Donnerstag, 8. Oktober 2026

Tornados Spezial, 55




Rezension


Tornados Spezial
Ausgabe 55
100 S.









„30 surreale Jahre“ Tornados Rapid in 100 Seiten Fanzine. Zu ihrem dreißigjährigen Jubiläum veranstalteten die Tornados ein sehr schönes Fest im Block West und brachten dazu auch gleich das neue Heft heraus. Auch dieses steht ganz im Zeichen des runden Jubiläums. In dreißig persönlichen Geschichten erzählen Mitglieder über einprägsame Momente. Es sind unterschiedliche Anekdoten, deren Erleben die Person jeweils geprägt haben. Wenn man die Leute kennt, erkennt man manche in den anonymen Texten. Lesenswert sind sie alle, gerade in der unterschiedlichen Themensetzung und in der persönlichen Herangehensweise. Da lernt man auch viel, was die Gruppe ausmacht.

Die Geschichte von Tornados Rapid wird auf sechs Seiten noch einmal beschrieben. Zum 25-jährigen Jubiläum hatten sie diese ja erst mehr als umfangreich in einem Buch und einem Film dargestellt. Auf das komplexe Verhältnis zum mittlerweile auch schon wieder zehn Jahre alten Weststadion geht ein Text ein und blickt mit mixed feelings auf Gutes und Schlechtes am Stadion. Weitere Texte widmen sich der Familie Gartler und diversen Veranstaltungen im Rapid-Kosmos im ersten Halbjahr 2026. Über Ferencváros, Parma und Nürnberg ist wieder zu lesen und in gewohnter Manier wird auf diesmal 21 Seiten auf die Rapid-Spiele im Frühjahr 2026 geblickt. Es beginnt hier mit dem Cup-Ausscheiden in Ried und endet gegen denselben Gegner im Play-off nach dem Play-off mit „Das Minimalziel wurde erreicht.“ und freudigem Blick auf Europacupspiele in der folgenden Saison. Eine Kostenabrechnung der Saison ergab für 52 Spiele der Saison 2025/26 (vier Spiele ausgesperrt) 17.560 km Strecke, 1.827,94 € Reisekosten, 782,00 € Ticketkosten und somit Gesamtkosten von 2.609,94 €. Das ist schon eine Menge Geld. Selbst will ich gar nicht wissen, was ich ausgegeben habe. Weniger wird es sicher nicht gewesen sein. Als Fußballfan ist man verrückt.

In der Jubiläumssaison ist bei den Tornados das am Titelblatt des Hefts abgebildete 30-Jahre-Jubiläumslogo zu sehen, das vom 30-Jahre-Jubiläumswappen des SK Rapid aus dem Jahr 1929 inspiriert ist. Ein Zeichen dafür, was die Gruppe im Geschichtstext im Heft dermaßen beschreibt, dass sie „großen Wert auf die Geschichte unseres Vereins und die Vermittlung des historischen und bis heute aktuellen Werte, welche die Gemeinschaft Rapid ausmachen und prägen“ legt.


A4-Format / 5 € / erhältlich bei den TR bei Rapid-Spielen oder über den deutschen Fachhandel blickfang-ultra.de und nofb-shop.de.

Sonntag, 4. Oktober 2026

Derthona – Alessandria 1:3 (0:2)

Italien, Serie D, girone A, 6a giornata, 4.10.2026
Stadio Fausto Coppi, ca. 2.000

Erstmals seit 18 Jahren gab es das Derby der Leoncelli von Derthona (was sich auf das charakteristische Löwenwappen mit Rose von Derthona bezieht) und der Grigi von Alessandria Calcio (Bezeichnung aufgrund ihrer charakteristischen, einzigartig grauen Vereinsfarbe). Zuletzt war man sich 2007/08 in der Liga begegnet. Es war auch gleich ein sportliches Spitzenspiel, schließlich kamen die Gäste als Tabellenführer zum beim Drittplatzierten Derthona. Schon nach zwei Minuten stand es 0:1, was für Derthona ein denkbar schlechter Matchbeginn war. Sie waren dennoch gut im Spiel, aber kamen nicht zu nennenswerten Torchancen während Alessandria ihre Führung auf zwei Tore erhöhte. Auch nach der Pause trafen die Gäste wiederum in den Anfangsminuten. Derthona konnte zwar auch noch ein Tor erzielen und zweite Luft bekommen, es blieb aber beim 1:3 und Derbysieg der Alessandria.
Rund 2.000 Leute inklusive 500 Gäste füllten das Stadion und boten eine Kulisse und Atmosphäre, wie man sie hier lange nicht mehr gesehen hatte. Der zeitweise strauchelnde Fußball ist in Tortona teilweise im Schatten des national erfolgreichen Basketballverein Derthona Basket, der in der Serie A spielt. Die Tifoseria hatte hier etwa mit den historischen Sconvolts Derthona in der Vergangenheit beachtliche Gruppen. Gegenwärtig gibt es zwei Kerne, die sich aufgrund unterschiedlicher Ansichten etwa im Verhältnis zur Vogherese getrennt aufstellen. Auf der einen Seite der überdachten Tribüne stehen die Ultras Derthona, die im Juli 2025 aus dem Zusammenschuss vorheriger Gruppen (Tortona 1908, Sconvolts Sez. Sale und Gruppo Disagio) entstanden waren. Zu Spielbeginn zeigten sie eine Überrollfahne mit einem aus der Ultrasgeschichte Derthonas bekannten Motiv, das den Derthona symbolisierenden Löwen beim Penetrieren eines Bären oder einer Bärin darstellt. Der Bär steht seit den 1920ern als Maskottchen und Symboltier für die Alessandria. Freunde aus Verbania und Savona waren bei ihnen dabei, wobei Verbania (VB) auch am Zaun hing.
Abseits von ihnen standen die Banda Vigu und La Terza Età, die ihre zahlenmäßigere Unterlegenheit durch Leidenschaft und Mentalità wettzumachen suchten. Skandiert wurde u.a. für die Freunde von Imperia und am Zaun hatten sie ein Portrait des von Polizisten 2005 ermordeten SPAL-Ultras Federico Aldrovandi aufgehängt, dessen Todestag sich unlängst zum 21. Mal gejährt hatte. Dabei waren bei ihnen ihre Freunde von Vigor Senigallia.
Dass man sich untereinander nicht unbedingt einig ist und zuhause die Gruppen der Gradinata Nord einerseits und die Mandrogni auf der Längsseite andererseits abseits voneinander stehen, kennen auch die Gäste aus Alessandria. An diesem Tag war man im blitzschnell ausverkauften Gästesektor eng beinander und bot einen guten Auftritt. Auch und gerade weil das Derby gegen Casale für sie wichtiger ist. Im Zug kam man aus aus der 22 km entfernten Stadt Alessandria angereist und marschierte im Corteo durch die Straßen der gegnerischen Stadt zum Stadion, wie es in der Vergangenheit üblich war, aber in den letzten Jahrzehnten kaum noch möglich ist. Das war schon sehr speziell. Aus dem markanten Grau sticht erneut das ebenso markante, bunte Reggae-Motiv von Rasta Kaos heraus.
Vor Spielbeginn gab es einen emotionalen Moment im Gedenken an den wenige Tage zuvor mit erst 22 Jahren an schwerer Krankheit verstorbenen Fußballer Giacomo Ghiardelli, genannt „Mino“. Eine Vereinsdelegation ging mit Blumenstrauß vom Gästeblock zu Angehörigen auf der Tribüne und im Sektor wurde dazu ein Spruchband für ihn gezeigt.
Der Derthona Foot Ball Club wurde 1908 in Tortona gegründet, wobei man als Vereinsnamen den lateinischen Namen der Stadt wählte. 1930/31 sowie 1933/34 und 1934/35 spielte man drei Saisonen in der Serie B, der bis heute größte Vereinserfolg. In der Serie C spielte Derthona 1935/36 bis 1938/39, 1941/42 bis 1947/48 (mit kriegsbedingtem Ausfall der Saisonen 1942/43 bis 1944/45), 1969/70 bis 1973/74, in der Serie C2 1978/79 bis 1986/87, in der Serie C1 1987/88 bis 1989/90 und dann nocheinmal in der Serie C2 1990/91. Nach der Saison 2015/16 in der Serie D ging der Verein in Konkurs und 2026/17 gab es keinen Spielbetrieb. Im Sommer 2017 übernahm die in der Prima Categoria spielende USD Villaromagnano die Rechte am Verein und änderte ihren Namen in ASD Derthona HSL (HSL steht für den lateinischen Spruch hic sunt leones), woraus 2022 wieder der Derthona Foot Ball Club wurde. Bereits 2015 hatten sich Fans die Rechte gesichert und einen Supporters' Trust Noi siamo il Derthona gebildet, der diese Übernahme unterstützte. Zwischenzeitlich hatten sich nämlich auch zwei andere Vereine in Derthona umbenannt und versucht, die Nachfolge anzutreten. Seit 2020/21 ist man wieder in der Serie D. 2025/26 hatte man auf einem Abstiegsplatz abgeschlossen, konnte aufgrund Ausfall anderer Vereine aber in der Serie D bleiben.
Das Stadio Fausto Coppi wurde 1959 unterhalb des Burgbergs eröffnet. Die überdachte Tribüne stammt aus dem Jahr 1962. 3.475 Leute hätten hier Platz. Benannt ist das Stadion nach dem Radrennfahrer Fausto Coppi, der u.a. zweimal die Tour de France und fünfmal den Giro d'Italia gewonnen hatte und im Alter von erst 40 Jahren in Tortona an der Malaria starb, mit der er sich bei einem Radrennen in Afrika infiziert hatte.
Vor dem Spiel habe ich die Stadt Tortona besichtigt.