Samstag, 10. Dezember 2016

Zeitspiel 6



Rezension


Zeitspiel
Magazin für Fußball-Zeitgeschichte
#06 (IV/2016)
98 S.





Eine geballte Ladung historischer Informationen in gut geschriebenen und kurzweilig zu lesenden Artikeln auf hundert Seiten bietet das Zeitspiel wieder. Die Hälfte des Umfangs (52 Seiten) ist dem Titelthema Derbys und Rivalitäten gewidmet. Die Tour d'Horizon beginnt mit einer kurzen Geschichte von Rivalitäten im hochklassigen Fußball, wobei das Spiel des Hallam FC gegen den Sheffield FC am 26.12.1860 als ältestes Derby der Welt (beide Vereine existieren noch und treffen regelmäßig aufeinander) und das erstmals 1898 ausgetragene Hamburger Derby zwischen dem SC Victoria und Altona 93 (derzeit in der Oberliga Hamburg) als ältestes Derby in Deutschland genannt werden. Anschaulich wird Verknappung und Zuspitzung der Derbys durch die Ligenreformen und Entstehung überregionaler Ligen dargestellt: Da es bis in die 1920er Jahre in Deutschland nur kleinräumige Ligen gab, waren diese voller Derbys. 1933 wurden durch die Einführung von 16 Gauligen als oberste Spielklassen aus 550 Erstligisten nur mehr 160. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden daraus sechs Oberligen (fünf in der BRD, getrennt davon eine in der DDR), womit es nur mehr 100 Erstligisten gab. Die Einführung der Bundesliga in Westdeutschland 1963 war dann der letzte große Einschnitt: Aus 88 Erstligisten wurden 30 (16 in der Bundesliga der BRD, 14 in der Oberliga der DDR). „Erstligaderbys − seit über fünf Jahrzehnten fester Bestandteil jedes Fußball-Wochenendes − wurden nun zur Ausnahme.“

Im Kapitel über Vereinswechsler zwischen Derbyrivalen wird als Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit der Fall des ehemaligen Austria-Ultras Maximilian Entrup genannt, der 2016 als Spieler zu Rapid wechselte. Das ihm geltende Spruchband beim ersten Meisterschaftsspiel wird im Text der falschen Ultragruppe zugeordnet, aber sonst ist die Beschreibung im kurzen Absatz zutreffend. Fangeschichte wie Auseinandersetzungen, Derbychoreographien etc. ist kein eigenes Thema im Heft.

Sehr wertvoll und in der Zukunft sicher gern zum Nachschlagen benutzt wird eine recht umfassend erscheinende lexikalische Auflistung von Derbyrivalitäten in Deutschland. Interessant sind die Fallbeispiele unterschiedlicher Entwicklung von Stadtderbys, wenn etwa in Frankfurt aus Rivalität zwischen FSV und Eintracht ein freundliches Verhältnis geworden wäre oder − besonders spannend zu lesen − wie in Freiburg der jahrzehntelange Platzhirsch FFC, bis 1982 in der 2. Bundesliga, in den 1970er/80er Jahren vom aufstrebenden SC Freiburg in allen Belangen überholt und in die sportliche Bedeutungslosigkeit gestürzt wurde.

Eine Rundumschau zu den wichtigsten Derbys weltweit − bis nach Asien und Afrika − kann natürlich nicht fehlen, ebensowenig wie die Nennung des großen Wiener Derbys. Das eine oder andere Detail ist knapp daneben (Rapid wurde nicht in Hütteldorf gegründet und der deutsche Meistertitel wurde nicht 1942 gewonnen), aber in der Fülle an Fakten und Informationen soll und kann das keineswegs den positiven Gesamteindruck des Hefts schmälern. Bei manchem Land hätte man hier sehr viel mehr schreiben können, aber das hätte natürlich das Ziel des kursorischen Überblicks in kurzen Worten verfehlt.

Weiters gibt es im Heft Lektüre zur Ligageschichte in Wales und ein Vereinsportrait von Tennis Borussia Berlin.

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