Freitag, 28. November 2025

Rot-Weiß Erfurt – Carl Zeiss Jena 3:1 (2:0)

Deutschland, Regionalliga Nordost, 17. Spieltag, 28.11.2025
Steigerwaldstadion, 15.040

Das Thüringenderby begann mit politischer Botschaft an den Innenminister. In einem bemerkenswerten gemeinsamen offenen Brief der Steigerwaldkurve Erfurt, des FC Rot-Weiß Erfurt, der Südkurve Jena und des FC Carl Zeiss Jena wandten sich vor dem Spiel beide Kurven und beide Vereine zusammen an den Thüringer Innenminister. Sie fordern vor der Konferenz der Innenministerinnen und Innenminister der deutschen Bundesländer, die unter dem Vorwand der Sicherheit geplanten Maßnahmen gegen die Fußballkultur nicht umzusetzen. Sie halten medialer Hysterie die von den Behörden selbst erhobenen Zahlen entgegen, dass laut der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze in der Saison 2024/25 die Polizei rund 22 Prozent weniger Strafverfahren eingeleitet habe und die Zahl der Verletzten um 17 Prozent gesunken sei. Bei einer Steigerung der Anzahl an Stadionbesucherinnen und -besucher um rund eine Million. „Um unsere Forderungen zu unterstreichen, werden die Südkurve Jena und die Steigerwaldkurve Erfurt in den ersten 12 Minuten des anstehenden Thüringenderbys einen Stimmungsverzicht durchführen. Dieses Bild soll demonstrativ zeigen, welche Atmosphäre zukünftig in den Stadien ohne bunte und laute Fankurven vorherrschen könnte, sollten die unsachlich initiierten Sicherheitsmaßnahmen beschlossen werden. Der FC Carl-Zeiss Jena sowie der FC Rot-Weiß Erfurt unterstützen ausdrücklich die oben aufgeführten Forderungen und das Bekenntnis zur Fankultur.“ Es sind derzeit spannende Wochen im deutschen Fußball. Auf eine gemeinsame Demonstration zahlreicher Fanszenen folgen Protestspieltage, die auf das Anliegen aufmerksam machen. „Innenminister Maier: Setz dich für die Fankultur in Thüringen ein!“ stand an während der schweigsamen ersten zwölf Minuten des Spiels an der Steigerwaldkurve und im Gästesektor zeigte man erst ebenfalls dieselbe Botschaft „Soll das die Zukunft des Fußballs sein? Innenminister Maier: Setz dich für die Fankultur in Thüringen ein!“ gefolgt von „Wir schützen unsere lebendigen Kurven!“
Am Spielfeld gab es trotz eines zwar kämpferischen, aber gar nicht mal so chancenreichen Viertligaspiel vier Tore. Ein beachtlicher Sololauf brachte Rot-Weiß-Erfurt nach einer halben Stunde die Führung, die sie nach wenigen Minuten schon auf 2:0 erhöhten. Auch in der zweiten Hälfte fielen die Tore knapp hintereinander, erst das 3:0 und dann das Tor der Gäste zum 3:1. Der FC Carl Zeiss Jena verlor das Match spielerisch verdient und verringert damit den Abstand als Tabellenzweiter auf den Dritten Rot-Weiß Erfurt.
Eine Aufstiegschance hat aber nur der Meister und selbst dieser muss sich in diesem Jahr erst in zwei Aufstiegsspielen gegen den Meister der Regionalliga Bayern durchsetzen. Mit einem von den Mannschaften vor Anpfiff gemeinsam gehaltenen Spruchband für eine „Aufstiegsreform“ für eine Änderung dieser Regelung.
Das Thüringenderby hat eine jahrzehntealte Rivalität, die weit in die Geschichte der DDR zurückreicht. Nach den zwölf Minuten Schweigen hieß es „Ausnahmezustand“ auf der Steigerwaldkurve mit den 1996 gegründeten Erfordia Ultras. Hinter diesem Banner stieg viel roter Rauch auf und wurde dann ein Feuerwerk abgebrannt. „Vorwärts, vorwärts FC Rot-Weiß Erfurt, du bist mein Verein, Thüringens Nummer eins, so wird es immer sein!“ war zu hören. Über die Erfordia Ultras war zuletzt sehr viel in einem sehr langen Fanzine-Interview in Erlebnis Fußball zu erfahren gewesen. Den ersten Teil in Ausgabe 90 habe ich im Frühjahr insofern interessiert gelesen, als ich hier nicht viel an Wissen habe. Zum zweiten Teil in der auch schon vor längerer Zeit erschienenen Ausgabe 92 bin ich aus Zeitgründen noch nicht gekommen. Der Spielbesuch mit der erstmaligen Betrachtung der Kurve kam da jetzt umständehalber dazwischen bzw. zuvor. Freundschaften bestehen mit Halle, bekannterweise mit Massese und Groningen, dem historisch ersten Europacupgegner.
In der Südkurve Jena um die Horda Azzuro wurde der Support nach den zwölf Minuten Schweigen zunächst mit Pyro gestartet. Zur zweiten Spielhälfte zeigten sie dann eine aufwändige Choreographie. Zum Banner „Diese Schlacht gewinnen wir“ überrollte eine Blockfahne den Stehplatzbereich des Gästesektors, die detailreich den FC Carl Zeiss Jena und die Südkurve symbolisierende Männer beim Pläne schmieden und der Derbyvorbereitung zeigte. Darunter war der Block in Überziehern in den Vereinsfarben mit gelben Pfeil in der Mitte gekleidet und sang bestimmt und kraftvoll „Jena, hol' den Sieg für uns!“. Dabei waren erkennbar Freunde des Lausanne HC, FSV Frankfurt und von Bayern München.
Beide Seite zeigten derbytypische Spruchbänder zu Geschehnissen abseits des Stadions.
Der FC Rot-Weiß Erfurt wurde am 26.1.1966 gegründet, als im Zuge eines Umbaus des Sportsystems der DDR reine Fußballvereine gebildet wurden und man hier dafür die Fußballabteilungen des SC Turbine Erfurt und der BSG Motor Optima Erfurt zusammengeschlossen hat. Die Erfurter Fußballgeschichte reicht weiter zurück, nämlich zum 1895 gegründeten Cricket Club Erfurt, aus dem 1896 der SC Erfurt wurde. Dieser war im Jahr 1900 Gründungsmitglied des DFB. Ein weiterer Verein war der 1904 gegründete FC Britannia Erfurt, der im Zuge des Ersten Weltkriegs mit Krieg zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Vereinigten Königreich im Jahr 1915 in VfB Erfurt umbenannt wurde. Nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur 1945 wurden alle Vereine und auch alle Sportvereine aufgelöst. Spieler von SC Erfurt und VfB Erfurt bildeten eine neue SG Erfurt-West, die 1949 in Fortuna umbenannt wurde und man nach Einführung der Betriebssportgemeinschaften als Sportsystem in der DDR 1950 zur BSG KWU und 1951 zur BSG Turbine gemacht hat. Daraus wurde dann 1954 wiederum der SC Turbine Erfurt, da die Sportvereinigung Turbine ihr Leistungszentrum für die DDR in Erfurt errichtete. 1949 hatte die SG Fortuna Erfurt das Finale um die Ostzonenmeisterschaft erreicht, in dem sie vor 50.000 Zuschauerinnen und Zuschauern im Stadion am Ostragehege in Dresden gegen die ZSG Union Halle 1:4 unterlagen. 1950 erreichten sie als nunmehr bereits BSG KWU das Finale des FDGB-Pokals, unterlagen aber der BSG Eisenhüttenwerk Thale 0:4. Das dritte Finalspiel innerhalb von drei Jahren kam in der DDR-Oberliga 1950/51, welche die BSG Turbine Erfurt und die BSG Chemie Leipzig punktegleich abschlossen. Da es Entscheidungskriterien wie Torverhältnis oder direktes Duell noch nicht gab, vergab man den Meistertitel in einem Entscheidungsspiel vor 60.000 Zuschauerinnen und Zuschauern im Ernst-Thälmann-Stadion von Chemnitz. Erneut verloren die Erfurter, diesmal mit 0:2. Meister der DDR wurde der SC Turbine dann 1953/54 und 1960 (Jahresmeisterschaft). Der FC Rot-Weiß Erfurt, dessen Namensgebung aufgrund der Erfurter Stadtfarben erfolgte, gewann die Oberliga zwar nie, spielte aber bis auf zwei Abstiegssaisonen 1966/67 und 1971/72 bis zum Ende der DDR immer in der Oberliga und erreichte in deren letzter Saison 1990/91 mit dem dritten Tabellenplatz nicht nur die Qualifikation für die gesamtdeutsche 2. Bundesliga Süd 1991/92 sondern auch einen Platz im UEFA-Cup. Während man aus der 2. Bundesliga sang- und klanglos als Tabellenletzter abstieg, konnte man in den ersten Europacupspielen der Vereinsgeschichte 1991 in der ersten Runde den FC Groningen mit zwei 1:0-Siegen ausschalten und schied erst in der zweiten Runde gegen das übermächtige Ajax Amsterdam mit zwei Niederlagen aus. Nach Jahren in der jeweils drittklassigen Oberliga Nordost Süd und Regionalliga Nordost schaffte man es 2004/05 nocheinmal in die 2. Bundesliga, stieg aber erneut als Tabellenletzter sogleich wieder ab. Nach Jahren in der drittklassigen Regionalliga spielte man danach ab 2008/09 weiter in der neuen 3. Liga. Insolvent stieg man 2018 in die Regionalliga ab und stellte in der Winterpause 2019/20 aus finanziellen Gründen den Spielbetrieb ein. Die coronapandemiegeprägten Saisonen 2020/21 und 2021/22 verbrachte man in der fünftklassigen Oberliga. Seit 2022/23 ist man wieder in der viertklassigen Regionalliga.
Der ehemalige Rapid-Spieler der Saison 1993/94 und Sportdirektor der Jahre 2007 bis 2011 (Meister 2007/08) war später 2013 bis 2015 auch hier bei Rot-Weiß Erfurt Sportdirektor. In jener Zeit hatte hier 2024 auch der Rapidler Christopher Drazan ein kurzes Gastspiel.
Das Steigerwaldstadion wurde ursprünglich ab 1927 gebaut und 1931 als Mitteldeutsche Kampfbahn eröffnet. In der Sowjetischen Besatzungszone benannte man das Stadion nach der Instandsetzung nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Wiedereröffnung 1948 nach dem ehemaligen Komintern-Generalsekretär Georgij-Dimitroff-Stadion und so hieß es bis 1991. Nach dem Ende der DDR benannt man es nun Steigerwaldstadion nach dem hiesigen Steigerwald. Es war von Anfang an ein typischen Mehrzweckstadion, wobei Fußballspiele am Beginn nur selten hier stattfanden. 1935 gab es hier aber bereits ein Länderspiel zwischen Deutschland und Rumänien (4:2) vor 35.000 Zuschauerinnen und Zuschauern auf den umlaufenden Stehplatzrängen und einer Holztribüne mit 1.270 Plätzen. Der ewige Rekordbesuch erfolgte in den 1950er Jahren, als Turbine Erfurt hier vor 47.390 Zuschauerinnen und Zuschauern Chemie Leipzig 1:2 unterlag. 1970 wurde ein Flutlicht gebaut, aber sein Aussehen veränderte das Stadion im großen und ganzen erst in den 1990er Jahren, als man 1992 die alte Holztribüne abriss und 1994 eine neue Haupttribüne baute. Diese steht als nunmehrige Westtribüne auf der Gegenseite heute noch. Rundherum wurde aber 2015 bis 2017 anstelle der Stehplatzränge drei moderne Tribünen gebaut. Charakteristisch ist, dass die Tribünen nicht in Ovalform sondern einem Achteck wie in Nürnberg den Innenraum umschließen. Für den Neubau riss man das aus dem Stadionbau von 1931 stammende historische Marathontorgebäude ab. Insgesamt gibt es hier nunmehr eine Kapazität von 18.599 Plätzen (9.465 Sitzplätze). Die alte Längsseitentribüne auf der Längsseite ist im Normalbetrieb üblicherweise gesperrt. Dieser Abend war einer der seltenen Gelegenheiten, bei denen sie genutzt und voll war. Im Stadionmusikprogramm aus den Lautsprechern vor Spielbeginn fiel eine umgetextete Erfurter Version des DDR-Hits Du hast den Farbfilm vergessen auf.
Bereits im Sommer hatte ich bei anderer Gelegenheit die Stadt Erfurt besichtigt.

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