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Freitag, 10. November 2023
La Cosa Nostra, 36
Rezension
La Cosa Nostra
36
2022
124 S.
Im Unterschied zu den dicken Büchern der vorherigen LCN-Fanzines gibt es die Ausgabe 36 als Heft. In schnellem Tempo erschien es schon vor einiger Zeit, während ich noch mit der Lektüre und geistigen Verarbeitung der LCN 33/34/35 beschäftigt war. Themen sind die Frühjahrssaison des SSV Ulm 2021/22, Groundhopping 2022, ein Spezialabschnitt zu Graffiti in Banja Luka und wieder spannende Rezensionen. Die Ulm-Spielberichte sind wie gewohnt sehr persönlich gehalten. Als Besonderheit gibt es zu einem Spiel umständehalber sogar zwei Berichte. Beachtenswert ist u.a. der Text vom WFV-Pokalfinale gegen die Stuttgarter Kickers samt Polizeischikanen, die ein zeitgerechtes Eintreffen verhinderten. Im Groundhopping-Teil gibt es erfreulicherweise wieder etwas aus Italien und zum Spielbesuch in Ancona aufgrund der Gäste ein kleines Dossier zur Carrarese mit übersetztem Text zur Kurvengeschichte und herrlichen historischen Fotos. Interessant ist die Fotostrecke (samt Stadtviertel-Karte) zu Wandmalereien in Banja Luka: „Die ganze Stadt, ein Museum der Ultras: Borac, Lešinari, aber auch elendig viel Nationalismus. Trotzdem, da kann man ne Woche lang rumlaufen und jedes Viertel durchstreifen.“ Vielleicht nicht eine Woche, aber irgendwann sollte ich das wohl einmal tun.
A5 Format / erhältlich für „Freunde und Bekannte“
Freitag, 6. Januar 2023
La Cosa Nostra 33/34/35

Rezension
La Cosa Nostra
33/34/35
2022
200 S. + 600 S.
„La Cosa Nostra gegen dein Mobiltelefon“ dichtet Arne hier einleitend in einer Umdichtung von Guten Tag (Die Reklamation) der Wir sind Helden. In der Tat ist der Gegensatz zwischen der schnelllebigen, flüchtigen Handywelt und dem Eintauchen in die LCN-Fanzinewelt groß. Vor über einem Jahr sind die beiden Bände der LCN 33/34/35 erschienen und praktisch genauso lang habe ich gebraucht, um sie mit Unterbrechungen Stück für Stück zu lesen. Denn einfaches Drüberlesen der Texte und Durchblättern der Fotoseiten geht hier nicht. Man braucht Zeit dafür – aber es ist bestinvestierte Zeit. Erneut durfte ich zum glücklichen auserwählten Kreis zählen, der das „Rundschreiben an Freunde und Bekannte“ erhält.
LCN 33
Der Rückblick auf die Saison 2020/21 und die Hinrunde 2021/22 mit dem SSV Ulm beinhaltet neben Berichten von Spielbesuchen u.a. ein Interview mit den Ulmer Broken Society Ultras und persönliche Betrachtungen zum eigenen Zugang zum Thema 175 Jahre SSV Ulm 1846.
Ein dicker Brocken an Fanzine-Rezensionen fehlt hier auch nicht. Pointiert und mit klarer Meinung dazu, was gefällt und was nicht, wird hier rezensiert. Es ist auch wieder viel darunter, das ich nicht kannte. Mit Schwarzmalerei 7, dem Athleticker Gugl-Spezial und dem Kampanien-Buch Lo stile di vita ist auch etwas aus Österreich dabei. Dazu liest man über italienische Landeskunde, Turin, die Abruzzen oder ein Interview zur Geschichte der Verwendung der Freak-Brothers-Motive bei Ultrà Sankt Pauli.
Fußballreisen gab es in den Pandemiezeiten 2020 und 2021 trotzdem, u.a. nach Salzburg, auf einen Innsbruck-Trip mit einigen Eindrücken und Graffiti-Fotos oder zu Obermais. Eine wieder unglaubliche Menge an historischem Fanszenen-Hintergrundmaterial bietet ein Bericht zu Cattolica. Da durfte ich auch ein Foto zur Bebilderung beisteuern. Höhepunkt dieses Heftteils ist ein Besuchsbericht in Venedig samt sehr guten Interviews mit Guly (VM) und Tommaso (Rapid), Fotoseiten und einer deutschen Übersetzung des VeneziaMestre-Artikels auf pianetaempoli.it.
LCN 34/35
Spécial France. 362 Arbeitsstunden verzeichnen die Zahlenangaben für die Entstehung des Bandes, in dem über 20 französische Vereine, 27 Kurven und 40 Gruppen berichtet wird. Seitenzahlen gibt es wie üblich nicht. Mir selbst ist Frankreich fern, auch wenn ich es interessant finde. Ich war selten dort, weiß wenig und habe nie wirklich einen Bezug dazu gefunden. Italien hat mich hingegen stets fasziniert. Für die Ulmer Ultrà-Anfänge war das ganz anders: „Der Anschauungsunterricht dazu findet allerdings weniger in Italien als vielmehr in Frankreich statt.“ Die Erzählungen vom „Erweckungserlebnis“ lassen einen das Gefühl der ersten Schritte und Erfahrungen nachempfinden.
Die Lektüre des umfangreichen Blocks zu Olympique de Marseille fiel passenderweise mit einem sich mehr oder weniger zufällig ergebenden Besuch von mir in Marseille zusammen und schnell wurde mir bewusst, dass die Wissensfetzen, die ich zu Marseille hatte, nichts weniger als sträflich oberflächlich gewesen waren. Dasselbe gilt für PSG. Tiefgehend wird einem in mehreren Interviews die Geschichte und Vielfalt der einstigen Virage Auteuil, über die zuletzt schon viel in Erlebnis Fußball gelernt wurde, deutlicher. Dazu wurde auch das Bild des heutigen Collectif Ultras Paris für mich klarer. In Paris war ich noch nie. Mein Bild des Lebens in der Stadt hat das Buch Bienvenue en Banlieue Rouge geprägt. Es kommt hier auch zu Ehren und es gibt sogar ein Interview mit dem Autor. Das ist auch insofern bemerkenswert, als dieser Ultras ja distanziert gegenübersteht. Er äußert sich diesbezüglich hier aber nicht ausufernd und erklärt dafür Wichtiges zum Verständnis der Banlieues. Wie an den oben genannten Zahlen ersichtlich ist, gibt es hier noch sehr viel mehr als nur Marseille und Paris. Große und kleinere Kurven werden ausführlich vorgestellt. Auch hier macht die Faszination der LCN neben den Fotos das Eintauchen in die Interviews aus, die man sonst so nie kundig zusammengetragen und perfekt übersetzt lesen könnte. Es riesiger Haufen an aufbereiteten Informationen zum Kurvengeschehen und seiner Geschichte. Detektivstories wie jene vom OM-Fetzenverlust an Slovan Liberec in Prag 1991. Interessante Details zu deutschen Freundschaften nach Frankreich und wie sowas auch zu Ende gehen kann (OM-FCN). Stilistisch interessant ist es auch hier, auf eine „persönliche Lesereise in Stichpunkten“ mitgenommen zu werden – eine nicht ausgefeilte sondern in Notizform geschriebene Rezension des 25-Jahre-Buch der Magic Fans von AS Saint-Étienne („Verkauf nur an Mitglieder, Nummerierung etc. pp, was man eben so macht, wenn man nicht will, dass das Buch in ‚falsche‘ Hände gerät“) mitgenommen zu werden. Es erinnert an die einst gelernte, fast vergessene, aber eigentlich wertvolle Textsorte des Exzerpts. Die Anzahl von 73 Spielen, die ein Interviewpartner aus Münster in einem Jahrzehnt mit den Freunden von Girondins de Bordeaux gemacht hat, beeindruckt. Offenbar eklatante Wissenslücken wurden hier gefüllt, wie zu Caen, und gelernt, dass das Rückwärtshüpfen in Frankreich La Grecque genannt wird, und wann und wo das entstand. Engstirnigen Fußballfokus gibt es hier ja auch nie, sondern einen breiten kulturellen Blick, der Einflussfaktoren miteinbezieht. Man liest so von Le Corbusier, Punkrock oder Mikis Theodorakis. Ich wusste wenig von Frankreich. Ich weiß jetzt wohl immer noch wenig, aber doch einiges mehr.
A5 Format / erhältlich für „Freunde und Bekannte“
Donnerstag, 27. Mai 2021
La Cosa Nostra 31/32



Rezension
La Cosa Nostra
31/32 plus Japan-Special
2019/20
402 S. + 438 S. + 330 S.
Mit großem Respekt habe ich dieses Mammutwerk entgegengenommen und gelesen. Ich habe über das für „Freunde und Bekannte, Nostalgiker und Leute mit Vorliebe für alte Fotos mit zu niedriger Auflösung über ne ganze Seite“ gemachte Fanzine von Hauptautor Arne und den Supporters Ulm noch nie eine nicht beeindruckte und beeindruckende Rezension gelesen. Wenn ich bislang daraus Auszüge in Blickfang Ultrà lesen konnte, blieb ich stets begeistert über durchdachtes Niveau und thematische Tiefe zurück. Noch faszinierender ist das, wenn man nicht nur die inhaltliche Qualität sondern auch den schieren Umfang der LCN von rund 1.200 Seiten in drei Bänden im Wortsinn vor Augen hat.
LCN 31
Das erste ist das persönlichste der drei Bücher. Arne und Kollegen berichten von Spielbesuchen beim SSV Ulm. Es gibt doch recht viel Einblick in familiäre Umstände – „,Stellenweise fühle ich mich als Gastleser in deinem persönlichen Tagebuch‘ war eine Rückmeldung. Das ist es auch und jetzt wisst ihr warum und auch weshalb das Heft in Kleinst-Auflage bleibt.“) Neben den Spielberichten erfährt man etwas zum Rundum, etwa zum Spiel gegen Saarbrücken ein Interview mit dem Autor des dortigen Unterhausgroundhopping-Fanzines Haferbrei mit prägnanten Aussagen wie „Die Komplettierung des Saarlands ist für mich persönlich ein Lebenstraum.“ und liest emotionale Worte zum Spruchband „Glückwunsch zu 20 Jahren SU99“ beim Spiel am 3. März 2020.
Hefte, Bücher und Filme werden zahlreich rezensiert (u.a. Nachruf auf das Unterwegs) und von Fußballreisen in der Region sowie u.a. in Saudi-Arabien, in Portugal und Italien (das besuchte Spiel in Rom war übrigens nicht Champions League) ist zu lesen. In den Reiseberichten kommt es u.a. zu unerwarteten Exkursen über die Bukowina oder italienische Kriegsschiffe. Dazu gibt es Interviews mit Queerpass Bayern und 1951 Ideale & Leidenschaft aus Gera.
Arne hat fundierte Meinungen und äußert diese auch. Er spricht Probleme in Ulm an und gibt einen Hinweis, wie man das Zeitpensum von Familie, Gruppe, Arbeit und der Gestaltung dieses umfangreichens Fanzines schaffen kann. In den Fanzinerezensionen erkennt man kritische Haltung gegenüber oberflächlicher Groundhopper-Betrachtung („Das ist zwar das Heft eines Groundhoppers [...], aber die Berichte sind trotzdem gut geschrieben, über die besuchten Kurven steht auch was vernünftiges drin.“). Da fühlte ich mich ertappt. Denn auch bei mir steht das Stadion im Vordergrund, wenngleich mich die Kurven interessieren. Ansprüchen eines Ultras hinsichtlich der Betrachung von Feinheiten des Kurvengeschehens jenseits eines doch nur fernstehenden Blicks kann ich nicht dienen. Was ich gelernt habe: Aus Ahnungslosigkeit werden oft Bewertungen getroffen, die meist mehr von eigenem Unwissen als realem Geschehen zeugen. Daher verhalte ich mich da zurückhaltend. Aus Respekt vor der Macht und Wirkung des gedruckten Worts habe ich ja auch lieber einen Blog im flüchtigen Internetz.
Auch von anderen Personen gibt es prägnante Aussagen zu lesen. So in einem Interview mit Mirko O. (BFU, Polska Kibolska), der mich zum Nachdenken anregend zur Frage der persönlichen Vorliebe für italienische oder polnische Fankultur sagt: „Finde ich persönlich meist unnötig. Es geht schließlich nicht um Rankings über die Ländergrenzen hinweg, oder? Ich bin froh, dass es (noch) optische und akustische Unterschiede gibt. Ich kann auch die Kommentare à la ,Polen ist nicht so meins, ich mag lieber Italien‘ nicht mehr hören. Warum muss man das hervorheben? Kann man nur einen Stil mögen?“ Das brachte mich zu persönlicher Reflexion, gerade weil ich auch zu Italien tendiere. Mit dem Argument, dass es hier nicht um Rankings gehe, hat er mich angesprochen. Ich halte Rankings ohnehin in jeglicher Hinsicht für einen Irrweg. Es geht nicht um einen Wettbewerb und den damit einhergehenden sich immer weiter verbreitenden Zwang zu Entscheidungsfragen und beschränktem Schwarz-Weiß-Denken der Kategorie Daumen hoch / Daumen runter.
Lesenswert ist ein Rückblick in die Vergangenheit, wo anschaulich beschrieben und anhand Fotos nachvollziehbar gezeigt wird, wie und warum die Ultrabewegung in Ungarn in den 1990er Jahren und Anfang der 2000er Jahre auf einem anderen Niveau als in Deutschland befand und als Inspiration diente. Als hervorzuhebendes positives Beispiel der Gegenwart nennt Arne die Star-Wars-Choreographie von Ferencváros 2019, wo aus einem bekannten Motiv etwas Einzigartiges gezaubert worden sei. Es ehrt mich, dass dabei für den Abdruck im LCN meine Fotos dienen durften. Um das oben angesprochene Thema der Oberflächlichkeit nochmal aufzunehmen und eigene populärkulturelle Ahnungslosigkeit zu illustrieren, die später noch Thema sein wird: Ich schrieb damals in meinem Beitrag hier im Blog von „einem einem Motiv aus dem Science-Fiction-Film Star Trek“. Ich konnte das ungefähr zuordnen, aber mehr nicht. Ich machte mir keine Gedanken darüber. Es dauerte nur Minuten, bis ich nach Veröffentlichung per Nachricht auf meinen Fehler aufmerksam gemacht wurde.
Ich esse schon auch, aber Kulinarik ist nicht mein Schwerpunktgebiet: Im Feuilleton geht es in einem Bericht und Interview um ein „Maultaschenrestaurant“. Nie gehört, und auch nach Google-Suche: Sagte mir nichts. Ich bin und bleibe da wohl Banause. Wenn etwas abhelfen kann, dann Lektüre.
LCN 32
In der letzten Ausgabe hatte es 2020 eine Spezialausgabe über 34 italienische Gruppen gegeben, die in den letzten 50 Jahren Ultrà-Geschichte geschrieben haben. Vielfache Beachtung fand dies, da es in der ersten Corona-Lockdown-Phase im Frühjahr 2020 zum Download online gestellt wurde. Das Thema weiterführend widmet sich Arne hier eingehend den Kurven und Gruppen, zu denen die fachkundigen Gesprächspartner wenig beitragen konnten. „Sich etwas reinfuchsen“ nennt er das, wenn er eine unfassbare Menge an Material an Spielberichten, Fotodokumenten und beeindruckend gut lesbar übersetzten, inhaltlich hochspannenden jahrzehntealten Beiträgen aus dem Supertifo oder Büchern zusammengetragen hat, um Sanitarium Cremonese und Cremonese allgemein, Nucleo Sconvolti Cosenza und Fossa Lariana von Como zu portraitieren.
Spannend ist an den Supertifo-Übersetzungen der Abdruck der Seiten im Layout mit eingefügtem übersetztem Text. Eine sehr gute Idee, die den Zusammenhang und zeitgenössischen Esprit sichtbar macht. Die Ultrageschichte der Cremonese habe ich persönlich bedeutend unterschätzt, wie ich hier angesichts ihres Engagements gegen Pay-TV erkenne – als die ersten, die das Mitte der 1990er Jahren (!) als folgenschweren Antreiber der Entwicklung des modernen Fußballs erkannten und zum Thema von Protest machten. Beeindruckend ist die Fülle an zusammengetragenen Kurvenfotos, die auch sachverständig analysiert werden. Zu Cosenza waren im BFU 46 die Vorstellungen der Bücher von Tobias Jones und Domenico Scrivano samt Interview bereits zu lesen gewesen. Es ist noch einmal viel besser, dies hier im Gesamtzusammenhang von 94 Seiten textlicher und bildlicher Materialfülle über Cosenza zu lesen. Für mich war Cosenza schon zuvor ein Reisedesiderat. Das hat sich nunmehr noch verstärkt. Persönlich spannend ist es aber auch, mit welchem anderen Blick man selbst eine schon bereiste Station wie Como jetzt sieht, nachdem man all die Bilder hier gesehen und die Informationen gelesen hat. Man erkennt, wie oberflächlich man doch selbst war und ist.
Darüber hinaus gibt es noch viel weiteres aus bella Italia wie ein Interview zur Freundchaft von Campobasso mit FSV Frankfurt oder übersetzte Texte zur in I Furiosi prominent beschriebenen Schlacht nach der Begegnung zweier Sonderzüge von Milan und Sampdoria 1993.
Comics habe ich als Kind verschlungen, aber seither keinen Bezug mehr dazu. Weder mit Kunst-Expertise noch ausreichendem Blick für wesentliche Details der Ultrà-Welt ausgestattet, habe ich in LCN-Auszügen in BFU über mir bis dahin unbekannte Comics namens Freak Brothers und Corto Maltese und deren Bedeutung im Fußballzusammenhang erfahren. Hier wird mit Ranx ein weiterer Comic vorgestellt, der – wie an abgedruckten Fotos deutlich wird – wichtigen Niederschlag auf Symboliken von Ultras genommen hat ohne dass dies mir Banause ein Begriff gewesen wäre. Zur Ikonographie-Analyse ist hier viel von den Kurven von Cesena und Catania zu sehen und zu lesen. Ich gebe zu, dass mich diese Hintergründe mehr interessiert haben als der Anlass (besagte Comicfigur).
Im dritten Teil des Italien-Bands LCN32 werden Umstände zu einem für BFU geführten Interview mit Juve Stabia geschildert, das Interview ist zu lesen und es sind wiederum faszinierende übersetzte Texte und recherchierte Fotos abgedruckt. Dazu gibt es ein Interview mit Red Kaos aus Zwickau über ihre Freundschaft mit Juve Stabia. „Wenn ihr mich nach meinem persönlichen Highlight dieser Ausgabe fragt, dieses Interview ist es. Das ist reine Exklusivität.“ verspricht Arne darüber nicht zu viel.
„Aggregazione ist nicht nur ein Wort aus der Kurve. Unser ganzes Leben ist Aggregazione.“ ist im Interview mit Juve Stabia zu lesen. Was für ein Satz. Man kann hier viel lernen. Zu den Übersetzungen aus dem Italienischen gibt es hier so etwa ein Glossar, das einige geläufige Begriffe aus der italienische Ultrà-Sprache beleuchtet und erklärt, man werde sie hier „im Original behalten, weil die deutschen Übersetzungen entweder furchtbar klingen (,Brüderschaft‘) oder den Sinn nicht richtig transportieren.“ Eines der hier angeführten Beispiele ist das Wort Striscione, „weil der Begriff sowohl Zaunfahnen wie auch Spruchbänder bezeichnet“.
Japan Special
Ein Buch von 330 Seiten über ein Land, seine Gesellschaft und seine Fußballfankultur, von dem ich außer den üblichen historischen Grundkenntnissen zur geschichtlichen Entwicklung, den Kriegsverbrechen der 1930er/40er Jahre und dem Epochenbruch Hiroshima/Nagasaki nur medial vermitteltes Halbwissen (= Halb-Nichtwissen) hatte. Ausgangspunkt ist hier wieder einmal ein mir bis dato unbekannter Begriff: „Cyberpunk“. Das wird hier beschrieben als „einem sehr düsteren Subgenre des Science-Fiction“. Von den zehn genannten Film- und Serienempfehlungen dazu habe ich drei davon vor 25 Jahren als Jugendlicher wohl ohne nachhaltigen Eindruck gesehen, von zwei habe ich den Namen schon einmal gehört und fünf sagen mir nichts. Aus großer populärkultureller Ahnungslosigkeit kommend, lerne ich hier, dass die kritische Auseindersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen dieses Genre aus Ultrà-Perspektive spannend macht. Arne schildert einleitend seinen Zugang zu Cyberpunk und berichtet dann von seinen Eindrücken und Spielbesuchen in Japan 2013. Dazu gibt es weitere Spielberichte von Japanreisenden zu lesen.
Im Hauptteil erzählen – begleitet von umfangreichen abgedruckten Fotosammlungen – Experten: Ein europäischer Ultra von Gamba Osaka bietet einen Einblick, wie die japanische Gesellschaft funktioniert und die Menschen in ihr Leben (wie immer so perfekt in flüssige Sprache übersetzt, dass man erst am Textende bei der Quellenangabe erfährt, dass dies im Original aus dem Englischen stammt). Ein Japanologe spricht im Interview über soziale Bewegungen und Subkulturen. Ein aus Deutschland stammender Ultra bietet über die Fanszene Kashiwa Reysol einige Einblicke, welche die anders ausgeprägte Fankultur in einer anders als in Europa gestalteten Gesellschaft teils deutlich illustrieren (Sinn und Zwecks des Anstehens am Vortag am Stadion habe ich nicht nachvollziehen können). „Wenn ich in der Bundesliga bei jedem zweiten Verein die gleichen Gesänge mit anderem Text höre, finde ich im Vergleich dazu die J.League erfrischend bunt und kreativ.“ hält ein anderer aus Deutschland Stammender, den es in die Fanszene der Urawa Reds verschlagen hat, dem Vorhalt eines auf Kopieren aufgebautem Support in Japan entgegen.
Dazu wird hier ein weiteres Interview mit Kawasaki Kazoku aus dem Schalker Blauen Brief abgedruckt. Die angesprochenen zahlreichen Fotos aus unterschiedlichen Quellen sind teils etwa hinsichtlich des Zaunbehangs kommentiert und teils ohne Kommentar für das p.t. Publikum zur weiterführenden Analyse abgedruckt.
Die Exklusivität der LCN illustriert eine im Making-of genannte Zahl: Knapp 20% aller Leserinnen und Leser war mit Beiträgen am Heft beteiligt. Die drei Bände bieten eine wahrliche Fülle an Material sowohl für Text-Menschen, die gerne lesen, (zu der Sorte zähle ich mich) als auch für optisch orientierte Menschen, die aus dem Studium der Fotos vielfältige Schlüsse zu den Kurven ziehen können. Das wird deutlich, wenn hier nach seitenweise Kurvenfotos der Schüssel en passant erwähnt wird: „Die Aufnahmen vom Gästeblock finde ich Bombe. Schaut euch einfach an, wie sich der Mob zusammensetzt und achtet auch auf das, was sich an den Rändern abspielt.“ Derart talentiert und fachkundig bin ich selbst nicht. Gerade das macht LCN aber spannend. Ich hatte viel erwartet. Dies wurde noch deutlich übertroffen.
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