Bosnien und Herzegovina ist das Ziel einer langen Reise. Aus vier über das Land verteilten Stationen berichtet Stephan Wabl in Gesprächen mit Leuten vor Ort und aus Lokalaugenschein über das Land prägende Themen. Zwei Themen erleben er und sein aufgrund der Vorfälle pseudononymisierter Fotograf gleich recht drastisch, indem sie in der gespaltenen Stadt Mostar von den Ultras von Zrinjski aufgrund des Vorwurfs, im Stadion Nahaufnahmen ihrer Leute gemacht zu haben und somit wohl versteckte Agenten des Feinds zu sein, attackiert werden, und in der politisch hoch aufgeladenen Stadt Banja Luka mit juristischer Klagsdrohung von Borac Banja Luka konfrontiert werden, weil sie dem Spieler Srđan Grahovac eine sich aus dem Fußballkontekt ergebende politische Frage gestellt hatten. Im Krieg in den 1990er Jahren gelegte Minenfelder töteten und verletzten nach Jahre und Jahrzehnte danach Menschen im Land. Auch in vielen anderen Fragen ist das Land im übertragenen Sinn sichtlich ein Minenfeld, in dem man schnell viel falsch machen kann. Florian Haderer schreibt in einem weiteren Artikel über markante Stadien in Bosnien und Herzegovina und dazu gibt es noch ein Interview mit Musikern über die Nationalmannschaft. Außerhalb des Schwerpunktswird in der schönen Rubrik Wappenkammerl diesmal das Vereinswappen eines bosnischen Vereins präsentiert. Christian Nell schreibt hier über Čelik Zenica.
Weitere Themen im Heft sind u.a. die Spielweise des LASK unter Trainer Kühbauer in der Taktikkolumne von Emanuel Van den Nest sowie Berichte aus und den USA, über das afghanische Frauen-Team im Exil, über einen Südtiroler bei Cagliari oder ein Artikel von Juraj Červenka über die ausgelöschte Geschichte der Fußballsektion des jüdischen Sportvereins Makkabea Bratislava. Ein wichtiges Thema behandelt den Vorschlag der Einführung eines period out als Regel im Fußball, der Frauen mittels eigens dafür eingeführten Handzeichen kurzzeitiges Verlassen des Spielfelds erlauben würde. Vom ausgezeichneten Fußballfotografen Hans van der Meer, von dem es viele inspirierende Bilder gibt, sind im Heft schönes Fotos aus seinem Buch über allein stehende Torleute zu sehen.
Auf den Fetzenberg geht es in meiner Amateurfußball-Serie „Nebenschauplätze“ diesmal zum SV Wolfau.
Champions League, Liga, 2. Runde, 14.10.2026
Národný futbalový štadión Tehelné pole, 19.725
Da capo in der Champions League. Bereits zum dritten Mal begegneten sich die beiden Vereine 2026/27 im Europacup. Zuletzt war man ebenfalls in der Champions League Liga hier 2024/25 aufeinandergetroffen (1:3). Davor hatte es 2010/11 eine Begegnung in der Europa-League-Qualifikation noch mit Hin- und Rückspiel gegeben. Hierbei hatte sich der VfB Stuttgart mit 1:0-Auswärtssieg und 2:2-Remis im Rückspiel zuhause nur knapp durchgesetzt. Hierbei hatte es im Hinspiel im Štadión Pasienky ordentlich gekracht, als der Slovan-Mob den Gästesektor über die Tribüne attackierte und der Stuttgarter Anhang osteuropäische Verhältnisse kennenlernte. 2026 ging der VfB Stuttgart am Spielfeld nach einer halben Stunde in Führung und bestimmte das Match. Ein Torjubel nach der Pause zum vermeintlichen Ausgleichstreffer für Slovan Bratislava erstickte schnell wieder im Stadion und die aus den Lautsprechern dröhnende Tormusik brach nach wenigen Klängen ab, da der Linienrichter gleich die Fahne gehoben hatte und der Schiedsrichter kein Tor anzeigte. Nach langen drei Minuten VAR-Überprüfung bestätigte auch der Kollege vom Fernsehsessel, dass wegen Abseits kein Tor war. Zehn Minuten später schien wieder das 1:1 nahe, doch ein Distanzschuss krachte an die Latte. Damit war die Druckphase von Slovan Bratislava aber auch schon wieder vorbei, denn im Gegenzug erhöhten die Gäste ihre Führung auf 2:0 und erzielten am Schluss auch noch das 3:0. Der bei Rapid keinen bleibenden Eindruck hinterlassen habende Kevin Wimmer wurde für die letzte Viertelstunde bei Slovan Bratislava eingewechselt und fiel auch hier nicht auf. Auch schon wieder seit 2023 ist er hier.
Im Sektor C von Slovan Bratislava ging „Scheiße Stuttgart, Scheiße VfB“ als deutschsprachige Beschimpfung vor dem Spiel recht flüssig von der Zunge. In den letzten Minuten packte man das nochmal aus, da fand es aber nur mehr wenig Resonanz. Für optische Aktionen nimmt man sich hier die viele Zeit, die man braucht, sodass auch diesmal erst einige Minuten nach Spielbeginn blau-weiße Zettel mit großem „Slovan Bratislava“-Schriftzug in der Mitte und der Ansage „Pride and glory of Slovakia“ unten als Choreographie über die ganze Hintertortribüne zu sehen war. Der Support war bekannt und typisch, also einige Male laut, aber wenig variantenreich und sich wiederholend. Die Freunde von Wisła Kraków wurden in beiden Spielhälften je einmal besungen und es hing vorne auch ein Schal über einem Fetzen. Oben hing wie immer der Wisła-Slovan-Hooliganfreundschaftsfetzen. Vor Spielbeginn hatte das Vorsänger- und Trommler-Podest des Sektor C wie oft bei großen Spielen einer Geigerin gehört, die dort zu aus der Konserve eingespielten Klängen von Freed from desire fidelte, was auch schon mal mehr Begeisterung im Publikum ausgelöst hatte.
„Europapokal, oh oh oh. Nach all der Scheiße, geht's auf die Reise. Stuttgart international.“ donnerte es zu Beginn aus dem vollen Gästesektor um Commando Cannstatt (1997), Schwabensturm (2002), Schwaben Kompanie (2006), Crew36 (2013), Südbande (2016). Freunde vom 1. FC Kaiserslautern waren optisch präsent. Mit mehrmaligem Schaleinsatz als optisches Mittel neben Doppelhaltern wurde supportet. In Erinnerung blieb auch noch „He, Jungs aus Cannstatt. Auf geht's, Jungs aus Cannstatt. Schießt ein Tor!“ Am Ende schickte man mit „Bratislava, leckt uns doch alle am Arsch!“ Grüße an das Gegenüber und richtete als zweimaliger Europacupfinalist dem Europacupsieger von 1968/69 aus: „In Europa kennt euch keine Sau.“ Vor allem im unteren Rang unter dem Auswärtssektor hatten sich zahlreiche weitere VfB-Stuttgart-Fans versammelt, die sich nach anfänglich neutralem Verhalten bei Torjubeln und gegen Spielende deutlicher bemerkbar machten.
Dass das Stadion mit 19.725 Zuschauerinnen und Zuschauern nicht ausverkauft war, wundert nicht. Vielmehr verwundert, wie viele Leute letztendlich doch da waren. In der Hauptstadt Bratislava verdient man in der Slowakei am besten. Mit einem vom Statistikamt der Slowakischen Republik für das Jahr 2025 veröffentlichten Durchschnittsmonatsgehalt von rund 2.400 € sind es hier fast doppelt so viel wie die 1.300 €, die man im südslowakischen Veľký Krtíš 2025 im Monat durchschnittlich verdiente. Dennoch sind die Preise verrückt, die Slovan Bratislava mit 110 € für ein Champions-League-Spiel auf der Längsseite (396 € das Vierspieleabo) bzw. 175 € für ein Spiel auf der Haupttribüne (630 € Vierspieleabo) verlangt und bezahlt bekommt. Jetzt ist das von der Attraktivität her interessanter als ein slowakisches Meisterschaftsspiel, aber in der Liga wären die gleichen Karten für ein Spiel für 20 € auf der Längsseite und 33 € auf der Haupttribüne zu bekommen. Sie haben hier die Preise mehr als verfünffacht.