Samstag, 31. Dezember 2011

Lost Ground Wacker-Platz, Wien


In Meidling, im zwölften Wiener Gemeindebezirk, befand sich einst ein enges, stimmungsvolles Fußballstadion. Hier spielte der SC Wacker, österreichischer Meister 1947, bis der Verein 1971 mit der Admira fusioniert wurde, die zuvor bereits in die Südstadt umgezogen war.

Der Wacker-Platz war von gründerzeitlichen Häusern umgeben. An einer Hauswand in der Tivoligasse 56 war noch bis 2006, als ein neuer Anstrich erfolgte, groß der verblichene einstige Werbespruch einer Biermarke „und nach dem Match: Schwechater“ als Bote aus der Vergangenheit zu lesen (2002 noch im Ballesterer abgebildet). Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Der Platz verfiel nach 1971, Tribüne und Stehplatzrampen wurden Ende der siebziger Jahre abgerissen. 1984 wurde hier der Bundesspielplatz Schönbrunn (der Schloßpark liegt in Ausschußweite) eröffnet. So befinden sich an dieser historischen Stelle heute zumindest Sportanlagen, neben einem Fußballfeld auch Hartplätze und Leichtathletikanlagen, die von Schulen genutzt werden.

Der SC Wacker wurde 1908 gegründet. Als erdiger Meidlinger Bezirksverein spielte man hier in der Rosasgasse ab 1921, in typischen schwarz-weiß längsgestreiften Dressen. Es sollten runde fünfzig Jahre auf diesem Platz werden. In den 1940er/50er Jahren war Wacker eine Spitzenmannschaft, mit der Saison 1946/47 mit Meisterschaft und Cupsieg als Höhepunkt. Von 1945/46 bis 1957/58 war man nie schlechter als Vierter. Doch in den 60er Jahren begann ein langsamer Abstieg.
Am 19. Juni 1971 wurde vor 7.000 Fans das letzte Meisterschaftsspiel ausgetragen, der Namensvetter Wacker Innsbruck gewann hier 4:2 und wurde zum ersten Mal Meister. Für Wacker Wien bedeutete diese historische Stunde das Ende. Das letzte Wacker-Tor schoß Ernst Dokupil. Ein Stück Meidlinger Identität ging verloren.
Nach der Fusion gab es zunächst zwei Mannschaften des Fusionsvereins, Admira-Wacker spielte in der Nationalliga und Wacker-Admira in der Regionalliga Ost (damals die zweite Liga). Diese Aufteilung wurde aber bald aufgegeben. Es gab in den 80er/90er Jahren eine Neugründung des Namens Wacker, die im Wiener Unterhaus aktiv war. 2005 wurde erneut ein neuer Verein dieses Namens gegründet, der sich in den unteren Wiener Amateurfußballregionen versucht.

Nach Renovierung und Ausbau wurde der Platz am 25. September 1932 mit einer der damals beliebten Doppelveranstaltungen neu eröffnet. Vor 18.000 Menschen spielten Wacker gegen Rapid und der Wiener Sport-Club gegen die Austria. Dabei ging es nicht ruhig zu. Das Spiel zwischen Wacker und Rapid wurde in der 88. Minute aufgrund Zuschauerausschreitungen abgebrochen (das Ergebnis von 4:1 für Rapid wurde beglaubigt). Der Platz war völlig überfüllt gewesen, die Leute standen bis an die Outlinie. In den 1960er Jahren gab es hier offiziell 11.912 Stehplätze und 2.888 Sitzplätze, berichtet Georg Spitaler.
Die Rivalität zwischen Wacker und Rapid war legendär und verschärfte sich in der Nachkriegszeit, als 1949 das Jahrhunderttalent Gerhard Hanappi, Teil der Meistermannschaft von 1947, zu Rapid wechselte. Wacker ließ Hanappi sperren, ein halbes Jahr durfte er nicht spielen. Dies konnte den Wechsel Hanappis zu Rapid, wo er zum Weltklassespieler wurde, aber nicht verhindern. Im Ballesterer 37 erinnerten sich 2008 der ehemalige Wacker-Spieler Turl Wagner (WM-Dritter 1954) und seine Frau an die heiße Stimmung zwischen Wacker und Rapid:
„Aber man hat in Hütteldorf nicht sagen dürfen, dass man Wacker-Anhänger war“, erinnert sich Wagners Gattin, die sich zu unserer Runde gesellt, an die Rivalität der Fans. „Da haben sie dir gleich das Krawattl abg'schnitten“, ergänzt ihr Mann. „Es gab einen Wackerianer, den hast nach jedem Rapid-Match auf der Polizei abholen müssen.“



Die Hinteransicht der Häuserzeile an der Zenogasse ist auf vielen historischen Bildern zu sehen. Unmittelbar davor stand eine Stehplatztribüne, eine Tribüne war in der Nachkriegszeit sogar in den Hinterhof integriert. Die Fenster der Häuser boten einen perfekten Blick auf das Spielfeld.


Die Böschung und die beiden Betonstufen neben dem heutigen Sportplatz lassen die früheren Ränge erahnen.


Blick aus der Tivoligasse.




Literatur:
  • Edgar Schütz, Wacker-Platz II. Weigls Dreherpark, Wien-Meidling. in: Andreas Tröscher / Matthias Marschik / Ders., Das große Buch der österreichischen Fußballstadien. Göttingen 2007, S. 177−182
  • Georg Spitaler, Der Wacker-Acker. in: Ballesterer, Nr. 6 (Oktober 2002), S. 42f.
  • Georg Spitaler, Meidling. Fenster zum Platz. in: Peter Eppel / Bernhard Hachleitner / Werner M. Schwarz / Ders. (Hg.), Wo die Wuchtel fliegt. Legendäre Orte des Wiener Fußballs. Wien 2008, S. 98−103
  • Georg Spitaler, „Mei Herz schlogt fia Meidling“. in: Ballesterer, Nr. 37 (November 2008), S. 40f.

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