Donnerstag, 12. April 2012

Hamlet oder Happel


Rezension

Wendelin Schmidt-Dengler
Hamlet oder Happel
Eine Passion
Hg.v. Helmut Neundlinger
Vorwort v. Samo Kobenter
Wien 2012 (Klever Verlag)
144 S.



Als Wendelin Schmidt-Dengler im Jahr 2008 mit erst 66 Jahren starb, wurde in seinem Gedenken vor dem nächsten Spiel der Rapid im Hanappi-Stadion eine Schweigeminute abgehalten. Der Universitätsprofessor hatte sich diese letzte Ehre seines Vereins nicht nur durch jahrzehntelange Anhängerschaft verdient, sondern vor allem, indem er das Faszinosum des schönen Spiels und der Liebe zur Rapid in Worte fassen konnte. Er tat dies „nebenberuflich“, aber aus Berufung an der Universität, in Zeitungen und Zeitschriften, in Radio und Fernsehen.
Mit Freuden erinnere ich mich an eine Veranstaltung im Rahmen der Wiener Vorlesungen im prallgefüllten Festsaal des Wiener Rathauses im Februar 2002, bei der sich der Rapidanhänger und Literaturwissenschaftler Schmidt-Dengler und der Philosophieprofessor und Austrianer Kurt Rudolf Fischer ein intellektuelles Match unter dem Titel Austria : Rapid. Fußball im Spiegel von Philosophie und Literatur über ihre Liebe zu ihren Vereinen, den Fußball und das Leben an sich lieferten.
Vier Jahre nach seinem Tod liegt nun eine kleine Sammlung an Schmidt-Denglers Fußballtexten vor, die Helmut Neundlinger herausgegeben hat. Es sind Kolumnen und kleine Beiträge für österreichische Medien aus den Jahren 1996 bis 2008. Die Texte erschienen verstreut an mehreren Orten, sodaß sich in der Gesamtschau einige Wiederholungen ergeben. Doch dies trübt das Lesevergnügen nur wenig.

Als Schlüsselsatz des Germanisten und Literaturwissenschaftlers kann man wohl den Satz „Fußball ist für mich primär Sprache.“ nehmen. Schmidt-Dengler beschäftigte sich mit dem Fußball und seinen kulturellen Hervorbringungen mit ähnlicher Hingabe wie als Wissenschaftler mit der deutschen Sprache und ihrer Literatur. Zumindest proklamatorisch waren dabei die Präferenzen klar: „Wie Shakespeares Hamlet oder Lessings Minna von Barnhelm ausgehen, weiß ich, wie aber das nächste Derby zwischen Rapid und Austria ausgeht, weiß ich nicht. Der ästhetische wie dramaturgische Vorsprung des Hanappi-Stadions vor dem Burgtheater ist kategorial.“ schrieb Schmidt-Dengler mit Anklang an ein Bonmot Sepp Herbergers.
An anderer Stelle heißt es: „Fußball ist, ich gestehe es, zumindest in meiner Freizeit, spannender als die Literatur, denn was deren Themen sind, das hat man in einem guten Spiel alles gebündelt: Schande, Ruhm, Tücke, Verzweiflung, Zufall, Schicksal, Tugend, Gemeinheit, Gewalt, ja auch Spannung und Langeweile.“ Der Fußball als die ganze Welt in 90 Minuten.

Schmidt-Dengler war einer, der bevor dies modern wurde, gescheit über Fußballkulturelles dachte, redete und schrieb, wie das Samo Kobenter in seinem Vorwort des Buchs feststellt: „Lange bevor es gesellschaftsfähig wurde, Fußball als Folie für allerlei philosophische, soziologische, theologische oder auch nur gesellschaftspolitisch relevante Thesen herzunehmen und darauf solange herumzukritzeln, bis der darunterliegende Entwurf kaum mehr zu erkennen ist, stellte Wendelin Schmidt-Dengler mit dem augenzwinkernden Ernst des wahren Liebhabers einige Lesarten des Spiels vor, die mittlerweile zum Standardrepertoire eines intellektualisierenden Diskurses über das Phänomen Fußball gehören.“
Seine literarischen Bezüge zum Fußball beginnen in den Werken William Shakespeares − „Foul is fair, and fair is foul! Dieser Hexenvers aus dem Beginn des Macbeth vereint Shakespearekenner und Fußballfreunde, also rundum gebildete Menschen.“ − und setzen sich mit Elias Canetti oder der Korrespondenz von Soma Morgenstern mit Alban Berg fort. Schmidt-Dengler freut sich über den Einfluß, den die Geräuschkulisse vom Rapidplatz, der Pfarrwiese, 1927 auf Elias Canetti ausübte und sich in dessen Buch Masse und Macht niederschlug: „Welcher Fußballverein der Welt kann sich rühmen, ein mit dem Nobelpreis gekröntes Œuvre verursacht zu haben?“

Fußball war für Wendelin Schmidt-Dengler stets mehr als ein Sport − „wenn über Fußball gesprochen wird, dann wird über mehr gesprochen als nur über eine Sportart“. Die Textsammlung ist als Buch kleinformatig, aber großformatig im Inhalt.

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