Donnerstag, 10. Dezember 2009

Ballesterer 48


Rezension


Ballesterer fm
Nr. 48, Dez./Jänner 2009/10
66 S.







Eine Schwerpunktausgabe über das "Wunderteam" erfreut das Historikerherz. Eigentlich verwundert ja fast, daß es über den - neben Córdoba - zentralen österreichischen Fußballerinnerungsort, das mythenumwobende Nationalteam der Jahre 1931-1933, der besten Mannschaft der besten Zeit des Wiener Fußballs noch keine Ausgabe gegeben hat. Ein Heft, das wohltuend nichts mit dem hagiographischen und nationalistischem Zugang zu tun hat, mit dem hierüber oft geschrieben wird und auch Brüche kennzeichnet.
Bahnbrechend und wegweisend war damals ja vieles, neben der Umstellung zum Profispielertum bereits Mitte der 1920er Jahre (das als Nebenprodukt heute großartig anzusehende Werbeauftritte der Spieler zur Folge hatte) am Platz v.a. der taktisch modern agierende "Teamchef" Hugo Meisl und die spielerische Brillanz des ins herrliche Wort "scheiberln" gefaßten Kurzpaßspiels. Fast noch spannender ist ja aber das Drumherum, die medial gepuschte Massenhysterie oder das "Public Listening" zur Radioübertragung am Heldenplatz und in Kaffeehäusern als Vorbote der heutigen TV-Version.
Unlängst ist ja der erste Band eines zweiteiligen Comics über Matthias Sindelar erschienen, der die damalige Zeit in hervorragender Weise darstellt. Ein Interview mit Autor und Zeichner Sascha Dreier bietet im Heft dazu interessanten Hintergrund.
Die im Kopf gespeicherten Schwarz-Weiß-Bilder gewinnen an Farbe durch das Interview mit den beiden Enkeln Hugo Meisls, Wolfgang und Andreas Hafer, die über die Entstehung ihrer Meisl-Biographie und die Person ihres Großvaters erzählen. Und natürlich großartig die berichtete warme Unterstützung, die ihnen bei ihrer wichtigen Arbeit über österreichische Fußballgeschichte von der hiesigen Bürokratie entgegengebracht wurde - "Ich hatte noch ein kafkaeskes Erlebnis, als ich beim Wiener Fußballverband angerufen und nach Archiveinsicht gefragt habe. Als Antwort kam: 'Moment, ich frage mal nach.' Dann habe ich fünf Minuten gewartet, zehn, 15 Minuten. Aber da war niemand mehr. Nur ein großes Schwarzes Loch."

P.S.: Ich will nicht Sprachpolizei spielen, aber wenn es schon im Heft so viel über österreichische Fußballspezifika geht, wäre es schön, wenn man auch bei Texten deutscher Autoren wie demjenigen von Alexander Marner über Neuseelands WM-Qualifikation etwa den Begriff des Wechselns vom Nachwuchs in die Kampfmannschaft anstelle des "Aufstiegs in den Herrenbereich" verwenden könnte.

P.P.S.: Die Verwendung der 30er-Jahre-Schrift für die Überschriften habe ich dafür wiederum sehr schön gefunden.

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