Donnerstag, 22. Oktober 2026

Blickfang Ultrà, 51



Rezension


Blickfang Ultrà
Nr. 51
2026
212 S.










Nicht von ungefähr ist das im April 2026 erschienene Heft als 50+1 beschriftet. Um den Kampf um den Erhalt des Erfolgsmodells des Fußballs in Deutschland geht es gleich auf den ersten Seiten des Fanzines. Auf die Fandemo in Leipzig im November 2026 blickt man aus der Redaktion zurück, berichtet von hinter den Kulissen, lässt zwei Organisatoren zu Wort kommen und gibt auch ein Statement einer jungen Stimme wider, der bei den vorhergehenden deutschen Fandemonstrationen (zuletzt in Berlin im Jahr 2010) noch nicht dabei war. Ein weiterer Artikel widmet sich den Themen des Herbst 2025 mit Repressionsfantasien und deutscher Innenministerkonferenz. Um das Alleinstellungsmerkmal 50+1 geht es noch weiter hinten im Heft, wobei es auch eine Vorstellung von fünf beispielhaft abschreckenden Investoren-Geschichten gibt.

Thema im Heft ist darüber hinaus ein Rückblick auf das auch von mir besuchte Brandenburg-Derby Stahl Brandenburg gegen BSC Süd 05 im Oktober 2025 samt zahlreichen Hintergrundinformationen zur Entwicklung der Vereine, der Fanszenen und ihrer Rivalität auf 28 Seiten. „Kleine Kurven“ heißt die Rubrik, aber groß ist der Wissenszuwachs in der Lektüre.
Weiters gibt es so Unterschiedliches wie Spannendes zu lesen wie Reflexion, warum und wie man Teil der Fanszene des VfL Wolfsburg ist, wie es doch Gästefans in Argentinien gibt und wie es aktuell mit Freundschaften in Polen aussieht und das in einer Grafik von Tomash anschaulich dargestellt wird.

Überaus beachtlich ist die umfangreiche Vorstellung von Tschechien und seinen Fanszenen in der Rubrik Länderpunkt. Da ist sehr viel an geballter Information über mehrere dutzend Vereine drin. Das hat Nachschlagewerk-Charakter. Dazu gibt es ein Interview mit der Tribuna Sever von Slavia Prag. Dabei wird u.a. auch die deutlich erkennbare Entwicklung zum polnischen Supportstil angesprochen. „Anfangs blickten wir stark auf die großen westeuropäischen Kurven. Auch die große Gruppen auf dem Balkan haben uns sehr inspiriert. Die jüngere Generation orientiert sich derzeit eher an Polen und findet deren Stil sehr ansprechend. Infolgedessen etablieren sich einige klassische Gesänge aus ihren Stadien auch bei uns.“

Ein in seiner Fülle an verschiedenen Themen und deren ausführlicher Aufarbeitung hervorragendes Heft.



B6 Format / 6 € / Kontakt blickfang-ultra.de

Sonntag, 18. Oktober 2026

Sturm Graz – GAK 6:1 (3:1)

Bundesliga, 9. Runde, 18.10.2026
Stadion Liebenau, 17.247

Viele Tore und viel Pyro in 99 Spielminuten. Nach Unterbrechungen gab es in der ersten Hälfte sieben Minuten Nachspielzeit, wobei ein Gutteil davon der Verarztung des schwer verletzten Sturm-Goalies Daniil Khudyakov geschuldet war. Spieler beider Mannschaften stellten sich während seiner Behandlung gemeinsam am Spielfeld rings um ihn auf. Viel an Gemeinsamkeit gibt es aber sonst nicht. „Schiri, du Oaschloch!“ kommentiert die Sturm-Nordkurve, weil der Schiedsrichter dem GAK-Gegenspieler für den Beinbruch keine Karte gezeigt hatte. Am Platz konnte Sturm nach einem frühen 1:0 des GAK den Spielstand in verrückten drei Minuten auf 3:1 drehen und hätte mit zwei Abseitstoren zum Pausenpfiff sogar noch höher führen können. Der erkennbare Trainereffekt des neuen GAK-Trainers Scheiblehner mit zwei Siegen und drei Remis endete ausgerechnet im Derby mit einer herben Niederlage. Sturm Graz prolongierte seine Derbyserie mit einem beachtlichen Kantersieg. Trotz seiner kurzen Spielzeit wurde Khudyakov von den Sturm-Fans zum Player of the Match gekürt.
Einen aus unzähligen Aufkleber-Motiven zusammengesetzten großen Sturm-Schriftzug zeigte die Nordkurve als Vorhang zu Spielbeginn. Dahinter kamen dann ein hintergrundbeleuchtetes „Ois für die Schwoazn“ und schwarze und weißen Fahnen zum Einsatz. Dem Derby angepasst gab es einiges mit Bezug auf das Gegenüber zu hören, wie u.a. „Oh GAK, ihr seid die größten Oaschlecha“ zur Melodie von O Tannenbaum.
Auffällig war die Aufwärtsentwicklung der Schwarzen Szene Wien, die nun mit einem großen Fetzen unter dem Dach hängt. Bei meinem letzten Augenschein hier hing ein kleineres Exemplar noch über einem Mundloch inmitten der Tribüne wie seit Frühjahr 2026 nachdem man Ende 2025 beim Derby noch unten am Zaun gehangen war.
„Die eigene Szene halbiert, wichtig mit Maribor marschiert, eine Schande Jahr für Jahr, für immer Nummer Zwa!“ kommentierte ein Sturm-Spruchband jüngste Ereignisse in der GAK-Fanszene mit der offiziell gemachten neuen Freundschaft zu Maribor und dem Rauswurf der red firm aus dem Sektor, die seither bei Heimspielen einen eigenen Block bilden. Bei Auswärtsspielen ist ihnen der Support mit Material verwehrt, weswegen sie diesen fernbleiben. Mit „Aus der Heimkurve verdrängt, auswärts nicht präsent. Teil der roten Schande-Show, löst euch auf, ihr seid k.o.!“ richtete sich die Nordkurve auch gleich direkt an die abwesende red firm. An die ehemaligen Freunde aus Maribor, die nun zwei Jahrzehnte später beim GAK stehen, richtete sich das slowenischsprachige Spruchband „Včeraj s kralji, danes z drekom. Shit Unity!“ („Gestern mit Königen, heute mit Scheiße. Shit Unity!“). Früher hatte es hier einmal Styrian Unity geheißen.
Während beim GAK Society und andere vor dem Spiel bereits ihre Fetzen aufhingen, blieb der Ecksektor 22 anfangs zunächst noch leer. Dann stürmte die RAG ihren Block groß inszeniert mit Karacho und Pyro(-Würfen). Neben ihren Freunden von Zlín waren bei ihnen die Freunde von Maribor mit dabei, die da auch gleich eine große Derbypremiere angesichts ihrer ehemaligen Freunde von Sturm Graz auf der anderen Seite hatten. Eine GAK-Festung und eine Armee mit rot-weißen Schilden zeigte die GAK-Choreographie mit Spielbeginn. Am Vorgang hochgezogen wurde ein Ritter in Rüstung, umrahmt von rot-weiß gefärbten Wappen der Steiermark und einem alten Wappen des GAK. „Auf in die Schlacht, für Rot und Weiss!“ hieß es dazu zum „Feldzug Grazer AK“. Gesungen wurde „Keiner kann uns stoppen, GAK!“ und ein sportlicher Erfolg und erster Derbysieg seit 2006 schien nach der frühen Führung sogar möglich. Am Ende kam es anders.
Auch der GAK kommentierte Geschehnisse in der Sturm-Fanszene, mit Insiderwissen-Geschichten aus Nachtleben und Freizeitverhalten: „Grazer Straßen Fladerer / Auf jeden Kodex scheißen und in fremde Geldtaschen greifen“ sowie „Und die Virage Nord ist noch zu retten? Außer einer Gruppe regieren bei euch die Bierzeltdeppen! Prouust Piraten!“ Mit einem Spruchband in der Pause „Marketing, Vorstand, Sicherheit – ein Netzwerk voller Eitelkeit Wer euch kritisiert, wird aussortiert, die Kurve hat es längst kapiert!“ wandte man sich beim GAK darüber hinaus an die Vereinsführung.
Nach 204 Pflichtspiel-Derbys steht es nun bei 87 Siegen für Sturm Graz, 68 Siegen für den GAK und 49 Unentschieden.
Die Stadt Graz steht seit Jahren vor der Pleite, kürzt und spart und musste erst Anfang September kurzfristig alle Zahlungen der Stadt an alle Empfänger stoppen, um überhaupt noch liquid zu bleiben. Zuletzt wurde die Einstellung des Sportsponsorings seitens der Holding Graz mit dem Jahr 2027 bekanntgegeben, was einen empörten Aufschrei von Sturm Graz und GAK auslöste, die um mehrere 100.000 € umfallen werden. Es geht dabei wohl weniger um die Summe an sich als um das symbolische Zeichen der Unterstützung der Sportvereine durch ihre Stadt. In Sturm-Schwarz und GAK-Rot war auf den Werbebanden ein durchgestrichener Schriftzug Graz eingeblendet.