Donnerstag, 11. Februar 2021

Strawanza




Rezension


Strawanza
... erster Streich
2021
84 S.









„Strawanza – der Name ist Programm“ hebt das neue Fanzine aus Hütteldorf an. Als „Strolch“ und „Müßiggänger“ definiert das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm den Strawanza. Die Redaktion beschreibt sich als „ein Haufen Fußballnarrischer, deren Herz seit jeher fest in Hütteldorf verankert ist und deren Begeisterung für den Fußball weit über Stadt-, Landes-, und Kontinentalgrenzen hinausgeht.“ Eines beginnt schon im Titel und zieht sich durch die Sprache aller Texte: Herrlich relaxte und selbstverständliche Verwendung von Wiener Ausdrücken, die das Lesen erst so richtig gmiadlich machen. Der erste Streich begeistert.

Rapidbezug zieht sich durch das Heft, einen Rapidspielbericht gibt es nur in einem „Throwback 2017“ von einem vordergründig unscheinbaren Sommertestspiel Rapids in Grein (staatlich gesehen Bundesland Oberösterreich, aber aufgrund NÖFV-Verbandszugehörigkeit fußballerisch gesehen Niederösterreich). Man liest von bislang unbekannten Hintergründen, warum vor Ort ein „Auftritt der ominösen Rapidfans noch wochenlang Gesprächsstoff war.“ Rapid-Freundschaftsbezug haben Berichte von einer Auswärtsfahrt mit Nürnberg (im Sonderzug nach Osnabrück – „Bereits um 13 Uhr wurde angepfiffen, ein Mittagsspiel, das sicher für viele aus Nürnberg per Zug Angereiste ein Spätabendspiel war.“), vom Budapester Derby am 19.10.2019 mit Beteiligung an der Ferencváros-Choreographie und einem anekdotenreichen Ausflug zu einem Basketballspiel von Panathinaikos bei Bayern München im Gästemob.

Der Mittelteil ist Hammarby gewidmet und bringt eine wahre Perle zum Vorschein. In einer Übersetzung eines 1998 auf Schwedisch veröffentlichten Texts berichtet ein Beteiligter mit zahlreichen Details davon, wie und warum am 27. August 1970 eine Gruppe von Fans im Söderstadion mit dem aktiven Support begann und erstmals in Schweden ein Fangesang von den Rängen schallte. Sehr informativ! Doch dabei lassen es die Strawanza keineswegs bewenden und bringen in ihrem HIF-Schwerpunkt einen Nachruf auf das Söderstadion und Rückblick auf sein Ende – „Im Jahr 2015 wurde es endgültig abgerissen und hinterließ einen großen leeren Raum aus Schotter und wachsendem Unkraut, der bis heute sichtbar ist.“ – sowie einen Spielbericht vom Abschiedsspiel im Juni 2013 und dessen Emotionen: „Es floss viel Öl und noch mehr Tränen.“ So nebenbei bekommt man damit auch einen kleinen Sprachkurs und lernt das schwedische Wort für Bier.
2019 verbrachte einer der Heftautoren einige Zeit in Schweden. In seinen Erzählungen bekommt man erstaunliche Eindrücke vom Leben in Jönköping: „Alle machen immer Sport in diesem ländlichen Schweden! Das war wirklich unfassbar für mich! Jedes Wochenende Lauf-, Ruder-, Fahrradbewerbe in der Stadt. Meine Arbeitskollegen nahmen permanent an Sportevents teil. Viele kamen mit dem Fahrrad aus weiter entfernten Orten zum Arbeiten in die Stadt. In der Mittagspause gab es Laufgruppen statt Fressflash.“ Im Fokus stehen aber die Spielbesuche mit Hammarby auswärts und daheim. Die Erzählungen geben lebendige Einblicke. Insgesamt kann ich feststellen, dass der 31-seitige Hammarby-Block im Heft für mich erfreulich viel Interessantes und Spannendes barg.

Zuende ist das Heft damit aber noch lange nicht, sondern bietet noch aus dem Jahr 2018 Reiseberichte nach Marokko zu einem Casablanca-Derby sowie nach Indonesien samt allerlei Schmankerl (Hooligans Reykjavík!), und weitere Groundhoppingberichte aus dem Jahr 2019 aus Zagreb sowie Neapel und aus der guten alten Zeit der ersten Monate im Jahr 2020 aus Sunderland und von Blau Weiß Linz – Vorwärts Steyr. Hier lerne ich, dass Oberösterreich das „Derbybundesland schlechthin“ und das „Derbyparadies Österreichs“ ist. Darüber habe ich zuvor noch nie nachgedacht, aber das stimmt wohl.

Zum Abschluss serviert der Strawanza eine Melange aus einer von mir in der Tendenz geteilten Kritik am Netflix-Ultras-Film, einem Abdruck meiner auf Anfrage von mir zur Verfügung gestellten Rezension von Stadionrebellen und einem Artikel über das Blue Girl und den Kampf von Frauen im Iran, Fußball sehen zu dürfen.

Gewidmet ist das Heft dem zu Jahresende 2020 in Mexiko ermordeten Rapidler Florian Kafka.

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