Freitag, 16. Mai 2008

Seitenwechsel


Rezension

Samo Kobenter / Peter Plener (Hg.)
Seitenwechsel
Geschichten vom Fußball
Eine Publikation des Bundespressedienstes der Republik Österreich
Wien 2008 (Bohmann)
237 S.




Der Band versammelt ganz unterschiedliche Geschichten verschiedener AutorInnen. Es gibt sehr persönliche Texte und Wissenschaftliches wie Barbara Liegl und Georg Spitaler über Legionäre im österreichischen Fußball, Wolfgang Maderthaner über Fußball und Faschismus oder Pia Jaschke über das Verhältnis von Sportgerichtsbarkeit und "ordentlichen" Gerichten). Es gibt einiges über die österreichischen Fußballmythen (Wunderteam), es gibt Essayistisches und eine (im doppelten Sinn) richtige Philippika von Egyd Gstättner gegen den Kärntner BZÖ-Verein: "Das Schlimmste daran ist, dass man dafür Massen an Menschen mobilisieren kann, die tatsächlich ein Stadion füllen (in beiden Fällen mit massivem Einsatz von Gratiskarten, aber sei's wie's sei; Anm.); dass alle Mächtigen, Entscheidungsträger, Medien im Land mitspielen und sich der Macht andienen, dass die Liga sich nicht dagegen verwehrt und dass es im gesamten Bundesgebiet Vereine gibt, die diese fußballkaputtmachende Gemeinheit nicht ächten und boykottieren, sondern Runde für Runde gegen sie spielen, als wäre das die normalste Sache der Welt."
Wie wahr! Und schlimm ist, daß dasselbe ja für die Dosen aus Wals-Siebenheim gilt, wo sich nicht eine politische Partei einen Verein gekauft und in ein anderes Bundesland transferiert hat, sondern ein Konzern einen Verein übernommen, Namen und Farben geändert, die Fans rausgeschmissen und verkündet hat "Keine Kompromisse. Das ist ein neuer Klub. Es gibt keine Tradition, es gibt keine Geschichte, es gibt kein Archiv" (Der Standard, 2.8.2005), um neue Kunden zu erschließen. Unterschiedliche Fälle, aber beide Teil einer Entwicklung, die mit großen Hieben den Fußball zerstört.

Peter Plener verweist darauf, daß "Fußball als Massensport untrennbar mit der Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts verbunden" ist. Diese Entwicklung ist ja gerade auch in der Ausstellung herz:rasen dargestellt. Kein Radiobericht, keine Fernsehübertragung und kein Internetz-Liveticker kann aber das Stadionerlebnis ersetzen - oder wie es Peter Plener ausdrückt: "diese Substitute eignen sich eben nicht einmal ansatzweise als brauchbare Ersatzbefriedigung." Auch Ute Woltron schließt ihren schönen Beitrag mit "Keine Superzeitlupe, keine Wiederholung, kein hautnahes Interview, kein Kameraschwenk über die Zuschauerscharen kann vor der Glotze die echte Stadionstimmung ersetzen. Mir jedenfalls nicht. Vielleicht bin ich aber auch nur verdorben. Ich will beim Fußballschauen schreien, singen, die Fahne und den Hintern schwingen. Ein Sieg ist nur ein Preis, die Freude aber der Gewinn, das Stadion bleibt der Kelch, aus dem sie getrunken wird." Mangels Brasilien-Erfahrung habe ich noch nie im Stadion den Hintern geschwungen, ansonsten bin ich wohl ebenso "verdorben".

Und ein Buch, das George Best, il genio Dejan Savićević, Antonín Panenka, Zinédine Zidane und Paul Gascoigne huldigt, kann natürlich nur empfohlen werden. :-)

P.S.: So jung und schon in die Literatur eingegangen (Grüßi Stiff, Mario, Albin!):
"Die junge Lok Landstraße etwa, Winterkönig der 4. Klasse F, spielt gerne bei HipHop. Man trainiert regelmäßig, allerdings ist man sich bewusst: Der Weg in die Champions-League ist weit." (aus Ernst Strouhals "Plädoyer für den ballestrischen Untergrund", S.171)

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