Dienstag, 21. August 2012

Ballesterer 74


Rezension



Ballesterer fm
Nr. 74, September 2012
66 S.






„Die letzte Schlacht (gewinnen die anderen)“ und „Einer muss aufhören“ − mit diesen programmatischen Titeln versieht Hauptautorin Nicole Selmer ihre beiden Artikel zur sich aufbauenden Eskalation in Deutschland zwischen Staatsgewalt, Liga und Fußballverband auf der einen und Ultras auf der anderen Seite. „Diese Geschichte wird kein gutes Ende nehmen,“ meint Selmer und hat damit wohl recht. Es geht um unterschiedliche Debatten, die im Nachbarland in der Öffentlichkeit unter der Chiffre Gewalt zusammengefaßt werden, wobei Druck und Gegendruck aufgebaut wird (und die notwendige Debatte um die echte Gewalt unterbleibt).
Die Titelgeschichte reißt mehrere Themen an und bindet verschiedene Stellungnahmen ein. Der wichtigste Punkt dabei ist meiner Meinung nach (als außenstehender Nicht-Ultra und jemand mit wenig Blick fürs deutsche Fußballgeschehen) nicht Pyrotechnik oder Gewalttätigkeiten der Ultras untereinander oder mit der Polizei, sondern die Frage nach dem Standing der immer noch verhältnismäßig jungen Ultrakultur innerhalb ihrer Kurven, wo sie oft ja in Minderheitsposition sind, sowie in ihren Stadien. Das ganze Stadion als unterschätzte Bezugsgruppe. Denn wie Martin Thein im Text so schön sagt: „Die meisten anderen Fans wollen ja keinen Konflikt mit dem Verein und den Medien austragen, die wollen ihre Bratwurst essen, ein Bierchen trinken und Fußball gucken.“ Hier gilt es zu kommunizieren, um Verständnis zu erlangen.
Überaus interessant ist hier noch das Interview mit dem Polizeiforscher Rafael Behr, der einige spannende Dinge zu sagen weiß.
Im übrigen hätte es nicht geschadet − auch wenn es sich aus dem Zusammenhang ergibt − im Gewaltstatistik-Artikel zu erwähnen, daß es bei allen Zahlen um Deutschland geht. Unlängst geisterten ja auch in Österreich wieder einmal Horrorzahlen an Verletzten und Angezeigten durch Politik und Medien, die sich relativieren, wenn man sie in Verhältnis zur Anzahl der Menschen in den Stadien setzt (auch wenn jede Verletzung eine zu viel ist).

Robert Florencio berichtet weiters im Heft aus Austragungsorten der WM 2014 in Brasilien und über die Diskussion um den radikalen Umbau des Maracana in Rio de Janeiro. Hier kann man für 2014 wohl einiges an interessantem Stoff erwarten. Christoph Heshmatpour erzählt vom Publikumsaustausch in den zuvor blutig verfeindeten beiden Kurven von Paris Saint-Germain.

Zu guter Letzt darf ich auch meinen kleinen Fotoessay hinweisen, der sich im Heft dem Turiner Stadio Filadelfia widmet.

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