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Mittwoch, 2. Oktober 2013

Wiener Vereine unterm Hakenkreuz



Wiener Vereine unterm Hakenkreuz
Vorträge und Diskussionsrunde

im Rahmen der Ausstellung
Tatort Stadion Wien

1.10.2013
Veranstaltungszentrum mo.ë




Nachdem es am Vorabend eine eigene Veranstaltung zur vorbildlichen NS-Aufarbeitung beim SK Rapid gegeben hatte, widmete sich ein weiterer Abend dem Vergleich der NS-Geschichte und dem Umgang damit bei verschiedenen Wiener Fußballvereinen. Eine ähnliches Setting mit denselben Vortragenden hatte es vor zwei Jahren bei einer historischen Tagung im Hanappi-Stadion gegeben. Interessant war hier nun das Follow-up − ob seither etwas weitergegangen ist. Rund 25 Besucherinnen und Besucher waren an den Veranstaltungsort der Ausstellung Tatort Stadion Wien gekommen.
Am Podium saßen Alexander Juraske (Historiker, Vienna), David Forster (Historiker, Austria), Jakob Rosenberg (Moderator, Ballesterer), Georg Spitaler (Politikwissenschaftler, Rapid), Matthias Marschik (Kulturwissenschaftler und Historiker) und Susanne Helene Betz (Historikerin und Soziologin, Hakoah Wien).



Matthias Marschik gab einleitend einen generellen Einblick zum Thema Wiener Fußball in der NS-Zeit. Es gab Anpassung der Vereine an die neuen Machtstrukturen 1938, etwa durch die Aufnahme von NS-Funktionären in Vorstände. Es gab Vereinnahmung des Fußballsports, der zur Aufrechterhaltung eines Anscheins von Normalität des Alltagslebens diente und einen gewissen Freiraum bot, der nicht ohne Duldung des Regimes denkbar war. Aber es gab bis Sommer 1941 auch lokalpatriotisch befeuerte „antipreußische“ Ressentiments und Akte zivilen Ungehorsams. Für Marschik zeigt der Blick auf den Fußball wie Menschen im Alltag mit dem NS-System umgegangen sind und liefert daher einen Beitrag zur Erklärung des Nazismus, wenn auch dabei mit Ausnahmen die verbrecherische Dimension des Holocausts fehlt.

Hier schloß Susanne Helene Betz an. Sie stellte das zum 100-jährigen Jubiläum des SC Hakoah Wien 2009 erschienene Buch vor und referierte über die Geschichte des 1909 gegründeten jüdischen Vereins und seine in der Krieau unweit des Praterstadions betriebene einst große Sportanlage samt Fußballstadion (etwa dort wo sich heute das Einkaufszentrum und der Elektra-Platz befinden). 1924/25 gewann die Hakoah die erste im Profibetrieb ausgetragene Fußballmeisterschaft und war mitsamt den vielen anderen Sportarten, die hier betrieben wurde, eine Manifestation jüdischer Identität. Nach 1938 wurde der Verein von den Nazis aufgelöst, nach 1945 verzichtete die kleine jüdische Gemeinde der Überlebenden auf eine Rückgabe des devastierten großen Areals. 2008 kam es im Zuge des Washingtoner Restitutionsabkommens zum Bau eines neuen Sportzentrums (ohne Fußballplatz).



Georg Spitaler stellte in einer Kurzform wie schon am Vorabend einige wesentliche Punkte aus der Studie Grün-Weiß unterm Hakenkreuz vor, in der im Auftrag des SK Rapid dessen Geschichte in der NS-Zeit untersucht worden war. Kernpunkt waren die Mythen um das Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1941, die Rapid gegen Schalke 04 gewann. Sie sind eingebaut in eine österreichische Opfererzählung und damit geht es hier nicht nur um Fußball, sondern sie sind als Teil der österreichischen Erinnerungskultur zu begreifen, wie Spitaler betonte. Von den Mythen bleibt bei genauer Betrachtung zwar wenig, sie halten sich aber hartnäckig und überdecken damit die tatsächlichen Opfer.

Zu einem ähnlichem Schluß im Fall der Wiener Austria kam David Forster − hier allerdings von unterschiedlicher Ausgangslage. Der Verein kam 1938 unter kommissarische Verwaltung. Jüdische Funktionäre mußten fliehen wie Präsident Emanuel Michl Schwarz, der in Frankreich überleben konnte, oder Manager Robert Lang, der in Jugoslawien von der Wehrmacht eingeholt und dort ermordet wurde. Die Geschichte der Opfer wird aber von „Mythen und Märchen“ überdeckt, wie dies Forster hart formuliert. Der Verein betrachtet sich als Opfer, was angesichts von Vertriebenen und Ermordeten berechtigt ist, aber zu eindimensional. Es gab zumindest einen Nazi unter den Spielern (Hans Mock), Anpassung des Vereins an die NS-Strukturen (Schutzpatron wurde mit Ernst Kaltenbrunner ein Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs) und die Beispiele von „Arisierungen“ von Betrieben durch Austria-Spieler wie Matthias Sindelar und Karl Sesta. Die 2011 versprochene Geschichtsaufarbeitung gibt es bis heute nicht. Stattdessen wurden in der offiziellen Publikation zum 100-Jahr-Jubiläum alle „Mythen und Märchen“ wiedererzählt und damit der Blick auf die Geschichte und die Opfer verstellt.



Alexander Juraske hatte bei der oben angesprochenen Tagung 2011 eine Beschäftigung der Vienna mit ihrer Geschichte in der NS-Zeit angekündigt. Das kam durch knappe Finanzen bisher nicht zustande. Eine Kollektiv von Vienna-Fans plant aber eine eigene Festschrift zum 120-jährigen Jubiläum 2014, die sich kritischer mit der Geschichte auseinandersetzen soll als bisherige Publikationen, die aus Bildern und Aufzählung von Erfolgen bestehen. Denn die Jahre der Naziherrschaft waren für die Vienna die sportlich erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte. Der Verein erlebte die 1938 übliche Anpassung und mußte nur 1940 den Vereinsnamen vom traditionellen englischen First Vienna Football Club auf Fußballklub Vienna eindeutschen. Die Vienna profitierte von allen Wiener Vereinen am meisten von der Möglichkeit, stationierte Soldaten als Gastspieler einzusetzen, und schaffte es, wichtige Vienna-Spieler in Wien zu halten, auch wenn sie in die Wehrmacht einrücken mußten. Verantwortlich dafür war Vienna-Anhänger Curt Reinisch, der dies über seine Position in der Verwaltung der Wiener Lazarette organisieren konnte. Angesichts des Umfangs der Aktivitäten − laut Juraske gab es insgesamt 6.000 Rückstellungen von Soldaten − dürfte er Teil einer Gruppe gewesen sein. 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet, nach acht Monaten aber wieder freigelassen. Warum es zu keiner Anklage kam, ist unklar. Wohl aus Mangel an Beweisen. Die Hintergründe bleiben ein lohnendes Forschungsziel.



In der anschließenden Diskussion wurde nochmals herausgearbeitet, daß die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bei Rapid zwar eine Vorreiterrolle in Österreich hatte und allseits positiv aufgenommen wurde, ihr aber bislang keine weiteren Vereine gefolgt sind. Bis auf den Sonderfall der Hakoah kommen alle Aktivitäten von Fans, nicht von den Vereinen. Bei Rapid tat sich nach einem Anstoß von Jakob Rosenberg und Georg Spitaler ein window of opportunity auf und der Verein gab eine Aufarbeitung in Auftrag, die mit den Vorarbeiten für die Eröffnung des Vereinsmuseums Rapideum zusammenfiel. Matthias Marschik resumierte seine zwanzig Jahre Erfahrung in der Beschäftigung mit diesem Thema in drei mögliche Reaktionen, die es vom ÖFB oder von Vereinsseite bei Anfragen gibt: Es interessiert uns nicht. Wir wissen nichts. Der Anfrager wird im Kreis geschickt.
Eine andere Perspektive brachten zwei Archivare des Wiener Sport-Clubs (C!) ein. Sie verwiesen auf ihr von 1883 an durchgängiges Vereinsarchiv und darauf, daß „wirklich Interessierte“ dazu Zugang bekämen und sie auf Anfragen per E-Mail prompt antworteten.

Den Bogen in die Gegenwart spannte David Forster in Beantwortung einer Frage zur seit Jahren virulenten Neonazi-Problematik auf der Fantribüne der Wiener Austria. Der Umgang mit der NS-Zeit und die aktuelle Thematik seien „zwei Paar Schuhe“, er wollte dies nicht vermischen. Gemeinsamkeiten wären aber doch im defensiven Umgang der Vereinsleitung mit der NS-Vergangenheit und im zögerlichen Umgang mit dem gegenwärtigen Rechtsextremismus zu sehen. Hier wäre die Vorgangsweise von halbherzigen ad-hoc-Maßnahmen nach Vorfällen geprägt und von einer Vermischung von Aktivitäten gegen die Neonazi-Problematik mit anderen Themen wie z.B. Pyrotechnik, wodurch sie nicht zum Ziel führten sondern im Gegenteil im Fanblock undifferenziert als allgemeine Repressionsmaßnahmen ankommen.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Fußball, Macht und Diktatur


Tagungsbericht


Fußball, Macht und Diktatur
Streiflichter auf den Stand der historischen Forschung
5. Juni 2012, 8:30 bis 21:00 Uhr
Karl-Franzens-Universität Graz,
Neuer Senatssaal


Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung
Institut für Geschichte, Universität Graz
in Kooperation mit: Verein zur Aufarbeitung und Erforschung regionaler Zeitgeschichte



Das Grazer Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung rief zu einer Tagung, die sich der historischen Forschung zum Komplex Fußball, Macht und Diktatur widmete. Es ging in thematischen Blöcken um epochenübergreifende Bemerkungen zu Sport im Dienste von Politik und Ideologie, dann um Mythos, Identität und Aufarbeitung − „Drittes Reich“, Sowjetunion, Polen und Ukraine und anschließend um dieselbe Themenstellung an konkreten Vereinsbeispielen im Teil Mythos, Identität und Aufarbeitung II − Fußballklubs im Fokus. Im vierten Teil wurde das Forschungsprojekt Der Steirische Fußball und seine Traditionsvereine in der NS-Zeit 1938−1945 präsentiert.
Am Abend gab es noch eine Podiumsdiskussion zum Thema Tradition und Zukunft des österreichischen Fußballs. Diesen Programmpunkt habe ich allerdings ausgelassen, um mich der Zukunft der Tradition des GAK im Hinspiel der Relegation gegen Hartberg zu widmen.

Panel 1

Epochenübergreifende Bemerkungen zu Sport im Dienste von Politik und Ideologie

Das erste Panel stellte Moderatorin Andrea Penz als „Rahmenklammer für den Tag“ vor. Denn zunächst ging es nicht um Fußball. Der Alt- und Sporthistoriker Peter Mauritsch referierte über die „Attraktivität des Sports für die Politik“ in der griechischen und römischen Antike. Mörderische Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen im alten Rom haben mit heutigem Sportverständnis wenig zu tun, aber schon die Charakteristika von emotionalen Menschenmassen und politischer Nutzung der durch die Spiele geschaffenen Aufmerksamkeit gemein.
Der Mediävist Johannes Gießauf widmete sich sportlichen Wettkämpfen im Mittelalter. Die antike Tradition lebte in Byzanz weiter, wo im Hippodrom Wagenrennen stattfanden, die von enthusiastischen Fangruppen (erst vier, dann zwei) in ihren Farben begleitet wurden. Die politische mobilisierbaren Massen waren dabei auch ein politischer Kristallisationspunkt, wie sich am Nika-Aufstand des Jahres 532 zeigte, der von der Armee mit zehntausenden Toten niedergeschlagen wurde.
In Westeuropa standen derweilen nicht Profiathleten wie in Konstantinopel im Mittelpunkt der Spiele. Die Angehörigen der Elite selbst maßen in Turnieren in Waffen ihre Kräfte. Wie populär diese männliche Adelskultur war, zeigt sich daran, daß die Kirche darin scheiterte, das blutige Treiben einzudämmen.
Den größten Fußballbezug haben die seit dem 13./14.Jh. belegten Wettspiele auf Straßen und Plätzen der Städte, am bekanntesten das bis in 18.Jh. gepflegte Spiel Calcio in Florenz, einer Mischung aus Fußball, Rugby und Ringen. Mit der Geschichte des Fußballs hat dies wenig zu tun, auch wenn der Calcio Fiorentino 1930 unter faschistischen Vorzeichen wiederaufgenommen wurde und der historisch lokale Brauch nationale propagandistische Weihen erhielt. Politische Symbolik hatte dieses Spiel des Stadtadels von Florenz, als es 1530 in der von Truppen Kaiser Karl V. belagerten Stadt demonstrativ abgehalten wurde.

Panel 2

Mythos, Identität und Aufarbeitung − „Drittes Reich“, Sowjetunion, Polen und Ukraine

Mit dem Fußball ging es erst im weiteren Verlauf des Vormittags los. In einem großen zeitlichen Sprung zum Morgen bot Markwart Herzog einen Einstieg in die kritische Aufarbeitung der Fußballgeschichte in Deutschland im letzten Jahrzehnt. Er sprach über „Forschung, Märchen und Legenden“. In den Jahrzehnten nach 1945 war die Geschichtsschreibung von apologetischen Opfernarrativen zur Nazizeit geprägt gewesen. Doch die Fußballvereine hatten sich mit dem NS-Regime auch arrangiert.
Michail Prozumenščikov vom Moskauer Archiv für Zeitgeschichte gab einen kurzen Einblick in politische Einflußnahmen im sowjetischen Fußball der Stalin- und Chruschtschow-Zeit. Der Fußballbetrieb war unter politischer Kontrolle, die Vereine gehörten zu Institutionen oder Großbetrieben. Direkte politische Einflußnahme gab es z.B. bei der durch den gefürchteten Geheimdienstchef Berija veranlaßten Wiederholung des Cup-Semifinales von 1939 (nach dem bereits ausgetragenen Finale!), das Spartak Moskau gegen sein Dinamo Tiflis gewonnen hatte.
Mit Fußballmythen in Polen und der Ukraine beschäftigte sich der Beitrag von Thomas Urban. Der Osteuropakorrespondent der Süddeutschen Zeitung war leider nicht anwesend. Sein inhaltlich spannender Text wurde daher verlesen. Hartnäckig gegen Widerlegungen und Fakten sträuben sich die Mythen des sogenannten „Todesspiels“ zwischen Ukrainern und Deutschen im besetzten Kiew 1942 (Spieler wurden nicht aufgrund des gewonnenen Spiels ermordet) und um das „Regenspiel“ zwischen Polen und Deutschland bei der WM 1974, bei der Polen laut polnischer Überlieferung unfair benachteiligt wurde. In der Diskussion der Beiträge wurde von TV-Zeitzeugen der WM 1974 festgehalten, daß Erinnerungen trügen. Aktuell ist das „Todesspiel“ im Frühjahr 2012 Gegenstand russisch-ukrainischer geschichtspolitischer Kontroversen um den russischen Film Match, der die sowjetische Propagandalegende in nationaler Variante wiederaufnimmt, indem Nazikollaborateure ukrainisch und Widerständler russisch sprechen.

Panel 3

Mythos, Identität und Aufarbeitung II − Fußballklubs im Fokus (Forschungen aus Österreich)

Den Beginn des Nachmittagsblocks machten Jakob Rosenberg und David Forster, die über Opfermythen und Widerstandslegenden − Austria und Rapid unterm Hakenkreuz sprachen. Rosenberg stellte Entstehungsgeschichte und Erkenntnisse der Studie Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938−1945) vor. Eine gründliche Aufarbeitung, wie sie bisher noch kein anderer österreichischer Fußballverein vorgelegt hat.
Forsters Vortrag interessierte mich auch insofern, als ich seinen Part bei der letztjährigen Konferenz Fußball unterm Hakenkreuz im Hanappi-Stadion versäumt hatte. Da sich seither entgegen Ankündigung des Vereins bei der Austria nichts getan hat und es gegenüber 2011 nicht viel Neues gebe, wie Forster kritisch bemerkte, konnte ich nun das Versäumte nachholen. Forster bezeichnete das Bild der Opferrolle der Austria zwar in vieler Hinsicht berechtigt, aber doch zu eindimensional. So wurde der als „Judenklub“ verschrieene Verein 1938 u.a. erst gesperrt und dann kommissarisch geleitet. Jüdische Funktionäre wie der Präsident Schwarz mußten fliehen. Im Nachhinein wurden aber viele Legenden produziert und auch aktuell in den offiziellen Vereinspublikationen zum 100-jährigen Jubiläum 2011 weitergegeben. Darin, von bekannten Journalisten verfaßt, finden sich, so Forster „Mythen und Märchen“ (siehe dazu seinen Artikel mit Matthias Marschik im Ballesterer 63). So gab es 1938 keine jüdischen Spieler und im Ausland als Legionäre tätige Spieler wurde als quasi verfolgte Flüchtlinge genannt. Es gab aber auch Spieler wie namentlich Walter Nausch, die sich nicht von ihrer jüdischen Frau scheiden lassen wollten, und daher in die Schweiz gingen.
Sportlich war die NS-Zeit für die zuvor erfolgreiche Wiener Austria ein markanter Einschnitt, man befand sich nun im Mittelmaß. Dazu nannte Forster neben vergleichsweise vielen Einberufungen in die Wehrmacht allerdings auch die Überalterung der zuvor erfolgreichen Mannschaft als Grund. Es gab Nazis und Verfolgte, Profiteure (die Ariseure Sindelar und Sesta) und Ermordete. Diese Geschichte kann man differenziert darstellen − oder nostaligisch-verklärt mit vielen Grauzonen, wie es die Austria tut. David Forster plädierte dafür, daß Vereine gewinnen, wenn sie sich ihrer Vergangenheit stellen.
Die 100-jährige Geschichte der SV Ried stellte Bernhard Bachinger vor. Der Verein entstand 1912 aus dem deutschnationalen bürgerlichen Milieu des Innviertels und hatte ab 1921 den Arierparagraphen in seinen Statuten. In der Zwischenkriegszeit gab es große Aufregung, als man einen SK Kadimah aus Wien zu einem Spiel eingeladen hatte und erst während der Anreise derselben drauf kam, daß es sich dabei um einen zionistischen, jüdischen Verein handelt. Das Fußballspielen gegen Juden war in Ried in Innkreis nämlich statutenwidrig. Leider wurde im Jahr 1994 bei einem Wohnungsbrand das Vereinsarchiv vernichtet. Die Quellenlage ist daher schwierig, wenn auch noch nicht konsequent ausgeschöpft. Bachingers Fazit zur politischen Geschichte der SV Ried war, daß aufgrund der geringen Strahlkraft des Vereins (Amateurbetrieb bis 1989) es zwar keine große Instrumentalisierung gab, die NS-Ideologisierung aber von innen erfolgte. Die antisemtische Geschichte wurde in der Darstellung zum 100-jährigen Vereinsjubiläum 2012 einbekannt und nicht verdeckt.
Weiters referierte noch Christian Eberle über den FC Barcelona und seine Opferrole in der Franco-Diktatur. Er hob die „Extrasportivität“ des Vereins hervor, der sich seit den 1920er Jahren dem katalanischen Nationalismus verschrieben hatte und dadurch in Konflikt mit dem Regime geriert. Dies war allerdings keineswegs einseitig, man arrangierte sich ebenso. Als Problem nannte Eberle den Umstand, daß es wissenschaftliche Publikationen v.a. auf Barça-Seite gibt, während auf Seiten des Antipoden Real Madrid Journalisten publizierten.

Panel 4

Präsentation des Forschungsprojektes „Der Steirische Fußball und seine Traditionsvereine in der NS-Zeit 1938−1945“

Als Finale präsentierten die Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung Walter Iber, Harald Knoll und Alexander Fritz ihr Forschungsprojekt Der Steirische Fußball und seine Traditionsvereine in der NS-Zeit 1938-1945. Dieses ist im Laufen, so stellten sie Zwischenergebnisse und Thesen vor. Ein gutes Projekt, um die Basis der hauptsächlich auf Wien zentrierten österreichischen historischen Fußballforschung zu verbreitern.
Walter Iber stellte Sturm Graz mit der Forschungsfrage „ein unpolitischer Verein?“ vor. Sturm war schon in jenen Jahren der populärste Verein war, sein sportliches Gegenüber war allerdings der Grazer Sportclub (spielt heute in der Gruabn) und noch nicht der GAK. Der Verein bekam 1938 vereinsfremde Vereinsführer, arrangierte sich aber auch mit dem Regime, etwa in enger Kooperation mit der HJ. Sturm hatte nach der Gründung 1909 den Arierparagraphen im Statut, dieser fiel aber nach dem Ersten Weltkrieg weg und die Positionierung als unpolitisch wurde ins Statut geschrieben. Iber verwies auf noch anzustellende Forschungen, sah dieses Etikett aber derzeit bestätigt. Im Anschluß an das Referat entspann sich eine Diskussion über den Wesensgehalt des Begriffs unpolitisch. Iber sieht am schmalen Grat zwischen unpolitisch und opportunistisch den Vereinsegoismus im Vordergrund.
Anders sah die Situation beim GAK aus. Dieser wurde 1902 nicht als Fußballverein gegründet, sondern Fußball war (und ist) nur eine seiner Sektionen. Zwar nicht die Fußballer, aber die doch unter dem selben Vereinsdach stehenden Handballer traten bereits im Mai 1938 nicht mehr als GAK sondern als SS Graz zu Spielen an. Der Verein rekrutierte sich aus dem bürgerlich-deutschnationalen Grazer Milieu und führte von Beginn an bis 1945 den Arierparagraphen. Harald Knoll nannte aber demgemäß „nicht satzungsgemäße“ Mitglieder als noch offenes Forschungsfeld. Der Verein zeigte personelle Kontinuitäten über 1938 und 1945 hinweg.
Sehr spannend war der Forschungsbericht von Alexander Fritz zum Donawitzer SV. Hier gibt es eine Geschichte, die in den Worten von Fritz, „vor Mythen nur so strotzt“. Das damalige „Hochofenballett“ der 1970er Jahre mit Walter Schachner wurde mit der Donawitzer Stahlindustrie identifiziert und bot Identifikationsmöglichkeiten für viele Arbeiter. Dennoch sieht die Gründungsgeschichte ganz anders aus. So sahen die Statuten vor, „Mitglieder des Vereins können nur Arier, die gleichzeitig Angehörige des Heimatschutzbundes sind, sein.“ Der paramilitärische Heimatschutz, die steirische Heimwehr, ging in den 1930er Jahren praktisch bruchlos zur NSDAP über. Bereits 1931 hatte sie im sogenannten Pfrimer-Putsch versucht, die demokratische Republik zu stürzen. Maßgeblicher Financier des Heimatschutzes war die Alpine Montangesellschaft. Die historische Verbindung des Fußballvereins zur örtlichen Stahlindustrie war also eine ganz andere als die eines Werkssport- oder Arbeitervereins. Vorläufer war der Deutsche Sportverein Leoben, dessen Fußballsektion 1928 nach Donawitz übersiedelte und dort neu gegründet wurde. Das Naheverhältnis zur Alpine war eng, 1939 wurde der Fußballverein als Betriebssportgemeinschaft eingegliedert.
Harald Knoll nannte als noch offene Fragen die Vereinsgeschichten von Hakoah Graz, dem Kapfenberger SV und dem 1942 bis 1944 im steirischen Verband spielenden Rapid Marburg. Dazu würden noch Biographien von Spielern erforscht und weiter die Quellenlage erhoben. Ein Forschungsprojekt, das im Auge zu behalten ist. Ich bin auf weitere Ergebnisse und eine allfällige Publikation gespannt.

Ein langer Tag, aber eine spannende Tagung mit manch neuer Erkenntnis. Vor allem der Umstand, daß nun auch in der Steiermark tiefer gegraben wird, ist sehr zu begrüßen.
Den Abschluß der Konferenz versäumte ich, da es mich vom historischen zum aktuellen Fußballgeschehen zog.

Donnerstag, 23. Juni 2011

Tagung: Fußball unterm Hakenkreuz


Tagungsbericht


Fußball unterm Hakenkreuz
70 Jahre „Großdeutscher Meister“ Sportklub Rapid
Fußballklubs im Nationalsozialismus: „Ostmark“, „Altreich“ und „Protektorat Böhmen und Mähren“ im Vergleich
22. Juni 2011, 10:00 − 21:00 Uhr
Gerhard-Hanappi-Stadion: Aula


Projektteam Grün-Weiß unterm Hakenkreuz
SK Rapid / Rapidmuseum
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW)
Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien



Vor kurzem präsentierte der SK Rapid seine Aufarbeitung der NS-Zeit in dem hervorragenden Buch Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938−1945) von Georg Spitaler und Jakob Rosenberg. Zur Vertiefung und Erweiterung der Thematik fand im Hanappi-Stadion dazu eine spannende Tagung statt, die viele interessante Fakten und Anknüpfungspunkte brachte. Die Konferenz fand an einem geschichtsträchtigen Tag statt, dem siebzigsten Jahrestag sowohl des Gewinns der großdeutschen Meisterschaft durch Rapid als auch des Überfalls Nazideutschlands auf die Sowjetunion 1941.

Im folgenden meine persönlichen Eindrücke der Tagung, die sich in drei thematischen Blöcken erst mit dem Fußball im NS-Regime allgemein, dann mit mehreren Beispielen österreichischer Fußballvereine nach 1938 und schließlich mit Rapids Meisterschaft 1941 beschäftigte.

Rapid-Präsident Rudolf Edlinger verwies in seinen Eröffnungsworten auf die tradierte Überlieferung der NS-Zeit in vielen Büchern von und über Rapid in den vergangenen Jahrzehnten, in denen die Autoren offensichtlich voneinander abschrieben, so entstand eine Geschichte, die als Wahrheit genommen wurde. Es ist ein großes Verdienst, diesen Grauschleier gehoben und die Geschichte der Rapid in jener Zeit durch fundierte Recherche der Fakten auf eine neue, feste Basis gestellt zu haben. Domenico Jacono vom Rapidmuseum brachte dies eingangs auf den Punkt, in dem er auf den oft verwendeten Begriff der dunklen Jahre verwies, unter dessen Deckmantel auch in der Vereinsgeschichte Unangenehmes verschwiegen, verdrängt und vergessen wurde, Kontinuitäten konstruiert und Brüche geglättet wurden. Dies ziehe sich durch alle Geschichtspublikationen, von denen im Schnitt immerhin alle fünf Jahre eine erschienen sei. Jacono machte einen Bruch an der Rede Bundeskanzler Vranitzkys im Nationalrat im Jahr 1991 fest, der einen allgemeinen Einschnitt im verdrängenden Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit bedeutete, was sich auch in der Sporthistorie niedergeschlagen habe. Niemals vergessen, so Jacono, sollte auch in der Erinnerungsarbeit von Rapid ein Leitspruch werden.

Teil 1

Fußball im Nationalsozialismus: Wien, „Altreich“ und „Protektorat Böhmen und Mähren“ im Vergleich

Im ersten Themenblock der Tagung ging es um die Grundlagen, einen vergleichenden Einblick in den Fußball in der Nazizeit. Es begann Matthias Marschik, Autor des im Laufe des Tages mehrmals angesprochenen Buchs Vom Nutzen der Unterhaltung. Der Wiener Fußball in der NS-Zeit: Zwischen Vereinnahmung und Resistenz aus dem Jahr 1998. Er gab eine Einführung in die Thematik der Massen- und Popularkultur des Wiener Fußballs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und periodisierte den Fußball nach dem Anschluß.

Bernhard Hachleitner stellte Erkenntnisse seiner Forschungen zur Geschichte des Wiener Praterstadions vor. Interessant waren dabei drei Punkte: Erstens das Bemühen der Nazis um eine architektonische Hierarchisierung im modernen Betonbau, einem Abheben der Ehrentribüne von den übrigen Reihen und dem Plan eines hervorgehobenen Entrées. Zweitens die bereits bekannte Nutzung des Stadions als Gefängnis 1939, in dem Jüdinnen und Juden bis zu ihrer Deportation ins KZ Buchenwald eingesperrt wurden. Drittens der weiterlaufende Alltagsbetrieb im Weltkrieg, für den Hachleitner die Zusammensetzung des Fußballpublikums 1941 anhand der Statistik der ausgegebenen Eintrittskartenkategorien erheben konnte: 10 Prozent waren Soldaten, 1 Prozent Verwundete und 17 Prozent (!) Jugendliche.

Markwart Herzog von der Schwabenakademie Irsee beleuchtete vier Biographien von NS-Funktionären, die aus dem Westen Deutschlands, genauer aus der Pfalz, 1938 nach Wien kamen, um den Anschluß und die Volksabstimmung zu organisieren und propagandistisch zu begleiten. Sie waren auch Sportfunktionäre, die den Fußball als Bühne nutzen. Neben dem Gauleiter Josef Bürckel stach dabei insbesondere die Person des Jakob Knissel hervor, der in Wechselwirkung dann Rapid zu einem Gastspiel in seine Heimat Homburg brachte, wo er ein Stadion hatte errichten lassen und sich zum Führer eines städtischen Fusionsvereins gekürt hatte.

Eine Fülle für mich neuer Informationen brachte der Vortrag von Stefan Zwicker von der Universität Bonn über den Fußballbetrieb im von Hitlerdeutschland ab 1938/39 teils annektierten und okkupierten Tschechien. Im eingegliederten Sudetenland wurden die tschechischen Minderheitsvereine aufgelöst und die deutschen Fußballklubs in NSTG (Nationalsozialistische Turngemeinde) zusammengefaßt. Das sollte dazu dienen, einen der NS-Ideologie entsprechenden Mustergau zu schaffen, hatte aber sportlich vor allem die Folge, daß gewachsene Strukturen zerstört wurden und der sudetendeutsche Fußball in der großdeutschen Meisterschaft gegenüber den Vereinen aus Altreich und Ostmark erfolgslos blieb.
Zwicker stellte fest, daß es insgesamt zu keiner Bevorzugung des deutschen gegenüber dem tschechischen Fußball kam, sondern zu einer nationalen Trennung. Im übrigen besetzten Protektorat Böhmen und Mähren wurden weiter eigene tschechische Fußballbewerbe ausgetragen. Dies gehörte zum Konzept der Besatzungsmacht, ein Alltagsleben möglichst aufrechtzuerhalten, um Wirtschaft und Industrie für den Krieg nutzen zu können. Der Fußball paßte hier hervorragend hinein. Ein auffallender Kontrast zum besetzten Teil Polens, denn im dortigen Generalgouvernement wurde das Sporttreiben von den deutschen Besatzern bei Todesstrafe verboten.
Jüdische Spieler, Funktionäre und Zuschauerinnen und Zuschauer waren auch in Böhmen und Mähren vom Fußball ausgeschlossen, wurden verfolgt und ermordet. Die Terrorherrschaft der deutschen Besatzung ist trotz Aufrechterhaltung des Alltags nicht zu vergessen. Zwicker erwähnt Lidice. Das Stadion von Slavia Prag, wo Josef Bican (Meister mit Rapid 1935) zur Legende wurde, wurde im Prager Aufstand des Mai 1945 in einer Vergeltungsaktion niedergebrannt.

Teil 2

Österreichische Fußballklubs nach dem „Anschluß“

Das zweite Panel eröffneten am Nachmittag Vorträge von Susanne Helene Betz über die Geschichte der Hakoah Wien und ihrer Sportanlage in der Krieau 1919−1945 sowie von David Forster (Archiv der IKG, Ballesterer) über die Wiener Austria. Leider habe ich die Beiträge aufgrund anderweitiger Verpflichtung versäumt. Von Forsters Beitrag sah ich noch die von ihm zum Schluß präsentierten offenen Fragen zur Austria-Vereinsgeschichte: Lücken in der Verfolgungsgeschichte jüdischer Funktionäre und Ex-Spieler. Die Frage von NSDAP-Mitgliedschaften, Arisierungen und der Rolle der neuen Vereinsführung und Schirmherren. Austrianer bei der Wehrmacht. Die Frage von Ausschreitungen (Beispiel Austria gegen Schalke 04).
Aus der Diskussion entnahm ich, daß es der Führung der Austria gegenüber anderen Wiener Vereinen, insbesondere Rapid und Vienna, schlechter bis nicht gelang, ihre Spieler zunächst vom Wehrdienst zu bewahren und später von der Wehrmacht freigestellt zu bekommen.

Mit der Vienna beschäftigte sich daraufhin Alexander Juraske in seinem Vortrag unter dem Titel Die Triskele unter dem Hakenkreuz. Der First Vienna Football Club 1894 im Nationalsozialismus. Die Vienna war nach Rapid der sportlich erfolgreichste österreichische Fußballverein in der NS-Zeit und errang damals drei ihrer sechs Meistertitel. Als mitverantwortlich dafür nannte Juraske Vereinsmitglied Curt Reinisch, der als Personalchef der Wiener Lazarette vielen eingerückten Fußballern helfen konnte. Nachzulesen im Buch Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Juraske berichtete, daß es bisher keine umfassende Darstellung über die Vienna in den Jahren 1938 bis 1945 gibt und bisherige vereinseigene Publikationen sich nur sehr wenig mit dieser Zeit beschäftigt haben. Er kündigte allerdings an, daß bereits diesen Herbst das Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte angegangen werden soll. Eine positiv hervorzustreichende Nachricht.

Keine Erzählung über den Wiener Sport-Club kommt offenbar ohne eine mehr oder weniger geschickt eingewobene Erwähnung des 7:0 Triumphs gegen Juventus Turin im Jahre 1958 aus. WSC-Archivar Michael Almasi-Szabo nimmt diese Hürde eingangs mit Bravour und berichtet dann über die Geschichte des Vereins von den 1920er bis in die 1940er Jahre. Für die Themenstellung der Tagung zentral ist dabei der von Almasi-Szabo mittels Zitat aus einem Zeitungsartikel anschaulich dargestellte Umstand, daß der WSC bereits 1922 dafür bekannt war, keine jüdischen Mitglieder zuzulassen, auch ohne formal festgeschriebenen Arierparagraphen. Almasi-Szabo stellte dem die hohe Zahl an Freundschaftsspielen gegen die jüdische Hakoah in der Zwischenkriegszeit gegenüber. Leider geriet sein Beitrag insgesamt zu sehr defensiv-vereinspatriotisch und wurde damit zum inhaltlich schwächsten dieses Tages. So konnte etwa sein Erklärungsversuch die Frage von Domenico Jacono, warum in Zeitungsberichten aus der Ersten Republik auffallend oft der Begriff von Hakenkreuzler-Krawallen im Zuge von Ausschreitungen bei Spielen des Wiener Sport-Clubs jener Zeit vorkommt, nicht befriedigend beantworten.

Michael John von der Universität Linz stellte schließlich noch den Fußball im Gau Oberdonau ab 1938 vor. Im Zuge eines Programms der Entprovinzialisierung der Provinz, wie es John bezeichnete, sollte die Führerstadt Linz auch zur Sportstadt werden. Dafür wurden sportliche Events organisiert, dem LASK anstelle des Meisters Vorwärts Steyr zum Aufstieg verholfen und nach dem Vorbild Nürnbergs ein Stadion für 100.000 Menschen geplant. Zur Unterstützung des politischen Gebietserweitungsanspruchs des Gaus Oberdonau wurde Budweis in die oberösterreichische Meisterschaft eingeliedert, was allerdings propagandistisch nach hinten losging, da die nach Berichten mit Tschechen (die nicht in die Wehrmacht mußten) verstärkte Mannschaft die Liga mit Kantersiegen dominierte, woraufhin sie nicht mehr zur Meisterschaftsteilnahme eingeladen wurde. Beispiele von Resistenz bei Fußballspielen wie in Wien fand John in Oberösterreich nicht, was er mit den mehr gebrochenen, auch migrantischen Identitäten in der Großstadt Wien erklärte. Die inhaltliche Basis seines Vortrags bildete eine Fußballausstellung in Linz 2008, zu der auch ein begleitendes lesenswertes Buch erschien.

Teil 3

Rapid − „großdeutscher Meister“

Der letzte Programmpunkt der Tagung rückte den Ausgangspunkt der Beschäftigung mit der NS-Zeit in den Mittelpunkt: Rapids Titelgewinn 1941. Das Thema verfolgten mit ca. 80 Besucherinnen und Besuchern mittlerweile doppelt so viele Leute als am Vormittag. Durch den Abendtermin konnten auch interessierte Berufstätige teilnehmen. Als Einstand schilderte der 91-jährige Leopold Gernhardt, der letzte lebende Spieler des Finalspiels zwischen Rapid und Schalke 04 im Berliner Olympiastadion am 22. Juni 1941, seine Eindrücke und Erinnerungen. Auch wenn man die Anekdoten bei mehreren Gelegenheiten in den letzten Jahren bereits hören durfte, ist es immer wieder ein rührendes, beeindruckendes und faszinierendes Erlebnis, sie aus dem Mund eines solch großen Rapidlers zu hören.

Ulrich Matheja von der deutschen Fußballzeitschrift Kicker und Redakteur des Kicker-Almanachs erklärte zunächst die Ausgangslage, die Organisation des deutschen Meisterschaftsbetriebs und die Veränderungen nach Anschluß und Kriegsbeginn. Er wies auch darauf hin, daß in der Vorberichterstattung zum Finalspiel im Kicker zu lesen war, es sei bedauerlich, daß es diesmal keine Sonderzüge nach Berlin gebe, weil sonst noch mehr Fans aus Wien Rapid begleiten würden. Im Rückblick weiß man, warum keine Sonderzüge fahren durften, da an diesem Tag der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion stattfand.

Hardy Grüne, Autor von 60 Büchern (!) zu Fußballkultur und -geschichte sowie Fußballenzyklopädist, gab anschließend einen Kurzüberblick über die Geschichte von Schalke 04 (zu der er erst unlängst ein Buch veröffentlicht hat) und die Schalker Sicht der Meisterschaft 1941. Interessant an seinem Vortrag, gemeinsam mit der Publikumsdiskussion, war die beidseitige Mythendekonstruktion. So hielt Grüne fest, daß Schalke, das in der NS-Zeit seine größten Erfolge feierte, kein Naziverein, aber ein zunehmend von den Nazis vereinnahmter Verein war. Aus seiner Gründungsgeschichte war Schalke zwar kein Arbeiterverein, aber ein ursprünglich bürgerlicher Verein, der zur Plattform des Auslebens antibürgerlicher proletarischer Sehnsüchte im Fußball wurde. Dies wurde von den Nazis gerne propagandistisch genutzt. Darin gleicht Schalke Rapid.
Zu den wirkmächtigsten Mythen, die sich rund um das Finalspiel 1941 entwickelten, gehören wechselseitige Schiebungsgerüchte. Der Spielverlauf, in dem Rapid lange klar im Hintertreffen war und dann einen 0:3 Rückstand in einen 4:3 Sieg verwandelte, schien dafür eine Basis zu bieten. Grüne verwies darauf, daß Schalke in jenen Jahren schon zuvor mehrmals einen Vorsprung beinahe oder tatsächlich verspielt hatte und Manipulationsgerüchte bereits 1938 aufgetaucht wären, als Schalke im Finale um die Meisterschaft Hannover 96 unterlegen war. Er hielt fest, daß es außer der hinterfragenswerten Aussage eines Schalker Spielers keinerlei Hinweise auf Schiebung gibt: Das ging alles mit rechten Dingen zu − und das weiß man mittlerweile auch in Gelsenkirchen. 1941 spielt im Unterschied zu Rapid im Schalker Fan-Gedächtnis allerdings keine große Rolle.

Georg Spitaler und Jakob Rosenberg stellten ergänzend ausgewählte Aspekte ihrer Studie Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938−1945) vor und legten dabei ebenfalls einen Fokus auf die Mythenbildung. Spitaler klopfte den Widerstandsmythos (Rapids Triumph als Widerstand des kleinen, antifaschistischen Österreich gegen das das große naziprotegierte Schalke) auf die Realität ab, Rosenberg den tradierten Mythos von der strafweisen Einberufung von Rapidlern zur Wehrmacht als Konsequenz des Titelgewinns 1941. Diese Geschichte entspricht schlicht nicht den Tatsachen, da Einberufungen teils bereits vorher erfolgt waren und andererseits gleichzeitig auch andere große Vereine wie Schalke oder der Dresdner SC den Verlust von Spielern beklagten. Daß die Fußballer in den Krieg mußten, hatte eher etwas mit dem welthistorisch bedeutenderen Ereignis des 22. Juni 1941, der Ausweitung des Zweiten Weltkriegs, zu tun als mit dem Ausgang dieses Fußballspiels. Allerdings hat sich, wie von Rudolf Edlinger zu Beginn der Tagung angesprochen, eine gegenteilige Erzählung zur Wahrheit entwickelt, sodaß hier für den SK Rapid, das kommende Rapidmuseum, aber auch für alle Rapid-Fans die Aufgabe bleibt, die Tatsachen weiterzutragen und im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Rapid hat es sich nicht verdient, daß wir von seiner Geschichte die Unwahrheit erzählen.

Abschließend beschäftigten sich Wolfgang Maderthaner und Roman Horak, die bereits 1997 das bahnbrechende Buch Mehr als ein Spiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne veröffentlicht haben, in einem Kommentar mit den Möglichkeiten der Erinnerungskultur: Wie kann oder soll sich Rapid seiner Vergangenheit erinnern? Maderthaner strich das Erinnern an verschüttete und vergessene widerständige Geschichten und Geschichte hervor. Horak sprach die Frage nach der Veränderung der Erinnerungskultur im Lauf der Geschichte an, welche Geschichten wer wann warum erzählt(e).

Diese Tagung war ein Meilenstein in der Beschäftigung mit der österreichischen Fußballgeschichte in der NS-Zeit. Rapid gebührt Respekt dafür, die Beschäftigung mit der Vereinsgeschichte angestoßen zu haben. Für mich war es ein spannender Tag des Lernens, Aufsaugens von Wissens und Kennenlernens neuer Aspekte. Den Organisatoren gilt mein Dank und meine Anerkennung für ein hervorragend zusammengestelltes Programm. Ich hoffe auf eine Publikation, die es ermöglicht, das alles noch einmal in Buchform nachzulesen.