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Mittwoch, 5. Juni 2019

First Vienna FC – Fußballfibel



Rezension


Alexander Juraske
First Vienna FC
Fußballfibel
Bibliothek des Österreichischen Fußballs: Bd. 1
Herausgegeben von Thomas Pöltl und Frank Willmann
Berlin 2019 (Culturcon Medien)
150 S.






Band 1 der vorerst vier Bände der Fußballfibeln zu einer Bibliothek des Österreichischen Fußballs gehört numerisch korrekt natürlich dem First Vienna Football Club. Alexander Juraske ist Autor hervorragender Publikationen zur Vienna-Geschichte wie vor allem seinem Buch „Blau-Gelb ist mein Herz“, aber auch Vertrieben und ermordet über die jüdischen Vienna-Mitglieder oder zuletzt die Biographie von Hans Menasse wären hier zu nennen. In diesem Buch beschäftigt er sich nach zwei einleitenden Kapiteln zur Vereins- und Fangeschichte in Interviews mit der Fankultur der Vienna im Lauf der Jahrzehnte. Er interviewt dazu zehn Protagonistinnen und Protagonisten verschiedener Generationen mit unterschiedlichen Zugängen und Biographien.

Aktuell ist die Vienna Meister der Wiener 2. Landesliga und war Finalist im Cup des Wiener Fußballverbands. Im Kapitel zur Vereingeschichte ruft Juraske in Erinnerung, dass der älteste Fußballverein Österreichs auf ruhmreichere Zeiten zurückblicken kann, allerdings auch vor dem ebenso spektakulären wie selbstverschuldeten Absturz in die fünfte Spielklasse 2017 oft mit viel Risiko am Abgrund gewandelt war. Die aktuelle Vereinsführung betrachtet Juraske mit Verweis auf historische Erfahrungen ebenso kritisch wie große Teile der Fanszene. „Wie auch schon früher sind die Fans dazu aufgerufen, ein wachsames Auge auf die Vereinsführung zu haben. Im Gegensatz zu den handelnden Personen, die in der Vergangenheit häufig in rascher Folge wechselten, sind sie – die Fans – die einzige Konstante des First Vienna Football Club.“

Im ersten Interview erzählt Leo, der 1955 erstmals auf der Hohen Warte war: „Gleich in dieser Saison habe ich einen Meistertitel erlebt, das war natürlich prägend für mich. Leider konnte ich damals noch nicht wissen, dass es bis heute der letzte Meistertitel gewesen sein sollte.“ Erwin, der ebenfalls seit den 1950er Jahren zur Vienna geht, erzählt von Fan-Bestrebungen zur Unterstützung des Vereins in den 1970er Jahren: „Die Vienna hat sich für den Anhängerverein nicht interessiert, eher im Gegenteil. Wir hatten das Gefühl, dass wir nicht erwünscht sind. Niedermeyer hat der Vienna sogar eine Videokamera geschenkt, aber auch dafür gab es vom Verein keinen Dank. Typisch Vienna halt.“ Ein Generationsunterschied zu Teilen der heutigen Fanszene zeigt sich in beider kompromisslos klaren Stellungnahme gegen Pyrotechnik.

Karin erzählt im Interview, wie sie in den 1980er Jahren die Auswärtsfahrten per Bus organisiert und erlebt hat, von den Europacupreisen nach Dänemark und Piräus und wie sie eine Kutschenfahrt mit sieben blau-gelb dekorierten Fiakern zum ÖFB-Cup-Finale 1997 organisierte, das die Vienna im Happel-Stadion 1:2 gegen Sturm Graz verlor. Michael berichtet von Kuttenträgern in den 1980ern und einer Motorradgang, die es vor ihnen Anfang der 1980er Jahre gab. Heute besitzt er die größte Sammlung an Andenken und Fanartikeln der Vienna. Nicht fehlen darf natürlich auch ein Gespräch mit Edi, der mit seinem markanten Dudelsack-Spiel seit Jahr und Tag die Vienna-Spiele musikalisch begleitet.

Von der Entstehung und Geschichte der Döblinger Kojoten berichtet Thomas: „Damals waren Spiele vor nur 250 Besuchern keine Seltenheit und wir fünfundzwanzig Verrückten standen halt neben dem Fernsehhütterl auf dem Naturhang und haben die Mannschaft lauthals unterstützt. Wir waren relativ weit weg vom Spielfeld. Wer weiß, ob uns die Mannschaft überhaupt gehört hat? Gegenüber auf der Tribüne gab es auch junge Fans, mit denen wir uns aber nicht anfreunden konnten. Die waren anders drauf. Das war die Partie um die Old Firm.“

„Südtirol-Connection“ nennt Juraske jenes Kapitel, in dem Ale von seinem Weg aus Südtirol nach Wien und zur Vienna erzählt und wie aus einer Gruppe von Leuten ähnlicher Herkunft und zwei Wohngemeinschaften die Gruppe der Vienna Wanderers entstand, die seit einem Jahrzehnt deutlich mehr Farbe und Elemente aus der Ultràkultur in die Vienna-Fanszene gebracht haben. Von ihrer ebenfalls spannenden Fanbiographie als ehemaliger Fan von Austria Salzburg erzählt die gebürtige Salzburgerin Ines. Nach der Dosen-Übernahme hatte sie sich vom Fußball abgewandt und die Salzburger Neugründung nur mehr aus der Ferne verfolgt, da sie schon in Wien lebte. 2009 ging sie zum letzten Vienna-Heimspiel vor dem Zweitliga-Aufstieg auf die Hohe Warte. „Nach dem Spiel bin ich gleich runter auf den Platz und habe mitgefeiert, denn der Aufstieg war nahezu fixiert. Plötzlich hatte ich wieder dieses Gefühl von früher, dieses Kribbeln im Bauch, diese Liebe, die ich bei Austria Salzburg erlebt hatte. An diesem Tag im Mai 2009 habe ich mich in die Hohe Warte und in die Vienna verliebt.“ Seither ist sie bei Antifa Döbling und in den letzten Jahren vor allem in der Frauenvernetzung und antisexistischen Fanarbeit engagiert. Vom Fandachverband Vienna Supporters erzählt Obmann Robert. Annika und Jan erzählen von ihrer Liebesgeschichte mit der Vienna und vor allem auch dem Stadion Hohe Warte, der Plüsch Pony Bande und ihrer Arbeit im Supporters-Dachverband.

Mit einem Anhang zu statistischen Daten der Vienna, Liedtexten von Fangesängen sowie einem Glossar für deutsche Leserinnen und Leser schießt Juraske ein kurzweiliges und durch die Vielfalt seiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sehr interessant zu lesendes Buch.

Mittwoch, 22. Mai 2019

SK Rapid Wien – Fußballfibel



Rezension


Thomas Lanz
SK Rapid Wien
Fußballfibel
Bibliothek des Österreichischen Fußballs: Bd. 2
Herausgegeben von Thomas Pöltl und Frank Willmann
Berlin 2019 (Culturcon Medien)
180 S.






„Fans schreiben für Fans“ ist das Motto einer seit vier Jahren als Bibliothek des Deutschen Fußballs geführten Buchreihe (z.B. über den 1. FC Nürnberg), die jetzt auch um weitere Bücher einer Reihe Bibliothek des Österreichischen Fußballs erweitert wurde. Der Herausgeber der deutschen Reihe Frank Willmann hat sich dafür mit Thomas Pöltl (Erste Österreichische Fußballbibliothek der Büchereien Wien) mit einem kompetenten Kompagnon zusammengeschlossen. Die Bücher der deutschen Reihe zeichnen sich durch die teils völlig unterschiedlichen Zugänge der Autoren aus. So ist es auch in den ersten vier Bänden der österreichischen Fußballfibeln.

Die Fußballfibel über Rapid hat ein besonderer Fan geschrieben. Wer in den letzten eineinhalb Jahrzehnten des Hanappi-Stadions Rapid-Spiele besuchte, hat recht viel von seiner Rapid-Leidenschaft im Wortsinn bildlich vor Augen geführt bekommen – durch die u.a. von ihm erstellten Choreographien der Ultras Rapid. Thomas Lanz hat hier kein Rapid-Geschichtsbuch geschrieben, in dem die ruhmreiche Historie samt Höhen und Tiefen nacherzählt wird, sondern ein persönliches Matchtagebuch zur Rapid-Saison 2017/18. Die Spieltage nimmt er jeweils zum Anlass, um Geschichten rund um den Verein sowie aus der Fangeschichte Rapids und hier insbesondere auch aus dem persönlichen Erleben zu erzählen.

Zur ersten Meisterschaftsrunde Rapid-Mattersburg liest man so hier die Geschichte des damals vor 120 Jahren gegründeten 1. Wiener Arbeiter Fußball Club, des Vorgängervereins des SK Rapid, sowie über die ersten Rapid-Jahre. Zur zweiten Runde, einem Rapid-Auswärtsspiel in St. Pölten, geht es um den aus St. Pölten stammenden großen Rapidler Bimbo Binder. Zum ersten Wiener Derby in Hütteldorf der Saison schreibt Lanz dann über die Entstehung des großen Wiener Derbys und die großen Spielerpersönlichkeiten der Zwischenkriegszeit Uridil auf Rapid-Seite und Sindelar auf der anderen. Er notiert aber auch die aktuellen Vorkommnisse dieses Spiels. Weitere große Rapidler, denen Lanz Einträge in seinem Tagebuch widmet sind Gerhard Hanappi, Rudolf Edlinger (Interview), Ernst Happel, natürlich Hans Krankl, aber auch Josef Hickersberger, Heribert Weber etc.

Im Verlauf der Spieltage der Saison verlegen sich die dazu erzählten Geschichten immer mehr auf den Fokus Block West. Schon zur siebten Runde, einem Auswärtsspiel bei den Salzburger Dosen, wendet sich Lanz' Blick auf die langjährige und intensive Ultrà-Rivalität zur von Red Bull in einer feindlichen Übernahme vernichteten (und als neuer Verein wiederauferstandenen) Austria Salzburg. Hier kann er auf sein eigenes Miterleben und Mitgestalten dieser Rivalität zurückgreifen und so lebendig ist daher auch seine Schilderung. Auch wenn es etwa um das „Didulica-Derby“ 2005 geht, berichtet Lanz die Geschehnisse aus der Innensicht, „Wir sammelten uns mit rund vierzig Leuten im Einheitslook (schwarze Schuhe, Jeans und gleiche Jacke) bei unserem Stammlokal Palme, danach ging es öffentlich zum Verteilerkreis.“

Seine persönliche Sicht auf viele Geschehnisse gibt dem Buch seinen besonderen Mehrwert. Er benennt auch aktuelle Fehlentwicklungen: „Mit dem neuen Stadion ist auch Rapid endgültig im sogenannten modernen Fußball angekommen. Arbeiter-Fußballclub lässt sich natürlich gut vermarkten, wie das auch in Deutschland einige Klubs mit ähnlichem Background tun. Problematisch wird es, wenn die beiden Welten zu weit auseinanderliegen, und das passiert zwangsläufig. Das teuerste Bier und die teuersten Tages-Stehplatzkarten zu verkaufen, passt nicht zum Vereinsimage. Bei Rapid kommt dann noch die Erfolglosigkeit dazu.“ Ein Epilog schildet, wie es nach der Saison 2017/18 weiterging, bis zum Abstieg in das Untere Play-off 2019.

In der Winterpause geht Lanz ausführlich auf die Geschichte des Block West ein und liefert hier eine gut zu lesende Zusammenfassung zur Fangeschichte Rapids vor und nach der Gründung der Ultras Rapid. Weitere längere Einlassungen behandeln etwa „30 Jahre Bürotechnik in Hütteldorf“ (ja, genauso so geschrieben) und die aktuellen politischen Ereignisse dazu oder das Verhältnis zur Nationalmannschaft. Gewalt als Thema wird nicht umschifft und an einige große Spiele wird auch erinnert. Lanz schreibt auch hier aus der Perspektive des Fans, der nicht nur den Blick auf den Rasen sondern auch auf das Fanerleben drumherum und das Geschehen auf den Rängen hat.