Freitag, 7. November 2008

Schiedsrichter Fertig



Rezension

Thomas Brussig
Schiedsrichter Fertig
Eine Litanei
St.Pölten/Salzburg 2007 (Residenz)
96 S.





Thomas Brussig hatte sich in Leben bis Männer, seinem vorigen Buch aus der Welt des Fußballs, dem Trainer gewidmet. In seinem jüngsten Buch zum Thema widmet er sich einem weiteren Akteur, dem Schiedsrichter.

Neben einigen Parallelen zum Vorgängerbuch, der ostdeutsche Lebenszusammenhang, der Einzelkämpfer im Zentrum, überzeugt hier der dramaturgisch angelegte Vergleich des Schiedsrichters mit einem Chirurgen. Brussig kontrastiert beide Rollen, wobei es sich bei letzterer um Entscheidungen handelt, die wirklich und nicht nur im übertragenen Sinn um Leben und Tod geht. Mit einem ziemlichen finale furioso.

Schiedsrichter Uwe Fertig monologisiert über das Schiedsrichtersein, die Schwierigkeit der Tätigkeit, den Undank, daß er nie hören wird "Fünf Spieler versperren die Sicht und trotzdem ahndet Uwe Fertig dieses Handspiel, diese leichte Berührung beim Ballmitnehmen, ooch, das sieht man ja kaum in der Zeitlupe. Was für ein Auge! Ein Teufelskerl, dieser Fertig! Uwe, du bist ein Schiedsrichtergott!".

Amüsant sind wieder Passagen wie die krause politische Theorie des Egomanen (in der Demokratietheorie des Trainers wie des Schiedsrichters kommt die Demokratie als Konzept nicht gut weg). Daneben stehen fußballhistorische Anmerkungen, wie daß Belgien bei der EM 1980 mit der perfektionierten Kunst der Abseitsfalle das Fußballverständnis revolutioniert habe, da seither Regeln das Spiel nicht mehr begrenzen, sondern Regeln "gespielt" werden.
Und fußballkulturphilosophische Sätze wie "Ein Spiel muß folgenlos sein, sonst ist es kein Spiel. Wenn zwei Menschen nach einem Spiel nicht mehr miteinander reden, dann sagt man: Aus einem Spiel wurde Ernst. Fußball ist schon längst der Ernstfall schlechthin. Kein Mensch erwartet beim Fußball, daß es folgenlos bleibt. Ganze Industrien hängen da dran, Millionen von Existenzen. Nur jemand, der nun überhaupt keine Ahnung hat, sagt über Fußball: Ist doch nur ein Spiel. Mit einem Spiel hat Fußball nichts mehr zu tun. [...] Weil die sicherste Methode, eine Sache zugrunde zu richten, darin besteht, sich ihr enthusiastisch zu widmen."

Bedenkenswerte Gedankengänge. Leider ist es - zumindest mir - einfach nicht möglich, sich dem Fußball nicht enthusiastisch zu widmen. Ein rationalisierter Gentle(wo)men-Fußball ist nicht denkbar. Einen schönen Satz dazu liefert Brussig selbst (etwas aus dem Zusammenhang gerissen): "Wer sehen will, wie der Beste gewinnt, soll sich Weitsprungwettbewerbe angucken."

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