Freitag, 22. Januar 2021

Lo stile di vita



Rezension


Josef Gruber
Lo stile di vita
Ultras in Kampanien
Eigenverlag 2021
266 S.









„Salernitana, Cavese, Napoli, Avellino und Savoia sind Namen, die jeder kennt, wo jeder schon einmal war oder zumindest daran vorbeigefahren ist. Aber Kampanien ist auch Albanova, Marcianise, Grottaminarda, Scafatese, Mariglianese oder Ischia.“ bringt Josef Gruber die Devise des Buchs auf den Punkt und beschreibt damit seinen Wert. 42 Kurven (!) werden mit ihrer Geschichte im Rahmen einer Rundreise durch die kampanischen Provinzen Caserta, Benevento, Avellino, Salerno und Neapel vorgestellt. Neun Jahre nach dem Buch Ultras Italien über die Jahre 1998 bis 2006 ist es das zweite Buch von Josef Gruber: Ein Portrait und Lexikon der Ultras in Kampanien, der hierfür wohl faszinierendsten Region Italiens. Nicht nur hier, aber hier besonders, ist Ultrà eine Lebenseinstellung, ein stile di vita.

Wenn man das Buch zur Hand nimmt, fällt das A4-Format als erstes auf. Es sorgt dafür, dass die zahlreichen Fotos sehr gut zur Geltung kommen. Was einen hier aber mehr in den Bann zieht – die Bilder oder die Fülle an Wissenswertem in den Texten – ist schwer zu sagen. Die Vorgangsweise Josef Grubers ist aus den Folgen seines Italien-Lexikons in seinem Fanzine Unterwegs bekannt. Der vermehrte Platz in einem Buch bringt nicht nur beeindruckende Fotos sondern auch nicht weniger beachtliche Informationssammlungen zur jeweiligen Kurvengeschichte. „Ein Beispiel war Cavese, eine Kurve, die ihre eigene Geschichte noch nie irgendwo zu Papier gebracht hat. Eigentlich unglaublich. Das hat das ganze Unterfangen schon sehr herausfordernd gestaltet. Zum Glück ist mein Youtube-Video von Cavese-Vibonese auch dem Trommler der Curva Sud bekannt gewesen, sodass ich über diesen Weg weitere wertvolle Informationen erhalten habe.“ bietet Gruber in der Einleitung einen Blick hinter die Kulissen. Dazu gibt auch ein Interview von Mitarbeiter und Übersetzer Dominik (von dem auch ein Abschnitt über Calcio popolare stammt) mit Autor Gruber und Layouter Benny (Nürnberg) einige Einblicke in die Hintergründe der Entstehung des Buchs. Spannend: In einem Buch das Making-of gleich derart dazu serviert zu bekommen, kannte ich in dieser Form noch nicht.

Eine kleinen Einstieg zur Kulturgeschichte durfte ich beisteuern. Wer sich also für Königsschlösser, Principato Ultra oder das Ei des Vergil interessiert, kann darüber hier lesen. Als Höhepunkt der Rundreise steht Neapel an. Hierauf entfällt natürlich der größte Anteil, denn Napoli ist in jeder Hinsicht eine Wucht. Wer vom Interesse des Autors dafür weiß, konnte sich hier auf einen Schatz freuen und wird nicht enttäuscht. Er geht auf die Curva A und die Curva B sowie Freundschaften ein und bietet dann eine fotografische Rundfahrt durch die Stadtviertel. Hier werden die Napoli-Graffiti gezeigt und Josef Gruber erzählt dazu von den dort verankerten Gruppen. Das lässt in die neapolitanische Welt eintauchen.

Zuvor beeindruckt vor allem die Fülle an kleinen Vereinen und kleinen Kurven, die hier portraitiert werden. Von vielen hatte ich vielleicht irgendwann einmal den Namen aufgeschnappt, aber im Wortsinn kein Bild vor Augen. Das ändert sich hier und man liest über Auf und Ab und Wechsel der Gruppen in diesen Szenen im Laufe von Jahrzehnten. Dazu kommen die größeren Namen, von denen man schon viel gehört und etwas gesehen hat, aber hier nochmal bedeutend Tiefgehenderes erfährt. Man liest vom Auseinanderbrechen jahrzehntelanger Freundschaften wie jener von Benevento und Savoia („Es ist ein bisschen so, als ob ein Freund zu dir nach Hause kommt und ohne Erlaubnis die verschiedenen Wohnräume in Besitz nimmt.“). Die bemerkenswert häufigen Freundschaften deutscher Fanszenen zu kampanischen Kurven fehlen in der Darstellung jeweils auch nicht. Die Entstehung der Beziehungen von Savoia und Arminia Bielefeld sowie Lippstadt und Cavese, die hier beschrieben wird, sind darunter die wohl ungewöhnlichsten. Dazu all die Bilder aus den Stadien, von Graffiti, von den großen Choreographien der Salernitana, ...

Mit leuchtenden Augen klappt man am Ende das Buch zu. Für die Zukunft bleibt ein eingangs im Buch skizzierter Traum: „Wer weiß, vielleicht entsteht beginnend mit diesem Werk einmal eine kleine Bücherreihe, die eines Tages, mit einem schmucken Sammelkarton eingefasst, in eurem Regal steht.“

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