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Donnerstag, 8. März 2012

Die Mannschaft ohne Eigenschaften


Rezension


Harald Irnberger
Die Mannschaft ohne Eigenschaften
Fußball im Netz der Globalisierung
Salzburg/Wien 2005 (Otto Müller Verlag)
488 S.






Der 2010 verstorbene Journalist und Schriftsteller Harald Irnberger legte mit diesem Buch ein Opus magnum vor, eine streitbare Philosophie des Denkens über Fußball in heutiger Zeit.
Irnberger wurde 1949 in Kärnten geboren, verbrachte die siebziger Jahre im Wiener linken Umfeld, erkundete als Reporter die Welt von Asien bis Südamerika und lebte zuletzt in Spanien, wo er als Korrespondent des Kicker tätig war. Aus seiner österreichischen Herkunft stammte wohl seine Vorliebe für Robert Musil, die nicht nur im Buchtitel erkennbar ist. Jedem Kapitel des Buchs ist ein passendes Musil-Zitat voranstellt.

Irnbergers Herangehensweise an die Thematik einer Vermessung des modernen Fußballs ist die These vom „Fußball als kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“ (er entlehnt dies einem Aphorismus Friedrich Hebbels über Österreich). Dabei versucht er, „das Wesen des Fußballs anschaulich zu machen“, indem er „von den bekanntesten Figuren und Protagonisten des Fußballs“ erzählt: „Von Happel und Menotti, von Di Stefano und Pelé, von Cruyff und Beckenbauer, von Maradona und Netzer, von Zidane und Ronaldo, Ronaldinho und Eto'o.“
Dies alles als Teil eines großen ganzen: „Dabei wollen wir vor allem über Fußball reden, doch dabei nicht vernachlässigen, was alles mit Fußball verknüpft ist: Politik und Geschäft, Macht und Einfluss, Medienspektakel und Cäsarenwahn...“. Sehr spannend ist hier zum Beispiel Irnbergers fundierte Analyse des Marketingprojekts der Galaktischen von Real Madrid Anfang der 2000er Jahre, seines anfänglichen Erfolgs unter Vicente del Bosque und die Gründe des Scheiterns in Funktionärshybris.

Ein Herzensanliegen ist Irnberger der technische, spielerische Fußball. Mit den ominösen „deutschen Tugenden“ von „Zweikampfverhalten“ und „Laufbereitschaft“ kann der hispanophile Irnberger nicht nur nichts anfangen, sondern er sieht das Hochhalten des Fußballarbeitens anstelle des Fußballspielens geradezu als Grundübel. Er kontrastiert dies an zwei deutschen Spielern, die im Heimatland wenig geschätzt wurden, da sie Fußball nicht als Dauerlauf und Blutgrätschen, sondern als Kreativspiel verstanden, nämlich Günther Netzer (verbrachte die WM 1974 auf der Bank sitzend) und Bernd Schuster (sah man als Hampelmann statt als Fußballkönner). Sie wurden beide demgegenüber in Spanien hochverehrt. Harsch kritisiert Irnberger Franz Beckenbauer, der als Spieler mit Hirn agierte, aber als Trainer, Funktionär und dampfplauderndes Aushängeschild die Kleingeistigkeit beförderte. Die wenig später, nach Erscheinen des Buches, zu Tage getretene Kulturveränderung in der deutschen Nationalmannschaft und manchen von jungen Trainerpersönlichkeiten geprägten Vereinen bestätigt Irnbergers Ansicht, daß das Übel nicht an einem spezifisch deutschen Spielverständnis oder Nationalcharakter lag, sondern an kleingeistiger Führungsriege.

Manchmal führt Irnberger seine Hochschätzung eines offensiven, spielerischen Fußballs gegenüber einem taktisch geprägten zu etwas zu gewagten Schlüssen, etwa wenn er Italien mit der spanischen Fußballkultur vergleicht und meint „Ein Zidane oder ein Ronaldo kehrten diesem Land nicht den Rücken, weil ihnen in Spanien mehr Geld geboten wurde. Sie gingen, weil sie endlich wieder richtig Fußball spielen wollten.“ Das würde ich nicht unterschreiben, zumal Zidane bei Real Madrid zwar besser zur Geltung kam als bei Juventus, Ronaldo aber in die italienische Spielweise von Inter besser hineinpaßte.

Johan Cruyff und vor allem César Luis Menotti sind Irnbergers Leitfiguren.
An Menottis Verständnis von kreativem, Neuem aufgeschlossenem und flexiblen linkem und starrsinnigem, defensiven rechtem Fußball orientiert Irnberger sein Idealbild des Fußballs. Er versteht dies nicht starr, wie Menotti oft mißverstanden wird, sondern inhaltlich:
„Nicht wie sich jemand definiert ist entscheidend − sondern wie er agiert. Es ist, beispielsweise, überaus zweifelhaft, ob man Ernst Happel ,eine linke und emanzipatorische Gesinnung attestieren konnte − doch er war in der Praxis als Spieler wie als Trainer eindeutig der Repräsentant einer Fußballkultur, die wahrscheinlich nur mangelhaft deutschen Reinheitsgeboten, sehr wohl aber weithin Menottis Vorstellungen vom ,linken Fußball entsprach.“

In einer Tour d'horizon durch den modernen Fußball glänzt Irnberger mit harten und scharfzüngigen Analysen. Seinen Einschätzungen muß man nicht immer zustimmen, manchmal liegt er im Rückblick aus dem Jahr 2012 mit seiner Meinung aus dem Jahr 2005 auch falsch, lesens- und bedenkenswert sind seine pointierten Ansichten jedenfalls immer.

Donnerstag, 14. April 2011

Ballesterer 61


Rezension



Ballesterer fm
Nr. 61, April 2011
66 S.






Der Geschichte des Catenaccio widmen Reinhard Krennhuber und Jakob Rosenberg die Titelgeschichte der Aprilausgabe des Ballesterer. Der Catenaccio wurde zu der italienischen Fußballtaktik schlechthin, das Wort wird aber oftmals stereotyp und mißverständlich für den italienischen Fußball als ganzes gebraucht. Das Spektakuläre an der defensiven Spielanlage ist ja das Element des schnellen Konters. Die Autoren erwähnen in ihrem Text das hervorragende Buch Calcio von John Foot und beziehen sich auf den stilprägenden italienischen Journalisten Gianni Brera, an den hiesige Epigonen trotz Bemühen um ähnliche Dimensionen an Scheuklappennationalismus, wirren Gedankengängen, Freunderlwirtschaft und Nutzung medialer Macht zur sportlichen Einflußnahme allerdings in Bezug auf Fußballsachverstand nicht heranreichen. Zurück zum Catenaccio: Der Artikel ist sehr gut recherchiert, informativ und lesenswert.
Über cooperativa muratori & cementisti habe ich durchaus geschmunzelt.
Über ein Interview mit Markus Schopp als Begleitung zum Titelthema war ich zunächst skeptisch. Doch das Gespräch ist spannend zu lesen. Die Portraits von Defensivkünstlern aus der österreichischen Trainerzunft wußten ebenfalls zu gefallen.

Weiters präsentieren Jakob Rosenberg und Georg Spitaler im Heft Ergebnisse ihrer Studie über Rapid in der NS-Zeit. Dazu gibt es auch ein Interview mit Rapid-Präsident Rudi Edlinger.
Als Spin-off einer spannenden Diskussionsveranstaltung in der Wiener Hauptbücherei über die Entwicklung der Ultras am 24. Februar (Podcast) gibt es ein Interview mit dem Protagonisten der Diskussion nachzulesen, dem Fiorentina-Ultra Domenico Mungo. Der Mann hat was zu sagen.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

11 Freunde, 109


Rezension


11 Freunde
Magazin für Fußballkultur
Nr.109, Dezember 2010
130 S.






Simon Kuper sinniert über die Veränderung des holländischen Fußballs zwischen dem Anspruch, gewinnen zu wollen, der zur − zudem erfolglosen − an Körperverletzung grenzenden Treterei im WM-Finale 2010 gipfelte, sowie dem Anspruch des schönen Spiels, wo mittlerweile die spanische und sogar die deutsche Nationalmannschaft (?) holländischer spielten.

Christoph Biermanns Spin-off seines Buchs Fußball-Matrix, die Titelgeschichte über sportwissenschaftlichen Vergleich von Fußball einst und jetzt, fand ich mäßig spannend. Unklar blieb mir überdies die untenstehende Grafik. Aus den Balken ergibt sich nicht die Aussage das Spiel wird immer schneller, sondern ergäbe sich die Aussage, daß die Spielgeschwindigkeit (der Deutschen bei WM-Turnieren) schwankt. Die Basis des roten Strichs des heute-Durchschnitts erschließt sich mir ebenfalls nicht. In einer anderen Grafik gilt heute für 2002−2010, doch dafür wäre das hier doch zu hoch angesetzt?


Beim Nostalgieinterview mit HSV-Legende Uwe Seeler hat man irgendwie das Gefühl, das alles schon mehrmals gelesen zu haben. Aber gut, das Wiederholen und Erinnern ist wohl der Sinn der Sache.

Freitag, 6. August 2010

Ballesterer 54


Rezension


Ballesterer fm
Nr. 54, August 2010
66 S.







Ein sehr empfehlenswerter Titelschwerpunkt über das, was Trainer ausmacht. Hans Georg Egerer beleuchtet "Führungsstrategien" und Arbeitsauffassung österreichischer Bundesligatrainer. Seine Mischung aus Reportage von Trainingsbeobachtungen und Reflektierung durch einen Organisationspsychologen sollte in der Trainerausbildung zu erörternde Pflichtlektüre werden − und zwar rückwirkend.
Warum ist Mattersburg eine so undisziplinierte Mannschaft? Trainer Lederer läßt Primadonna Ilčo Naumoski an der langen Leine, was Autorität und Disziplin allgemein untergräbt.
Raphael Gregorits und Emanuel Van den Nest kontrastieren in einem weiteren interessanten Artikel den arbeitsaufwendigen Stil der variablen, aber strengen taktischen Konzepte von José Mourinho mit Modellen der Selbstorganisation.

Dazu gibt's was über die Heldengeschichte von Spartak Moskau oder Herwig Drechsel in Ried. Drechsel zählte "über Jahre zu den besten Mittelfeldspielern Österreichs"? Naja, gut, aber dazu zählte dann auch Arnold Wetl.

Amüsant ist Dominik Sinnreichs Gegenüberstellung der Kommunikationspolitik von Nordkorea und der FIFA bei der WM. "Beide legen in Krisensituationen eine Öffentlichkeitsarbeit an den Tag, von der der Vatikan und BP noch lernen könnten". Ungünstige Realität wird einfach negiert. "In Nordkorea wurde nach dem 0:7 gegen Portugal nicht mehr berichtet − fröhliche Arbeiter wurden im TV gezeigt. Auf der FIFA-Homepage fehlt in den Matchberichten zu Deutschland gegen England und Argentinien gegen Mexiko bis heute ein Hinweis auf die Fehlentscheidungen."

Im Übrigen sind die Farbtöne der Bilder der drei Trainer am Titelblatt furchtbar verzerrt. Vor allem die rötlichen Pacult und Stevens sind ja nicht zum anschauen.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Die Fußball-Matrix



Rezension


Christoph Biermann
Die Fußball-Matrix
Auf der Suche nach dem perfekten Spiel
Köln 2009 (Kiepenheuer & Witsch)
255 S.





Christoph Biermann nimmt die "Suche nach dem perfekten Spiel" ernst und fußt sein Buch auf gründlicher Recherche sowie den Erfahrungen und Ansätzen von vielerlei Gesprächspartnern. Vom "Milan Lab" bis zu professionellen Wettern. Angleitet von US-amerikanischen Beispielen führt er zunächst vor Augen, wie die technische Entwicklung den Profifußball bereits prägt. "Videoanalyse und Videoschulung verändern den Fußball nachhaltig. Das Bewusstsein dafür, was richtiges und was falsches Verhalten auf dem Platz ist, wird den Spielern durch die Bilder deutlicher. Und es verstärkt den Stil, dass die meisten Mannschaften inzwischen defensiv gut organisiert sind und gut umschalten". Er nennt dabei auch Fußball-Computerspiele, die Erfahrungswelt und Wahrnehmung des Spiels beeinflussen. Da ich von Computerspielen nicht die leiseste Ahnung habe, war ich schon sehr erstaunt, als ich kürzlich zuschauen konnte, wie mehrere Leute ein solches Fußballspiel am Bildschirm gegeneinander ausgetragen haben. Hatte keine Vorstellung davon, wie und was das ist. Den Reiz verstanden hab' ich nicht, aber da dürfte ich wohl allein sein.

Eine zweite Ebene sind die Zahlen einer professionellen statistischen Spielanalyse, wie sie mittlerweile von verschiedenen Unternehmen für große Vereine erstellt oder von eigens angestellten Analytikern gemacht werden. "Ich glaube zwar nicht, dass man das ganze Spiel auf Zahlen reduzieren kann, aber sie geben dir eine bessere Sicht auf die Parameter, die wirklich wichtig sind", zitiert Biermann Arsène Wenger.

Den Fußball wissenschaftlich analysieren, um ihn auf empirischer Grundlage anstatt auf Instinkt und Trial and Error aufbauen zu können. Das ist Biermanns Anliegen. Hierbei fehlt es aber schon bei den physischen Grundlagen: "Noch immer gibt es keine gesicherten Standards, wie man Fußballprofis in einen optimalen körperlichen Zustand versetzt. Umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Fußball seit neun Jahrzehnten ein Gegenstand der Sportwissenschaft ist. Doch selbst heute noch gibt es deutliche Unterschiede im Trainingszustand von Profiteams." Die Frage, ob holländisches Fußballtraining durch Fußballspielen, modische Gymnastikübungen oder doch das seit Jahrzehnten gepflogene Berg- und Waldlaufen die beste Fitness für den Fußball, die richtige Mischung aus Ausdauer und Spritzigkeit, verschafft, bleibt trotz Fortschritten in der Leistungsdiagnostik offen. "Um den Platz zu laufen ist eine gute Alternative, wenn der Trainer nicht coachen kann." läßt Biermann Guus Hiddinks Fitnesscoach Raymond Verheijen Konditionsarbeit mit dem Ball erklären: "Der Trainer ruft nicht 'Kämpf! Lauf! Hau dich rein!', wenn die Spieler in den letzten zehn Minuten nachlassen. Er gibt fußballspezifische Anweisungen: 'Umschalten! Press! Freilaufen! Draufgehen!' Er coacht nicht Motivation, sondern Fußball. Aber dazu muss man das Spiel lesen können, und dazu sind nur wenige Trainer in der Lage." Klingt zugegebenermaßen überzeugend. Auch wenn die Physis nicht alleine Spiele entscheidet, ein wichtiger Baustein ist sie jedenfalls..

In Fragen der Taktik gibt es Biermann zufolge "inzwischen so etwas wie eine Generaltaktik fürs erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Sie besteht darin, die eigene Offensive ausschließlich von der Defensive aus zu denken. Man versucht, dem Gegner bei dessen Spielaufbau den Ball abzuluchsen und ihn dann auszukontern." Auch wenn es nicht so ist wie beim Schach, wo es ausgefeilte Theorien des Spiels gibt. Am Beispiel der norwegischen Nationalmannschaft der 1990er Jahre zeigt Biermann wie die Theorie falsch sein, aber trotzdem die Praxis stimmen kann.

Wo die Zukunft des Profifußballs liegt, da ist sich Biermann sicher: "Die inzwischen auf breiter Basis durchgesetzte Videoanalyse hat das Bewusstsein der Spieler für das eigene Tun verschärft. Die Digitalisierung, die Möglichkeit von Statistikanalyse und die Wahrscheinlichkeitsrechnung mit den Daten werden die Entwicklung des Spiels stark beeinflussen. Sie sind Teil einer längst noch nicht abgeschlossenen Entwicklung im Fußball, bei der sich das Spiel von einem der Meinungen in eines des Wissens verändert."
Doch trotz aller Annäherung an das perfekte Spiel wird die Suche danach nicht aufhören. "Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos. Das muss man aushalten können, wie im wahren Leben."

Mittwoch, 19. November 2008

Ballesterer 37



Rezension


Ballesterer fm
Nr. 37, November 2008
66 S.






Das Foul. Der Arzt Wolfgang Pennwieser schreibt in seiner Titelgeschichte (eine schöne Melange aus Literatur-, Fußball- und Foulgeschichte) über die Veränderung des Foulverhaltens mit dem Wechsel der taktischen Systeme, vom 3-5-2 zum 4-4-2 und damit von der Mann- zur Raumdeckung:
"So macht es einen Unterschied, ob der Verteidiger seinem Gegenspieler über den gesamten Platz hinterherläuft, oder ob er den Angreifer in seinem Raum stellt. Manndeckung bedingt ein Attackieren und folglich auch ein Foulen des Gegners von der Seite oder von hinten. Bei der Raumdeckung treffen die Gegenspieler hingegen frontal aufeinander. Auswirkungen hat dies auch auf die Art der Verletzungen: Kopfweh, Kreubandrisse, Nasenreiberl und Sprunggelenksverletzungen sind typische Blessuren der Raumdeckung. Weitgehend vorbei ist die Zeit der Paarläufe und der Unterschenkelbrüche durch laterales Einsteigen."

Dazu gibt es ein Interview mit Robert Pecl - zu Recht, er ist ja wohl die Koryphäe zum Thema. Eine Legende. Wie er 1995 den Pokal in der Hand gehabt hat, war schon sehr emotional. Aber zurück zum Thema: Sehr interessant ist noch ein Artikel über die "Hardmen" des österreichischen Fußballs: vom ersten Spiel, das 1897 nach dem Schlüsselbeinbruch eines Vienna-Spielers abgebrochen wurde bis zu "Mad Dog" Pogatetz. Ziemlich unsympathisch Andoni Goikoextea, der die Schuhe, mit denen er Maradona 1983 den Knöchel zertrümmert hat, in einer Glasvitrine in seinem Wohnzimmer aufbewahrt.

Eigentliches Highlight der Ausgabe sind aber die historischen Artikel: Über Pepi Bican, Legende von Rapid sowie Slavia Prag aus den 1930er und 1940er Jahren, zu dessen 95. Geburtstag eine tschechisch-österreichische Delegation sein Grab besuchte (darunter u.a. Radek Bejbl). Über Wacker Wien und dessen Legende "Turl" Wagner. Über das legendär harte Spiel von Simmering in den 1950ern.

Martin Schreiner teilt mein Urteil über John Foots Buch über die Geschichte des italienischen Fußballs und rezensiert es sehr positiv. Er hat sich die unter dem Titel Winning at All Costs. A Scandalous History of Italian Soccer erschienene amerikanische Ausgabe vorgenommen und kritisiert, daß dieser "fälschlicherweise eine rein skandalbezogene Aufarbeitung der Geschichte des Calcio" insinuiere. Stimmt, aber der Titel der englischen Originalausgabe, Calcio. A History of Italian Football, tut dies nicht.

Sonst gibt's noch Interessantes über Feyenoord und Panathinaikos. Ich kann mich an die monatliche Lieferung gewöhnen.

Mittwoch, 13. August 2008

Ballesterer 35



Rezension


Ballesterer fm
Nr. 35, August/September 2008
66 S.






Der Ballesterer-Schwerpunkt dreht sich diesmal um Taktik. Reinhard Krennhuber fängt in seinem historischen Taktiküberblick da gleich mal mit den Grundlagen an, dem bibelparaphrasierenden "Am Anfang war das Chaos.". Also vollständig: Εν αρχή ην το χάος, και το χάος ην προς τον θεόν, και θεός ην το χάος. Wobei χάος (Chaos) ja in meinem Gemoll als weiter Raum übersetzt wird. Somit meint "Am Anfang war das Chaos." ja eigentlich "Am Anfang war der Raum." Das wäre auch kein falscher Einstieg in die Tour d'horizon durch die Spielsysteme gewesen.
P.S.: Und wer der θεός, der Fußballgott, ist, steht ja auch außer Frage: Also lautet der Leitsatz, als Schlußpunkt der Krennhuber-Exegese "Am Anfang war der Raum, und der Raum war bei Steffen Hofmann, und der Raum war Steffen Hofmann."

Aber genug der überdrehten Sophisterei ;-). Neben dem Eingangsartikel gibt es auch noch einen sehr lesenswerten Text von Dominik Sinnreich über den Totalvoetbal von Ajax und Holland in den 1970ern. Schade nur, daß immer Frenkie Schinkels als österreichischer Holland-Experte für eh alles firmiert. Er ist ja witzig, aber mehr? Macht auf jeden Fall Lust, das nur angelesene Buch von David Winner wieder beizeiten zur Hand zu nehmen.

Am eindringlichsten im Heft ist die prägnante Schilderung von Didi Kühbauer über die taktische Ausbildung und Formation bei der Admira und Rapid in den 90ern: "In der Abwehr standen ein Libero mit gutem Auge und daneben zwei Menschenfresser. In der Mitte ein Zehner für das Kreative plus sein Wasserträger und auf den Seiten zwei Traber, die wie verrückt gelaufen sind. Vorn dann noch die Knipser", beschreibt Kühbauer das gängige 3-5-2. Taktische Feinheiten und Systemschulungen standen nicht auf dem Trainingsplan, auch später bei Rapid beschränkte sich Trainer Ernst Dokupil öfters auf ein eindringliches: "Macht's euer Spiel, Burschen!" So unglaublich es heute klingt, aber das war state of the art der 1990er, immerhin einer Meister- und Europacupfinalmannschaft. Also beileibe nicht anekdotisch zu sehen, so anachronistisch es heute auch wirkt. Aber wie Wolfgang Pennwieser sarkastisch als Defizit von hiesigem Fußball und v.a. der Fußballberichterstattung feststellt: "In Österreich hat das Spielsystem keine Bedeutung. Stattdessen sind Herzblut, Leidenschaft und Wetter entscheidend."

Sonst gibt's noch interessante Hintergründe über den Ried-Spieler und -Fan Andreas Bammer, über den Mensch hinter dem Fußballer Charles Amoah (bei St. Gallen ein Held, bei Sturm Graz unvergeßlicher Millionenflop), über den Aufstieg des Liechtensteiner Vereins FC Vaduz in die höchste Schweizer Liga (darüber auch unlängst in WSC), über Nanni Balestrini - und darüber, daß die Chiffre Córdoba nicht nur für einen Länderspielsieg steht, sondern v.a. auch für Folter und Tod in einer grausamen Militärdiktatur. In der verdienstvollen Vereinsnamen-Serie geht's diesmal um den Namen Viktoria; die Wiener Viktoria wird erwähnt, die Viktoria Bregenz nicht. In der sich gut entwickelnden Abschlußrubrik Nachspielzeit gibt's noch einen historischen Zeitungsbericht über das 7:0 des Wiener Sportclub gegen Juventus im Europacup 1958.

Der größte Lacher im Heft: Reaktionen aus der Provinz anläßlich einer Tormusik-Auflistung: "Ratlosigkeit erzeugte die ballestererfm-Anfrage in St. Pölten. Eine kurze Umfrage im Sekretariat ("Tormusik? Hamma so was? - "Was soll des sein?") ergab, dass die jubelnden Zuseher die einzige Geräuschkulisse nach einem Tor sind. "Sogns eana, se soin amoi Tore schiaßn", meinte wiederum der Präsident des FC Vöcklabruck, nachdem er seiner Pressesprecherin das Telefon entrissen hatte." Letztere haben mittlerweile getroffen, mögen sich aber erstere weiter der modernen Tormusik (Altach spielt einen Werbejingle auf seinen Sponsor!) verweigern.

Freitag, 27. Juli 2007

When Saturday Comes, 246


Rezension


When Saturday Comes
The Half Decent Football Magazine
Issue 246, August 2007
46 S.






Ein Bericht der August-Ausgabe von WSC widmet sich anläßlich von Adrian Goldbergs Film Manchester Disunited and other football feuds dem FC United of Manchester, der als Fanprojekt aus Protest gegen Verkommerzialisierung von Manchester United anläßlich dessen Übernahme durch den Amerikaner Glazer 2005 gegründet worden ist. Trotz Erfolge in der Unterklasse haben sie damit Man Utd natürlich nicht erschüttern können - The fact is that the refuseniks, though growing in number, are still a minority subculture. "If [the Glazers] supply the money and let Fergie buy who he wants," shrugs one southern-accented Old Trafford loyalist, "then that's it, innit?" WSC-Autor Pete Green meint This need not remain the case. While the iniquities of the Premiership and its parasites are now well documented, football journalism is ripe for a killer text that explicitly links the ruination of our game to the devastating logic of the global free market. Das würde mich zwar wundern, aber sehr freuen. Doch glauben kann ich's nicht.

Schön eine Geschichte über die Rückkehr von Antonín Panenkas Bohemians Prag in die erste Liga und eine über das spanische Cupfinale.

Ein arges Déjà-vu hatte ich bei der Geschichte Grame of Truth über die Zeit von Grame Souness als Trainer bei Blackburn, einem Auszug aus Joachim Førsunds 2004er Buch Berg über den mittlerweile auch schon nicht mehr spielenden Norweger Henning Berg. Blackburn-Sunderland, 2001:

Souness came into the dressing room. He had one message. "We're going with three at the back," he said. "It's 3-5-2, not 4-4-2." Henning Berg couldn't believe it. Souness had never been a tactician. He had never won games through tactical master-strokes. He played 4-4-2 and told them to be aggressive in midfield, tough in the challenges, win in the air and try to get around on the flanks. That was the kind of thing Souness said. Not much more than that.
He had changed to three at the back on previous occasions, but it had never worked. The players in the dressing room weren't really sure what it implied. Did he want the central midfield to lie deeper, or did he want the wingers to play as full-backs when Sunderland attacked? Now he was standing there with three fingers in the air.
Blackburn were played off the pitch by Sunderland. They were all over the Blackburn defence and drove cross towards the tall Niall Quinn and the short Kevin Phillips. Henning was in the middle shouting while trying to fend off the attacks, but after 17 minutes Quinn popped up at the far post and scored. Henning ran towards the bench with four fingers in the air. Four at the back! We have to revert to four at the back! He wanted to win this game.
Blackburn continued with three at the back. Sunderland continued to get around on the flanks. After 32 minutes Quinn headed his second goal of the game, and Henning ran towards the bench with the same four fingers in the air. Graeme Souness was sitting in the stands. He always did. He saw what everyone saw - that Henning Berg was unhappy with his defensive tactics, that he claimed to have a solution to Rovers' defensive problems. And that he was indirectly criticising his boss in the presence of the home crowd. Henning was substituted at half-time. He didn't protest, but he didn't try to hide his displeasure either. Blackburn lost 3-0 and, although Henning remained at Blackburn for another season and a half, his relationship with Souness was strained, to say the least. He played the odd game, but had lost his status as a certain starter in central defence.

Oh, wie ich mir so eine Aktion wie von Berg etwa von Hiden gegenüber Pacult für vorgestern in Mattersburg gewünscht hätte. Und bei uns war ja schon nach 2 Minuten offensichtlich, daß die Dreierabwehr nicht funktioniert, noch dazu wo sie ja bei uns bei den Versuchen zuvor genausowenig funktioniert hat. Auch die Beschreibung von Souness' Coaching-Methode erinnert doch auch sehr an Peter Pacult. Schade, daß es für den Spieler natürlich nicht gut ausgegangen ist, aber Hut ab für so eine Courage.

Freitag, 22. Juni 2007

Abseits


Rezension


Rainer Moritz
Abseits
Das letzte Geheimnis des Fußballs
München 2006 (Verlag Antje Kunstmann)
150 S.





Eine hübsche Liebeserklärung an das Abseits. Nett sind vor allem die Beispiele, an denen man sein Abseitsverständnis überprüfen kann. Interessant ist die Abhandlung über das "passive Abseits". Am meisten interessiert hat mich natürlich aber der Abschnitt über die Geschichte der Abseitsregel und der Konsequenzen ihrer Änderungen. Einfach wunderbar ist Zahlenerotik wie die Statistik, daß sich die Zahl der Tore in der englischen Meisterschaft nach der Änderung der Abseits-Regel 1925 innerhalb eines Jahres von 4.700 auf 6.373 erhöht hat. Man sieht die bemitleidenswerten Verteidiger geradezu vor sich! Hier hätte ich mir noch mehr Ausführlichkeit gewünscht, aber da bin ich wohl ein special interest Fall.

Mittelpunkt des Buches ist die Verteidigung des Abseits gegen unwissende Angriffe, die es als nutzlos verschmähen. Moritz' Hauptargument ist dabei die Förderung des intelligenten Spiels:

Abseits beschreibt nicht, was in der direkten körperlichen Auseinandersetzung von Mann zu Mann erlaubt ist, sondern unterbindet bestimmte Positionen der Spieler, die nicht im Ballbesitz sind. Es zwingt somit sowohl denjenigen, der den Ball führt, als auch denjenigen, der das Zuspiel erwartet, dazu, den eigenen Standort, mit Blick auf die gegnerischen Abwehrspieler, unablässig zu überprüfen. ... Die Abseitsregel verlangt den Akteuren ein "geordnetes Verhalten auf dem Feld" ab und sorgt dafür, dass ein Torerfolg "nur mit spielerischer Intelligenz" (Christoph Bausenwein) erzielt werden kann. ... Handball oder Basketball kennen keine Regel dieser Art, und folglich markiert das schnell zu überbrückende Mittelfeld in ihrer Spielpraxis einen Raum von geringer strategischer Bedeutung. In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass das Interesse für Feldhandball, das noch nach dem Zweiten Weltkrieg groß war, nicht zuletzt deshalb zurückging, weil das Fehlen einer dem Fußball verwandten Abseitsregel das taktische Variationsspektrum des Kombinationsspiels einschränkte und Feldhandball deshalb vielen als einfallslos und stumpfsinnig erschien. Fußballer hingegen kommen nicht umhin, den - so Stefan Lottermann - "großen Aktionsraum zwischen den beiden Toren, der eine erhebliche strategisch-taktische Dimension innehat", zu nutzen. (S.62-64)