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Mittwoch, 14. März 2012

Torino - Hellas Verona 1:4 (0:2)

Italien, Serie B, 30a giornata, 12.3.2012
Stadio Olimpico, 21.453

Was für ein Spiel, bei dem Torino von den Gästen aus Verona regelrecht abgeschossen wird. Das Ehrentor fiel erst in den letzten Minuten. Bei Torino paßte an diesem Abend nichts zusammen, während Hellas die Chancen eiskalt nützte. Mit drei Punkten, aber auch schon mit einem Unentschieden (das erste Saisonspiel wurde auswärts gewonnen) hätte man den Konkurenten um den Aufstieg auf Distanz halten können. Das ging mit Pauken und Granaten daneben, während sich Hellas für das 1:3 im Hinspiel revanchierte.
Die Curva Maratona supportete (mit ein wenig Pyro und Böller) trotz der Watsche, während auf der Haupttribüne bald der Sarkasmus regierte. Der zahlreiche Auswärtsanhang aus Verona hatte hingegen ordentlich etwas zu feiern.
Der heute unter dem Namen Torino Football Club auftretende Verein wurde 1906 als Foot Ball Club Torino gegründet. Von 1936 bis 1977 hieß man AC Torino und von 1977 bis zum Konkurs 2005 Torino Calcio. Siebenmal wurde der Toro (Stier) italienischer Meister (zuletzt 1976) − es könnten acht sein, wenn nicht der erste Titel 1927 wegen eines Bestechungsvorwurfs aberkannt worden wäre. 1992 erreichte Torino das UEFA-Cup-Finale, verlor aber gegen Ajax Amsterdam. Seine größte Zeit erlebte der Verein mit der Grande Torino genannten Mannschaft der 1940er Jahre, die von 1943 bis 1949 fünfmal hintereinander (unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg) Meister wurde. Die italienische Nationalmannschaft bestand damals aus acht oder neun Torino-Spielern. Bei einem Länderspiel hier in diesem Stadion 1947 kamen sogar alle zehn Feldspieler von Torino, nur der Goalie von Juventus. Nach dem vorzeitigen Titelgewinn 1949, fünf Runden vor Schluß, reiste die Mannschaft um Valentino Mazzola nach Lissabon zu einem Freundschaftsspiel bei Benfica. Beim Rückflug stürzte das Flugzeug im Nebel über Turin ab, alle Insassen starben. Eine halbe Million Menschen begleitete beim Begräbnis ihre Särge. In den sechziger bis achtziger Jahren spielte Torino wieder in den vorderen Regionen der Serie A mit, wurde 1976 sogar nocheinmal Meister, an die herausragenden Erfolge der vierziger Jahre konnte man aber nie wieder anschließen. In den letzten Jahrzehnten pendelt der Toro zwischen Serie A und Serie B.
Die emotionale Heimat der Fans der Granata ist das ehemalige Stadio Filadelfia. Von 1963 bis 1990 und dann wieder seit 2006 spielt der Verein hier im Stadio Comunale, das seit den Olympischen Spielen von 2006 Stadio Olimpico heißt. Dazwischen teilte man sich das Stadio delle Alpi mit dem Stadtrivalen Juventus, der von 1934 bis 1990 und dann bis vorige Saison ebenso im Comunale spielte. Nachdem Torino von 1963 bis 2011 die Heimstätte jeweils mit Juventus geteilt hatte, „gehört“ das 1933 als Stadio Mussolini eröffnete Stadion, das für die Spiele 2006 renoviert und überdacht wurde, nun allein Torino. Bei der WM 1934 fanden hier ein Achtelfinale (Österreich gewann gegen Frankreich 3:2 nach Verlängerung) und ein Viertelfinale statt, bei der EM 1980 waren es drei Gruppenspiele. Seit 2006 hat das Stadion eine Kapazität von 27.128 Sitzplätzen.
Vor dem Spiel war das Museo del Grande Torino e della Leggenda Granata besucht worden, am nächsten Tag erfolgte noch ein kleiner Stadtrundgang durch Turin.





























Museo del Grande Torino e della Leggenda Granata

Grugliasco, 12.3.2012

In Grugliasco im Westen der Stadt Turin befindet sich seit 2008 das Museum zur Geschichte Torinos, das Museo del Grande Torino e della Leggenda Granata. Zuvor gab es ein wenig Platz in der Basilica di Superga, nun hier 600 m² auf zwei Stockwerken. Betrieben wird das Museum in Privatinitiative von der Associazione Memoria Storica Granata, einem 1994 gegründeten Verein.
Auch wenn das Museum außerhalb Turins liegt, ist ein Besuch überaus empfehlenswert. Die englischsprachige Führung durch Paolo (Danke!) erschloß die Ausstellung, ich konnte viel erfahren und lernen. Da alle Beschriftungen italienisch sind, sollte man bei fehlenden Sprachkenntnissen zuvor Kontakt aufnehmen (info@amsg.it). Für eine Gruppe aus Bari und mich wurde das Museum extra montags außerhalb der Öffnungszeiten (Samstag und Sonntag) aufgesperrt.


Start der Museumstour in der Villa Claretta Assandri (einem Gebäude aus dem 17.Jh.). Im 1998 abgerissenen alten Stadio Filadelfia befanden sich zuvor Archiv und Lager des Vereins, indem Dokumente und Erinnerungsstücke seit Anbeginn aufbewahrt worden waren. Im Zuge des Abrisses wurden sie auf den Müll geworfen oder verbrannt. Mitglieder der AMSG retteten so viel sie konnten aus dem Abfall und zogen Stücke buchstäblich mit ihren Händen aus dem Feuer heraus. 90 Prozent des historischen Bestands, vor allem der Papiere, ging dennoch damals verloren.


Aus den Anfängen ab der Gründung des Vereins 1906. 1907 stellte ein Schweizer Spieler namens Hans Kämpfer einen bis heute gültigen Torrekord auf, indem er vier Tore im Derby gegen Juventus erzielte.


Sportuentsilien vergangener Jahrzehnte.


Mehrere Räume sind der großen Mannschaft Grande Torino gewidmet, die um den herausragenden Spieler Valentino Mazzola in den vierziger Jahren den italienischen Fußball dominierte und fünfmal in Folge Meister wurde. Das Modell an der Decke zeigt das Flugzeug, mit dem die Mannschaft 1949 im Nebel in die Basilica di Superga über Turin stürzte (der Höhenmesser hatte nicht funktioniert und 2.000 statt 500 Meter angezeigt). Neben vielen Stücken von und über die Mannschaft sind auch ein Reifen und der Propeller der Unglücksmaschine zu sehen.


Fanklubausweise aus den fünfziger Jahren


Die sich über zwei Stockwerke ziehende Ausstellung ist groß und reichhaltig und umfaßt die gesamte Geschichte Torinos von der Gründung bis in die Gegenwart.


Erhaltenes Stück der hölzernen Ehrentribüne des Stadio Filadelfia.


Es war mir eine Freude.


Zur weiteren Information gibt es übrigens ein englischsprachiges Buch zur Geschichte Torinos.

Monumento a Gigi Meroni

Turin, 12.3.2012

In den 1960er Jahren faszinierte Gigi Meroni als Mittelfeldspieler von Torino die Massen. Legendär waren seine Dribblings und das Düpieren des Gegners per Gurkerl. Mit seiner Rebellenattitüde und als „Langhaariger“ (in den Maßstäben der sechziger Jahre, also Haare über den Ohren) wurde er zu einem Popstar und quasi Italiens George Best.
Am 15. Oktober 1967 überquerte der 24-jährige mit einem Teamkollegen eine Straße in Turin, als er von einem Auto erfaßt wurde. Schwerverletzt überlebte Meroni zwar, aber starb kurz darauf.
Eine weitere Tragödie der Geschichte Torinos. Meroni ist ein eigener Raum im Museo del Grande Torino e della Leggenda Granata gewidmet.
Am Lenkrad des Unglücksautos saß 1967 ein 19-jähriger Torino-Fan. Er hatte ein Poster von Meroni über dem Bett und ein Bild von ihm im Auto. Er war am Unfall unschuldig, dennoch ist es eine unglaubliche Volte, daß dieser Unglückliche, Attila Romero, drei Jahrzehnte später sogar Präsident von Torino wurde (von 2000 bis 2005).
Vierzig Jahre danach wurde 2007 an der Unglücksstelle am Corso Re Umberto in Gedenken an Gigi Meroni dieses Denkmal aus rotem Granit errichtet.

Lost Ground Stadio Filadelfia, Torino

Turin, 12.3.2012

Das 1926 eröffnete Stadio Filadelfia war über Jahrzehnte die Heimstätte von Torino. Es war der Schauplatz der größten Erfolge des Vereins und ist bis heute emotionaler Ankerpunkt seiner Fans. Bis zu 30.000 Menschen verfolgten hier einst die Spiele des Toro.
Hier spielte die beste italienische Vereinsmannschaft aller Zeiten, nur Grande Torino genannt, die 1943 bis 1949 alle fünf vergebenen Meisterschaften gewann. 93 Heimspiele, mehr als sechs Jahre (!), bliebt diese Mannschaft im Filadelfia ungeschlagen. Ihr Ende kam am 4. Mai 1949 in einem Flugzeuabsturz, bei dem 18 Spieler und fünf Betreuer starben, als ihr Flugzeug im Landeanflug in die Basilica di Superga hoch über Turin stürzte.
Bereits 1957/58 zog Torino erstmals in das ein paar hundert Meter entfernte größere Stadio Comunale um, doch kehrte man im Jahr darauf wieder zurück. Am 19. Mai 1963 fand dann aber endgültig das letzte Pflichtspiel im Stadio Filadelfia statt. Das Stadion diente anschließend bis 1979 als Trainingsplatz und danach bis in die 1990er Jahre als Spielort der Jugendmannschaften. Der bauliche Zustand verschlechterte sich sehr schnell. 1997 wurden die Tribünen schließlich bis auf wenige Teile abgerissen. Im Museo del Grande Torino e della Leggenda Granata sind einige gerettete Reste zu sehen.
Es gab und gibt Projekte und Ideen zum Wiederaufbau des Stadions, zur Nutzung des Geländes.





















Das Stadion in früherer Pracht: