Donnerstag, 26. Juli 2018

Direniş – Fußball im Ausnahmezustand



Rezension


Direniş
Fußball im Ausnahmezustand
2018
72 S.




Kontakt:
amedspor_soli@riseup.net



Ein spannendes Heft über eine Reise in den Südosten der Türkei, in die kurdischen Städte Dersim (türkisch Tunceli) und Amed (türkisch Diyarbakır), und über Fußball und Fans bei Dersimspor und Amedspor gibt es hier aus Nürnberg. „Ihr haltet hier kein klassisches Hoppingheft in den Händen, wo wir euch an unseren Erlebnissen Teil haben lassen wollen, was bei gerade mal zwei besuchten Spielen vielleicht etwas vermessen wäre. In diesem Heft geht es auch nicht um Länderpunkte. Viel mehr wollen wir die Unterdrückung und den Kampf unserer neu gewonnenen Freunde sichtbar machen, weil wir ihnn das schlicht und einfach schuldig sind.“ heißt es im Vorwort. Der Erlös des Hefts sowie von Schals und Leiberln geht für den guten Zweck dorthin. Direniş heißt Widerstand und so nennen sich auch Fangruppen in Dersim und Amed.

Geschichte, Land und Leute in der besuchten Region werden vorgestellt. Der Großteil der Bevölkerung Dersims sind kurdisch-alevitische Zaza. Dersim ist vor allem durch die kurdischen Aufstände zwischen 1925 und 1938 und den großen Dersim-Aufstand von 1937/38 bekannt. „In dessen grausamen Rahmen wurden, bis in den Oktober 1938 hinein, bis zu 70.000 Menschen vergast, erschossen und von Bomben der türkischen Luftwaffe ermordet, weitere 50.000 Menschen zwangsumgesiedelt. Bis zum heutigen Tag haben sich dieser Aufstand und seine Niederschlagung als tiefe Narbe in die Seele der kurdischen und alevitischen Menschen gebrannt.“ In den 1980/90er Jahren wiederholte sich der Schrecken im Zuge des Kriegs der türkischen Armee gegen den Aufstand der kurdischen PKK mit Folter, Morden, der systematischen Zerstörung hunderter Dörfer. In Dersim leben heute weniger als 50.000 Menschen, vor etwas mehr zehn Jahren sollen es noch 150.000 gewesen sein. Autofahren heißt in dieser Region das mehrmalige Passieren von strengen Kontrollen und Straßensperren des Militärs, samt kritischen Blicken der Soldaten auf vier Deutsche in einem Auto.

„Diyarbakır oder auch Amed ist eben keine normale Stadt − sie ist DIE Stadt der Kurden in der Türkei,“ heißt es hier über die ostanatolische Metropole mit jahrtausendealter Geschichte. Nach den ersten Parlamentswahlen des Jahres 2015 versank die Türkei wochenlang in blutigem Chaos, Terroranschläge auf eine Konferenz zum Wiederaufbau des zerstörten syrischen Kobanê in Suruç (34 Tote, 76 Verletzte) und eine Friedensdemonstration in Ankara (102 Tote, 500 Verletzte), wochenlange Straßenkämpfe in Amed/Diyarbakır und schließlich im Rahmen der Wiederaufnahme des Kriegs durch die türkische Armee Beschuss und Besetzung der Stadt. 80% der Altstadt wurden zerstört.

Amedspor ist der über die Grenzen der Türkei bekannteste kurdische Fußballverein. Beide Vereine, Dersimspor und Amedspor, sind sogenannte kurdische „Volksvereine“, wo die Entscheidungen nicht von einem Präsidenten oder Eigentümer alleine sondern unter Einbeziehung von Fans und Bevölkerung getroffen werden, und beide auf den Trümmern von Vorgängervereinen (Tuncelispor bzw. Diyarbakırspor) erst vor wenigen Jahren entstanden. Im Zuge der Friedensverhandlungen des türkischen Staats mit der PKK gab es damals ein Zeitfenster für die Gründung dieser Vereine. Heute werden sie neben physischen Attacken durch türkische Nationalisten durch Kappen der finanziellen Unterstützungen durch den Einfluss des Staats, willkürliche Strafen durch den Verband und Benachteiligung durch Schiedsrichter nach unten gedrückt und in ihrer Existenz bedroht.

In Dersim wurde ein Spiel von Dersimspor gegen Adıyaman in der fünftklassigen Bölgesel Amatör Lig besucht. „Am Eingang wurde jeder Besucher von den anwesenden Polizisten, Militärpolizisten und wer weiß, wer noch alles da war, abgefilmt. Wer hier zum Fußball geht, tut das unter ständiger Beobachtung des Staates, der hier ganz klare Grenzen aufzeigt. Sei es mit den Panzern vorm Stadion oder der einfachen Präsenz in oder vorm dem Block.“

In Amed wurde ein Spiel von Amedspor gegen Menemen Belediyespor in der 2.Lig Kırmızı Grup besucht. „Das Stadion selbst ist eine notdürftig zusammengenagelte Wellblechhütte, die trotzdem auf ihre eigene Art und Weise ziemlichen Charme versprüht.“ Im Interview mit einem Gründungsmitglied von Amedspor Direniş erzählt dieser von den Repressionen: „Unsere Auswärtsverbote begannen mit dem Pokalspiel in Başakşehir Anfang 2016. Während wir zu diesem Spiel fuhren, tobte in unserer Stadt ein Krieg, dem viele Menschen zum Opfer fielen. Um an diese Menschen zu erinnern, riefen wir die Parole ‚Die Kinder sollen nicht sterben, sie sollen zum Spiel gehen!‘ Deswegen wurden nach dem Spiel 36 von uns festgenommen, in Handschellen abgeführt und von der Polizei verprügelt. Mit diesem Spiel stiegen nicht nur die Repressionen sondern auch der Rassismus der anderen Fans gegen uns extrem an. Überall gab es beleidigende Gesänge gegen uns, wirklich überall. Die Gewalt in den Stadien nahm zu, genauso wie der Krieg zu Hause. Wir wurden von den Medien zum Abschuss freigegeben und als Terrororganisation präsentiert.“

Durchaus beachtlich und bedrückend ist die lange Chronologie von Gewalttätigkeiten, Strafen und Repressionen gegen Amedspor und seine Fans, die anschließend auf zwölf Seiten (!) nüchtern aufgelistet wird. Im deutschsprachigen Raum bekannt ist der Fall des Spielers Deniz Naki, der wegen einer Stellungnahme gegen den Krieg und das Töten zu einer Haftstrafe verurteilt und vom Verband lebenslang gesperrt wurde. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde ein Schussattentat auf ihn verübt.

Weiters im Heft gibt es eine Übersicht samt Kurzinfo über einige weitere kurdische Fußballvereine sowie eine interessante Geschichte über İlhan Çomak, der seit 1994 auf Basis von durch Folter erpresstem Geständnis aber ohne sonstige Beweise im Gefängnis eingesperrt ist.

Die Heftautoren arbeiten an einer Solidaritätstour von Dersimspor und Amedspor im Herbst 2018 in Deutschland.

Keine Kommentare:

Kommentar posten