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Freitag, 18. Juli 2025

Ultras Dynamo Zentralorgan Saisonrückblick 2023/24




Rezension


Ultras Dynamo
Zentralorgan
Saisonrückblick 2023/24
368 S.








Der Rückblick der Ultras Dynamo auf „eine der beschissensten Saisons der letzten Jahre“ wie es in einem der Spielberichte heißt. Spoiler: Dynamo Dresden stieg am Ende nicht aus der 3. Liga wieder auf. Fast die Hälfte des zum Jahresende 2024 erschienenen dicken Bands umfassen Texte zu den Auf und Abs der Spiele. Beginnend mit dem Ausflug zum Spiel bei Slavia Prag im Juli 2023 bis zum Endpunkt, dem Sachsenpokalfinale im Mai 2024. In den Texten wird geschildert, was gut und was weniger gut lief, die eigene Anzahl und die Anzahl der Zwickauer Freunde genannt und auch in meist kurzen Bemerkungen ein Blick auf das Gegenüber gerichtet. Mal sind diese Worte anerkennend und mal auch kritisch. Beim ersten (wegen Regen dann abgebrochenen) Spiel der Saison in Saarbrücken liest man „Zu Beginn war die Virage Est Saarbrücken noch laut und melodisch, veredelt mit bisschen Pöbelei. Nach dem ,Ost-Frankreich‘ ging den Mentalitätsbibern dann so langsam die Puste aus und die Lieder wurden einfacher und leiser.“ Ich bin beim Wort „Mentalitätsbiber“ gestolpert. Biber? Diese im Wasser lebenden Tiere, die Dämme bauen? Eine Anspielung auf den Regen in Saarbrücken und die Wassermassen? Auf eine mir mangelns zoologischen Kenntnissen nicht bekannte Mentalitäts-Eigenschaft von Bibern? Ich bin überfragt.
Einer meiner seltenen Spielbesuche jenseits der deutschen Grenze war in jener Saison auch bei einem Dynamo-Spiel, nämlich bei der Begegnung Hallescher FC gegen Dynamo Dresden im Frühjahr 2024. Dabei ging es etwas rund, wie man sich das von außen als Klischeevorstellung von Ostdeutschland vorstellt. Den eigenen Blick und die eigene Erinnerung mit den Schilderungen in einem Fanzine gegenüberzustellen, ist immer spannend.

Interessant sind hier weiters ein Interview mit einem Trommler, der das bereits ein Vierteljahrhundert macht und u.a. über die Veränderungen dabei seit 2000/01 erzählt, sowie Artikel über soziale Aktivitäten, zum Fanprojekt, zur Rechtshilfe Schwarz-Gelbe Hilfe, zum Dynamischen Weihnachtsmarkt, ein Interview mit Südbrandenburg u.a. über ihre umkämpfte Region, Beiträge über Vereinspolitik, Berichte über Abenteuer bei Zwickau-Spielen, Statistiken, Tops und Flops der Saison und Fotostrecken zu Choreographien und Graffiti. Es findet sich auch ein Abdruck der Regeln im K-Block, von der „Schalpflicht“ bis u.a. zum Verbot von „Stadionvloggern“, für solche „in die eigene Tasche wirtschaftenden Leute“ gäbe es „keinen Platz bei Dynamo“. Viel Platz gibt es im Saisonrückblick dafür für gute Fotos, die hochqualitativ abgedruckt sind.


A5 / 8 € / erhältlich bei den Ultras Dynamo

Sonntag, 13. Juli 2025

Slavia Praha – Dynamo Dresden 4:2 (0:0)

Testspiel, 13.7.2025
Stadion Eden, 18.642

Zur „Generálka“, also Generalprobe vor Saisonbeginn, hatte Slavia Prag Dynamo Drážďany, wie es hier auf tschechisch hieß, geladen. Nach einer halbwegs ausgeglichenen, torlosen ersten Hälfte zog nach der Pause der amtierende tschechische Meister und Champions-League-Starter Slavia Prag, die 2024/25 nach drei Jahren Pause wieder den Meistertitel gewonnen haben, nach zahlreichen Wechseln auf 4:0 davon. Das 1:0 fiel, als der Gästemob gerade verkehrt herum hüpfend dem Spielfeld den Rücken zugedreht hatten. Als sie in den Schlussminuten ein rhythmisches „Den SG Dynamo Walzer tanzen wir“ sangen, fielen die zwei Tore der Dresdner zum 4:2-Endstand.
Zum zweiten Mal nach 2023 war Dynamo Dresden im Sommer bei Slavia Prag zu Gast und erneut war keine Spur von Testspielatmosphäre auf den mit 18.642 Leuten gefüllten Rängen zu merken. Diesmal kam Dynamo als frisch aufgestiegener Zweitligist, aber mit weniger Fans als 2023. Bei der ersten Begegnung hier im Spiel vor zwei Jahren hatte Dynamo Dresden den ganzen Hintertorbereich erhalten und entsprechend mit 4.000 Leuten ein ordentlichen Auftritt. Diesmal hatte es entgegen der Erwartung zunächst nur die 1.024 Karten für den normalen Gästeblock gegeben, da Slavia Prag das Stadion selbst füllen konnte. Während schon die drohende Absage der Fahrt nach Prag anstand, erreichten die Ultras Dynamo in direktem Kontakt und respektvollem Verhältnis mit den Ultras der Tribuna Sever von Slavia eine Verdopplung des Kontingents, sodass rund 2.100 Dynamo-Fans dabei sein konnten. Dynamo bedankte sich in der zweiten Hälfte mit einem Spruchband „Děkujeme Tribuna Sever“ („Danke, Tribuna Sever“), was das Gegenüber mit Applaus und dem in Tschechien bekannten Chant „Český fotbal pro fanoušky“ („Tschechischer Fußball für die Fans“) beantwortete. In der ersten Hälfte sprach man aber in Klartext einen Vereinsangestellten als Verantwortlichen für das Schlamassel an: „M. Landrock – Dir reichen 1024 Buchungserlebnisse?! Uns nicht, du Fotze! Hol dir den Urlaub, der nie endet!“ Dazu skandierte der Block „Wir sind Dynamo und du nicht!“
Im gelb gefärbten Auswärtsblock gab es zu Beginn eine Fahnen-Choreographie mit nicht ganz gut zu sehendem schwarzen Band sowie ein Dynamo-Wappen in der Mitte, das im zweiten Schritt von Fackeln pyrotechnisch eingerahmt wurde.
Die Tribuna Sever widmete ihre erste Choreographie der Saison Jan Hus, einem 1415 von der katholischen Kirche zum Tod verurteilten und am Scheiterhaufen durch Verbrennen hingerichteten christlichen Reformator, auf den die Bewegung der Hussiten zurückgeht. Im 19.Jh. schrieb die tschechische Nationalbewegung Hus eine Rolle als Vorläufer eines Widerstands gegen Unterdrückung auf. Auch wenn es für ihn um Religion und nicht Nation ging, gilt er seither als tschechischer Nationalheld. Mit „mluv pravdu, drž se pravdy, braň pravdu až do smrti“ („Sagen Sie die Wahrheit, halten Sie an der Wahrheit fest, verteidigen Sie die Wahrheit bis zum Tod.“) gab es in der Choreographie dazu ein charismatisches Zitat von Jan Hus zu sehen, der auch im Angesicht des Todes ein Abschwören von seiner religiösen Überzeugung verweigerte. Feuer wurde auch hier entzündet, aber in Form von Pyrotechnik. Groß, detailreich gemalt und mit reichlich Pyro: Die Arbeit der auch mit Fetzen am Zaun hängenden Banda Chorea von Slavia Prag erregt seit Jahren Aufmerksamkeit.
Der Großteil der Slavia-Kurve war wieder im Trikot, das auch als Tifo-Aktion ausgezogen und hochgehalten präsentiert wurde. Das seit 1896 im wesentlichen gleich aussehende, rot-weiß geteilte Trikot mit rotem Stern auf der linken Seite ist hier ein wichtiger Bestandteil der Vereinsidentität und nicht vorrangig ein möglichst oft zu wechselndes Merchandising-Verkaufsprodukt wie im modernen Fußball üblich. Nach Schluss stimmte die Tribuna Sever die auf einem Podium vor der Tribüne stehende Mannschaft mit Gesängen für die Saison ein und feierte El Hadji Malick Diouf, der zum Abschied nach seinem vor Spielbeginn bekanntgegebenen Abgang zu West Ham United für die Schlussminuten des Spiels noch eingewechselt worden war.