Sonntag, 31. Mai 2020

11 Freunde, 223




Rezension


11 Freunde
Magazin für Fußballkultur
Nr. 223, Juni 2020
116 S.








„Fußball ist eine Droge und gerade läuft ein Massenentzug, bei dem Geisterspiele wie lausiges Methadon daherkommen. Um die Menschen nicht gänzlich zu verlieren, muss die Wende jetzt eingeleitet werden.“ meinen die Chefredakteure Christoph Biermann und Philipp Köster und hoffen, dass aus der Krise eine Neubesinnung des Fußballs zu gesellschaftlicher Verantwortung und dem Stadionerlebnis im Mittelpunkt erwachsen möge. Die Notwendigkeit streite ich nicht ab, aber Anzeichen sehe ich keine.

Themen im Heft sind Anekdoten zum deutschen WM-Sieg vor dreißig Jahren 1990 und dem ersten Meistertitelgewinn der Borussia Mönchengladbach vor fünfzig Jahren 1969/70 sowie eine interessante Reportage aus der Stadt Sialkot im Nordosten Pakistans, wo 60% aller in der Welt produzierten Fußbälle hergestellt werden.

Eine recht ausführliche „Deutschlandreise“ führt zu 150 bekannten und unbekannten Orten mit Fußballgeschichte in Deutschland, aus der man durchaus lernen kann. Eine Station ist dabei der Engländerplatz in Karlsruhe. Zur Illustration dient ein von mir auf Nachfrage zur Verfügung gestelltes Bild.

Donnerstag, 28. Mai 2020

When Saturday Comes, 399



Rezension


When Saturday Comes
The Half Decent Football Magazine
Issue 399, June 2020
48 S.









“The government’s handling of the crisis is said to have caused thousands of needless deaths already. No more lives should be put at even the slightest risk now in pursuit of a good news story.” Der Schlusspunkt des Editiorial zur den Diskussionen über die Wiederaufnahme des englischen Fußballs ist prägnant und klar.

Artikel widmen sich dem Umgang der Fußballwelt mit der aktuellen Lage u.a. in England, Italien oder auch Spanien. Zum Fall Schottland konstatiert David Pollock: “While football leagues worldwide have been plunged into existential alarm by the coronavirus, none has managed to quite so comprehensively make a drama out of a crisis as the Scottish Professional Football League (SPFL).”

Um Schottland geht es auch in der geschätzten Serie Season in brief, in der diesmal die Scottish Premier Division 1982/83 beleuchtet wird. Dundee United wurde zum ersten und einzigen Mal Meister nach einem “three-way battle between United, Alex Ferguson’s Aberdeen – starring Willie Miller, Alex McLeish and Gordon Strachan – and Billy McNeill’s free-scoring Celtic.” Die Meisterschaft wurde in der letzten Runde entschieden. “For the decisive last game of the season, the 29,106 fans squeezed into Dens Park was a record attendance for a Dundee derby.”

Beeindruckend ist wieder einmal das Photo Feature, diesmal zum schönen Thema Away ends.

Montag, 25. Mai 2020

Brückengänger 2




Rezension


Brückengänger
#2
2020
142 S.









Bald nach der Premierenausgabe erschien auch schon das zweite Heft des Osnabrücker Brückengänger, das Berichte von Reisen sowie von Spielen des VfL Osnabrück von Juni bis Dezember 2019 umfasst. Hatte ich in der Rezension des ersten Hefts vermerkt, dass für meine Begriffe der beschriebene Ausflug nach Marokko schon genug an Exotik beinhaltet, sind hier in der zweiten Ausgabe gleich Berichte von einer großen Südostasienreise und zwei Südamerikafahrten enthalten.

Es erfreuen einen Geschichten, dass etwa bei einem Kiew-Aufenthalt im Sommer ein Testspiel von Dynamo Kiew im schönen alten Stadion Dynamo im. Walerij Lobanowskyj angesetzt wird, interessante und mit einigen dabei aufgeschnappten Informationen lehrreiche Erzählungen von Spielbesuchen in Bukarest, noch unbekannte aber beeindruckend aussehende Grounds wie ein Reiterwaldstadion (wo ein Drittel des Publikums aus Hoppern bestand, da das Stadion selten bespielt wird) oder ein von der SpVgg Allmansdorf bespieltes Bodenseestadion.
Ohne dort bisher gewesen zu sein, habe ich doch schon einige sich ähnelnde Gibraltar-Groundhoppingberichte gelesen. Hier habe ich zum ersten Mal von einem Spielbesuch auf der spanischen Seite bei Real Balompédica Linense gelesen und der bekannte Berg ist hier ebenso prägnant im Hintergrund des Stadionpanoramas zu sehen.

Aber auch vom VfL Osnabrück wird wieder berichtet, beginnend mit einem Sommertestspiel beim SV Hellern im Juni 2019. Den eigenen Verein hochzuhalten, seine Spiele zu besuchen und em den gebührenden Stellenwert einzuräumen, ist das wichtigste, und nötigt mir Respekt ab. Auch wenn manche Redaktionsmitglieder quer durch die Weltgeschichte unterwegs waren, kommt doch immer ein Spielbericht von einem, der das Spiel des eigenen Vereins besuchte. Unlängst hatte ich erst den Spielbericht von Osnabrück-Darmstadt von August 2019 im Scheiß AFD gelesen und konnte hier die Gegenansicht aus heimischer Perspektive lesen und so einen Gesamteindruck gewinnen.

Immer wieder interessant es ja, von anderen Herangehensweisen und Reiseerfahrungen zu lesen (Whatsapp, Facebook-Gruppe, Uber) oder davon, einen Tagesausflug zu einem Länderspiel zu machen, um dort einen Länderpunkt zu erreichen (wie hier, durchaus vergnüglich zu lesen, in den Kosovo). Als hier etwa von „18-jährigen deutschen verlausten Backpackern“ als allgemein bekannter Plage zu lesen war, kam ich ins Grübeln, ob ich jemals in meinen Reisen „Backpackern“ begegnet bin oder mit ihnen zu tun hatte. Mir fiel nichts ein. Ich nehme an, dass dies wohl ursächlich mit eigenen Reisegewohntheiten als auch Reisezielen zu tun hat. Ich bin dann eben doch dem 114. Ground in der Slowakei, einem Spiel der Serie D in Italien, einem niederösterreichischen achtklassigen Spiel und vor allem und unbedingt jedem einzelnen Rapidspiel näher als touristischen Destinationen in weiterer Ferne wie Afrika, Asien oder Amerika. Mit freudiger Distanziertheit lese ich dann aber gerne von Abenteuern in arabischen Ländern oder hier im Heft in Indonesien. Fremde Namen, fremde Gegenden, fremde Lebenswelten bieten dann eine faszinierende Lektüre gerade durch ihre Entfernung von meiner Lebenswelt.

Freitag, 22. Mai 2020

Scheiß AFD, 22



Rezension


Scheiß AFD
Fanzine der Usual Suspects Darmstadt
Hinrunde 2019/20
Ausgabe 22
218 S.









Über zweihundert Seiten schwer ist die 22. Ausgabe des Fanzines der Usual Suspects Darmstadt (Vorgängergruppe Allesfahrer Darmstadt = AFD). Mit der Hinrunde 2019/20 blickt sie auf die letzte normale Halbsaison des Fußballs zurück. Aus dem Zeitraum von Juni bis Dezember 2019 liest man hier von diversen Groundhoppingreisen sowie Spielbesuchen des SV Darmstadt und bei den befreundeten Young Boys aus Bern.

Das Darmstädter Sommertrainingslager führte nach Tirol, wo man bei Testspielen in Schwaz auf saufende Feyenoord-Lads und in Zell am Ziller auf rund 1.000 Werder-Fans sowie eine Japanerin traf. Zum 3:3 samt VAR-Entscheidungen hüben wir drüben gegen den FCN liest man wahre Worte: „Diese Videobeweis-Scheiße raubt einem doch nur den Spaß an Fußball. Wenn du bei einem Tor nicht mehr jubelst, wozu gehst du überhaupt ins Stadion? Das Spiel wird aktuell völlig verändert und wenn in einigen Jahren die Stadien nur noch halbvoll sind, dürfen sich dann alle selbst applaudieren. Herzlichen Glückwunsch. Da lebe ich lieber mit zwei, drei bösen Fehlentscheidungen als mit der Abschaffung des Torjubels.“ Auf großer Fahrt war man mit YB im Europacup, u.a. in Belgrad oder Porto.

Viel Hopping gibt es erneut in den Niederlanden, aber auch diverses vom Balkan, aus Italien und von der Insel. Aus Südamerika gibt es diesmal gleich drei Berichte. Interessant ist erneut eine Fahrt mit San Lorenzo: Diesmal liest man hier von einer Auswärtsfahrt in der Copa Libertadores nach Paraguay. Noch mehr von Lateinamerika gibt es von einer Reise einer zweiköpfigen Reisegruppe in Panama und Kolumbien sowie einer weiteren Reisegruppe durch Mexiko zu erfahren.

Auch in Deutschland waren die verschiedenen Autoren gut unterwegs und man liest Berichte von Spielbesuchen der Kracher-Kategorie Kaiserslautern-Waldhof bis hin zum beschaulich-amüsanten Unterhaushopping, wo man etwa vom Spiel zwischen dem FC Körle und FC Eichenzell in der Verbandsliga Hessen-Nord berichten kann: „Und ob ihrs glaubt oder nicht. In der zweiten Hälfte fuhr tatsächlich ganz dorfplatzklischeemäßig ein Traktor vorbei. Ganz genauso spannend war's in der Schwarzwald-Kampfbahn.“

Das Auflachen beim Lesen des Hefts kann man nicht verschweigen. Aus dem Spielbericht von FC Gießen gegen 1. FC Saarbrücken: „Ich konnte einfach nicht anders. Es war offensichtlich, was der ,Vorsänger‘ der Supporters Gießen in wenigen Bruchteilen von Sekunden wenige Meter neben uns anleiern würde. Der perfekte Moment für einen dieser klassischen Alex-Witze, denen in meinem Umfeld eine gewisse Hassliebe entgegenschlägt. Die möglichen Stirnklatscher bei Seite gewischt, nutzte ich also die Gunst der Stunde, um meinen drei Gruppengenossen unerwartet eine Frage zu stellen: ,Was müsst Ihr tun, wenn eure Blumen kurz vorm Vertrocknen sind?‘ Das Timing gelang – die Zeit genügte kaum für konsternierte Blicke hinsichtlich dieser Frage, da schrien gut 30 Mann direkt neben uns lautstark: ,Gießen! Gießen! Gießen!‘ Die Stirnklatscher waren mir mal wieder sicher.“ Auch für solche Momente liest man Fanzines.