Freitag, 7. Mai 2010

Ballesterer 52


Rezension


Ballesterer fm
Nr. 52, Mai/Juni 2010
66 S.







Titelthema ist der FC St. Pauli. Ein Verein, der über die deutschen Grenzen hinaus ob seines widerständigen Images und seiner antifaschistischen Fans vielen sympathisch ist. Nach der existenzbedrohenden finanziellen Krise vor einigen Jahren begann der Klub dies mit einer Kommerzialisierungs- und Merchandisingwelle zu Geld zu machen. Verständlich einerseits, aber oft auch nervend. Totenkopf und "Kult" everywhere. Der ehemalige Fanaktivist und heutige Stadionsicherheitschef Sven Brux im Heft über die inflationäre Verwendung des Begriffs "Kult": "Der Kultklub vom Kiez, die Kultfans mit ihrem Kultgetränk und der Kultwurst. Dann gibt's eine tolle Kultschlägerei in der Kult-Jolly-Roger-Fankneipe. Am besten könnte man den Begriff wahrscheinlich entwaffnen, indem man es auf die Spitze treibt und nur noch von Kult redet."
Simon Hirt und Reinhard Krennhuber berichten auch über die jüngsten fankulturellen Konflikte zwischen zwischen den dort relativ jungen, 2002 gegründeten Ultras und dem alteingesessenen Anspruch von britischem Support, sinnbildlich in der mythemumrankten Gegengerade des Millerntorstadions. Dazu nochmal Brux: "Leute aus meiner Generation, die sich heute über Ultras aufregen, sollten sich selbstkritisch fragen, wie sie vor 20 Jahren aufgetreten sind. Da gab es eine etablierte Fanszene, die von Rockern bestimmt wurde. Auf einmal kommen die Bunthaarigen aus der Hafenstraße an und machen sich hier breit."
Eine nette Koinzidenz ist ein Da capo des "Millwall-Effekts" des Ballesterer. Nach dem Schwerpunkt über ihn 2003 erreichte der Londoner Underdogverein (mit politisch anders gelagerten Fans) das FA-Cup-Finale und sogar den Europacup. Nach Erscheinen des jetzigen Hefts fixierte St. Pauli den Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Weitere Highlights im Heft sind Artikel über Aufstieg und Fall des SV Hundsheim − eine prototypische Geschichte des Fußballs von Hoffnung, Hybris und Konfrontation mit der Realität − sowie über den Londoner Fulham FC. Interessant ein Interview mit Detlev Claussen über seine Biographie von Béla Guttmann und eine weitere Folge der Stadionarchitektur-Serie von Raphael Gregorits und Georg Pitschmann, diesmal darüber, "wie Stadien zwar Architektur-Fachmagazine füllen können, von den Fans aber trotzdem nicht akzeptiert werden".

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