Mittwoch, 12. Mai 2021

I wer' narrisch! – Das Jahrhundert des Sports



I wer' narrisch!
Das Jahrhundert des Sports

13. März 2021 – 9. Jänner 2022
Sonderausstellung
Museum Niederösterreich – Haus der Geschichte
St. Pölten



Einem Jahrhundert österreichischer Sportgeschichte von den 1920ern bis in die 2020er Jahre widmet sich die Ausstellung im St. Pöltner Museum Niederösterreich.


Das Museum Niederösterreich wurde 1903 als Niederösterreichisches Landesmuseum in Wien (damals war Wien noch Teil Niederösterreichs) gegründet und zog 2002 im Zuge des Auszugs der niederösterreichischen Institutionen aus Wien ab 1997 in den Neubau im Landesregierungsviertel in St. Pölten ein. Nachdem es zunächst nur Natur- und Kunst-Sammlungen gab, wurde 2017 dazu das Haus der Geschichte Niederösterreich eröffnet. Hier habe ich zuvor die Dauerausstellung besichtigt habe. Daneben gibt es Raum für Sonderausstellungen wie diese.


Entrée


„Sport, wie wir ihn heute kennen, verbreitet sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weltweit.“ beginnt der einleitende Text der Ausstellung. In den 1920er-Jahren wurde Sport zu einem Massenphänomen. Die nach dem Sturz der Monarchie in der 1918 gegründeten Republik von der Sozialdemokratie durchgesetzte Kürzung des Arbeitstags auf acht Stunden brachte den Menschen Freizeit. Das neue Medium Radio und das Massenmedium Zeitung popularisierten Sportwettkämpfe. Das besondere daran: „Die Sportbegeisterung geht weit über die Athletinnen und Athleten hinaus.“ Dieser Entwicklung widmet sich die Ausstellung.


Der Eingang zur Ausstellung führt durch einen Tunnel wie in Stadien und aus Lautsprechern ertönen beim Durchschreiten Töne eines Stadionpublikums. Dazu sollen zum Abklatschen ausgestreckte (Plastik-)Hände wohl das Gefühl des Einlaufens in ein Stadion vermitteln. Show. Wem's gefällt. Aus hygienischem Gesichtspunkt des Lebens in der Pandemie erschien mir das Hände-Abklatschen fragwürdig. Ich habe es jedenfalls unterlassen.


Die erste Station widmet sich dem Turnen als Ausgangsbasis der Sport-Entwicklung und seiner gesellschaftlichen Rolle. „In der Industriegesellschaft gilt es fit zu sein für die Fabrikarbeit, aber auch für das Militär.“


Blick in die Ausstellung


Radfahren


Interessante Stücke zum Thema Doping, u.a. der mit Testosteron, Amphetamin, Strychnin und Aufputschmittel gefüllte Medizinkoffer des Radsportlers Alfred Kain bei der Tour de France 1954 und 1955.


Sport war nie nicht politisch. Bis zum staatlichen Verbot der Sozialdemokratie nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung gegen die Beseitigung der Demokratie durch den Austrofaschismus im Februar 1934 hatten sich in der Ersten Republik getrennte Verbände und Vereinswelten ausgebildet. „Auf der einen Seite der ,bürgerliche‘ Sport – mit der Olympischen Bewegung –, auf der anderen der Arbeitersport. Dieser kritisiert die Ausrichtung des ,bürgerlichen‘ Sports an Höchstleistungen und seine Kommerzialisierung. Umgekehrt wird die Anbindung an die Sozialdemokratische Arbeiterpartei kritisiert.“


1887 führte der deutschnationale Erste Wiener Turnverein einen sogenannten Arierparagrafen in seinen Statuten ein, der Jüdinnen und Juden die Mitgliedschaft verbot. Im folgenden halben Jahrhundert taten dies zahlreiche weitere Vereine und Verbände, vom Alpenverein bis zum Österreichischen Schiverband ebenso. Nach der Machtübernahme der Nazis 1938 wurde Jüdinnen und Juden die Beteiligung am Sport als Aktive oder als Zuschauerinnen und Zuschauer auch vom Staat verboten. Jüdische Sportvereine wurden geschlossen und ihr Besitz geraubt. Ein Thema der Ausstellung ist in diesem Zusammenhang der seinerzeit berühmte Wiener Sportarzt und FAK-Präsident Emanuel „Michl“ Schwarz, der flüchten musste.


Die Aufrechterhaltung des Sportbetriebs auch im Krieg war den Nazis aufgrund der systemerhaltenden Wirkung auf die Bevölkerung wichtig. Am 22. Juni 1941, der sich heuer zum achtzigsten Mal jährt, überfiel am Morgen die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion und wenige Stunden später fand im Berliner Olympiastadion mit dem Finale um die deutsche Meisterschaft das wichtigste Fußballspiel des Landes statt. In einem der legendärsten Spiele der Vereinsgeschichte gewann Rapid gegen Schalke 04 nach 0:3-Rückstand noch mit 4:3. Der Matchball ist eine Leihgabe des Rapideum.
Im Hintergrund ein Wimpel der Admira zum Gauliga-Meistertitel 1938/39 (diese Titel werden nach 1945 vom ÖFB als österreichische Meistertitel gewertet), mit dem sie sich für die Endrunde um die deutsche Meisterschaft qualifizierte. Sie erreichte das Finale, verlor dort aber gegen Schalke mit 0:9.


Thema Frauen und Fußball und die jahrzehntelangen Widerstände dagegen. Erst 1982 anerkannte der ÖFB den Frauenfußball.


Blick in die Ausstellung


Ein Bereich widmet sich Fans. Transparent der Freund_innen der Friedhofstribüne des Wiener Sport-Club „Homophobie die rote Karte“


Eine meines Erachtens eher zweifelhafte Aktion des Fanprojekts von Borussia Mönchengladbach, in der Corona-Pandemie nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Geisterspielen im Frühjahr 2020 Pappkarton-Figuren von Fans im Stadion aufzustellen. Begeisterung dafür kann ich nicht nachvollziehen. Ein österreichisches Onlinemedium hat eine ähnliche Aktion durchgeführt.


Fußball-Sammelalbum aus den 1930er Jahren. Die Bilder waren mit Schokoladepackungen zu kaufen.


Ein Meilienstein der Rapid-Fangeschichte, der normalerweise in der Dauerausstellung des Rapideum zu sehen ist: „1969 sehen Rapid-Fans bei einem Europacup-Spiel ihrer Mannschaft gegen Manchester United, wie vor dem Stadion des englischen Klubs Wollschals in Vereinsfarben verkauft werden. Sie erwerben ein Exemplar und stricken nach diesem Vorbild den ersten Rapid-Schal.“


Andere Fankulturen.


„Fußball ist von Beginn an ein Zuschauersport.“ Sitzbank von der Pfarrwiese und Sessel aus dem Hanappi-Stadion.


Bild des St. Pöltner Voithplatz mit seinem Graben, der als bauliche Innovation der 1980er Jahre anstelle der damals vorgeschriebenen Spielfeldumzäunung auch in den unteren Reihen freie Sicht ermöglichte. Das Foto ist aus dem Jahr 2012. Im Jahr 2016 wurde der Sportplatz geschlossen.


Bild aus einem der Wohnhäuser der Kainzgasse in Wien-Hernals, die logenartigen Blick auf den Sportclubplatz bieten.


Einem Flutlicht kommt man normalerweise nicht nahe. Daher ist es bemerkenswert, hier in der Ausstellung zu sehen, wie groß eine einzelne Lampe ist. Ebenfalls vom Wiener Sportclubplatz (ein Kurator der Ausstellung ist der Historiker Bernhard Hachleitner, ehemaliger Vorsitzender des Vereins der Freund_innen der Friedhofstribüne).


Fußballschauen im Wiener Praterstadion 1961


Motorsport


Interessantes zur Südstadt, wo in den 1960er Jahren „eine Sportcity nach US-Vorbild“ als Betriebssportzentrum gemeinsam mit der Zentrale des niederösterreichischen Landesenergieversorgers NEWAG-NIOGAS (heute EVN) und einem ganzen eigenen Wohnviertel für die Firmenangehörigen errichtet wurde. Die Formulierung „Mit der Eröffnung 1967 übernimmt der Bund die – für den Firmenverein überdimensionierte – Sportanlage in seine Verwaltung.“ übergeht elegant, dass zuvor 1966 im bis zum FPÖ-Rosenstingl-Skandal 1998 größten niederösterreichischen Korruptionsskandal der Projektbetreiber, der NEWAG-NIOGAS-Generaldirektor und ÖVP-Politiker Viktor Müllner, zurücktreten musste. Er wurde 1968 zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er 46 Mio. Schilling aus Landeseigentum veruntreut und der ÖVP zugesteckt hatte.


Modell im Maßstab 1:500 mit Ansicht des Fußballstadions und der Herma-Bauma-Leichtathletikanlage. Ein Gemälde im Südstadt-Ausstellungsteil zeigt die Speerwurf-Olympiasiegerin von 1948 Herma Bauma, die als Sportfunktionärin 1967 bis 1977 die erste Leiterin des Sportzentrums Südstadt war.


1966 entwurzelte der Sponsor NEWAG-NIOGAS den amtierenden österreichischen Meister Admira (mit Sponsornamen Admira Energie aus Wien-Floridsdorf und siedelte ihn in seiner neugebauten Südstadt außerhalb Wiens an. Dort stand der Verein dann aber nach dem Finanzskandals des Geldgebers (siehe oben) blank da und fusionierte 1971 mit der Wacker aus Wien-Meidling zu Admira Wacker.


Wintersport


Radio und Fernsehen haben die Sportwahrnehmung geprägt. Zu hören sind Ausschnitte aus Länderspiel-Übertragungen und der legendären Radiosendung Sport und Musik aus dem Jahr 1988. Manfred Payrhuber moderiert im Studio. Gerald Saubach berichtet von 1.500 unzufriedenen Zuschauerinnen und Zuschauern in der Gruabn beim Spiel von Sturm Graz gegen den Wiener Sport-Club.


Bis in die 1970er Jahre prägte das Radio die Live-Sportberichterstattung. Dann übernahm das Fernsehen bis zum Aufkommen des Internetz die mediale Hohheit. Ausschnitte aus einem ORF-Vorbericht über die Austria Salzburg vor dem UEFA-Cup-Finalrückspiel bei Inter 1994 mit Szenen von Otto Barić beim Spaziergang in der Innenstadt von Mailand und von Anhängern mit typischer Kopfbedeckung am Domplatz.


Blicke in die Ausstellung

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