Samstag, 17. Dezember 2016

Deutsches Fußballmuseum

Dortmund, 17.12.2016

Das Deutsche Fußballmuseum des DFB wurde 2015 in Dortmund, gegenüber dem Hauptbahnhof, eröffnet. Mit 7.000 m² Fläche wurde hier nicht gespart.


Zum Start des Rundgangs geht es über eine Rolltreppe in den zweiten Stock. Die an den Seiten aufgemalten Fans verschiedener Vereine sollen der „emotionalen Einstimmung“ dienen.


Das ganze Stockwerk ist der deutschen Nationalmannschaft sowie der allgemeinen deutschen Fußballgeschichte gewidmet. Der Einstieg ist nicht mit den historischen Anfängen sondern direkt mit dem mythenbeladenen westdeutschen Weltmeistertitel 1954.


Wimpel des Finalgegners Ungarn und die Kriegserinnerungen von Fritz Walter, der den Zweiten Weltkrieg in einer Militärfußballmannschaft überstand.


Rückenlehne und Stein des abgerissenen alten Berner Wankdorfstadions, wo das Finale in strömendem Regen gespielt wurde.


Ein Lampenschirm, der an die westdeutschen WM-Spiele 1954 erinnert und von den Spielern unterschrieben ist.


Am Anfang war die Insel. In der Frühzeit des Fußball erhielten englische Nationalteamspieler Kappen, die zur Unterscheidung der Mannschaften dienten. Davon kommt der englische Ausdruck „caps“ für Teameinsätze. Hier eine Erinnerungskappe, die Robert Crompton 1908 als Auszeichnung erhielt.


1874 bringt der Lehrer Konrad Koch den Fußball nach Deutschland und etabliert ihn in Braunschweig als Schulsport. Er verfasst das erste deutschlandweit veröffentliche Regelheft und übersetzt englische Fußballbegriffe ins Deutsche wie „Abseits“ oder „Tor“, um den englischen Sport in der deutschnationalen Gesellschaft akzeptierter zu machen. In Österreich und der Schweiz verläuft die Entwicklung abseits des 1871 frisch gegründeten deutschen Nationalstaats und die englischen Begriffe wie „offside“ oder „goal“ bleiben noch lange Jahrzehnte üblich.


Gegen den englischen Sport wetterte v.a. die Turnbewegung, die Turnen als nationalistische deutsche Übung und Kriegsvorbereitung in der durchmilitarisierten Gesellschaft verbreitete („Turnvater“ Jahn). Eine Streitschrift gegen die „Fußlümmelei“ aus dem Jahr 1898.


Chronologische Führung durch die allgemeine deutsche Fußballgeschichte.


Das Deutsche Kaiserreich war in der Tradition Preußens eine militaristische Gesellschaft, in der das Militär überall präsent und gesellschaftlich dominant war. Seit 1910 war Fußball Bestandteil der Soldatenausbildung, da er die Rekruten militärisch schulen und disziplinieren soll. Hier eine Militärfußballmannschaft 1910/11.


Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde von den Nazis gegen jüdische Sportvereine systematisch vorgegangen. Hier das amtliche Schreiben an den Leipziger Verein Schild, der ein Betätigungsverbot auferlegt bekam. Abgaben und Steuern waren aber weiter zu zahlen.


Im April 1933 beschließen DFB und Deutsche Sportbehörde, „Juden und Marxisten“ (ein weiter Begriff im Sinn der Nazis) von Führungspositionen auszuschließen. Wie bei anderen Fußballverbänden und auch Vereinen geschieht dies in Eigeninitiative noch bervor von den Nazis Entsprechendes angeordnet worden war.


Seit Beginn waren jüdische Fußballspieler, Vereinsfunktionäre, Schiedsrichter, Sportjournalisten und Fußballfans ein Teil des Fußballbetriebs gewesen. Von den Nazis wurden sie ausgeschlossen, verfolgt, vertrieben, umgebracht und aus der Fußballhistorie ausradiert. Über viele Jahrzehnte nach 1945 blieben sie und ihr Beitrag zum Fußball ausgeblendet und vergessen. Erst in den letzten Jahrzehnten begann man sich an sie zu erinnern. Lorenz Peiffer und Henry Wahlig veröffentlichten in 11 Freunde eine Sammlung an Biographien.


Julius Hirsch war Fußballpionier, deutscher Nationalteamspieler und deutscher Meister mit dem Karlsruher FV. Durch verbitterten Austritt kam er 1933 seinem Vereinsausschluss zuvor, vom DFB wurde er aus Geschichte gestrichen. Er hatte im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat gekämpft, war wie viele andere deutschnational und konnte sich nicht vorstellen, was passieren sollte. 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und vermutlich unmittelbar nach seiner Ankunft ermordet.


Tull Harder war ein wahrer Fußballstar des HSV. Als überzeugter Nazi trat er der SS bei, wurde Verbrecher und am Ende sogar KZ-Kommandant. Nach 1945 wurde er als Kriegsverbrecher verurteilt, aber vom HSV weiter in Ehren gehalten. Im HSV-Museum wird auch dies heute dargestellt.


Fußball wurde auch in Kriegszeiten gespielt. Sowohl verordnet zur Ablenkung als auch freiwillig einfach aus der Freude am Spiel. Skizze eines Fußballspiels von Kriegsgefangenen in einem Gefangenenlager 1945.


Unter besonderer Extremsituation wurde selbst in den KZs und Ghettos der Nazis Fußball gespielt. Hier der Turnierbaum eines Pokalturniers, das 1943 im KZ Theresienstadt von den Gefangenen gespielt wird. Es ist ein Turnier ohne Sieger: Die meisten Spieler werden im Holocaust ermordet.


Bei der EM 2012 besucht eine DFB-Delegation mit der deutschen Nationalmannschaft die Gedenkstätte in Auschwitz.


Bilder von Ermordeten.


Die Trophäe des in der Nazizeit begründeten und dann als DFB-Pokal weitergeführten Cupbewerbs. 1938 gewann ihn Rapid und 1943 die Vienna.


Plakat des berühmt-berüchtigten „Todesspiels“ von deutschen Besatzungssoldaten und Besetzten in Kiew 1942. Eine komplexe Geschichte, wie hier anlässlich eins Lokalaugenscheins beschrieben.


Plakat einer Doppelveranstaltung der zur Aufrechterhaltung des Anscheins von Normalität von den Nazis aufrechterhaltenen Fußballmeisterschaft im Krieg, u.a. mit Union Oberschöneweide (Vorläufer von Union Berlin) gegen Rapid.


Auch dem Frauenfußball ist ein Bereich gewidmet.


Die 90er Jahre.


Die 2000er Jahre.


WM-Ball von 1970, im bis dato unerreichten Fußball-Design.


Franz Beckenbauer


Die Diskussion um das „Wembley-Tor“ des WM-Finales von 1966 wird als kriminalistische Ermittlung aufbereitet.


In der Qualifikation für die WM 1954 hatte der spätere Weltmeister BRD gegen das Saarland anzutreten. Das Saarland war bis 1956 unter französischer Militärregierung kein Teil der Bundesrepublik Deutschland und von 1950 bis 1956 auch eingenständiges FIFA-Mitglied. Trainer der saarländischen Nationalmannschaft war von 1952 bis 1956 der aus Dresden stammende und 1950 aus der DDR geflüchtete Helmut Schön, der später mit der BRD Weltmeister werden sollte.


Beim einzigen Aufeinandertreffen der Nationalmannschaften der DDR und der BRD gewann bei der WM 1974 die DDR 1:0 und wurde sogar Gruppensieger. Weltmeister wurden aber die anderen.


Hoch über den Köpfen ist im Abschnitt über den DDR-Fußball das wahre Prunkstück dieses Teils: Eine Wimpelsammlung von allerlei Vereinen. Der Fußballbetrieb wurde in der DDR v.a. in den ersten Jahrzehnten oft umorganisiert, Vereine gegründet und geschlossen, verlegt und umbenannt.


Aufstellungskarte der Stasi-Spitzel des MfS auf den Tribünen beim Europacupspiel des BFC gegen den HSV 1982.


1974 gewann der 1. FC Magdeburg den Europacup der Cupsieger, größter internationaler Erfolg des DDR-Fußball.


Wie andere auch wollten auch manche Fußballer immer wieder aus der DDR-Diktatur flüchten. Einigen gelang das, viele wurden aber auch verhaftet und eingesperrt.


WM 1990


WM 2014


Zwei von mehreren Grafiken der Zuteilung bei Standardsituationen der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014.


In einem Kinosaal führen diverse Sympathieträger (Ironie) durch einen Film, der eine Heldengeschichte der deutschen Nationalmannschaft erzählt.


Einen Trophäensaal gibt es natürlich auch.


Fußballtaktik und Systeme


Notizen von Ernst Happel über die notwendigen Kompetenzen eines Trainers.


Im ersten Stock wird es eigentlich erst richtig interessant in der Ausstellung, denn jetzt geht es um den Vereinsfußball.


Die Bronzefigur der Viktoria, die von 1903 bis 1944 als Meistertrophäe des DFB vergeben wurde und dann verschollen war, bis sie nach dem Ende der DDR wiederentdeckt wurde und zum DFB zurückkam.


Matchplakat aus Braunschweig, auf dem nicht nur die Daten angekündigt werden sondern auch gleich eine Erklärung der Fußballregeln angefügt ist.


in der Ausstellung


Der nach dem Verlust der Viktoria und der Wiedervergabe eines deutschen Meistertitels in der BRD seit 1949 vergebene Meisterteller. Auch die Titelgewinner seit 1903 wurden eingraviert.


Ein überdimensionaler Fußball mit den Unterschriften aller (!) Spieler der ersten Saison der deutschen Bundesliga 1963/64.


Ausstellung über die deutsche Bundesliga


Die mediale Vermittlung und Inszenierung war von 1963 an ein wesentlicher Grund für den Erfolg der deutschen Bundesliga. Dies wird hier anekdotisch erwähnt, aber nicht genauer beleuchtet.


Die einzelnen Jahrzehnte der Bundesligageschichte werden beleuchtet, wobei besonders die 1980er Jahre ins Auge fallen. Nicht nur löste 1987 Bayern München den 1. FC Nürnberg als Rekordmeister ab, sondern war hier damals auch Ernst Happel als HSV-Trainer aktiv und höchst erfolgreich.


Der Schlussteil enttäuscht. Neben Ecken über den DFB-Pokal und die Champions League gibt es ein liebloses Eck über die Schiedsrichterei und eine Wand mit Bildern von Fans und Faninitiativen bzw. Fanprotesten. Es erweckt den Eindruck, als wollte man etwas zu diesen Akteuren des Fußballbetriebs noch unterbringen, ohne sich näher mit ihnen zu beschäftigen und sie fundiert darzustellen.


Die Sonderausstellung „50 Jahre Wembley“ widmet sich derzeit dem WM-Finale von 1966 im Londoner Wembley-Stadion, das durch das legendäre „Wembley-Tor“ in die Geschichte einging. Gezeigt werden Fotografien und eine künstlerische Medieninstallation (Video) zum Thema.


Im Untergeschoss gibt es ein Kleinfeld, das sich einiger Bleiebtheit erfreute.


Das uninteressanteste, aber offensichlich beliebtste Ausstellungsstück steht ebenerdig im Erdgeschoss: Der Mannschaftsbus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014. Nach Betrachtung von innen und außen: Es ist ein Bus.


Am Ende.

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