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Dienstag, 21. Juli 2026

Pochi ma buoni



Rezension


Josef Gruber
Pochi ma buoni
Ultras in Molise & Basilicata
Unterwegs Fanzine Verlag 2026
220 S.








Pochi ma buoni, also „wenige, aber gut“ im Sinne von „Klasse statt Masse“ betitelt Josef Gruber mit einem geflügelten Wort aus der italienischen Sprache sein Lexikonbuch über Ultras in den Regionen Molise und Basilicata. Er stellt eingangs fest, dass er hier mit 13 Kurven der Region Molise von Agnonese bis Vastogirardi fast doppelt so viele nunmehr vorstellt als in seiner Regionsvorstellung im Fanzine Unterwegs 19 im Jahr 2018. 25 Kurven aus der Basilicata von Avigliano bis Venosa haben es in das Buch geschafft. Für zwei Regionen, die eher nur Italien-Spezialisten etwas sagen, ist das eine mehr als stolze Anzahl.

Zu den großen Szenen der Region berichtet Josef Gruber nicht nur aus der gut recherchierten Zusammenstellung von Quellen sondern auch mittels eigenem Augenschein und Interviews mit den Kurven. Historische Bilder und aktuelle Fotos, Einblick in die Geschichte von Stadt, Verein, Stadion und Fanszene. O-Töne der Ultras über sich, ihr Selbstverständnis und ihre Ansichten. Stets beachtlich. Wie bei den vorangegangenen Büchern über Ultras in Kampanien, auf Sizilien und Sardinien und in Apulien kannte ich auch als Italien-affiner Mensch den Großteil der kleinen Kurven nicht. Über sie hier zu lesen war daher spannend. Genauso, wie über die bekannten und teils ja auch schon selbst bereisten Städte, Vereine und Kurven zu lesen und dabei Wissen aufzufrischen, zu vertiefen und auszuweiten.

Erneut konnte ich selbst mit Bildern aus meinen Reisen in den beiden Regionen beitragen und Josef Gruber stützte sich in Beiträgen auch auf meine Ausführungen in diesem Blog. Ich war im Molise bisher nur in Campopasso (wenngleich das damals kein Vergleich zur jüngsten Zeit war) und Termoli, wo ich mit Isernia zumindest auch gleich eine weitere Szene aus der Region gesehen habe. Isernia ist auch eine Tifoseria, über die ich hier aus Text und Interview viel gelernt habe. In der größeren der beiden Regionen, der Basilicata, habe ich immerhin Matera, Picerno und Potenza schon besucht und Vultur Rionero zumindest schon einmal gesehen. Melfi und Rionero hier einmal in guten Heimspielen zu besuchen, bleibt ein Ziel.

Daneben sind dank dieses Buchs auch Orte wie das alte Stadion in Larino oder die Stufen des ehemaligen Stadio Comunale in Melfi jetzt mit Rufzeichen vermerkt im Hirn abgespeichert. Diese Bücher sind eine hervorragende Fundgrube und Quelle. So wie bei Reisen in die bereits behandelten Regionen die Bücher stets zur Vorbereitung herangezogen worden sind, kann ich das jetzt hier auch tun. Denn die Bilder und Geschichten erzeugen wieder große Reiselust.


A4 Format / 29,90 € / Unterwegs Fanzine Seit 1996

Mittwoch, 26. Februar 2025

Il tacco d'Italia



Rezension


Josef Gruber
Il tacco d'Italia
Ultras in Apulien
Unterwegs Fanzine Verlag 2024
356 S.








74 (!) Fanszenen aus der italienischen Region Apulien stellt Josef Gruber hier in einem 356 Seiten dicken Buch vor. Gleich nochmal 90 Seiten stärker ist das Buch über Ultras in Apulien damit als sein Buch Lo stile di vita über Ultras in Kampanien mit 266 Seiten und das zweite Lexikon Le isole mit 264 Seiten über Sardinien und Sizilien. Man kann auch hier Seite um Seite nur staunen, was dabei sowohl über die bekannten großen Szenen als auch viele kleine Szenen an Informationen, Bildern und Texten zusammengetragen wurde. Das eine oder andere Mal war ich ja doch auch schon selbst in der Region und das eine oder andere habe ich darüber doch auch schon gelesen. Dennoch hört man hier im Buch nicht auf, Neues zu erfahren und Ultrasszenen präsentiert zu bekommen, von denen man noch nie gehört hat. Dass ich ein paar wenige Fotos zu diesem umfangreichen Werk beisteuern durfte und mein kleiner Blog als Quelle für ein paar Beschreibungen dienen konnte, erfüllt mich mit Freude.

Von Süden nach Norden, beginnend also mit der Provinz Lecce, geht es diesmal geographisch durch die Region Puglia (Apulien) am Absatz des italienischen Stiefels (il tacco d'Italia). Die ersten Ultrasszenen, die Gruber hier vorstellt, sind aber nicht große und bekannte, sondern mit Aradeo, Bagnolo del Salento, Copertino und Cursi durchaus etwas für Feinspitze. Auch hier gibt es aber Wissenswertes zu Stadt, Vereinsgeschichte und Szene sowie ältere und aktuellere Fotos. Casarano ist dann der erste größere Name, der gleich mit zahlreichen Fotos, Geschichte und einem übersetzten historischen Interview aus dem Supertifo sieben Seiten einnimmt. Die besten Kapitel sind wie in den vorherigen Büchern auch hier jene, bei denen Gruber aus seinem Wissen von fast drei Jahrzehnten als Fanzineautor und Italienreisender und seinem eigenen Erfahrungsschatz von Besuchen vor Ort schöpfen kann. Vergangene Interviews, die er mit dortigen Protagonisten geführt hat, wie bei Gallipoli, Tricase, Monopoli oder mit dem Salzburger Salva über Barletta, druckt er hier nicht nur dankenswerterweise erneut ab, sondern versieht sie auch mit einem Update aus dem Jahr 2024. Interviews mit Foggia, Cerignola und Manfredonia haben einen hohen Wert.

Der große Brocken des Buchs ist eindeutig Lecce mit 47 Seiten und u.a. ein eigener Artikel zum „striscione merlato“ (Zinnenbanner) und zu seinem Youtube-Hit Lecce-Parma 2003/04. Aber auch über Bari (27 Seiten), Barletta (21 Seiten), Taranto mit einem Fokus auf die 70er/80er Jahre (19 Seiten), Foggia (17 Seiten) und Monopoli (13 Seiten) gibt es jeweils sehr viel an Stoff mit historischen Fotos und alten Texten, aber auch lebhaft geschilderten Eindrücken von Besuchen Josef Grubers dort im Lauf der letzten Jahrzehnte oder von ihm selbst geführten Interviews wie mit dem Capo der Seguaci della Nord von Bari.

Noch faszinierender als die ausgeleuchteten großen Kurven ist die Vielfalt an präsentierten kleinen Kurven. Etwa vom Derby von Poggiardo zu erfahren. Am interessantesten war für mich der Beitrag über Trani, da ich in diesem Riesenstadion gern einmal ein gutes Spiel sehen möchte und nie verstanden habe, wie die Situation ist. Allerdings lässt die Lektüre hier keine Hoffnung aufkeimen.

Die Kapitel sind manchmal länger und manchmal kürzer, nicht weil die jeweiligen Kurven interessanter oder uninteressanter wären, sondern weil sich Gruber an die Devise hält „dankbar sein für das sein, was man erhält“, was die mal größere und mal kleinere Freigiebigkeit von Informationen aus den Kurven betrifft. Basis einiger Kapitel sind zwar seine Erfahrungen und Eindrücke, gerade hinsichtlich der Geschichte und vieler Details hält sich Gruber an Quellen und Leute vor Ort. Das ist ein Qualitätsmerkmal.


A4 Format / ausverkauft / Unterwegs Fanzine Seit 1996

Freitag, 28. April 2023

Le isole



Rezension


Josef Gruber
Le isole
Ultras auf Sardinien & Sizilien
Unterwegs Fanzine Verlag 2023
264 S.









Nach dem Buch Lo stile di vita über Ultras in Kampanien legte Josef Gruber ein in gleicher Form gehaltenes Buch über Ultras auf Sardinien und Sizilien vor. 20 Fanszenen Sardiniens und 52 (!) auf Sizilien werden mit Berichten, Eindrücken Grubers, eigenen Texten und Interviews sowie zahlreichen Fotos vorgestellt. Mit kleinen Beiträgen zur Einführung zur Kultur und Geschichte der Provinzen auf den Inseln sowie dem einen oder anderen Foto durfte auch ich wieder ein klein wenig mithelfen.

Im Vergleich zum Vorgängerbuch gab es durch Feedback ausgelöste kleinere Anpassungen, auf die Gruber im Interview zu Beginn eingeht. Interessant ist hier auch der Einblick in die aufwendige Arbeit an dem Buch – ein Jahr nennt Gruber als Zeitraum und geht auch auf Unterschiede der beiden Inseln ein. Wie gewohnt basiert das Werk auf Informationen aus erster Hand anstatt Hörensagen. Während Gruber dabei in Sizilien auf Kontakte bauen konnte und es hier einige Interviews gibt, war man auf Sardinien eher verschlossen und er erhielt Informationen auf inoffiziellem Weg ohne Namensnennung der Gruppen. „Wenn's einfach wäre, würden wir nicht über Italien reden.“ Ein schöner Satz.

Cagliari oder Torres? Das ist die strukurierende Frage auf Sardinien, dessen Szenen sich in eines der beiden Lager gruppieren. Mit 75% Cagliari und 25% Torres beziffert Gruber die Kräfteverhältnisse. Ragte im Kampanien-Buch das Kapitel über Neapel samt unglaublicher Bildstrecke an Graffiti hervor, so ist das hier mit 47 Seiten Cagliari. Auf Basis eines Stadtrundgangs, der auch in (in!) die Ruine des Stadio Sant'Elia führte (siehe dazu auch Grubers Stadionbuch), sieht man einige Graffiti, liest umfangreich die Geschichte der Curva Nord, bekommt alte Supertifo-Interviews in Übersetzung geboten und erfährt ausführlich von den Rivalitäten.
Von Arzachena bis Monastir sind größere und kleinere Fanszenen vorgestellt. Die angesprochene Informationslage ist dabei unterschiedlich. Herausragend interessant ist daher der Abschnitt über Tempio, wo Gruber aus dem Vollen schöpfen kann und auch ein Interview zu lesen ist. Zurückgegriffen wird sonst immer wieder auch auf Fanzines aus Italien und Fotos, die Gruber auch gekonnt analysiert. „Ins Auge gestochen ist mir auf alten Fotos auch die Gruppe Ultrá Olbia Metropolitan, die wohl dem Thrash Metal verfallen sind. Sowohl der Zusatz Thrash als auch die Schriftart der Fahne lassen darauf schließen.“ stellt er so bei Olbia fest. Das Buch schließt mit der Saison 2021/22, daher steht hier auch diesbezüglich korrekt „Die Zeiten mit Gästefans sind jedoch schon lange vorbei, das letzte mir bekannte Derby fand am 29. Mai 2016 statt.“ zur heißen Begegnung von Torres und Olbia (campanilismo-Lokalderby und Rivalität entlang der eingangs angesprochenen Konfliktlinie, da Olbia im Lager von Cagliari steht). 2022/23 gab es das Derby sogar gleich dreimal, einmal in der Coppa und zweimal in der Serie C, wobei ich Gelegenheit hatte, im Oktober das Spiel Torres-Olbia besuchen zu können. Mit Gästen.

Vom Festland aus betritt man nach der Überfahrt in Messina sizilianischen Boden. Hier beginnt Gruber auch seine Rundreise durch Sizilien. Die Masse und Dichte an Fanszenen auf der Insel beeindruckt beim Lesen. Die großen Szenen sind ein Begriff, aber von der vorhandenen Vielfalt erhält man hier einen umfassenden Blick. Über die Platzhirsche Palermo (eher weniger), Catania (eher mehr) und Messina ist hier natürlich viel zu lesen und es ist spannend, eigenes Wissen auszubauen und neu einzuordnen. Wie oben beschrieben, bieten etwa übersetzte Supertifo-Interviews viel Stoff. Großartig ist es aber erneut, hier Seite um Seite von Szenen zu lesen, von denen ich schlicht noch nicht gehört hatte. Im Unterwegs 20 hatte Gruber 2018 in der damaligen Lexikon-Reihe im Fanzine schon einmal Sizilien durchgenommen. Hier im Buch gibt es vom Umfang her um ein Vielfaches mehr an Material und es kamem auch neue Szenen dazu, die 2018 noch keine zehn Jahre Bestand hatten. Das hatte er sich damals als Leitlinien genommen. So gibt es hier etwa im Buch nunmehr ein Interview Grubers mit dem Settore Casual 2020 von Comiso zu lesen. Aus der Masse Höhepunkte herauszugreifen ist schwierig. Canicatti wäre etwa zu nennen, das mir zuvor nichts sagte.

Mit den aus dem Kampanien-Buch eingearbeiteten Erfahrungen wurde das Buch sichtlich besser. Ein guter Schritt. Zusammenfassend kann man sagen, dass dieses Lexikon wieder mit der Fülle seiner Informationen beeindruckt. Am liebsten würde man jetzt jeweils ein Jahr auf die Inseln ziehen.


A4 Format / 29,90 € / Kontakt unterwegsfanzineverlag.at

Freitag, 22. Januar 2021

Lo stile di vita



Rezension


Josef Gruber
Lo stile di vita
Ultras in Kampanien
Eigenverlag 2021
266 S.









„Salernitana, Cavese, Napoli, Avellino und Savoia sind Namen, die jeder kennt, wo jeder schon einmal war oder zumindest daran vorbeigefahren ist. Aber Kampanien ist auch Albanova, Marcianise, Grottaminarda, Scafatese, Mariglianese oder Ischia.“ bringt Josef Gruber die Devise des Buchs auf den Punkt und beschreibt damit seinen Wert. 42 Kurven (!) werden mit ihrer Geschichte im Rahmen einer Rundreise durch die kampanischen Provinzen Caserta, Benevento, Avellino, Salerno und Neapel vorgestellt. Neun Jahre nach dem Buch Ultras Italien über die Jahre 1998 bis 2006 ist es das zweite Buch von Josef Gruber: Ein Portrait und Lexikon der Ultras in Kampanien, der hierfür wohl faszinierendsten Region Italiens. Nicht nur hier, aber hier besonders, ist Ultrà eine Lebenseinstellung, ein stile di vita.

Wenn man das Buch zur Hand nimmt, fällt das A4-Format als erstes auf. Es sorgt dafür, dass die zahlreichen Fotos sehr gut zur Geltung kommen. Was einen hier aber mehr in den Bann zieht – die Bilder oder die Fülle an Wissenswertem in den Texten – ist schwer zu sagen. Die Vorgangsweise Josef Grubers ist aus den Folgen seines Italien-Lexikons in seinem Fanzine Unterwegs bekannt. Der vermehrte Platz in einem Buch bringt nicht nur beeindruckende Fotos sondern auch nicht weniger beachtliche Informationssammlungen zur jeweiligen Kurvengeschichte. „Ein Beispiel war Cavese, eine Kurve, die ihre eigene Geschichte noch nie irgendwo zu Papier gebracht hat. Eigentlich unglaublich. Das hat das ganze Unterfangen schon sehr herausfordernd gestaltet. Zum Glück ist mein Youtube-Video von Cavese-Vibonese auch dem Trommler der Curva Sud bekannt gewesen, sodass ich über diesen Weg weitere wertvolle Informationen erhalten habe.“ bietet Gruber in der Einleitung einen Blick hinter die Kulissen. Dazu gibt auch ein Interview von Mitarbeiter und Übersetzer Dominik (von dem auch ein Abschnitt über Calcio popolare stammt) mit Autor Gruber und Layouter Benny (Nürnberg) einige Einblicke in die Hintergründe der Entstehung des Buchs. Spannend: In einem Buch das Making-of gleich derart dazu serviert zu bekommen, kannte ich in dieser Form noch nicht.

Eine kleinen Einstieg zur Kulturgeschichte durfte ich beisteuern. Wer sich also für Königsschlösser, Principato Ultra oder das Ei des Vergil interessiert, kann darüber hier lesen. Als Höhepunkt der Rundreise steht Neapel an. Hierauf entfällt natürlich der größte Anteil, denn Napoli ist in jeder Hinsicht eine Wucht. Wer vom Interesse des Autors dafür weiß, konnte sich hier auf einen Schatz freuen und wird nicht enttäuscht. Er geht auf die Curva A und die Curva B sowie Freundschaften ein und bietet dann eine fotografische Rundfahrt durch die Stadtviertel. Hier werden die Napoli-Graffiti gezeigt und Josef Gruber erzählt dazu von den dort verankerten Gruppen. Das lässt in die neapolitanische Welt eintauchen.

Zuvor beeindruckt vor allem die Fülle an kleinen Vereinen und kleinen Kurven, die hier portraitiert werden. Von vielen hatte ich vielleicht irgendwann einmal den Namen aufgeschnappt, aber im Wortsinn kein Bild vor Augen. Das ändert sich hier und man liest über Auf und Ab und Wechsel der Gruppen in diesen Szenen im Laufe von Jahrzehnten. Dazu kommen die größeren Namen, von denen man schon viel gehört und etwas gesehen hat, aber hier nochmal bedeutend Tiefgehenderes erfährt. Man liest vom Auseinanderbrechen jahrzehntelanger Freundschaften wie jener von Benevento und Savoia („Es ist ein bisschen so, als ob ein Freund zu dir nach Hause kommt und ohne Erlaubnis die verschiedenen Wohnräume in Besitz nimmt.“). Die bemerkenswert häufigen Freundschaften deutscher Fanszenen zu kampanischen Kurven fehlen in der Darstellung jeweils auch nicht. Die Entstehung der Beziehungen von Savoia und Arminia Bielefeld sowie Lippstadt und Cavese, die hier beschrieben wird, sind darunter die wohl ungewöhnlichsten. Dazu all die Bilder aus den Stadien, von Graffiti, von den großen Choreographien der Salernitana, ...

Mit leuchtenden Augen klappt man am Ende das Buch zu. Für die Zukunft bleibt ein eingangs im Buch skizzierter Traum: „Wer weiß, vielleicht entsteht beginnend mit diesem Werk einmal eine kleine Bücherreihe, die eines Tages, mit einem schmucken Sammelkarton eingefasst, in eurem Regal steht.“

Donnerstag, 16. August 2012

Ultras Italien


Rezension


Josef Gruber
Ultras Italien
Passione e Mentalità
Freital OT Pesterwitz 2012
(Burkhardt & Partner Verlag)
320 S.






Auf eine faszinierende Zeitreise lädt dieses Buch ein. Josef Gruber bereiste seit Mitte der 90er Jahre die Stadien Italiens und dokumentierte die Ultrakultur und ihre Atmosphäre. Sein Schatz an unzähligen Fotos liegt nun in einem Bildband vor.
Versammelt sind Bilder von 89 Spielen aus den Jahren 1998 bis 2006. Aufgrund der Zäsur von 2007 ist es eine historische Dokumentation. Zusätzlich zu den Bildern gibt es Texte und Informationen über die Fankurven aus der jeweiligen Zeit, veröffentlicht in Grubers damaligem Fanzine Unterwegs. Die Texte allein gäben für sich genommen schon genug Stoff für ein gutes Buch.

Im Interview erzählt Josef Gruber von seinem Werdegang. „Was mich bewegt, wenn ich an diese Zeiten zurückdenke? 1. Daß es diese farbenprächtigen Kurven in der damaligen Art nie mehr geben wird. 2. Daß es keine Corteos mehr gibt, die damals sogar in der Zeitung angekündigt wurden. 3. Daß es so viele historische Gruppen nicht mehr gibt.“

Beeindruckend an den vielen Bildern ist ihre Qualität und die Vielfalt, Größe und Farbenpracht der Kurven. Durch seine Kontakte konnte Josef Gruber manche Fotos machen, wie sie so wohl kein anderer und schon gar kein Außenstehender zuwegegebracht hätte. Sie lassen die Stimmung erahnen. Im Fokus der Bilder wie der Fanzine-Texte stehen die Kurven und ihre Aktionen, das sportliche Geschehen am Platz kommt selten und nur am Rande vor. Die Motive sind hier die Ultras, ihr Tifo und Support, sowie auch die Gewalttätigkeiten. Auch wenn man kein Ultra und auch sehr friedliebend ist, ist es eine spannende Fülle an Bildern und ein interessanter historischer Einblick.

Heute ist in Italien nicht alles, aber sehr vieles anders geworden. Das Jahr 2007 mit staatlichem Bemühen um Beendigung der Ultraszenen kam allerdings auch nicht ganz von ungefähr. Gruber selbst spricht von Livorno − kein pars pro toto, aber ein Beispiel der Entwicklung: „Vom Gesamtpaket war zu der Zeit, in der ich unten war, Livorno (Pisa Merde!) das Maß aller Dinge für mich. [...] Leider haben sie ihren Fokus zu sehr auf die Gewalt gelegt, was ihnen meiner Meinung nach das Genick brach. Sicher war es immer leiwand, es hat immer und an jeder Ecke gekracht, wenn du mit denen unterwegs warst. Aber es war schnell klar: Das kann nicht lange gutgehen. Wo sie heute angekommen sind, kann man an der leeren Kurve gut sehen ...“

Es ist schwer, viele Worte über einen Bildband zu verlieren. Um die Bilder für sich sprechen zu lassen, gibt es einen kleinen Vorgeschmack hier.


© Josef Gruber / Burkhardt & Partner Verlag

Nach der Lektüre des Buchs ist ein Vorbeischauen auf Josef Grubers Seite Unterwegs − der Blog empfehlenswert, wo man sein Archiv für Fanzines, Videos und Fotos findet.