Montag, 8. Februar 2021

Ballesterer 158




Rezension


ballesterer
Nr. 158, März 2021
84 S.










Béla Guttmann war eine faszinierende Persönlichkeit, die als Spieler und dann v.a. als Trainer den Fußball seiner Zeit mitbestimmte. Geboren wurde er in Budapest, gestorben ist er in Wien – in beiden Städten lebte er längere Zeit, sie prägten ihn und er sie. Wie Guttmann aber darüber hinaus weltmännisch in vielen Ländern Europas sowie in Nord- und Südamerika wirkte, zeichnet die Titelgeschichte von Markus Horn und Clemens Zavarsky sehr gut aufbereitet nach.
Mit Benfica gewann Guttmann als Trainer zweimal hintereinander 1960/61 und 1961/62 den Europacup der Landesmeister. Was heute am meisten von ihm erinnert wird, ist der sagenumwobene „Fluch“. Mit ihm soll er den Verein nach seinem Abschied am Tag des zweiten Europacupsiegs versehen haben, weil ihm eine Gehaltserhöhung verweigert wurde. Da Benfica seither alle acht seiner Europacupfinalspiele verloren hat, wurde dies legendär. Ein Beitrag dazu im Heft legt aber nahe, dass wie bei allen reizvoll klingenden Legenden hier mehr Geschichterl als Wahrheit dahintersteckt und Guttmann dies wohl nie so gesagt hat. Realität sind dagegen seine durch die Trainer-Erfolge oftmals unterschätzten Leistungen als Spieler, welche hier ebenso beleuchtet werden. Zum Abschluss bringt der Schwerpunkt ein interessantes Interview mit dem Guttmann-Biografen Detlev Claussen, v.a. auch zu politischen Dimensionen jener Zeit mit dem Überleben Guttmanns im Holocaust während seine Familie von den Nazis umgebracht wurde, Umgang mit Antisemitismus, der „Fußballkorruption“ in Ungarn und im Italien der 1950er Jahre sowie dem Nutzen der Spieler aus den von Portugal ausgebeuteten Kolonien in Afrika für Benfica in den 1960er Jahren.

Die besten Nachrufe auf den im Dezember am Coronavirus verstorbenen Otto Barić (von Dario Brentin) sowie den an Krebs verstorbenen Paolo Rossi (von Martin Schreiner) las ich bislang hier in diesem Heft. Vom modernen Fußball ist von Dirk Segbers zu lesen, der über die sich Vereine in verschiedenen Ländern haltende Racing City Group berichtet.
Weiters im Heft: Fortsetzung der juristischen Schritte nach dem siebenstündigen Derbykessel von Rapidfans im Dezember 2018 mit einer Sachverhaltsdarstellung zum Thema Amtsmissbrauch gegen den handelnden Polizeijuristen (nachdem das Verwaltungsgericht den Polizeieinsatz für teilweise rechtswidrig befunden hatte), Nutzung des Münchner Olympiastadions durch Türkgücü und weitere Perspektive („Weil das Grünwalder Stadion umgebaut und zweitligatauglich gemacht werden soll, braucht 1860 wohl demnächst eine Zwischenheimat.“), die Gründe für den Baustopp nach Abriss der Kainzgassentribüne am Sportclubplatz und warum der neue Ligamodus der Regionalliga West auch schon wieder am Scheitern ist, bevor das geplante gemeinsame Frühjahrs-Play-off der drei Landesverbände nach Abbruch 2020 und Ligenunterbrechung 2020/21 überhaupt einmal durchgeführt wurde.

Zu den zahlreichen Rätseln dieser Welt, die mir verschlossen sind, gehört Sinn und Zweck von Tätowierungen. In einer neuen Kolumne schreibt Daniel Shaked über Fußballertätowierungen und lichtet sie als Fotograf ab. Aufgelöst wurde das Mysterium für mich in der ersten Folge noch nicht, aber ich bleibe gespannt.

In meiner Amateurfußballreihe Nebenschauplätze schreibe ich über Farbgebung und Heilige beim SV Straßwalchen. In der Auswertung der alljährlichen Ballesterer-Umfrage zu den Heftinhalten zeigt sich, dass die Leserinnen und Leser die Nebenschauplätze mit Platz 3 auf einen Stockerlplatz bei den Rubriken 2020 gewählt haben. Dankeschön!

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