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Donnerstag, 1. April 2021

Der tödliche Pass, 99



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 99, Februar 2021
132 S.









Mit Heft 99 stellt die Zeitschrift von Johannes John, Stefan Erhardt und Claus Melchior aus München wie angekündigt ihr Erscheinen ein. Seit Heft 50 im Jahr 2008 habe ich die Zeitschrift gelesen. Manchmal habe ich mich über für mich nicht nachvollziehbar unverständige Haltungen v.a. gegenüber aktiven Fußballfans geärgert. Öfters hingegen habe ich aus der Lektüre Interessantes erfahren und intellektuell Neues gelernt.

Zum Abschied gibt es teils persönliche Beiträge langjähriger Autoren. Vor allem aber gibt es Texte jener Sorte, welche die Stärke der Zeitschrift ausmachten. Kundig analysiert Claus Melchior die Lage von 1860 München und stellt fest: „Natürlich ist der TSV 1860 immer noch ein Investorenverein, immer noch stehen sich Verehrer und Gegner des Investors ziemlich unversöhnlich gegenüber. Weiterhin wünschen sie die Ismaik-Kritiker nichts mehr als dessen Ausstieg. Aber es geht friedlicher zu, kooperativer, zum Nutzen des Vereins.“ Jan Tilman Schwab schreibt über Fußballfilme, u.a. über Paolo Rossi. Fabian Brändle schreibt über Demut als einem seltenen Gefühl im Stadion. Der Aufruf zum Boykott der mit Tod und Blut tausender Arbeiter erkauften Weltmeisterschaften in Katar von Bernd Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling wird abgedruckt und mit ihnen ein Interview dazu geführt. Albrecht Sonntag berichtet vom Buch des Lilian Thuram. Stefan Erhardt beschäftigt sich mit mir fernen Sphären. Die Rezensionen sind interessant.

Danke für die Lektüre.

Samstag, 2. Januar 2021

Der tödliche Pass, 98



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 98, Oktober 2020
84 S.









„Seine Worte stehen in Kontrast zu seinen Taten.“ Eine heftige Polemik verfasst Frank Ritmeester gegen César Luis Menotti und dessen Aussagen im jüngsten Ballesterer-Interview. Auf fünf Seiten nimmt er sie auseinander und zerreißt sie in der Luft. Er bezweifelt die Unkenntnis Menottis von den zahlreichen Eingriffen der argentinischen Militärdiktatur in der WM 1978 und stellt weit ausholend, bis hin zu Ödön von Horváth eine idealisierte Wiener Kultur heranziehend, das Handeln Ernst Happels als niederländischer Bondscoach im WM-Finale 1978 demjenigen Menottis als argentinischer Teamchef gegenüber. „Menotti enttarnt sich im Interview eher als Goethes Doktor Faust, der seine Seele für den Erfolg verkaufte.“

Als ein weiterer Verein in der Reihe „von betuchten Selbstdarstellern gepäppelter Klubs“ beschreibt Claus Melchior den durch Drittligaaufstieg und DFB-Pokal-Posse Bekanntheit errungenen Türkgücü München. Man dürfte ihn nicht mit dem Vorgänger SV Türk Gücü verwechseln, der es 1988 in die damals drittklassige Bayernliga geschafft hatte. Jener Verein war „stark in der türkischen Gemeinde Münchens verwurzelt und brachte es gelegentlich sogar auf fünfstellige Zuschauerzahlen.“ In den 1990ern erlebte er aber einen Niedergang und wurde 2001 aufgelöst. Der heutige Verein wurde erst 2018 auf den Namen Türkgücu umbenannt und wäre kein den Aufstieg geschafft habenden Migrantenverein sondern „auch nichts anderes als ein Investorenklub“ eines reichen Alleinherrschers mit Hire-and-Fire, der das für sein Ego mache. „Fans hat Türkgücü nämlich kaum, selbst in der Regionalliga bewegten sich die Zuschauerzahlen vor Covid eher im dreistelligen Bereich.“

Weiters erfährt man im Heft über das abwechslungsreiche Leben des im Juli verstorbenen Wim Suurbier und liest eine vernichtende Kritik des offenbar beeindruckend schlechten FIFA-Spielfilms United Passions, in dem die Geschichte eines Fußballjahrhunderts als Heldengeschichte von FIFA-Präsidenten erzählt wird und Fußball nur die Plattform dafür bietet. Carmen Mayer erzählt im Interview über das Zustandekommens des Fanzine Trauer und Fußball.

Mittwoch, 9. Dezember 2020

Der tödliche Pass, 97



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 97, Juli 2020
96 S.









Im Vorwort wird angekündigt, „mit Heft Nummer 99 wird im Dezember 2020 nicht nur das Ende dieses Jahres sondern auch das unserer Zeitschrift gekommen sein.“ Bis es soweit ist, wird in Ausgabe 97 nocheinmal die ganze Bandbreite geboten:

Lernen. Spannende Nachrufe lassen einen über Leben und Karriere des Tormanns Eddy Pieters Graafland, der nach zwölf Jahren bei Feyenoord als letztem Spiel seiner Karriere das größte Spiel des Vereins absolvierte, den Meistercup-Finalsieg 1970, sowie über Michel Hidalgo erfahren, in den 1980er Jahren Teamchef der besten französischen Nationalmannschaft aller Zeiten. In einem Interview mit dem Sportrechtler Richard Parish über die Möglichkeit von Gehaltsobergrenzen im Fußball, beurteilt dieser sie als EU-rechtlich „vollkommen akzeptabel“. Er verweist aber auf ihre Implikationen: „Wer den salary cap will, der muss wohl oder übel irgendwann auch die anderen Elemente des amerikanischen Systems in Betracht ziehen, also geschlossene Ligen (warum nicht transnationale, die EU hätte nichts dagegen einzuwenden). Die Klubs sind wie Goldfische, sie richten sich nach Größe des Glases.“ Ich habe keine Ahnung von Goldfischen und musste über diesen Vergleich daher nachdenken.

Ärgern. Stefan Erhardt schwärmt über den „Genuss“ von Fußballspielen „ohne Zuschauermeuten“. Für ihn bringen die Geisterspiele Vorteile: „Es ergibt sich ein Spiel, das in sich selbst auf sich selbst bezogen ruht. Das von nichts und niemandem Nicht-Spielendem abgelenkt wird.“ Tatsächlich gibt es wenig Langweiligeres. Allein vor dem Fernseher zu sitzen ist für Erhardt allerdings, wenn ich ihn richtig verstehe, das höchste der Gefühle: „Entsprechend ist der fernab Zusehende im Moment des Zusehens ebenso auf sich alleine gestellt, unabgelenkt, am Spiel intensiver teilnehmend, weil nicht emotional gesteuert, zumindest nicht von außen. Er und sie sind ganz im Spiel drin, so sie ihm folgen wollen.“ Eine mir fremde Herangehensweise. Während auf einem bevölkerten Fußballplatz oder in einem vollen Stadion alle meine Sinne gereizt werden und ich von der Szenerie gebannt bin, kann ich einer so fern wirkenden Übertragung im unpersönlichen Fernsehkasten kaum minutenlang folgen ohne mich anzustrengen, nicht die Konzentration zu verlieren.

Lesen. Mit höchster Aufmerksamkeit studiert habe ich wie jedesmal den exquisiten Buchrezensionsteil im Heft, der auch hier wieder über Fußballbücher informiert, die mir zumindest sonst nicht untergekommen wären.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Der tödliche Pass, 96



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 96, April 2020
96 S.









30 Jahre nach den berühmten Ausschreitungen beim Spiel Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad, die im Nachgang zu einem Vorspiel des später ausbrechenden Krieges erinnert wurden, bespricht Albrecht Sonntag das Buch Le Football dans le chaos yougoslave des französischen Politikwissenschaftlers Loïc Trégourès im Heft. „Der plötzlich verordnete Zwang, sich festlegen zu müssen auf eine zementierte Identität, entgegen aller Empirie menschenlichen Zusammenlebens in einer ursprünglich von gelassener Duldung der Vielfalt geprägten Region, ist eine schmerzhafte Erfahrung der Enteigung,“ resumiert Sonntag. Für Trégourès sei der Fußball in Jugoslawien „immer gleichzeitig ‚Schaufenster‘ und ‚Akteur‘ der Geschehnisse (S. 195). Eine grundsätzliche Ambivalenz, die nichts daran ändert, dass der Fußball unbestreitbar dazu beigetragen hat, im zerfallenden Jugoslawien ein Umfeld zu schaffen, ‚in dem es nicht mehr statthaft war, sich NICHT auf eine Seite zu schlagen‘ (S. 84).“

Zur deutschen Hopp-Debatte vom Februar 2020 äußert sich Claus Melchior in einem differenzierten Essay mit der Schlussfolgerung „Wenn sich allerdings Verbände und Vereine nach den Reaktionen auf die Ereignisse vom 29. Februar nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, gegen persönliche Beleidigungen härter vorzugehen als im Kampf gegen jegliche Art von Diskriminierung, dann müssen sie genau diesen Kampf in Zukunft mit großem Ernst führen.“ Das ist wohl allerdings nicht zu erwarten. Im Unterschied zur Melchiors Kommentar zitiert Johannes John in seinem Meinungsartikel begeistert einen Leserinnenbrief, der den Rauswurf von Ultras aus dem Stadion verlangt und in seinem Furor der PR-Masche auf den Leim geht, dass Hopp als Heilsbringer einen Coronavirus-Impfstoff entwickle und man ihm ein Hosianna zu singen habe.

Der Heftautor Paul Schönwetter berichtet, dass er oft Facebook-Freundschaftsanfragen und Nachrichten erhalte, die einem gleichnamigen ehemaligen Fußballer und Trainer gelten. Weiters gibt es im Heft Nachrufe und Erinnerungen an den verstorbenen Literaten Ror Wolf und die Fußballer Rob Rensenbrink und Barry Hulshoff.

Freitag, 6. März 2020

Der tödliche Pass, 95



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 95, Dezember 2019
108 S.









Vom Anstecknadelsammeln in den 1980er Jahren über die Grenzen des Kalten Kriegs hinweg erzählt Fabian Brändle in einem interessanten Erlebnisbericht aus einer gar nicht lange zurückliegenden, aber doch schon fernen Zeit. „Für mch war klar geworden, dass jenseits von Oder und Neiße auch ganz normale Sportfreunde wohnten, die wie ich selbst im Sammeln das Fenster zur Welt erblickten.“ Zum Nachdenken regt ein Essay von Hans Peters über die Begriffe Mentalität, Demut und Galligkeit an. Dazu gibt es im Heft u.a. Kommentare zu Trainerwechseln bei 1860 und den Bayern und zu diversem anderen Geschehen auf und neben dem Fußballplatz.

Im immer lesenswerten Buchrezensionsteil war Claus Melchiors Bewertung des kontrovers diskutierten Buchs von Hans Woller über Gerd Müller und das Umfeld des FC Bayern spannend. „Woller sieht sich mit der Kritik konfrontiert, er habe mit seiner Biografie eine Ikone beschädigt, mit einem Mann, der schwerkrank in einem Heim leben, könne man so doch nicht umgehen. Davon kann keine Rede sein. Der Text ist durchgehend von großem Respekt, ja Zuneigung, für seinen Gegenstand geprägt. Wie es sich für einen seriösen Historiker gehört, hat Woller sich allerdings geweigert, eine verklärende Heldenlegende zu präsentieren, sondern ein Leben mit seinen positiven wie negativen Aspekten dargestellt, was Größe und Bedeutung Gerd Müllers in keiner Weise Abbruch tut.“

Unter den rezensierten Büchern ist auch Mythos Gruabn.

Freitag, 3. Januar 2020

Der tödliche Pass, 94



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 94, Oktober 2019
104 S.









Als Kind der Kulturkämpfe der Dritten Republik (1870-1940) Frankreichs, wegen derer es zuvor unterschiedliche Verbände gab, und des Epochenbruchs des Ersten Weltkriegs (1914-1918) beschreibt Albrecht Sonntag die Gründung des französischen Fußballverbands Fédération Française de Football (FFF) im Jahr 1919.

Das Heft erinnert mit Rückblicken daran, dass heuer eine WM der Frauen stattfand. Der Unterschied in meiner Rezeption dieser Nationenkampf-Turnierveranstaltungen dürfte sein, dass ich davon bei den Männern genausowenig sehe, aber zumindest im Alltag mitbekomme, dass sie stattfinden.

Weitere Texte erinnern an die Ermordung von Andrés Escobar wenige Tage nach seinem Eigentor bei der WM 1994 oder berichten über den KFC Uerdingen. Eine Höhepunkt des Hefts ist zum wiederholten Mal der exzellente Buchrezensionsteil, in dem u.a. auch die Bücher über Hans Menasse und Gerhard Hanappi rezensiert werden.

Freitag, 25. Oktober 2019

Der tödliche Pass, 93



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 93, Juni 2019
108 S.








Mit dem Streit des DFB mit Ferenc Puskás, der auf das mutmaßliche Doping der westdeutschen Weltmeistermannschaft von 1954 hingewiesen hatte, beschäftigt sich Albrecht Sonntag auf Basis von Recherchen im Archiv von L’Équipe und in Stuttgart. Es ist ein spannender Werkstattbericht, in dem er schildert wie er zur Frage kam da in französischen Internetquellen von einem westdeutschen Einreiseverbot zu lesen war. Er rekonstruierte letztendlich, dass nicht die BRD Puskás sanktionierte, sehr wohl aber der DFB ein Spielverbot für seine Vereine und Mannschaften gegen Teams, bei denen Ferenc Puskás spielte, verhängt hatte. Erst nach seiner formellen Entschuldigung wurde es aufgehoben.

Zum Nachdenken anregend sind die Notizen von Klaus Hansen zur abnehmenden Begeisterung für den Fußball. Von der Entfremdung des Profifußballs von den Massen über den Verlust des menschlichen Maßes im Fußball durch Technisierung (VAR) bis zum Übergewicht des Calcio parlato, wie es unübertroffen im Italienischen heißt, sowie dem Überdruss, den dieser erzeugt: „Der ‚besprochene Fußball‘ stellt den ‚gespielten Fußball‘ weit in den Schatten. Der Fußball wird so lange zerredet, bis alles, was sich vermeintlich sagen lässt, auch von allen gesagt worden ist, und das mehrfach.“

Über die oftmals aus Abkürzungen zusammengesetzten niederländischen Vereinsnamen gibt es einen lehrreichen Artikel und aus einer Filmrezension (Men of Hope über das afghanische Nationalteam) lernt man, was aus dem ehemaligen Sportklub-Trainer Petar Šegrt wurde: Ein Trainer-Weltenbummler, den es bis nach Afghanistan verschlagen hat.

Claus Melchior blickt auf die Saison und Situation seines TSV 1860 München. „Die Stadionfrage, die noch im Vorjahr viele Diskussionen überlagerte, ist etwas in den Hintergrund getreten, nachdem an einen baldigen Aufstieg in die 2. Liga vorerst wohl nicht zu denken ist.“

Dienstag, 2. Juli 2019

Der tödliche Pass, 92



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 92, April 2019
108 S.








Über die „unscheinbaren Karriere des Manfred Lass,“ einem heute in München seinen Lebensabend verbringenden ehemaligen Werder-Spieler, schreibt Stefan Erhardt. Albrecht Sonntag berichtet über Neues in der akademischen Fußballforschung und bringt einen Nachruf auf einen der Begründer des Europacups. Jacques Ferran hatte als L'Équipe-Journalist in den Jahren 1954 und 1955 den Bewerb skizziert und Druck auf die UEFA organisiert, sodass diese den Bewerb schließlich unwillig übernahm. Denn eigentlich hatte die gerade erst gegründete UEFA einen Europacup der Nationalmannschaften und einen solchen von Städteauswahlen geplant, keinen Vereinswettbewerb. Über Ferran hatte Sonntag im Heft schon in Ausgabe 63 geschrieben. Hier erinnert er wieder an ihn, der mit dem Ballon d’Or auch die Wahl zu Europas Fußballer des Jahres erfand. „Skizziert wurde die Idee eines europäischen Klub-Wettbewerbs auf das Papiertischtuch eines Bistros im Faubourg Montmartre, wo die gemeinsame Redaktion von L'Équipe und France Football Anfang der 50er Jahre zu Hause war.“

Das Buch über die NS-Vergangenheit der Wiener Austria rezensiert Paul Schönwetter und berichtet, dass es „weit über den erwarteten Inhalt, die reine Betrachtung der NS-Zeit der Austria, hinausgeht.“

Mittwoch, 6. März 2019

Der tödliche Pass, 91



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 91, Dezember 2018
80 S.







Bayernfans unter meinen Freunden verunsichere ich gelegentlich mit der Bemerkung, wenn ich das Wort ‚Rekordmeister‘ höre, assoziiere ich automatisch den 1. FC Nürnberg.“ vermerkt Claus Melchior (60) launig in seiner Rezension des Buchs Der Club: Die Chronik. zur Geschichte des bis 1987 jahrzehntelangen deutschen Rekordmeisters FCN. Die Fußballbuch- (und auch Film-)Rezensionen im Heft sind stets interessant. Diesmal auch zum Schmunzeln anregend. Zum 125-Jahre-Jubiläumsbuch des VfB Stuttgart schreibt Melchior u.a. „Von Nutzen könnte dieser Band auch für in der Klubgeschichte nicht so sattelfeste Vereinsverantwortliche sein, wie die folgende, in diesem Buch nicht enthaltene, VfB-Geschichte verdeutlichen mag: Vor einigen Jahren hatten sich beim VfB mal so gut wie alle zur Verfügung stehenden Torhüter verletzt, weshalb unklar war, wer am Wochenende das Tor der Profimannschaft hüten sollte. Zur Beruhigung der Öffentlichkeit ließ ein Pressesprecher verlauten, mag sei seit der Gründung des Vereins im Jahre 1893 noch immer mit einem Torhüter angetreten und das werde auch diesmal nicht anders sein. Eine Aussage, die mich sehr amüsierte, hatte man doch, wie ich wusste, beim 1893 gegründeten älteren der Vorgängervereine des VfB (auf den die Jahreszahl im Vereinswappen zurückgeht) bis in die Nullerjahre des 20. Jahrhunderts nicht Fußball sondern Rugby gespielt, das bekanntlich ohne Keeper auskommt.“

Weiters gibt es im Heft diverse Literaturstücke, Notizen zum Fußballgeschehen, Nachträge zur Özil-Debatte im vorigen Heft und anderes mehr wie einen Bericht über gescheiterte journalistische Recherche zu Problemen im Frauenfußball in Äquatorialguinea.

Mittwoch, 21. November 2018

Der tödliche Pass, 90



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 90, November 2018
104 S.







Neben diversen weiteren WM-Nachbetrachtungen (diese Nationenkampf-Turniere beschäftigen die Autoren jedesmal wieder sehr) gibt es u.a. über Trauer und Fußball oder Haiti bei der U20-WM der Frauen zu lesen. Ein Textauszug und eine Rezension machen auf einen Roman eines Florian Ludwig – nicht der Vereinsgründer aus Bari, sondern aus Brandenburg – aufmerksam, in dem es um Punk und die Nachwendezeit in eben diesem Brandenburg geht. Eine weitere Rezension lobt die „poetische Pokalgeschichte“ von J.L. Carrs Buch Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten.

Mittwoch, 7. November 2018

Der tödliche Pass, 89



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 89, August 2018
108 S.







In vorigen zwei Ausgaben hatte Claus Melchior den Fall des TSV 1860 München analysiert und kundig kommentiert (84 und 86). In diesem Heft blickt er auf Aufbruchstimmung und sportliche Bilanz im Regionalligajahr 2017/18 sowie ungelöste Problemlagen mit dem Investor und unklare Zukunftsperspektiven. „Einer der Hauptvorwürfe, die gegen Präsident Reisinger und Verwaltungsratschef Drees von Ismaik-Freunden erhoben wurde, lautete, diese Leute seien Stadion-Romantiker, denen der sportliche Erfolg des TSV 1860 egal sei, solange man im Stadion an der Grünwalder Straße spiele.“

Daneben gibt es u.a. wieder viel an WM-Rückblicken, u.a. „Reflexionen eines Süchtigem“ eines TV-Zuschauers. Über zwei französische Bücher, welche die Ökonomie des Fußballs analysieren und kritisieren, berichtet Albrecht Sonntag: L'argent du football von Luc Arrondel und Richard Duhautois sowie Mercato von Bastien Drut. Der Buch-Rezensionsteil ist darüber hinaus wie immer exzellent.

Dienstag, 10. April 2018

Der tödliche Pass, 88



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 88, April 2018
96 S.







Erwartungen an die WM in Russland sind Schwerpunktthema des Hefts. Mehrere Autoren widmen sich ihren Hoffnungen und Befürchtungen über Verlauf und Begleiterscheinungen.

Weitere Themen sind Doping − „zwei Schwerpunkte, die sich ohne große Mühe sogar in einen Zusammenhang stellen lassen“ − und ein Bericht über eine spannend klingende Fußballausstellung in Marseille, „Nous sommes foot“, die aber seit Februar auch schon wieder zuende ist. Fußballfilmexperte Jan Tilman Schwab stellt passend zum Titelthema diesmal sowjetische Fußballfilme vor.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Der tödliche Pass, 87



Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 87, Dezember 2017
92 S.






Ein Essay über „Fußball und Neoliberalismus“ wie hier von Akos Doma spricht mich grundsätzlich an und wenn er schreibt, „Die Herausforderung des Gegners durch Gesänge, Schlachtrufe und Transparente − vergleichbar mit dem Auftreten bei Demonstratonen − gehört seit jeher zu den Ritualen des Fußballs und ist nicht weniger unentbehrlich als der Ball selbst.“ ist das ein bemerkenswerter Kontrapunkt zur üblicherweise in dieser Zeitschrift vertretenen Ansicht, Stillsitzen wäre die Bürgerpflicht im Stadion. Wo schon einmal „zigtausendfaches Schweigen“ als ideales Stadionerlebnis gepriesen wurde. Leider mäandert der Text für meinen Geschmack zu sehr ohne starke Thesen herauszubilden. Mit der Behauptung „Der österreichische Unternehmer Dietrich Mateschitz gab sich mit Traditionsvereinen gar nicht erst ab, als er sich 2009 in den Fußball einkaufte, er stampfte seinen Verein RB Leipzig gleich aus dem Boden.“ wird darüber hinaus einiges falsch verkündet. Der Fall Salzburg wird einfach ausgeblendet. Die Leipziger Dosenfiliale wurde auch nicht aus dem Boden gestampft sondern stieg gleich bereits in der fünfthöchsten Spielklasse ein. Ärgerlich.

Jan Tilman Schwab schreibt über einen Werbefilm über Bayern München („Das ‚Mia san mia‘-Phänomen“), den zwei Filmemacher aus eigenem Antrieb für die Deutsche Welle produzierten. Amüsant ist dabei eine zitierte Anekdote: „So hätte Franz Beckenbauer das Trauma von 1999 in der Kabine lapidar mit folgenden Worten abgehakt: ‚Jo mei, so ist Fußball halt!‘ (Giovanne Elber)“

Dienstag, 24. Oktober 2017

Der tödliche Pass, 86


Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 86, Oktober 2017
88 S.





Mit einer Chronik des Niedergangs von 1860 München hatte sich Claus Melchior in überaus lehrreicher Weise bereits in Ausgabe 84 beschäftigt. In diesem Heft setzt er mit den aktuellen Ereignissen fort, bis zum Absturz in die Viertklassigkeit. Es sind die besten Texte und Zusammenfassungen, die ich zu dieser Thematik gelesen habe. Er schreibt hier über Hoffnungsschimmer, Konflikte, Chaos und Wahnsinn seit März 2017. Er schließt mit gegenwärtiger Aufbruchstimmung aufgrund eines Teams mit Idenitifkationspotential und der Rückkehr in das für den Verein so wichtige Grünwalder Stadion, aber auch dem ungelösten Problem der Stadionfrage, das nur mehr für 12.500 Leute zugelassen ist.

„Man sollte Christoph Rohlwing gratulieren, dass er es geschafft hat, für sein Werk einen Verlag zu finden.“ beginnt Armin Radtke seine Rezension des Buchs Fußballstadien als Hysterieschüsseln? des genannten Autors. Denn, so Radtke: „Sein Buch ist derart schlecht, dass es mich gegraust hat.“ Er begründet dies auf zwei Seiten durchaus umfangreich und nachvollziehbar anhand hohler Phrasen.

Donnerstag, 3. August 2017

Der tödliche Pass, 85


Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 85, Juli 2017
92 S.





Viele Fußballvereine haben heute ein Leitbild, in dem sie schriftlich ausformuliert haben, wofür sie stehen. Der Sprachwissenschaftler Hans Peters betrachtet Leitbilder deutscher Profivereine hier mit „den Folterwerkzeugen der Linguistik, genauer: der Korpuslinguistik“. Bei Borussia Dortmund stellt er fest, das wir/uns/unser/unserer am häufigsten vorkommt, wobei: „Das Wort wir bezieht die Anhänger in keinem Fall ein, sondern steht stets für den Verein.“ Beim HSV lese sich das Leitbild „weitgehend wie eine Art Businessplan, der auf Prinzipien bei Aufbau und Zusammenstellung der Mannschaft eingeht“ und den HSV als „der attraktivste Sportbusinesspartner Norddeutschlands“ definiert. Die unterschiedlichen Texte sind verschieden gestaltet und zustandegekommen, wie Peters festhält. Die Leitlinien des FC St. Pauli gehörten zu den „umfangreichsten, detailliertesten und aussagekräftigsten“ der Leitbilder, wohl nicht zuletzt, da der Text aus einer breiten Diskussion mit Fans entstanden ist. „Andere Leitbilder dagegen zeigen deutlich die Handschrift von Experten für public relations und ähneln im Ergebnis eher Werbetexten.“

Albrecht Sonntags Frankreich-Einblicke sind immer recht spannend. Diesmal informiert er im Heft über die vergleichsweise starke Präsenz von Frauen als Fußballfunktionärinnen in Frankreich.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Der tödliche Pass, 84


Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 84, April 2017
87 S.





Als „21st century schizoid man“ beschreibt sich 1860 München-Anhänger und Buchautor Claus Melchior angesichts der Situation seines Vereins (in Anlehnung an einen Song der 1960er Jahre). In einem der besten Artikel dieser Zeitschrift in den letzten Jahren holt er in seiner Analyse weit aus. Er beginnt in den Anfangsjahren des Vereins und erzählt von Höhe- und Tiefpunkten, um den Leserinnen und Lesern die aktuelle Malaise aus der Tiefe der Geschichte darzustellen. Interessant sind seine Darstellung der Anhänglichkeit vieler Fans an einen „starken Mann“, der den Verein wieder an die Spitze führen solle und wofür man viel aufzugeben bereit ist. Das zeige sich heute und habe sich schon in der sportlich erfolgreichen Wildmoser-Präsidentschafts-Zeit gezeigt, der den Verein mit Aufgabe des Grünwalder Stadions und dem Umzug ins Olympiastadion in seinem Bemühen, den FC Bayern nachzuahmen, der Möglichkeit der Entwicklung einer eigenen Identität als alternativer zweiter Stadtverein wie etwa St. Pauli in Hamburg genommen habe. „Dazu hätte auch eine eigene Spielstätte gehört. In den Boomjahren zum Ende des 20. Jahrhunderts wäre es vielleicht noch möglich gewesen, den Ausbau des Sechzgerstadions in eine zukunftstaugliche und den Ansprüchen des TSV 1860 genügende Heimstätte sowohl zu finanzieren wie auch baurechtlich genehmigt durchzusetzen.“ Stattdessen führte Wildmoser 1860 in die Beteiligung am Bayern-Stadionprojekt, das 1860 auch nach Abgabe aller Anteile an den FC Bayern mit seinen Betriebskosten ein im Spielbetrieb der 2. Bundesliga nicht wegzubekommendes strukturelles Defizit verursacht. Die beständige Finanzkrise führte 1860 zur Rettung vor der Insolvenz in den Besitz eines Investors, der seither mit großen Reden und hoher Personalfluktuation dem Gedeihen des Vereins im Wege steht und wohl eines Tages nach seinem Abgang den Verein die Insolvenz bringen wird. Die vielen Details, die Melchior hierzu bietet, sind in der Kürze hier nicht wiederzugeben.

Dienstag, 10. Januar 2017

Der tödliche Pass, 83


Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 83, Dezember 2016
94 S.






In den Buchrezensionen im Heft wird u.a. ein Buch darüber, „was der Fußball von neurobiologischer Forschung lernen kann“ über Abläufe im Gehirn besprochen (Klaus Günther, Das Horn der Fußballprofis). Ein Buch über Fußball und Mathematik von David Sumpter (Soccermatics) beurteilt Armin Radtke kritisch: „Was mich jedoch zunehmend ratlos zurückließ waren seine Schlussfolgerungen, die ich auch bei größtem Wohlwollen überwiegend mit ‚ja und?‘ quittiert habe.“

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Der tödliche Pass, 82


Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 82, Oktober 2016
87 S.






Über einen brasilianischen und einen deutschen Dokumentarfilm über arbeitslose Profi-Fußballer berichtet Jan Tilman Schwab. Die brasilianischen Verhältnisse im Unterbau schildert er folgendermaßen: „Das brasilianische Ligasystem hat zur Folge, dass die Vereine in den unteren Ligen nur wenige Spiele bestreiten: Scheiden sie früh aus der Meisterschaft aus, kann die Saison schon nach zwei Monaten beendet sein. Für die bei Vereinen der Série C etwa angestellten Spieler hat dies dann fatale Konsequenzen. Denn ihre ohnehin befristeten Arbeitsverträge enden mit dem Ausscheiden − den Rest des Jahres sind sie arbeitslos. Zudem bleiben viele Vereine mit den Gehaltszahlungen regelmäßig in Rückstand oder setzen diese ganz aus. Manche Spieler bezahlen sogar, um spielen zu können. Schließlich schielen alle darauf, entdeckt zu werden, und in den höheren Ligen dann schnell viel Geld zu verdienen.“ Nach einem gesunden System klingt das nicht.

Mit organisierten Fans kann man in dieser Zeitschrift gemeinhin wenig anfangen und steht ihnen distanziert gegenüber. Im Bestreben der Kritik an der Fußballindustrie beginnt man hier nun, als „Nebengeschichte zur laufenden Fußball-Geschichtsschreibung“ Kurzmeldungen zu einer „Chronik der aktuellen Fanproteste“ zu sammeln. Im wie immer spannenden Rezensionsteil sticht das positiv rezensierte Werk Als der Krieg den Fußball fraß von Andreas Ebner über die Geschichte der Gauliga Baden von 1933 bis 1945 hervor.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Der tödliche Pass, 81


Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 81, Juli 2016
90 S.





Die etwas andere Fußballzeitschrift aus München beinhaltet wieder diverse persönlich reflektierende Betrachtungen und Notizen der Autoren zum Fußballgeschehen am Platz und im Fernsehen. Endreas Müller macht einen Taktik-Selbstversuch, indem er sich ein Fußballspiel im Fernsehen mit dem Bemühen um taktische Entschlüsselung ansieht und seine Beobachtungen dann mit der spielverlagerung.de-Analyse vergleicht. Mit dem Begriff „kontextbefreiter Molekularfußball“ benutzt er ein schönes Wort, um das reine Betrachten eines Fußballspiels in einzelnen Bewegungen und Winkelzügen zu beschreiben.

Beim Umblättern erschreckt man diesmal in der Heftmitte unvermittelt ein wenig, als einem plötzlich unerwartet Bilder nackter Frauen und sexueller Handlungen unterkommen. Fußballfilmexperte Jan Tilman Schwab analysiert nämlich das wohl nur Spezialisten bekannte Genre von zu Fußballgroßereignissen produzierten Pornofilmen, die mehr oder weniger mit Fußball als Rahmenhandlung zu tun haben. Er tut das trotz dieses Gegenstands seriös wie immer, lobt wenn die fußballerische Rahmenhandlung nicht vollständig an den Haaren herbeigezogen ist und bekrittelt Fehler, die den Fußballbetrieb falsch darstellen.

Donnerstag, 2. Juni 2016

Der tödliche Pass, 80


Rezension


Der tödliche Pass
Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels
Heft 80, April 2016
94 S.





Der verstorbene Johan Cruyff ziert in einer Zeichnung das Titelblatt. Mehr gibt es allerdings nicht über ihn im Heft. Dafür gibt es eine ausführliche, neunseitige (das ist Print, im Internetz heißt ja alles über zwei Absätze „Longread“) Philippika von Stefan Erhard, warum er sich immer weniger aus Profifußball macht: Manipulationen, Doping, Geldmachinerie, Geschäftemacherei („und die Zukunft wird noch mehr Maßlosigkeit bringen“), Affentheater, Scheinheiligkeiten, Aussackeln der Zuschauerinnen und Zuschauer, Spielerfrisuren und Social-Media-Verlorenheit und allgegenwärtige Vermarktung sind einige seiner Stichworte. Sein Lösungsvorschlag ist eine Auszeit. Mancher seiner Punkte ist nachvollziehbar, in Summe bleibt der Text aber doch in einer unbestimmten Ausweglosigkeit hängen.

Albrecht Sonntag lobt den rumänischen Verbandspräsidenten, der seit seiner Wahl 2014 den Fußball auf gesunde Beine stellen würde. Man bleibt skeptisch.

In seinem Tagebuch verliert Claus Melchior nicht, wie berüchtet, beiläufige Worte zum peinlich hohen Europacup-Ausscheiden Rapids gegen Valencia. Dafür notiert er unmotiviertes Auftreten des Austrianers Okotie bei 1860 − das geht.