Sonntag, 16. November 2025

Milazzo – Enna 2:0 (0:0)

Italien, Serie D, girone I, 12a giornata, 16.11.2025
Stadio Marco Salmeri, 1.000

Malerisch liegt das Stadion von Milazzo auf Sizilien zwischen Burgberg und Meer. In der italienischen Serie D empfing die Società Sportiva Milazzo die Gäste von Enna Calcio aus dem Landesinneren der Insel. Milazzo hatte mehr vom Spiel, aus dem 0:0 nach 90 Minuten machten sie aber erst in einem überraschenden Doppelschlag in der Nachspielzeit einen Sieg. Man of the match Ernesto Runza traf in Minute 92 aus einem erkämpften Ball ins Tor und Alexy Bosetti erhöhte zwei Minuten später zum von den Heimfans umjubelten 2:0. Der Aufsteiger Milazzo, der nach vielen Vereinsturbulenzen erstmals seit 2013 wieder überregional spielt, steht derzeit im oberen Tabellendrittel mit Chancen auf einen Play-off-Platz.
Die Ultras der Gioventù Vecchie Maniere, Passione e Fedeltà, Gruppo Alcolico Milazzo und Lady Ultras Milazzo treten seit einem Monat gemeinsam unter dem Namen Gradinata Alessandro Scalzo auf. Die Gruppen selbst bleiben bestehen. Es hieß dazu: „L’unione non cancella le differenze, ma le rende più forti insieme.“ („Die Vereinigung löscht Unterschiede nicht aus, sondern macht sie gemeinsam stärker.“). Alessandro Scalzo war ein prägender Mann der Ultras, gehörte zur Gioventù Vecchie Maniere, und war im Juli 2024 mit erst 26 Jahren bei einem Verkehrsunfall verstorben. Neben einem „Marchitto con noi!“ für Marco Salmeri hängt noch ein „Spisidda vive!“ für Alessandro Scalzo über dem großen Gradinata-Fetzen.
„Spisidda vive“ hing auch gegenüber auf der Tribüne, wo seit einige Jahren die Vecchi Ultras stehen und auch eigenständig supporten. Ihre anderen Fetzen hingen verkehrt. Sie zeigten ein Spruchband „Complimenti – emessi 88 anni di DASPO alla Milazzo ultras in 12 mesi“ („Kompliment – 88 Jahre an Stadionverbot für Milazzo ultras in 12 Monaten verhängt“) im Protest gegen Stadionverbote und auch auf der Gradinata gegenüber wurde mit „La fede non si diffida!“ („Die Treue kann nicht ausgesperrt werden“) ein Spruchband gegen Stadionverbote (diffidati) gezeigt und für die Stadionverbotler gesungen.
„Noi siamo i Mamertini!“ war u.a. von den Vecchi Ultras einmal zu hören. Mamertino heißt hier auch das Vereins-Maskottchen. Die Mamertiner waren in der Antike einige Jahrzehnte lang Herrscher über die Region. Eine Schwenkfahne auf der Gradinata zeigte die „occhi di Milazzo“, die „Augen von Milazzo“, ein Symbol der Stadt, das auf den Außenmauern der Festung aufgemalt ist. Die genaue historische Bedeutung ist unbekannt, die Vermutungen reichten im Lauf der Jahrhunderte vom Symbol für Wachsamkeit über magisches Zeichen bis zu einfacher Dekoration.
Der große Derbygegner ist hier Igea Virtus aus der Nachbarstadt Barcellona Pozzo di Gotto, auf die man nach der Rückkehr in die Serie D im August in der Coppa Italia Serie D und dann in der Meisterschaft vor zwei Monaten vor offiziell 1.200 Zuschauerinnen und Zuschauern (600 Tribüne, 500 Gradinata, 100 Gäste) gleich zweimal traf. Freundschaftlich verbunden ist man in gemellaggio mit Vigor Lamezia und in amicizia mit Acireale, während man nach kurzer Verbindung in den 1990ern Messina unfreundlich gegenübersteht. Im mehr als lehrreichen Buch Le isole berichtet Josef Gruber im Abschitt über die Ultras auf Sizilien mit historischen Fotos auch von der Geschichte der Tifoseria in Milazzo und bietet ein informatives Interview mit der Gioventù Vecchie Maniere und dem alten Capo der seinerzeitigen Ultras Milazzo 1984.
Im Gästesektor trafen einige Minuten nach Spielbeginn die Aggregazione Ultras Enna ein. Was für ein Name. Am Zaun hing daneben ein Filippo-Fetzen für einen Verstorbenen der früheren Commando Ultrà Enna (C.U.E.) und es gab auch den Gesang „Filippo sempre presenti“ zu hören. Begonnen wurde mit lautem „Ultras!“ und „Ultras Enna sempre presenti“. Kompakt wurde supportet, bis dann das Spielergebnis in der Nachspielzeit sichtlich schockierte.
Die Società Sportiva Milazzo wurde 1930 gegründet. Überregional spielte man erstmals 1971/72 bis 1973/74 und 1977/78 bis 1980/81 in der Serie D. 1981 endete das aber in der Pleite und Einstellung des Spielbetriebs. Erst nach jahrelanger Pause trat 1984/85 unter dem Namen Pro Milazzo im Unterhaus in der Prima Categoria ein Nachfolger an, der 1985/86 nach Fusion mit Aquila Valdina unter dem Namen Aquila Milazzo eine Spielklasse hinauf in die Promozione sprang. 1986/87 trat man dann wieder als S.S. Milazzo an und schaffte es 1993 in den Campionato Nazionale Dilettanti, wie die der Serie D entsprechende Liga damals bis 1999 hieß. Bis 2004/05 spielte Milazzo darin und in der Serie D. Dem Abstieg 2005 folgten Pleite und Vereinsauflösung. Nach einer Saison ohne Spielbetrieb benannte sich 2006 die GS San Papino Milazzo ASD in ASD Milazzo um und kaufte die Spielberechtigung des Vereins Real Messina, mit der man 2006/07 in der Promozione starten konnte. Dort wurde das neue Milazzo ebenso wie 2007/08 in der Eccellenza und 2008/09 in der Serie D Meister, sodass der Verein erstmals in die damalige Lega Pro Seconda Divisione (zuvor Serie C2 benannt) und damit den Profifußball aufstieg. 2010/11 bis 2012/13 dauerte dieses Abenteuer drei Saisonen lang. Am Ende stand erneut die Vereinsauflösung und ein Jahr ohne Spielbetrieb. 2014 benannte sich der in der Promozione spielende Verein ASD Città di Milazzo in ASD Sportsoccer Milazzo 1937 um und trat die Nachfolge an. Man spielte in der Eccellenza und fusionierte 2016 mit der ASD Real Filicudi aus Lipari zur SSD Milazzo 1937. Allerdings kam auch hier nach der Saison 2016/17 wieder das Ende und es folgte erneut ein Jahr ohne Spielbetrieb. Zur Saison 2018/19 wurde der in der Eccellenza spielende Verein USD Pistunia aus Messina in SSD 1937 Milazzo umbenannt, der sich allerdings nach Saisonende zurückzog. Die Nachfolge trat die S.S. Milazzo in der Promozione an, die 2022 in die Eccellenza und 2025 in die Serie D aufstieg.
Das Stadio Comunale Marco Salmeri liegt beeindruckend zwischen Burgberg und Meer nahe einer Grotte, die hier als Wohnort des mythologischen Zyklopen Polyphem (Πολύφημος, italienisch Polifemo) gilt, der in der antiken Erzählung der Odyssee des Homer von Odysseus getötet worden war. Danach wurde auch das Stadion als Stadio grotta Polifemo bezeichnet bis es 2014 nach dem bei einem Verkehrsunfall mit erst 22 Jahren ums Leben gekommenen Milazzo-Spieler Marco Salmeri benannt wurde. Die Stadionaußenwand haben die Ultras in Zusammenarbeit mit dem Graffitikünstler Manuel Mondello (Mr.cois) zuletzt mit Murales verziert. Ein Bild aus dem Jahr 2024 zeigt Marco Salmeri und eines aus dem Sommer 2025 zeigt Alessandro Scalzo.
Vor dem Spiel habe ich die Stadt Milazzo besichtigt.

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