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Mittwoch, 23. Juni 2010

Ein halbes Jahrhundert am Ball



Rezension


Roman Horak
Ein halbes Jahrhundert am Ball
Wiener Fußballer erzählen
Wien 2010 (Löcker Verlag)
229 S.





Der Kulturwissenschaftler Roman Horak führte vor zwanzig Jahren für ein Forschungsprojekt Interviews mit Legenden der besten Zeit des Wiener Fußballs von 1920 bis 1970. Nun wurden sie veröffentlicht und zeichnen ein sehr lebendiges Bild der damaligen Zeit. Durchgehender roter Faden aller Schilderungen ist die Feststellung, daß früher alles besser war. Für Horak "eine rhetorische Wendung, die zur Grundausstattung der Rede des gegenwärtigen Fußballfreundes zählt", sie sei wahrscheinlich "unabdingbarer Bestandteil des Fußballdiskurses per se".

Die Erzählungen haben natürlich großen nostalgischen Wert, der das Buch sehr kurzweilig macht. Der große kulturelle Unterschied im Vergleich zu heute ist die damalige Allgegenwart des Fußballs, wie sie Karl Decker (1921-2005), Spieler der Vienna von 1938-1952 und legendärer Teamchef der Nationalmannschaft Anfang der 60er Jahre, schilderte: "Zu dieser Zeit war das einfach der billigste Sport. Ein Tennisball oder ein 'Fetzenlaberl' hat 20 Leute auf der Gasse unterhalten. Was hätten wir zu dieser Zeit schon anderes unternehmen können? Da und dort hatten wir ein Fußballfeld, haben uns zusammengerottet und Fußball gespielt."

Auch später dann, bei den Vereinen, kam der Spaß nicht zu kurz. So erzählte der 1926 geborene Alfred Körner, der auch heute noch jede Versammlung von Rapid, auf der er auftritt, mit seinen Anekdoten zu Begeisterungsstürmen bringt, von der Geselligkeit: "Nach dem Match waren wir beim Wirten, da mußte man keinen dazu zwingen, die Spieler haben sich darum gerauft! Wir hatten auch unseren Herrentag, da konnte uns keine Frau halten, da waren wir alle beisammen. Das hat sich alles geändert, jetzt trainieren sie ja schon am Montag, nicht wahr." Eine andere Zeit. Teambuilding würde man das heute nennen. Beisl und Heurigen entsprechen allerdings dafür nicht mehr dem letzten Stand der Trainingslehre.

Es gab aber auch früher nicht nur Sonnenschein im Fußball. Karl Decker erzählt, wie Vereine auf Kosten der Spieler wirtschafteten: "Es gab keinen Vertrag. Das war eine Gemeinheit von diesen Klubs, dass die Spieler nicht angemeldet waren. Später mußten wir dann um unsere Pension kämpfen. Ich habe das auch lange nicht kapiert, aber dann bin ich draufgekommen, als ich um 1950 herum nebenbei eine Firma gegründet hatte, da dachte ich mir: 'Halt. Da stimmt doch etwas nicht.' Sonst wäre ich genauso im Dreck gewesen, wie viele andere Fußballer."

In sportlicher Hinsicht am bemerkenswertesten ist die Veränderung von Position und Aufgabe des Trainers im Lauf der Jahrzehnte. So meinte der Austrianer Karl "Vogerl" Geyer (1899-1998): "Der Trainer kann dem Spieler etwas sagen, aber er soll ihn nicht dirigieren. Entweder man ist ein Mann, der den Geist hat und die Situation beherrscht − jetzt muss ich dies oder das machen − oder man ist es eben nicht." Über seine Zeit als (erfolgreicher) Trainer des WAC: "Ich habe den Spielern gesagt: 'Burschen, geht hinaus und spielt Euer Spiel!'. Ich sagte wohlgemerkt 'Euer Spiel' und nicht 'mein Spiel'! Und das kritisiere ich heute, es wird zuviel eingeschachtelt, bürokratisiert. Künstler darf man auch nicht einschränken, die wollen das nicht, die wollen sich ihre eigenen Gedanken machen."
Ins selbe Horn stießen auch andere der Interviewten. Der ehemalige Wacker-Spieler Ernst Reitermaier (1918-1993) sagte gar: "Ich habe das Gefühl, die müssen sich ja schon grausen vor dem Ganzen. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, wenn wir früher diese ganzen Lehreinheiten an der Tafel hätten machen müssen, das hat es ja früher überhaupt nicht gegeben, da hat sich alles auf dem Spielfeld abgespielt."
Heute geht ohne taktische Konzepte gar nichts mehr. Allerdings sind auch die wenigsten Kicker mit Künstlern zu vergleichen.

Man sollte frühere Zeiten nicht verklären, auch wenn es naheliegt. Gerade der O-Ton der Akteure jener Zeit über Licht und Schatten macht das Buch zu einem gelungenen Beitrag zum Diskurs des "früher war alles besser".

Freitag, 18. Juli 2008

Die Eleganz des runden Leders

Die Eleganz des runden Leders
Wiener Fußball 1920-1965

Stadtinformationszentrum/Rathaus, 6.6.-29.8.2008
Wiener Stadt- und Landesarchiv, 6.6.-29.8. u. 1.9.-26.9.2008


Die Ausstellung ist in zwei Teile an zwei Standorten in Wien aufgeteilt. Die Wahl der beiden Orte ergibt sich aus dem präsentierten Material (Zeitungsberichte und Plakate aus der Wienbibliothek im Rathaus und Dokumente im Stadt- und Landesarchiv - man muß aber schon sehr interessiert sein, um deswegen zwischen Innenstadt und Simmering zu pendeln. Die Ausstellung ist daher wohl für "Laufkundschaft" gedacht; diesen Schluß legt das eher bescheidene, den laufenden Betrieb nicht störende Ausstellungsdesign nahe. Es gibt auch keine Hinweise auf den zweiten Ausstellungsort.

Im Rathaus wird Fußball als Kultur- und Medienphänomen beleuchtet. Die Säulen der Halle (Eingang Josefstädter Seite) des Stadtinformationszentrums sind mit Reproduktionen (profaner: Kopien) von Sportberichten aus zeitgenössischen Zeitungen umwickelt. Da hätte man schon auch gern Originale gesehen. Dennoch ist das alles großartig zu lesen (auch wenn man unmöglich alles lesen kann). Am eindringlichsten die Titelseiten aus der Nazizeit, wenn Fußballschlagzeilen gleich neben Kriegsberichten stehen. Dazu gibt es Hintergrundinformation zum Wiener Fußball der behandelten Zeit 1920-1960 auf stilisierten halben Fußbällen (der beste Einfall der ganzen Ausstellungsgestaltung! Wär' da nicht mehr drinnen gewesen?) und Filmberichte über Fußballspiele (das Gezeigte und noch mehr gibt es auf der DVD Fußball Fieber Österreich). Und über den Köpfen hängen einige zeitgenössische Plakate.
Die gebotene Information ist hochqualitativ, allerdings ist die Präsentation leider nicht gut. Ein anderer Ort wäre hier vielleicht doch besser gewesen.

Im Wiener Stadt- und Landesarchiv im Gasometer werden im Foyer genannten Vorraum zum BenützerInnensaal 11 Spielerbiographien auf Plakaten präsentiert, gute Texte und gute Bilder. Im Zentrum des Raums eine Vitrine mit Exponaten (noch einmal: das ist im Rathaus wirklich abgegangen!) wie Briefe oder amtliche Dokumente. Es war gänsehauterzeugend, diese Quellen, aus denen ich bisher in Büchern zitiert gelesen habe, nun mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Der beste Augenblick der Ausstellung. Auch sehr schön: In der Ecke gibt es einen Pokal aus dem Besitz von Hugo Meisl zu begutachten, mit einem Einschußloch, den dieser (der Pokal) im Februar 1934 erlitten hat, als die Wohnung Meisls im Karl-Marx-Hof, wie so viele andere, von Heimwehr und Bundesheer mit Kugeln durchsiebt worden ist. Dankenswerterweise ist am biographischen Plakat zu Meisl auch erwähnt, daß dieser vor 1934 zwar eher zur Sozialdemokratie tendiert hat, nachher unter dem Banner des angeblich unpolitischen Sports sich aber auch mit dem Austrofaschismus arrangiert hat.
Im aufliegenden Gästebuch wird zu Recht kritisiert, daß fast ausschließlich Persönlichkeiten von Rapid und Austria portraitiert werden. Auch wenn es wirklich faszinierende Geschichten (Béla Guttmann!) sind, stimmt diese Kritik, da ja gerade im Zeitraum 1920-1965 die heutige Dominanz der beiden Wiener Großvereine nicht derart gegeben war. Da haben nicht nur Sportclub und Vienna mitgeredet.
Auch wenn der Raum den Charme eines Bahnhofswarteraums hat, ist dieser Teil der Ausstellung aufgrund der gezeigten Originaldokumente (Meisl! Sindelar!) der beste.




Wolfgang Maderthaner / Alfred Pfoser / Roman Horak (Hg.)
Die Eleganz des runden Leders
Wiener Fußball 1920-1965
Göttingen 2008 (Verlag Die Werkstatt)
223 S.






Das Begleitbuch zur Ausstellung beinhaltet einige hochinteressante Artikel zur Geschichte und Kultur des Wiener Fußballs zur Zeit seiner Weltbedeutung, von den zwanziger bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Da gibt es persönliche Anmerkungen zur Leidenschaft für Rapid (Wendelin Schmidt-Dengler) und Austria (Peter Pelinka - kann bei diesem Gegenüber nur schlecht aussehen), Biographisches zu Hugo Meisl und Béla Guttmann (dessen Lebensgeschichte in der Fülle seiner Details für mich die Entdeckung von Buch und Ausstellung ist) und Wolfgang Maderthaner und Roman Horak veröffentlichen ein weiteres Mal über ihr Exzellenzthema, die Wiener Schule. Sehr spannend die Zugänge des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Andrei S. Markovits über sein Erleben der Wiener Fußball(fan)kultur der 1950er/60er Jahre als rumänischer Jude und von Hardy Hanappi über seinen Vater, "Legende und Mensch" Gerhard Hanappi.

Zu einem wirklichen Glanzstück machen das Buch allerdings seine neun Dokumentationen, in denen hauptsächlich zeitgenössische Medienberichte wiedergegeben werden. Was man in der Ausstellung im Rathaus also nicht geschafft hat zu lesen, kann man hier, leider nur im Titel faksimiliert, zumindest ein wenig nachlesen. Hochamüsant zeitgenössische Stimmungsberichte zu lesen wie über das Länderspiel Österreich-Ungarn (6:0) 1927:
"Wenn 44.000 Wiener gut aufgelegt sind, und das waren sie Sonntag nachmittags auf der Hohen Warte, dann sind sie zu jeder Hetz zu haben. Und wenn die Brüder Fogl, die gewaltigen und keineswegs zarten ungarischen Verteidiger, zum Schuß ausholten, ging jedesmal ein vieltausendstimmiges "Ho-ruck!" durch die Arena, eine gutmütige Frotzelei für den gewaltigen Budapester Spieler".

Bemerkenswert auch der faksimiliert abgedruckte Bericht des SS-Sicherheitsdienstes von Oktober 1940 über "ausgesprochene Skandalszenen" beim Cupspiel von Rapid gegen Fürth (6:1):
"Es war schon eine Explosivstimmung vorhanden bevor das Spiel überhaupt los ging. Die Zuschauer waren besessen von dem Gedanken, daß Rapid siegen muß. Der Krach ging schon los, als der Schiedsrichter das Feld betrat und bekannt wurde, daß es ein Berliner sei. Er wurde mit Pfeifen und Gejohle empfangen. ... Es waren genug gegnerische Elemente unter dem Publikum, denen es gelang, mit der Parole "gegen die Altreichsdeutschen" auch selbst Gutwillige und Parteigenossen mitzureißen. Die Demonstrationen gingen zweifellos über das beim Fußball übliche Maß hinaus. ... Es wird darauf hingewiesen, daß, wenn es nicht gelingt, daß diesen sportlichen Ereignissen durch entsprechende Maßnahmen der politische Unterton (Wien - Altreich) genommen wird, es das Beste wäre, reichswichtige Spiele eine Zeit lang nicht mehr nach Wien zu legen."
Einerseits nett, wie auch schon vor 60 Jahren Stimmung bei Rapid-Heimspielen war; andererseits bedrückend, wenn man daran denkt, daß das Nazi-Regime auch ganz andere Maßnahmen gegen Zuwiderhandeln gekannt hat.

Freitag, 30. Januar 2009

Die Praxis der Cultural Studies



Rezension


Roman Horak
Die Praxis der Cultural Studies
(Cultural Studies: Bd. 4)
Wien 2002 (Löcker)
242 S.




Das auch nimmer neue Buch versammelt Beiträge von Roman Horak über Wissenschaft(sgeschichte), Volkstümliche Musik (mein Wissen über die "Zillertaler Schürzenjäger" hat sich potenziert), Jugendkultur - und eben auch: Fußballkultur. So erfährt man in einem persönlich gefärbten Text über die Geschichte der Cultural Studies, daß deren Entwicklung in Österreich wie die Fußballfan- und Fußballgewaltforschung hierzulande Anfang der 1980er Jahre in einer WG des Autors mit Wolfgang Reiter und Kurt Stocker begann.

In einem erstmals 1993 erschienenen Artikel beschäftigen sich die drei mit "Fußball, Fans und Hooligans" und analysieren zeitgebunden eine sehr spezifische Zeit der Fußballfangeschichte, zugespitzt im Zitat eines 16-jährigen Hool, der 1990 meinte "Rapidler oder Austrianer, des is wurscht, Hooligans san Hooligans in Wien." - heute geradezu unvorstellbar. Die Autoren weisen auch auf die damals neuartigen Veränderungen in der Kurvenlandschaft hin:
"Bei wichtigen Heimspielen des SK Rapid wird unmittelbar vor Spielbeginn ein riesiges Transparent, eigentlich eine überdimensionierte Vereinsfahne, entrollt, die dann für einige Minuten gut ein Drittel des Sektors bedeckt. Eine Botschaft an die Mannschaft, aber auch an das Tribünenpublikum. Gewaltbereitschaft ist unter diesem Teil der Fanpopulation kaum zu finden, es sind die "Braven", wie sie nicht selten herablassend von den anderen Fans in der Kurve genannt werden."
Wie sich die Zeiten ändern.

Andere Fußball-Texte im Buch widmen sich der "Verösterreicherung" des Fußballs, der hierzulande zunächst rein und dann dominant ein Wiener Fußball war, sowie einem Vergleich der Fußballkulturen in Deutschland und England anhang der Konfliktlinien "Politik - Kultur, Nationalteam - Liga, neues Deutschland - altes England".

Mittwoch, 18. September 2019

Gerhard Hanappi – Fußballer und Architekt


Rezension


Christoph Lechner / Katalin Hanappi / Roman Horak / Matthias Marschik (Hg.)
Gerhard Hanappi
Fußballer und Architekt
Zürich 2019 (Park Books)
264 S.








„Das Doppeltalent Gerhard Hanappi durchlief im Nachkriegs-Österreich eine Karriere sowohl als Fußballer wie – bis zu seinem frühen Tod – als Architekt.“ Das Buch beleuchtet in Beiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren beide Kapitel seines Lebens und stellt dazu auch die Person Gerhard Hanappi vor.

Katalin Hanappi hat einen wunderbaren Film über ihren Großvater gedreht, Gerhard Hanappi − Ballkünstler und Architekt. Sie beschreibt hier das Filmprojekt sowie die Familiengeschichte und Biographie des Gerhard Hanappi mit vielen Details. Michael Hanappi widmet sich seinem Vater als Fußballer und Hardy Hanappi schreibt zu seinem Vater über dem Thema Fußball und Musik. Kulturwissenschaftler Roman Horak trägt einen Essay aus seiner persönlichen Perspektive über den „Gestalter – auf dem Rasen und in der Welt“ bei.

Die im Buch versammelten Texte bringen viel zum Umfeld und zur Einordnung des Lebens Hanappis in seine Zeit. So schreibt Stadthistoriker Andreas Weigl über den Wiener Bezirk Meidling in jener Zeit, in der Hanappi dort aufwuchs. Fußballhistoriker Matthias Marschik betrachtet die Wiener Fußballwelt der 1940er bis 1960er Jahre, die sich während dieser Zeit der Karriere Hanappis stark veränderte. Rapidhistoriker Domenico Jacono portraitiert Hanappi als den „totalen Rapidler“, wie er mit seiner Lebensgeschichte geradezu das Idealbild eines Rapidlers verkörperte und auch wie er sich am Schluss gegen Öffnung des Vereins in Richtung Kommerzialisierung stemmte und deswegen mit ihm brach. Stadionhistoriker Bernhard Hachleitner kontextualisiert Hanappis Stadionarchitektur in einem spannenden Text in der Stadionbaugeschichte der 1970er Jahre und Architekt Christoph Lechner resumiert über Hanappis Bauten aus architektonischer Sicht. Fotografien von Wolfgang Thaler erinnern wehmütig an das Hanappi-Stadion, begleitet von einem Text von Lina Morawetz. Bei den Bildern wird einem richtig schwer ums Herz.

Mittwoch, 25. Juni 2008

Arbeit und Wirtschaft, 5/2008


Rezension


Arbeit und Wirtschaft
Nr. 5, 2008
46 S.






Arbeit und Wirtschaft ist eine Zeitschrift von AK und ÖGB zu wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragen. In dieser Ausgabe gilt der Schwerpunkt dem Sport, anläßlich der EM und der Olympischen Spiele in China. Bei letzteren wird zwar auch Fußball gespielt, aber das praktisch nicht im Fernsehen gezeigt, womit er nicht stattfindet - und jeglicher anderer Sport ist nicht Fußball und befindet sich somit außerhalb meines Interesse-Radius. Ich versteh' ja nicht, wie man sich allgemein "für Sport interessieren" und sich mit Autofahren, Synchronschwimmen, Schirennen oder ähnlichem beschäftigen kann. Mich langweilt das alles zu Tode. Auch jegliche andere Ballsportart, alles für die Würscht. Kein Vergleich mit der abwechslungsreichen Vielfalt, Spannung, Raffinesse, Kunst des Fußballs!

Im Heft findet sich diesmal viel über Fußball. So ein Interview mit dem Profifußballgewerkschafter Rudolf Novotny über seine schwierige Tätigkeit, wo noch stärker als in anderen Wirtschaftsbereichen die Existenzberechtigung gewerkschaftlicher Organisation bezweifelt wird:
"In England ist es im Zusammenspiel zwischen Verein und Spieler völlig klar, dass einer der in London vor 60.000 Menschen auf den Platz geht, ein gewisses Selbstbewusstsein benötigt. Und es ist gewünscht, dass er das auch in anderen Bereichen lebt. Bei uns wünscht man sich Spieler, die vor einem vollen Stadion spielen und sich andererseits verhalten wie Kindergartenbuben. Die Devise nicht denken, sondern rennen, gilt für manche Vereinsleitungen noch immer. Die glauben, die Spieler müssen dankbar sein, dass sie überhaupt bezahlt werden, verlangen aber gleichzeitig, dass die Spieler am Spielfeld bewusst Entscheidungen treffen."
In Österreich feiert die "Vereinigung der Fußballer" seine ersten 20 Jahre, in England ist die "Professional Footballers' Association" zuletzt 100 Jahre alt geworden (WSC 252).

Auch die Welt der Fans nimmt breiten Raum ein: Roman Horak schreibt über Stand und Defizite der soziologischen Forschung zur Wiener Fußballfankultur und ihrer Entwicklungen. Willi Mernyi darf einen Lobgesang auf den deutschen Verein Schalke 04 singen. Auch über die politikwissenschaftlichen Forschung von Georg Spitaler zum Verhältnis von Politik und Sport wird berichtet (btw: hat Elmar Oberhauser eigentlich je das Buch Authentischer Sport - inszenierte Politik? gelesen?).

Sehr schön ein Textausschnitt aus der kleinen Broschüre Unter roten Fahnen! Vom Rekord- zum Massensport von Julius Deutsch, in der er 1931 das damalige austromarxistische Sportverständnis der österreichischen Sozialdemokratie formuliert, "wir wenden uns dagegen, dass der Sport zu einem Artistenkunststück herabsinke, daß an die Stelle der Ertüchtigung des ganzen Menschen die übermäßige Aufzüchtung einer einzigen Fertigkeit tritt." Man wandte sich gegen "bürgerlichen" Profifußball und gründete mit dem VAFÖ einen auf Amateursport pochenden Gegen-Fußballverband.
Empfehlenswert ist hier das Buch von Matthias Marschik "Wir spielen nicht zum Vergnügen". Arbeiterfußball in der Ersten Republik. Wien 1994, natürlich auch der Klassiker von Roman Horak und Wolfgang Maderthaner Mehr als ein Spiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne. Wien 1997 sowie zuletzt auch die Ballesterer-Ausgabe 23 (August/September 2006) Klasse Arbeiter. Alles in einer guten, also meiner ;-) Bibliothek zu finden.

Mehr darüber, was es abseits des Fußballs im Heft gibt, hier. Eine Ausgabe ganz nach meinem Geschmack.

Donnerstag, 23. Juni 2011

Tagung: Fußball unterm Hakenkreuz


Tagungsbericht


Fußball unterm Hakenkreuz
70 Jahre „Großdeutscher Meister“ Sportklub Rapid
Fußballklubs im Nationalsozialismus: „Ostmark“, „Altreich“ und „Protektorat Böhmen und Mähren“ im Vergleich
22. Juni 2011, 10:00 − 21:00 Uhr
Gerhard-Hanappi-Stadion: Aula


Projektteam „Grün-Weiß unterm Hakenkreuz“
SK Rapid / Rapidmuseum
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW)
Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien



Vor kurzem präsentierte der SK Rapid seine Aufarbeitung der NS-Zeit in dem hervorragenden Buch Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938−1945) von Georg Spitaler und Jakob Rosenberg. Zur Vertiefung und Erweiterung der Thematik fand im Hanappi-Stadion dazu eine spannende Tagung statt, die viele interessante Fakten und Anknüpfungspunkte brachte. Die Konferenz fand an einem geschichtsträchtigen Tag statt, dem siebzigsten Jahrestag sowohl des Gewinns der „großdeutschen Meisterschaft“ durch Rapid als auch des Überfalls Nazideutschlands auf die Sowjetunion 1941.

Im folgenden meine persönlichen Eindrücke der Tagung, die sich in drei thematischen Blöcken erst mit dem Fußball im NS-Regime allgemein, dann mit mehreren Beispielen österreichischer Fußballvereine nach 1938 und schließlich mit Rapids Meisterschaft 1941 beschäftigte.

Rapid-Präsident Rudolf Edlinger verwies in seinen Eröffnungsworten auf die tradierte Überlieferung der NS-Zeit in vielen Büchern von und über Rapid in den vergangenen Jahrzehnten, in denen die Autoren offensichtlich voneinander abschrieben, „so entstand eine Geschichte, die als Wahrheit genommen wurde“. Es ist ein großes Verdienst, diesen Grauschleier gehoben und die Geschichte der Rapid in jener Zeit durch fundierte Recherche der Fakten auf eine neue, feste Basis gestellt zu haben. Domenico Jacono vom Rapidmuseum brachte dies eingangs auf den Punkt, in dem er auf den oft verwendeten Begriff der „dunklen Jahre“ verwies, unter dessen Deckmantel auch in der Vereinsgeschichte Unangenehmes „verschwiegen, verdrängt und vergessen“ wurde, „Kontinuitäten konstruiert“ und „Brüche geglättet“ wurden. Dies ziehe sich durch alle Geschichtspublikationen, von denen im Schnitt immerhin alle fünf Jahre eine erschienen sei. Jacono machte einen Bruch an der Rede Bundeskanzler Vranitzkys im Nationalrat im Jahr 1991 fest, der einen allgemeinen Einschnitt im verdrängenden Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit bedeutete, was sich auch in der Sporthistorie niedergeschlagen habe. „Niemals vergessen“, so Jacono, „sollte auch in der Erinnerungsarbeit von Rapid ein Leitspruch werden.“

Teil 1

Fußball im Nationalsozialismus: Wien, „Altreich“ und „Protektorat Böhmen und Mähren“ im Vergleich

Im ersten Themenblock der Tagung ging es um die Grundlagen, einen vergleichenden Einblick in den Fußball in der Nazizeit. Es begann Matthias Marschik, Autor des im Laufe des Tages mehrmals angesprochenen Buchs Vom Nutzen der Unterhaltung. Der Wiener Fußball in der NS-Zeit: Zwischen Vereinnahmung und Resistenz aus dem Jahr 1998. Er gab eine Einführung in die Thematik der Massen- und Popularkultur des Wiener Fußballs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und periodisierte den Fußball nach dem „Anschluß“.

Bernhard Hachleitner stellte Erkenntnisse seiner Forschungen zur Geschichte des Wiener Praterstadions vor. Interessant waren dabei drei Punkte: Erstens das Bemühen der Nazis um eine architektonische Hierarchisierung im modernen Betonbau, einem Abheben der Ehrentribüne von den übrigen Reihen und dem Plan eines hervorgehobenen Entrées. Zweitens die bereits bekannte Nutzung des Stadions als Gefängnis 1939, in dem Jüdinnen und Juden bis zu ihrer Deportation ins KZ Buchenwald eingesperrt wurden. Drittens der weiterlaufende Alltagsbetrieb im Weltkrieg, für den Hachleitner die Zusammensetzung des Fußballpublikums 1941 anhand der Statistik der ausgegebenen Eintrittskartenkategorien erheben konnte: 10 Prozent waren Soldaten, 1 Prozent Verwundete und 17 Prozent (!) Jugendliche.

Markwart Herzog von der Schwabenakademie Irsee beleuchtete vier Biographien von NS-Funktionären, die aus dem Westen Deutschlands, genauer aus der Pfalz, 1938 nach Wien kamen, um den „Anschluß“ und die „Volksabstimmung“ zu organisieren und propagandistisch zu begleiten. Sie waren auch Sportfunktionäre, die den Fußball als Bühne nutzen. Neben dem Gauleiter Josef Bürckel stach dabei insbesondere die Person des Jakob Knissel hervor, der in Wechselwirkung dann Rapid zu einem Gastspiel in seine Heimat Homburg brachte, wo er ein Stadion hatte errichten lassen und sich zum Führer eines städtischen Fusionsvereins gekürt hatte.

Eine Fülle für mich neuer Informationen brachte der Vortrag von Stefan Zwicker von der Universität Bonn über den Fußballbetrieb im von Hitlerdeutschland ab 1938/39 teils annektierten und okkupierten Tschechien. Im eingegliederten „Sudetenland“ wurden die tschechischen Minderheitsvereine aufgelöst und die deutschen Fußballklubs in NSTG („Nationalsozialistische Turngemeinde“) zusammengefaßt. Das sollte dazu dienen, einen der NS-Ideologie entsprechenden „Mustergau“ zu schaffen, hatte aber sportlich vor allem die Folge, daß gewachsene Strukturen zerstört wurden und der sudetendeutsche Fußball in der großdeutschen Meisterschaft gegenüber den Vereinen aus „Altreich“ und „Ostmark“ erfolgslos blieb.
Zwicker stellte fest, daß es insgesamt zu keiner Bevorzugung des deutschen gegenüber dem tschechischen Fußball kam, sondern zu einer nationalen Trennung. Im übrigen besetzten „Protektorat Böhmen und Mähren“ wurden weiter eigene tschechische Fußballbewerbe ausgetragen. Dies gehörte zum Konzept der Besatzungsmacht, ein Alltagsleben möglichst aufrechtzuerhalten, um Wirtschaft und Industrie für den Krieg nutzen zu können. Der Fußball paßte hier hervorragend hinein. Ein auffallender Kontrast zum besetzten Teil Polens, denn im dortigen „Generalgouvernement“ wurde das Sporttreiben von den deutschen Besatzern bei Todesstrafe verboten.
Jüdische Spieler, Funktionäre und Zuschauerinnen und Zuschauer waren auch in Böhmen und Mähren vom Fußball ausgeschlossen, wurden verfolgt und ermordet. Die Terrorherrschaft der deutschen Besatzung ist trotz Aufrechterhaltung des Alltags nicht zu vergessen. Zwicker erwähnt Lidice. Das Stadion von Slavia Prag, wo Josef Bican (Meister mit Rapid 1935) zur Legende wurde, wurde im Prager Aufstand des Mai 1945 in einer Vergeltungsaktion niedergebrannt.

Teil 2

Österreichische Fußballklubs nach dem „Anschluß“

Das zweite Panel eröffneten am Nachmittag Vorträge von Susanne Helene Betz über die Geschichte der Hakoah Wien und ihrer Sportanlage in der Krieau 1919−1945 sowie von David Forster (Archiv der IKG, Ballesterer) über die Wiener Austria. Leider habe ich die Beiträge aufgrund anderweitiger Verpflichtung versäumt. Von Forsters Beitrag sah ich noch die von ihm zum Schluß präsentierten offenen Fragen zur Austria-Vereinsgeschichte: Lücken in der Verfolgungsgeschichte jüdischer Funktionäre und Ex-Spieler. Die Frage von NSDAP-Mitgliedschaften, Arisierungen und der Rolle der neuen Vereinsführung und Schirmherren. Austrianer bei der Wehrmacht. Die Frage von Ausschreitungen (Beispiel Austria gegen Schalke 04).
Aus der Diskussion entnahm ich, daß es der Führung der Austria gegenüber anderen Wiener Vereinen, insbesondere Rapid und Vienna, schlechter bis nicht gelang, ihre Spieler zunächst vom Wehrdienst zu bewahren und später von der Wehrmacht freigestellt zu bekommen.

Mit der Vienna beschäftigte sich daraufhin Alexander Juraske in seinem Vortrag unter dem Titel Die Triskele unter dem Hakenkreuz. Der First Vienna Football Club 1894 im Nationalsozialismus. Die Vienna war nach Rapid der sportlich erfolgreichste österreichische Fußballverein in der NS-Zeit und errang damals drei ihrer sechs Meistertitel. Als mitverantwortlich dafür nannte Juraske Vereinsmitglied Curt Reinisch, der als Personalchef der Wiener Lazarette vielen eingerückten Fußballern helfen konnte. Nachzulesen im Buch Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Juraske berichtete, daß es bisher keine umfassende Darstellung über die Vienna in den Jahren 1938 bis 1945 gibt und bisherige vereinseigene Publikationen sich nur sehr wenig mit dieser Zeit beschäftigt haben. Er kündigte allerdings an, daß bereits diesen Herbst das Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte angegangen werden soll. Eine positiv hervorzustreichende Nachricht.

Keine Erzählung über den Wiener Sport-Club kommt offenbar ohne eine mehr oder weniger geschickt eingewobene Erwähnung des 7:0 Triumphs gegen Juventus Turin im Jahre 1958 aus. WSC-Archivar Michael Almasi-Szabo nimmt diese Hürde eingangs mit Bravour und berichtet dann über die Geschichte des Vereins von den 1920er bis in die 1940er Jahre. Für die Themenstellung der Tagung zentral ist dabei der von Almasi-Szabo mittels Zitat aus einem Zeitungsartikel anschaulich dargestellte Umstand, daß der WSC bereits 1922 dafür bekannt war, keine jüdischen Mitglieder zuzulassen, auch ohne formal festgeschriebenen „Arierparagraphen“. Almasi-Szabo stellte dem die hohe Zahl an Freundschaftsspielen gegen die jüdische Hakoah in der Zwischenkriegszeit gegenüber. Leider geriet sein Beitrag insgesamt zu sehr defensiv-vereinspatriotisch und wurde damit zum inhaltlich schwächsten dieses Tages. So konnte etwa sein Erklärungsversuch die Frage von Domenico Jacono, warum in Zeitungsberichten aus der Ersten Republik auffallend oft der Begriff von „Hakenkreuzler-Krawallen“ im Zuge von Ausschreitungen bei Spielen des Wiener Sport-Clubs jener Zeit vorkommt, nicht befriedigend beantworten.

Michael John von der Universität Linz stellte schließlich noch den Fußball im „Gau Oberdonau“ ab 1938 vor. Im Zuge eines Programms der „Entprovinzialisierung der Provinz“, wie es John bezeichnete, sollte die „Führerstadt“ Linz auch zur Sportstadt werden. Dafür wurden sportliche Events organisiert, dem LASK anstelle des Meisters Vorwärts Steyr zum Aufstieg verholfen und nach dem Vorbild Nürnbergs ein Stadion für 100.000 Menschen geplant. Zur Unterstützung des politischen Gebietserweitungsanspruchs des Gaus Oberdonau wurde Budweis in die oberösterreichische Meisterschaft eingeliedert, was allerdings propagandistisch nach hinten losging, da die nach Berichten mit Tschechen (die nicht in die Wehrmacht mußten) verstärkte Mannschaft die Liga mit Kantersiegen dominierte, woraufhin sie nicht mehr zur Meisterschaftsteilnahme eingeladen wurde. Beispiele von Resistenz bei Fußballspielen wie in Wien fand John in Oberösterreich nicht, was er mit den mehr gebrochenen, auch migrantischen Identitäten in der Großstadt Wien erklärte. Die inhaltliche Basis seines Vortrags bildete eine Fußballausstellung in Linz 2008, zu der auch ein begleitendes lesenswertes Buch erschien.

Teil 3

Rapid − „großdeutscher Meister“

Der letzte Programmpunkt der Tagung rückte den Ausgangspunkt der Beschäftigung mit der NS-Zeit in den Mittelpunkt: Rapids Titelgewinn 1941. Das Thema verfolgten mit ca. 80 Besucherinnen und Besuchern mittlerweile doppelt so viele Leute als am Vormittag. Durch den Abendtermin konnten auch interessierte Berufstätige teilnehmen. Als Einstand schilderte der 91-jährige Leopold Gernhardt, der letzte lebende Spieler des Finalspiels zwischen Rapid und Schalke 04 im Berliner Olympiastadion am 22. Juni 1941, seine Eindrücke und Erinnerungen. Auch wenn man die Anekdoten bei mehreren Gelegenheiten in den letzten Jahren bereits hören durfte, ist es immer wieder ein rührendes, beeindruckendes und faszinierendes Erlebnis, sie aus dem Mund eines solch großen Rapidlers zu hören.

Ulrich Matheja von der deutschen Fußballzeitschrift Kicker und Redakteur des Kicker-Almanachs erklärte zunächst die Ausgangslage, die Organisation des deutschen Meisterschaftsbetriebs und die Veränderungen nach „Anschluß“ und Kriegsbeginn. Er wies auch darauf hin, daß in der Vorberichterstattung zum Finalspiel im Kicker zu lesen war, es sei bedauerlich, daß es diesmal keine Sonderzüge nach Berlin gebe, weil sonst noch mehr Fans aus Wien Rapid begleiten würden. Im Rückblick weiß man, warum keine Sonderzüge fahren durften, da an diesem Tag der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion stattfand.

Hardy Grüne, Autor von 60 Büchern (!) zu Fußballkultur und -geschichte sowie Fußballenzyklopädist, gab anschließend einen Kurzüberblick über die Geschichte von Schalke 04 (zu der er erst unlängst ein Buch veröffentlicht hat) und die Schalker Sicht der Meisterschaft 1941. Interessant an seinem Vortrag, gemeinsam mit der Publikumsdiskussion, war die beidseitige Mythendekonstruktion. So hielt Grüne fest, daß Schalke, das in der NS-Zeit seine größten Erfolge feierte, „kein Naziverein, aber ein zunehmend von den Nazis vereinnahmter Verein“ war. Aus seiner Gründungsgeschichte war Schalke zwar kein Arbeiterverein, aber ein ursprünglich bürgerlicher Verein, der zur Plattform des Auslebens antibürgerlicher proletarischer Sehnsüchte im Fußball wurde. Dies wurde von den Nazis gerne propagandistisch genutzt. Darin gleicht Schalke Rapid.
Zu den wirkmächtigsten Mythen, die sich rund um das Finalspiel 1941 entwickelten, gehören wechselseitige Schiebungsgerüchte. Der Spielverlauf, in dem Rapid lange klar im Hintertreffen war und dann einen 0:3 Rückstand in einen 4:3 Sieg verwandelte, schien dafür eine Basis zu bieten. Grüne verwies darauf, daß Schalke in jenen Jahren schon zuvor mehrmals einen Vorsprung beinahe oder tatsächlich verspielt hatte und Manipulationsgerüchte bereits 1938 aufgetaucht wären, als Schalke im Finale um die Meisterschaft Hannover 96 unterlegen war. Er hielt fest, daß es außer der hinterfragenswerten Aussage eines Schalker Spielers keinerlei Hinweise auf Schiebung gibt: „Das ging alles mit rechten Dingen zu − und das weiß man mittlerweile auch in Gelsenkirchen.“ 1941 spielt im Unterschied zu Rapid im Schalker Fan-Gedächtnis allerdings keine große Rolle.

Georg Spitaler und Jakob Rosenberg stellten ergänzend ausgewählte Aspekte ihrer Studie Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938−1945) vor und legten dabei ebenfalls einen Fokus auf die Mythenbildung. Spitaler klopfte den Widerstandsmythos (Rapids Triumph als Widerstand des kleinen, antifaschistischen Österreich gegen das das große naziprotegierte Schalke) auf die Realität ab, Rosenberg den tradierten Mythos von der strafweisen Einberufung von Rapidlern zur Wehrmacht als Konsequenz des Titelgewinns 1941. Diese Geschichte entspricht schlicht nicht den Tatsachen, da Einberufungen teils bereits vorher erfolgt waren und andererseits gleichzeitig auch andere große Vereine wie Schalke oder der Dresdner SC den Verlust von Spielern beklagten. Daß die Fußballer in den Krieg mußten, hatte eher etwas mit dem welthistorisch bedeutenderen Ereignis des 22. Juni 1941, der Ausweitung des Zweiten Weltkriegs, zu tun als mit dem Ausgang dieses Fußballspiels. Allerdings hat sich, wie von Rudolf Edlinger zu Beginn der Tagung angesprochen, eine gegenteilige Erzählung zur „Wahrheit“ entwickelt, sodaß hier für den SK Rapid, das kommende Rapidmuseum, aber auch für alle Rapid-Fans die Aufgabe bleibt, die Tatsachen weiterzutragen und im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Rapid hat es sich nicht verdient, daß wir von seiner Geschichte die Unwahrheit erzählen.

Abschließend beschäftigten sich Wolfgang Maderthaner und Roman Horak, die bereits 1997 das bahnbrechende Buch Mehr als ein Spiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne veröffentlicht haben, in einem Kommentar mit den Möglichkeiten der Erinnerungskultur: Wie kann oder soll sich Rapid seiner Vergangenheit erinnern? Maderthaner strich das Erinnern an verschüttete und vergessene widerständige Geschichten und Geschichte hervor. Horak sprach die Frage nach der Veränderung der Erinnerungskultur im Lauf der Geschichte an, welche Geschichten wer wann warum erzählt(e).

Diese Tagung war ein Meilenstein in der Beschäftigung mit der österreichischen Fußballgeschichte in der NS-Zeit. Rapid gebührt Respekt dafür, die Beschäftigung mit der Vereinsgeschichte angestoßen zu haben. Für mich war es ein spannender Tag des Lernens, Aufsaugens von Wissens und Kennenlernens neuer Aspekte. Den Organisatoren gilt mein Dank und meine Anerkennung für ein hervorragend zusammengestelltes Programm. Ich hoffe auf eine Publikation, die es ermöglicht, das alles noch einmal in Buchform nachzulesen.