Samstag, 29. Dezember 2012

Lost Ground Pfarrwiese, Wien-Hütteldorf

Wien, 29.12.2012

Im Jahr 1912 bezog Rapid die Hütteldorfer Pfarrwiese als Spielstätte. Seit diesen hundert Jahren sind die Worte Rapid und Hütteldorf nicht auseinander zu denken.
Auf der Schmelz erblickte Rapid das Licht der Welt. Dann verbrachte man einige Jahre in Rudolfsheim an der Hütteldorfer Straße, bevor es ganz in den Westen Wiens ging. Für 65 Jahre − mehr als die Hälfte der Vereinsgeschichte − war die Pfarrwiese die unbestrittene Heimat, bis 1977 wenige hundert Meter entfernt das spätere Gerhard-Hanappi-Stadion eröffnet wurde. Aufgrund Baumängel kehrte Rapid im Frühjahr 1978 nocheinmal auf die Pfarrwiese zurück. Dann war Schluß.

Für Trainings und Jugendspiele wurde der alte Rapidplatz noch bis 1981 genutzt. Dann wurde er überraschend schnell abgerissen. Eine seit den 70er Jahren projektierte, auf Stelzen getragene Autobahn sollte über den Flötzersteig bis ins Stadtzentrum führen und eine zweite Wiener Westeinfahrt bilden. Genau über die Pfarrwiese hinweg. Eine Volksbefragung brachte im März 1980 ein unklares Ergebnis, wodurch das Straßenprojekt schließlich ad acta gelegt wurde. Doch bevor dies geschah, kamen 1981 eines Tages für viele überraschend die Bulldozer, um Platz für die dann doch nicht gebaute Straße zu schaffen.


Das Gelände der Pfarrwiese heute


Der Weg der Isbarygasse führte früher hinter der alten Nordtribüne entlang. Er wird von älteren Grätzlbewohnerinnen und Bewohnern auch umgangssprachlich „Rapid-Gasse“ genannt. Hier ist ein Stück der Fläche der einstigen Pfarrwiese zu sehen.


Die heute frei zugängliche Fläche war früher hinter der nordseitigen Stehplatztribüne und dem westseitigen Tor. Einen eigenen Trainingsplatz hatte Rapid am Gelände nie, nur eine „rote Erde“ nebenan, sodaß der Rasen aufgrund der Beanspruchung nie richtig gut aussah und die Wiese hier heute wohl grüner ist.


„Mit Tränen in den Augen stand mein Vater ,Bimbo Binder am alten Zaun und beobachtete gemeinsam mit alten, treuen Rapid-Anhängern die Planierung und Zerstörung ihres so geliebten Platzes. Als letztes Andenken an die Pfarrwiese steckten sie sich noch schnell einen Holzsplitter der Tribüne in die Tasche.“ erzählt Franz Binder jun.
In Roland Holzingers Rapid-Chronik sind einige alte Kassenschilder abgebildet, die als rare Sammlerstücke existieren. Im Rapideum gibt es eine originale Sitzbank der Pfarrwiese zu sehen, auf der man sich auch niederlassen darf. Recht viel mehr existiert von diesem Stadion nicht mehr. Am Ort selbst erinnern Graffiti an seine Geschichte.


Nach dem Abriß der Pfarrwiese war das Gelände mehrere Jahre lang schlicht eine G'stettn, da die projektierte Autobahn ja nicht gebaut wurde. 1986 wurde eine Tennisanlage errichtet, die seither erweitert und ausgebaut wurde. Hier darf man sich den Blick von einer Position einige Meter hinter dem westseitigen Tor vorstellen, links die Nordtribüne.


Eine Halle bedeckt heute einen Gutteil des einstigen Platzes der Pfarrwiese. Siehe dazu auch den Übersichtsplan weiter unten im Text.


Das Klubhaus der Tennisanlage mitsamt Restaurant wurde im Jahr 2008 neu errichtet. Es befindet sich mitten am ehemaligen Spielfeld.


Die Hütteldorfer Brauerei neben der Pfarrwiese stellte 1937 ihren Betrieb ein. Zuvor waren Gastgarten und Gaststätte Schauplatz zahlreicher Siegesfeiern gewesen. Seit 1952 befindet sich am ehemaligen Brauereigelände der Margarinenhersteller Senna, heute gibt es hier auch zwei Supermärkte. Seit dem Abriß eines historischen Gebäudes 2007 gibt es nicht mehr viel Bausubstanz der ehemaligen Brauerei.



Die Pfarrwiese in früherer Pracht


Am 28. April 1912 erfolgte die Eröffnung des Hütteldorfer Sportplatz „Rapid“, vis-a-vis dem Brauhause mit einer Doppelveranstaltung: Rapid spielte gegen den WAC, anschließend die Amateure gegen die Cricketer. Die neue Heimstätte brachte sogleich Erfolg: Nachdem Rapid im Herbst der ersten Meisterschaftssaison 1911/12 alle Auswärtsspiele ausgetragen hatte, wurden nun in der eigenen Spielstätte alle Heimspiele nachgeholt. Hütteldorf wurde sogleich zur Festung und Rapid gewann die erste Meisterschaft. Vorerst gab es nur südseitig eine kleine Tribüne und Platz für 4.000 Menschen, später für 8.000. Die Tribüne hatte schon in Rudolfsheim gestanden und wurde beim Umzug 1911/12 ab- und neu aufgebaut. Auf diesem Platz entstand um 1918/19 herum die Rapidviertelstunde.


Dionys Schönecker führte seit 1910 den Verein. Sein Bruder Eduard Schönecker war Architekt plante den Ausbau der Pfarrwiese auf 20.000 Plätze 1920/21. In dieser Form bestand das Stadion im wesentlichen bis zum Abriß 1981. Südseitig gab es eine überdachte Sitzplatztribüne. Beide Längsseiten zierte ein Giebeldach, auf dem stolz in grünen Buchstaben „Rapid“ geschrieben stand.

Gegenüber auf der Nordseite befand sich die große Stehplatztribüne, überdacht nur in einem kleinen oberen Bereich. Bald war der Stehplatz berühmt-berüchtigt. Hier standen die Leute dicht gedrängt beinander, hier entstand die Leidenschaft der Rapidfans. Hier pochte das Herz. Bis zu 25.000 Menschen drängten sich zu Spitzenspielen auf der Pfarrwiese bis an den Spielfeldrand. Wer auf der Nordtribüne auf der untersten Stufe stand, hatte den Kopf gerade überm Rasen. 1955 wurde die Böschung mit Stufen betoniert, große Umbauten blieben aus. Flutlicht gab es nie.

Die Kabinen befanden sich außerhalb. Die Spieler betraten durch einen Tunnel unter der Böschung der Ostseite das Spielfeld. Darin war es finster, man hörte nur die erwartungsvolle Menge und die trampelnden Menschen oberhalb und betrat schließlich aus dem Halbdunkel den Hexenkessel. Heimvorteil und Einschüchterung des Gegners waren mit Leben erfüllte Begriffe. Manch Gegenspieler schloß im Dunkeln Bekanntschaft mit Füßen oder Ellbogen. „Der Boden des Tunnels war nur festgetretene Erde. Nach einem Regen stand immer Wasser am Boden, im Herbst und Winter war es immer sehr feucht, glitschig oder eisglatt. An ihrer tiefsten Stelle hatte die Tunneldecke zwei große, freiliegende T-Stahlträger, beleuchtet wurde das ganze unwirkliche Szenario von einer 40-Watt-Glühbirne.“ schildert Franz Binder jun. den Zustand in den 1960er Jahren (Tunnelhöhe: 1,80m, Binder-Höhe: 1,90m).

Bild: Bezirksmuseum Penzing

Fahnenschwenker am Stehplatz in den 1970ern: Im Laufe der siebziger Jahre entstand nach britischen und deutschen Vorbildern ein veritabler Fanblock mit Fahnen, selbstgestrickten Schals, Hupen, Sprechchören.

Bild: Roman Zach-Kiesling

Am 22. April 1978, fast auf den Tag genau 66 Jahre nach ihrer Eröffnung, fand auf der Pfarrwiese das letzte Meisterschaftsspiel statt. Rapid gewann 6:0 gegen Admira Wacker. Fünf Tore schoß allein Hans Krankl. Es waren seine Saisontore 37 bis 41 (!), womit er den bis heute gültigen Torrekord aufstellte. „Mit einem Freistoßtor, hoch ins linke Eck, begann es. Dann ein Elfmeter, eine heikle Sache, denn Admiras Torhüter Fleischmann wußte vom Teamtraining, wie ich Elfer schieße. Aber ich habe ihn überlistet. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Fünfmal Hans Krankl beim 6:0 Sieg! Die Buben waren nach diesem Match entfesselt. Alle machten Jagd auf mich.“ erzählte Krankl 1978. In die Geschichte ging das Bild ein, wie die Menge freudig aufs Feld läuft, ein Polizist dazu lächelt und Hansee strahlt, wie nur er strahlen kann.


Das im Rapideum zu sehende hervorragende Modell läßt die Pfarrwiese dreidimensional wieder aufleben. Ein Besuch ist wärmstens zu empfehlen. Detailansichten des Modells gibt es hier zu sehen.


Lage der Pfarrwiese in Hütteldorf



Luftbild: Stadtplan Wien


Literatur

  • Franz Binder jun., Franz „Bimbo“ Binder. Ein Leben für den Fußball. St. Pölten / Salzburg 2011
  • Roland Holzinger, Rapid. Die Chronik. 1899 − 1999. Waidhofen/Thaya 1999
  • Domenico Jacono, Jugendliche Fankultur. in: Block West Echo neu, Ausgabe 4 (2009), Extrablatt 1899 − 2009. 110 Jahre SK Rapid, S. 14-18
  • Hans Krankl, Mein Weg zur Weltmeisterschaft. Tulln 1978
  • Othmar Loschy, Die Hütteldorfer Heimstätten des SK Rapid − Chronologie eines Fans. in: Peter Eppel / Bernhard Hachleitner / Werner M. Schwarz / Georg Spitaler (Hg.), Wo die Wuchtel fliegt. Legendäre Orte des Wiener Fußballs. Wien 2008, S. 98−103
  • Edgar Schütz, Pfarrwiese, Hütteldorf. Wien-Penzing. in: Andreas Tröscher / Matthias Marschik / Ders., Das große Buch der österreichischen Fußballstadien. Göttingen 2007, S. 116−122

Kommentare:

  1. Ach seufz - wo alles begonnen hat! Als kleiner Bub bin ich mit dem Opa hinter dem ostseitigen Tor gesessen. Neben der Matchuhr gab´s eine kleine Plattform, von dort aus fanden die Live-Einstiege von Edi Finger (sen.) für Sport & Musik statt. Dann mein erstes Rapid-Match alleine, auf der Nordtribühne am Stehplatz....

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  2. Ich nehme das Wecken nostalgischer Gefühle als Lob für den Artikel. :-) Danke dafür!

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  3. Hier der Link zum Bericht in der AZ vom letzten Meisterschaftsspiel auf der Pfarrwiese: http://www.arbeiter-zeitung.at/archiv_bilder/1978/04/23/19780423_A13.jpg

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  4. Ich durfte im Nachwuchs noch einmal dort spielen. Und der Papa sagte ganz stolz - hier haben die ganz Großen gespielt! Trotzdem war nur ein 1x1 gegen Rapid drinnen.

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    1. Und er hat recht gehabt, der Herr Papa! Darauf, dort noch einmal selbst gespielt zu haben, kann man stolz sein.

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