten und mitgefeiert.“ Hier hätte ich gern mehr von Eindrücken das Fans Hatz gelesen. So wie man an späterer Stelle von seinem Erleben des 5:0-Heimsiegs nach 3:0-Auswärtsniederlage gegen Dynamo Dresden 1984 liest: „Ich stand als junger Teenager mit meinen Freunden auf der West und wir fieberten dem Spiel entgegen. Nasskaltes, grausliches Wetter. Das Spielfeld desolat. Das Match hingegen heiß, ein wahnsinniger Fight um jeden Zentimeter. Neunzig Minuten Hoffen und Bangen. Zittern und Leiden. Anspannung und Dramatik. Singen und Brüllen. Jubel und Euphorie. Gänsehaut und Ekstase. [...] Alle Leute im Stadion haben getobt, als gäbe es kein Morgen. Auf allen vier Seiten. St. Hanappi hat gebebt wie selten zuvor. Ich weiß noch, wie ich in meinem Bus, dem 50A, die Heimreise ins nahe Hadersdorf antrat und alle Insassen in gemeinsamer Glückseligkeit vereint in Dauerschleife Rapid besungen haben. [...] Dieses Spiel hat mich mit meinen knapp vierzehn Jahren sicher nachhaltig geprägt. Mir läuft es heute noch kalt über die Schultern, wenn ich daran denke.“
Im Fokus des Anfangskapitels steht aber sein Weg als Fußballer von der Jugend über eine Stadion in Gablitz zur U21 und Kampfmannschaft Rapids 1990 unter Trainer Hans Krankl, zu der er ab Jänner 1991 fix gehörte. Es sind schwierige Jahre Rapids, die Hatz aus eigenem Erleben von seiner Warte als Spieler aus skizziert.

„Ernst Dokupil.“ Mit diesen beiden Worten, die einen Namen bilden, beginnt Hatz das mit einem mythologischen Sprachbild „Wie Phönix aus der Asche“ betitelte Kapitel über die Rückkehr Rapids zum Erfolg. Interessant, wie Hatz den Antritt von Dokupil 1994 als „frischen Wind“ beschreibt, nicht nur in neuer personeller Zusammensetzung von Betreuerteam und Mannschaft sondern auch mit der Einführung von Pulsuhren und damit inviduellen Trainingsprogrammen. Er bilanziert: „So lästig und anstrengend die Einheiten mit den verdammten kleinen elektronischen Dingern auch sind, machen sie uns definitiv stärker und sicherer in unserem Auftreten.“ Als Modernisierungsgeschichte der Trainingsmethoden wurde der Weg Rapids 1996 noch nicht gelesen. Viel stärker dominiert in der Erzählung üblicherweise der mentale Faktor, den aber auch Hatz naturgemäß anspricht: „Es macht wieder Spaß, Fußball zu spielen. Dokupil gibt uns die Freude an diesem Sport, Spiel und letztlich Beruf zurück. [...] Die neuen Freiheiten motivieren ungemein.“

Es folgen Seite um Seite an Hatz' Erinnerungen an die Saisonen 1994/95 und 1995/96 und ihre großen Spiele. Hatz erzählt in nicht verschnörkeltem Plauderton und lässt einen beim Lesen daneben Erinnerungen an das eigene Erleben jener Zeit wach werden. Man liest von der Aufnahme der Rapid-Hymne und Hatz druckt dazu die Sprecher der einzelnen Strophen ab. Der Meisterschaftsverlauf wird nicht außer acht gelassen, aber der Fokus des Hauptteils des Buchs liegt auf den legendendären Europacupspielen 1995/96. Der eigene Schreibstil gibt in kurzen Sätzen Emotionen wieder. Angesichts der zweieinhalb Jahrzehnte, die seither vergangen sind, hat Hatz beeindruckend viele Einzelheiten parat. Er erzählt Details aus dem Ablauf des Spieltags aus seinen Erinnerungen und blickt auf die Spiele auf Basis der Aufzeichungen der Fernseh-Übertragungen als Gedächtnisstütze zurück.

1996 war für Rapid wahrlich ein magisches Jahr, wie es im Buchtitel zutreffend bezeichnet wird. Aus fußballerischer Sicht begann 1996 ja schon 1995. Vom Kalenderjahr 1996 machte Hatz bei Rapid nur die erste Hälfte mit. Nach dem Europacupfinale stand mit der Endphase der Meisterschaft und dem schlussendlichen Entscheidungsspiel in der letzten Runde das „zweite Finale an“, das mit dem Meistertitel erfolgreich abgeschlossen werden konnte. „Ein Moment fürs ganze Leben.“ hält Hatz fest. Am nächsten Tag war er aber schon wieder früh auf den Beinen, um nach Italien zu fliegen. Hatz schildert, wie die Vertragsverhandlungen mit Rapid nicht so abgelaufen waren, wie er sich das gewünscht hätte, und er von einem – interessanterweise im Buch nicht namentlich genannten – Manager zu einem Transfer angesprochen wurde. So kam er in die damals wohl beste Liga der Welt zum Auf- und postwendenden Absteiger Reggiana und daran anschließend zu einer durch Betreuerwechsel unglücklich verlaufenden zweiten Station in der Serie A in Lecce bevor es 1998 wieder nach Hütteldorf zurück ging. Der sang- und klanglose Abschied durch überraschendes Auslaufenlassen seines Vertrags 2001 enttäuschte Hatz. Am Schluss des Buchs berichtet er von seinem weiteren Lebensweg, beschreibt seine Mitspieler 1996 und lässt Ernst Dokupil resumieren.

Die Formulierung, „verfeindete Hooligans beider Teams krachten vor Spielbeginn aneinander und verursachten dabei eine Massenpanik“ zur Katastrophe von 1985 im alten Heysel-Stadion von Brüssel, dem Vorgängerbau von Rapids Finalstadion 1996, ist verkürzt bis falsch. Unklar ist mir der Umstand, warum das Cover Hatz im Businessoutfit als Businessman im Businessklub zeigt. Abgesehen vom Rapid-Wappen wirkt das Buch vom Titel her wie ein Werk aus dem wenig empfehlenswerten Genre an Lebensratgebern und nicht wie ein Fußballbuch. Irreführend. Das Titelblatt mit einem Bild von Hatz als Fußballer im Jahr 1996 als Anreiz für Fußballinteressierte zu versehen, wäre naheliegend gewesen. Emotionale Bilder, die einen sofort packen, sind im Buch selbst abgedruckt.

Das Buch ist weder Ratgeberliteratur noch Anekdotensammlung oder Indiskretionen-Aufdeckerbuch sondern eine schöne Erinnerung für Rapid-Fans an eine besondere Zeit. Gut, dass 1996 zum 25-Jahr-Jubiläum von einem Protagonisten mit einem Buch gewürdigt wurde.