Donnerstag, 14. Mai 2026

Union Saint-Gilloise – Anderlecht 3:1 n.V. (1:1, 0:0)

Belgien, Coupe de Belgique / Beker van België, Finale, 14.5.2026
Stade Roi-Baudouin / Koning Boudewijnstadion, ca. 45.000

Brüsseler Derby im belgischen Cupfinale. An einem Tag Mitte Mai mit Aprilwetter eines Wechsels von Regen- und Sonnenscheinphasen war es wie oft bei Finalspielen ein zunächst eher zähes Match. Das scheinbare 1:0 wurde von USG schon groß gefeiert und auf der Anzeigetafel angezeigt, bis dann nach langem Warten auf die VAR-Kontrolle auch noch eine Abseits-Überprüfung durch den Schiedsrichter am Fernseher im Stadion erfolgte und dann zur Rücknahme-Entscheidung des Tors der größte Anderlecht-Jubel samt zahlreicher angerissener Fackeln und vor Freude auszuckendem Mob anschloss. So ging es mit 0:0 in die Pause. In der zweiten Hälfte ging USG eine Viertelstunde vor Ende der regulären Spielzeit tatsächlich gültig 1:0 in Führung. Diese währte aber nicht lange. Mit nicht geringerem Jubel, aber mehr Pyro feierte der knapp mehr als die Hälfte des Stadionpublikums zählende Anderlecht-Anhang den kurz darauf folgenden Ausgleichstreffer zum 1:1 und wurde danach in den letzten Minuten der regulären Spielzeit auch erstmals richtig laut. Die Verlängerung entschied USG schnell für sich und gewann zum vierten Mal den belgischen Cup. In der Meisterschaft liegen sie zwar zurück, haben aber noch Double-Chancen.
Aufgrund der starken Rauchentwicklung der Anderlecht-Pyro zu Spielbeginn verzögerte sich der Ankick um sieben Minuten. Mit der Choreo-Größe und der richtig vielen abgefackelten Pyro machte Anderlecht auf den Rängen optisch Punkte. Akustisch folgten von ihnen aber weniger Akzente, während aus der blau-gelben Kurve lange melodische Gesänge ertönten und sie damit an Stimmung punktete.
„Olele, olala, qui ne saute pas, n’est pas Saint-Gillois“ („Olele, olala, wer nicht springt, ist nicht Saint-Gillois“) erschallte es mitreißend aus der blau-gelben Kurve nach dem 1:0. Um die Ultras der 2001 gegründeten Union Bhoys, die erst unlängst mit Choreographie im Heimspiel ihr 25-jähriges Jubiläum gefeiert hatten, wurde gut supportet. „De Saint-Gilles au Heysel / on regne sur Bruxelles“ („Von Saint-Gilles bis Heysel / wir herrschen über Brüssel“) hieß es in ihrer Choreographie zu Spielbeginn. Die Region Brüssel-Hauptstadt (französisch Région de Bruxelles-Capitale und niederländisch Brussels Hoofdstedelijk Gewest mit 1,2 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern besteht aus 19 Gemeinden, wovon die Stadt Brüssel (französisch Ville de Bruxelles, niederländisch Stad Brussel eine Bevölkerung von 197.000 zählt und Anderlecht mit 127.000 die drittgrößte Gemeinde ist. Die Gemeinde Saint-Gilles (französisch) bzw. Sint-Gillis (niederländisch) hat dagegen nur eine Bevölkerung von 50.000. Links war am Choreo-Spruchband die Blume Iris als Symbol der Hauptstadt-Region Brüssel, und rechts das USG-Wappen abgebildet. In der Mitte wurde ein Bild der La Porteuse d'eau (französisch) bzw. De Waterdraagster (niederländisch) entrollt, einer eine Wasser tragende Frauengestalt darstellende Brunnenfigur und einem der Wahrzeichen von Saint-Gilles / Sint-Gillis. Der Anhang kommt Großteils aus dem engeren Umfeld im Süden Brüssels und traditionell aus den Arbeiterinnen- und Arbeiterbezirken. Die 1897 gegründete Royale Union Saint-Gilloise ist einer der ältesten noch bestehenden Fußballvereine Belgiens. Der Verein hatte seine erste große Zeit in den ersten Jahren des 20.Jh., als die ersten sieben Meistertitel 1903/04, 1904/05, 1905/06, 1906/07, 1908/09, 1909/10 und 1912/13 die Basis für den Status als Rekordmeister legten. 1922/23, 1932/33, 1933/34, 1934/35 folgten weitere Meistertitel. Erst 1965 wurde die RUSG nach sechs Jahren Zehnten als Rekordmeister von Anderlecht abgelöst. Der Verein hatte da schon abzurutschen begonnen, spielte 1973/74 bis 2020/21 fünf Jahrzehnte nicht mehr in der ersten Liga und war teilweise nur mehr viertklassig. Als Aufsteiger wären sie in der Rückkehrsaison 2021/22 dann schon fast Meister geworden, spielten in den Saisonen seither im Europacup und gewannen mit dem dritten Cupsieg 2023/24 (nach 1912/13 und 1913/14), dem zwölften Meistertitel 2024/25 und nun Cupsieg Nummer vier Titel. Grundlage dafür war das Geld des durch Pokerspielen zum Millionär gewordenen Engländers Tony Bloom, der sich neben dem Eigentum von Brighton & Hove Albion 2018 auch noch die Mehrheit von Union Saint-Gilloise kaufte (und später in seinem Multi-Club-Ownership auch Anteile an Heart of Midlothian sowie dem australischen Melbourne Victory).Auch wenn das große Derby für Union Saint-Gilloise das Zwanze derby mit RWD Molenbeek ist und für Anderlecht die Rivalität mit den weiteren großen Vereinen auf Landesebene Club Brugge und Standard de Liège größer ist, hat sich hier durch Aufstieg und Erfolg der Blau-Gelben in den letzten Jahren ein Antipathie-Niveau entwickelt. Davon zeugte auch eine FCK USG-Schwenkfahne sowie das Verbrennen eines gegnerischen Stoffs in der Anderlecht-Kurve.
„Cupfighters“ (mit Schreibfehler) war die Choreo-Botschaft der Anderlecht-Kurve. Mit einem auch auf Pickerl verbreiteten und auf einer Schwenkfahne zu sehendem Bild, welches das Brüsseler Wahrzeichen Manneken Pis mit der Brüsseler Wappenblume Iris und Anderlecht-Symbolik inmitten von 1070, der Postleitzahl Anderlechts. Beide Seiten hatten im Stadion jeweils eine Kurve und eine Längsseite im Stadion (Anderlecht mir gegenüber und USG die Haupttribüne, auf der ich saß). Anderlecht band ihren ganzen Anhang mit violettem Stoffband zwischen den Rängen und ausgeteilten violett-weißen Fahnen in die Choreo ein. In der Kurve folgte auf das Entrollen des Bilds eine massive Pyroshow. Im Kurvenzentrum um die Mauves Army 2003, welche zuhause auf der Nordtribüne stehen, und den 2012 gegründeten South Leaders, welche im Heimstadion auf der Südtribüne sind, ging es gut zu. Die ganze Masse wurde aber kaum zur Geltung gebracht. „Everywhere we go“ blieb als Lied hängen. Der 1908 gegründete Royal Sporting Club Anderlecht aus der Brüsseler Gemeinde Anderlecht ist mit 34 Meistertiteln 1946/47 bis zuletzt 2016/17, neun Cupsiegen (1964/65, 1971/72, 1972/73, 1974/75, 1975/76, 1987/88, 1988/89, 1993/94 und 2007/08) und zwei Europacupsiegen 1975/76 und 1977/78 (dankenswerterweise gegen die Wiener Austria) der erfolgreichste belgische Fußballverein. Die Fans von Anderlecht sind in praktisch allen Gebieten des Landes vertreten und kommen nicht nur aus Region der Hauptstadt Brüssel. Historisch bekannt sind sie v.a. mehr für die Hooligans wie Brussel Casual Service als für Ultras. Dabei waren bei ihnen erkennbar auch die Freunde von Lyon 1950 der Olympique Lyonnais und der F-Side von Ajax aus Amsterdam. Vor dem Atomium hatte der Anderlecht-Anhang vorab schon stundenlang gefeiert und war dann mit symbolträchtigem Abmarsch um 13:12 Uhr im Corteo zum Stadion marschiert. Schon beim Fest und zum Marsch haben sie recht viel gezündet. Die Menge an Pyro war auch im Stadion mehr als beachtlich. Amsüsant waren zwei durch die Menge bewegte Doppelhalter, auf denen eine Anderlecht-Figur eine davonlaufende Comicfigur jagte. Die Comicfigur wird von USG benutzt. Am Ende wurden die Fetzen in der Anderlecht-Kurve bei der Mauves Army nach dem 3:1 abgehängt, wobei die South Leaders mit ersichtlich unterschiedlichem Umgang mit der Situation bis nach Spielende hängen blieben, und angesichts der Niederlage zahlreich Fackeln sowie violetter und weißer Rauch nach vorn auf die Laufbahn geworfen.
Seit 1912 wird der belgische Cup vergeben. Seit 1954 finden die Finali abgesehen von zwei kurzen Unterbrechungen hier im Stadion statt.
Das König-Baudouin-Stadion, französisch Stade Roi-Baudouin und niederländisch Koning Boudewijnstadion geht auf das 1930 eröffnete alte Heysel-Stadion zurück, das 1994 bis 1995 komplett umgebaut und 1995 nach dem 1951 bis zu seinem Tod 1993 regierenden belgischen König Baudouin (deutsch Balduin, niederländisch niederländisch Boudewijn) benannt worden ist. Es bietet heute 50.122 Plätze. Das alte Stadion war 1930 zur 100-Jahr-Feier der Gründung Belgiens 1830 als Stade du Centenaire (französisch) bzw. Eeuwfeeststadion eröffnet worden und bot anfangs 75.000 Menschen Platz, abseits von 9.000 Haupttribünenplätzen überwiegend auf Stehplatzrängen. Als Name bürgerte sich die Benennung nach dem Stadtteil Heysel ein. Sieben Europacupfinali fanden hier von 1958 bis 1985 statt und 1972 auch das EM-Finale. Trotz Renovierungen in den 1970er Jahren war es dieses damals ein halbes Jahrhundert alte und bereits nach damaligen Stand veraltete Stadion, in dem am 29. Mai 1985 das Europacupfinale der Meister zwischen Liverpool und Juventus stattfand. Liverpooler Fans attackierten den neben ihrer Kurve befindlichen Sektor, der eigentlich als „neutral“ ausgeschildert war, aber mit zahlreichen Juventus-Tifosi gefüllt war. Der eigentliche Juventus-Sektor mit ihren Ultras befand sich auf der anderen Stadionseite. In der folgenden Massenpanik wurden Menschen an Zäune und Mauern gedrückt, nach Stürzen zu Tode getrampelt und starben nach dem Einsturz einer Mauer. 39 Menschen starben und über 400 wurde teils schwer verletzt. Die Juventus-Ultras versuchten über das Spielfeld Liverpool anzugreifen und lieferten sich Kämpfe mit der belgischen Polizei. Die UEFA ließ die Toten und Verletzten wegräumen und das Spiel durchführen. 1:0 gewann Juventus.
1996 war das Stadion neugebaut und Austragungsstätte eines nächsten Europacupfinale. Vor 30 Jahren und einer Woche traf hier der SK Rapid in seinem zweiten und bislang letzten Europacupfinale auf Paris Saint-Germain. Vor 38.402 Zuschauerinnen und Zuschauern besiegelte ein abgefälschter Schuss die 0:1-Finalniederlage Rapids. 12.000 Rapidlerinnen und Rapidler supporteten auf der Tribune 4 linker Hand von meiner Haupttribünenposition 2026 und die Rapid-Gesänge erschallten 1996 noch lange nach Schlusspfiff durch das Stadion.