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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Die Hitzeschlacht von Lausanne



Rezension


Kurt Palm
Die Hitzeschlacht von Lausanne
Österreich – Schweiz 1954
St. Pölten / Salzburg 2008
(Residenz Verlag)
176 S.










Eines der legendärsten Spiele der Geschichte der österreichischen Nationalmannschaft ist Thema dieses Buchs von Kurt Palm aus dem Jahr 2008. Das Viertelfinalspiel der WM 1954 in der Schweiz zwischen WM-Mitfavorit Österreich und Gastgeber Schweiz ist mit dem Ergebnis von 7:5 das torreichste Spiel der Weltmeisterschaftsgeschichte. Legendär ist es aber auch einerseits wegen des dramatischen Spielverlaufs und andererseits wegen der Bedingungen von 40 Grad Celsius an jenem Nachmittag im Stade Olympique de la Pontaise von Lausanne, welche auf österreichischer Seite den Tormann Kurt Schmied und auf Schweizer Seite den Kapitän Roger Bocquet kollabieren ließen.

Bevor das Buch zur WM gelangt, beschreibt der als Regisseur und Autor bekannte Palm die Qualifikation und Vorbereitung der Nationalmannschaft sowie die handelnden Personen. Auffällig ist die hohe Anzahl an acht Testspielen in der WM-Vorbereitung ab Anfang Mai, wobei darunter sowohl reguläre Länderspiele als auch Testspiele gegen Vereine vom AC Milan bis Jahn Regensburg und Vereinsauswahlen waren. Anhand der Presseberichterstattung werden die Spiele und auch die Umstände dargestellt. Das sechste Vorbereitungsspiel am mit 16.000 Leuten gefüllten Innsbrucker Tivoli sticht dabei besonders hervor. Palm zitiert aus der damaligen Kurier-Reportage: „Tiroler Fußballfanatiker, die sich geprellt sahen, weil an Stelle der A-Mannschaft die B-Garnitur gegen ein Auswahlteam der Arlbergliga antrat, erzwangen dadurch, daß sie die Bälle ,beschlagnahmten‘, Bierflaschen warfen und schließlich das Spielfeld stürmten, das Antreten der A-Mannschaft. (...) Erst nachdem Edi Frühwirth die Erklärung abgegeben hatte, das Weltmeisterschaftsteam werde nun mit Ausnahme von Schmied, Probst und Wagner komplett weiterspielen, konnte die Ordnung wiederhergestellt und das Match weitergespielt werden.“ Bemerkenswert.

Dazu gibt es diverse Statistiken und kolportierte Anekdoten, ein Interview mit Alfred Körner sowie einen Ausblick auf die weitere Geschichte der WM 1954 und das österreichische Abschneiden auf Platz 3. Die dargebotenen Fakten bringen ein wenig zeitgenössisches Kolorit in die Schwarz-Weiß-Bilder im Kopf. Da werden etwa die Staatsoberhäupter der an der WM teilnehmenden Ländern ebenso aufgelistet wie u.a. das Kinoprogramm in Wien und Zürich oder Zahlen zu Österreich und der Schweiz im Vergleich im Jahr 1954.

Nach Berichten über die ersten WM-Spiele gelangt das Buch nach der Hälfte zum dramaturgischen Höhepunkt, dem 26. Juni 1954 in Lausanne. Palm berichtet auf Basis der zeitgenössischen Medien vom Spiel Österreich-Schweiz. Interessant ist dabei das Kapitel über die unterschiedlichen Angaben der Anzahl der Zuschauerinnen und Zuschauer im damals brandneuen Stade Olympique de la Pontaise. Es bot 50.310 Plätze. Offiziell waren bei diesem Spiel aber nur 37.218 Leute, was angesichts eines Spiels des Gastgebers im WM-Viertelfinale wenig erscheint. Es ist hier allerdings zu lesen, dass es keine Karten mehr gab und „Phantasiepreise“ am Schwarzmarkt zu bezahlen waren. „Ein Schweizer bot mir eine Woche Gratisaufenthalt, einschließlich Verpflegung, wenn ich ihm einen Sitzplatz für das heutige Spiel verschaffe.“ zitiert Palm einen Korrespondentenbericht. Die Angaben in der Berichterstattung schwankten deutlich, wie aufgelistet wird. Da ist von 30.000, 31.000, 35.000, 36.00, 37.000, 48.000, 50.000, 56.000 oder sogar 65.000 die Rede. Auf den im Buch abgedruckten Bildern des Spiels sind die im Hintergrund des Spielgeschehens zu sehenden Stadionränge zum Bersten gefüllt. Den durch die Zahlen erweckten Eindruck eines halbleeren Stadions kann man hinterfragen. Palm verwendet in seinem Datenblatt im Buch die Zahl von 50.000 Zuschauerinnen und Zuschauern bei diesem Spiel, was realistisch wirkt. 2.000 österreichische Nationalmannschaftsfans sollen dabei gewesen sein.

Der Spielverlauf wirkt auch Jahrzehnte danach unglaublich. Die österreichische Nationalmannschaft, die seit sieben Länderspielen kein Tor erhalten hatte, lag nach 19 Minuten bereits 0:3 zurück. Noch unglaublicher ist es aber, dass es zur Minute 34 dann wiederum 5:3 für Österreich stand. Die Schweizer Nationalmannschaft agierte damals mit einem gefürchteten Defensivsystem, dem sogenannten Schweizer Riegel, der hier in wenigen Minuten zusammenbrach. Die von Palm zitierten Schweizer Spielanalysen beschuldigten den Trainer Karl Rappan, einen seit den 1930er Jahren in der Schweiz arbeitenden Österreicher (und seinerzeit aktiven Nazi, was im Buch nicht vorkommt) dafür, nach dem Schweizer 3:0 nicht völlig auf das Halten des Ergebnis umgestellt und einen Stürmer nach hinten beordert zu haben. „Die österreichischen Stürmer hatten früh erkannt, daß es an diesem Tag ein probates Mittel gab, um den Schweizer Riegel erfolgreich aufzubrechen: Weitschüsse. So überrascht es auch nicht weiter, daß drei der ersten fünf Treffer der Österreicher durch Schüsse von außerhalb der Strafraumgrenze erzielt wurden.“ schreibt Palm.

In die Geschichte ging das Spiel schlussendlich wegen der Hitze ein. Beim zusammengebrochenen Schweizer Spieler Roger Bocquet (Lausanne-Sport) stellten Untersuchungen später einen Hirnturmor fest, der auch für den Hitzekollaps mitverantwortlich gewesen sein dürfte. Es war sein letztes Länderspiel,der Tumor konnte aber erfolgreich behandelt werden. Dramatisch war der Hitzeschlag oder Sonnenstich auf österreichischer Seite für den Tormann Kurt Schmied. Genauso wie Bocquet konnte der Vienna-Spieler (Meister 1954/55) nicht ausgewechselt werden, da dies damals in den Fußballregeln noch nicht vorgesehen war. Die Verteidiger Happel, Hanappi (Rapid) und Barschandt (Wiener Sport-Club) sprangen für ihn ein und putzten für den auf der Linie hin und her schwankenden Schmied aus. Aus heutiger Sicht eine unverantwortliche schwere Gesundheitsgefährdung des Spielers, ihn weiterspielen zu lassen. Erleichterung verschafften den Spielern auch nicht manche Zuschauerinnen und Zuschauer, wie die KPÖ-Tageszeitung Volksstimme berichtete: „Die ,Bierflaschenwerfer‘ sind offenbar eine neue Type von Wettspielbesuchern, denn auch beim Spiel unserer Mannschaft gegen die Schweiz flogen nach dem von Wagner erzielten sechsten Treffer etliche Flaschen auf das Spielfeld. Probst und Körner, die solche Geschosse aufhoben, stellten lakonisch fest: ,Sie san leer‘.“

Mittwoch, 29. April 2009

Oranje brillant



Rezension

David Winner
Oranje brillant
Das neurotische Genie des holländischen Fußballs
Aktual. u. erweit. Ausg.,
Köln 2008 (Kiepenheuer & Witsch)
363 S.




Christoph Biermann schreibt im Vorwort, das zuerst 2000 als Brilliant Orange auf englisch erschienene Buch "liefert eine neue Lesart des Spiels. Fußball wird hier ganz selbstverständlich und überzeugend als Ausdruck von Kultur behandelt, wie man das sonst mit Filmen, Musik oder Literatur tut."

In der Tat ist dies nicht nur eine Abhandlung über den Fußball, sondern geradezu eine Einführung in holländische Kultur. Winner definiert seinen eigenen Zugang so: "Wenn dies ein Buch über den holländischen Fußball sein soll, werden Sie sich irgendwann fragen, wieso es seitenlange Abhandlungen über Kunst, Architekten, Kühe, Kanäle, Kirchenmaler, Rabbis und Flughäfen, jedoch kaum eine Zeile über zum Beispiel den PSV Eindhoven oder Feyenoord Rotterdam enthält. Ein überaus berechtigter Einwand. Das liegt vermutlich daran, dass dies weniger ein Buch über den holländischen Fußball als vielmehr ein Buch über die Idee des holländischen Fußballs ist, was ein feiner Unterschied ist. Mehr noch, es ist ein Buch über meine Idee von der Idee des holländischen Fußballs, was noch einmal etwas ganz anderes ist." Als fußballerische Idealtypen findet sich hier so viel über Ajax Amsterdam, v.a. die großen Mannschaften Anfang der 1970er und Anfang der 1990er, sowie über die wechselhafte Geschichte der Nationalmannschaft.

Er verbindet etwa den gesellschaftlichen Aufbruch aus der Nachkriegszeit in den 1960ern, plakativ in den "weiß gekleideten Provos, die archetypischen Amsterdamer Anarchisten der 1960er, die surrealistische antiautoritäre Streiche mit einem leicht spinnerten Technik-Optimismus verbanden" mit dem Aufstieg der großen, alles in Grund und Boden spielenden Ajax-Mannschaft Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre um Johan Cruyff, Johan Neeskens etc.
Winner zitiert Karel Gabler mit den Worten "Cruyff war für uns ein Idol vielleicht so wie in England John Lennon. Er redete mit einer Logik, die jene unserer ganzen Generation war." Er personifizierte gesellschaftlichen und fußballerischen Um- und Aufbruch: "Als ein Spiel der Nationalmannschaft noch als reine Ehre galt, bestand Cruyff auf Bezahlung. Als er erfuhr, dass die Offiziellen des KNVB auf Auslandsreisen versichert waren, die Spieler jedoch nicht, verlangte - und erzwang - er eine Änderung. [...] Gabler meint: 'Cruyff geriet in alle möglichen Konflikte, weil er anfing, die Fragen zu stellen, die sich seine ganze Generation ebenfalls stellte: Warum sind die Dinge so geregelt, wie sie geregelt sind?'"

Winner setzt den totaalvoetbal, den Positionen rotierenden und aggressiv angreifenden Fußball von Ajax und dem Nationalteam Anfang der 70er Jahre in Beziehung mit zeitgenössischer kultureller Entwicklung: "Während sich in den 1960ern unter Michels' revolutionärer Ägide bei Ajax der Total Football herausbildete, entwickelten holländische Designer und Architekten ihre eigenen Ideen von Totalität. Wim Crouwel gründete sein Total-Design-Studio. Etwa zur selben Zeit rebellierten Hollands berühmteste und originellste Architekten, die so genannten Strukturalisten, mit offenen, effizienten, unhierarchischen, flexiblen und ästhetisch verspielten Bauten gegen die tristen Konzepte des Funktionalismus und Modernismus." Die Ajax-Mannschaft der frühen 90er Jahre unter van Gaal vergleicht Winner wiederum mit dem effizienten architektonischen Konzept des Flughafen Schiphol.

Die Niederlage im Finale der WM 1974 war für Winner ganz klar Resultat keinerlei Verschwörung, sondern lag an der Hybris des besten Teams der Welt. Doch: "Das Wissen, dass die holländische Niederlage in München eher ein Akt versehentlicher Selbstzerstörung als ein Mord war, macht den Verlust nicht kleiner. Es macht die Geschichte vielmehr noch ergreifender. Die Selbstdestruktion von Genie und Schönheit strahlt immer eine besondere Faszination aus: Man denke an Jim Morrison, Marilyn Monroe, Kurt Cobain oder Rainer Werner Fassbinder. Und auch wenn Fußball uns Interessantes über Politik, Geschichte und Kultur erzählen kann, ist er ungleich wirkungsmächtiger als ein rein narratives Ritual. Auf dieser Ebene haben die Holländer sich in den Rang großer Helden der Weltliteratur wie Achilles, Othello, König Lear und Ödipus eingereiht, die durch die Last ihres Talents und einen einzigen tödlichen Makel zu Fall gebracht wurden."

Der fußballerische Erfolg brachte dem global relativ kleinen Land einen großen internationalen Namen und wurde zum Teil der nationalen Identität der traditionell stark kulturell (religiös, politisch) segmentierten Gesellschaft. Ein Vergleich der TV-Einschaltquoten zeigt, daß in den Niederlanden zwei Drittel der Leute wichtige Länderspiele schauen, während dies im ja nicht gerade fußballabstinenten England fünfzig Prozent tun. "Während großer Turniere ist es mittlerweile auch für patriotische Engländer Mode geworden, Häuser und Autos mit St.-Georgs-Fahnen zu schmücken. Aber dieser Ausdruck von Fußballnationalismus wirkt mickrig verglichen mit der flächendeckenden Orange-Färbung Hollands."
Dies kann aber auch ins Negative umschlagen. So verweist Winner auf den zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg des Rechtspopulisten Pim Fortuyn, der das zuvor so stabil scheinende politische System der Niederlande in Rekordzeit aufrollte, und dem traumatischen Scheitern der Nationalmannschaft in der Qualifikation für die WM 2002. Die britische Botschafter Colin Budd berichtete damals über die plötzlich herrschende Krisenstimmung nach London: "[Die Holländer] glaubten, in einem Land zu leben, in dem alles funktionierte, und verschlossen bei florierender Wirtschaft auch vor offensichtlichen Fehlentwicklungen die Augen. 2001 machten sie sich dann jedoch plötzlich Sorgen: Über die Mängel in Schienenverkehr, Schulen und Krankenhäusern, den gescheiterten Versuch, die Zahl der Anspruchsberechtigten für eine Invaliditätsrente zu beschneiden, die Maul- und Klauenseuche, die wachsende öffentliche Unordnung, das Verhalten der Einwanderer und - nicht zuletzt - das Scheitern der Fußballnationalmannschaft in der WM-Qualifikation."

Samstag, 17. Dezember 2016

Deutsches Fußballmuseum

Dortmund, 17.12.2016

Das Deutsche Fußballmuseum des DFB wurde 2015 in Dortmund, gegenüber dem Hauptbahnhof, eröffnet. Mit 7.000 m² Fläche wurde hier nicht gespart.


Zum Start des Rundgangs geht es über eine Rolltreppe in den zweiten Stock. Die an den Seiten aufgemalten Fans verschiedener Vereine sollen der „emotionalen Einstimmung“ dienen.


Das ganze Stockwerk ist der deutschen Nationalmannschaft sowie der allgemeinen deutschen Fußballgeschichte gewidmet. Der Einstieg ist nicht mit den historischen Anfängen sondern direkt mit dem mythenbeladenen westdeutschen Weltmeistertitel 1954.


Wimpel des Finalgegners Ungarn und die Kriegserinnerungen von Fritz Walter, der den Zweiten Weltkrieg in einer Militärfußballmannschaft überstand.


Rückenlehne und Stein des abgerissenen alten Berner Wankdorfstadions, wo das Finale in strömendem Regen gespielt wurde.


Ein Lampenschirm, der an die westdeutschen WM-Spiele 1954 erinnert und von den Spielern unterschrieben ist.


Am Anfang war die Insel. In der Frühzeit des Fußball erhielten englische Nationalteamspieler Kappen, die zur Unterscheidung der Mannschaften dienten. Davon kommt der englische Ausdruck „caps“ für Teameinsätze. Hier eine Erinnerungskappe, die Robert Crompton 1908 als Auszeichnung erhielt.


1874 bringt der Lehrer Konrad Koch den Fußball nach Deutschland und etabliert ihn in Braunschweig als Schulsport. Er verfasst das erste deutschlandweit veröffentliche Regelheft und übersetzt englische Fußballbegriffe ins Deutsche wie „Abseits“ oder „Tor“, um den englischen Sport in der deutschnationalen Gesellschaft akzeptierter zu machen. In Österreich und der Schweiz verläuft die Entwicklung abseits des 1871 frisch gegründeten deutschen Nationalstaats und die englischen Begriffe wie „offside“ oder „goal“ bleiben noch lange Jahrzehnte üblich.


Gegen den englischen Sport wetterte v.a. die Turnbewegung, die Turnen als nationalistische deutsche Übung und Kriegsvorbereitung in der durchmilitarisierten Gesellschaft verbreitete („Turnvater“ Jahn). Eine Streitschrift gegen die „Fußlümmelei“ aus dem Jahr 1898.


Chronologische Führung durch die allgemeine deutsche Fußballgeschichte.


Das Deutsche Kaiserreich war in der Tradition Preußens eine militaristische Gesellschaft, in der das Militär überall präsent und gesellschaftlich dominant war. Seit 1910 war Fußball Bestandteil der Soldatenausbildung, da er die Rekruten militärisch schulen und disziplinieren soll. Hier eine Militärfußballmannschaft 1910/11.


Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde von den Nazis gegen jüdische Sportvereine systematisch vorgegangen. Hier das amtliche Schreiben an den Leipziger Verein Schild, der ein Betätigungsverbot auferlegt bekam. Abgaben und Steuern waren aber weiter zu zahlen.


Im April 1933 beschließen DFB und Deutsche Sportbehörde, „Juden und Marxisten“ (ein weiter Begriff im Sinn der Nazis) von Führungspositionen auszuschließen. Wie bei anderen Fußballverbänden und auch Vereinen geschieht dies in Eigeninitiative noch bervor von den Nazis Entsprechendes angeordnet worden war.


Seit Beginn waren jüdische Fußballspieler, Vereinsfunktionäre, Schiedsrichter, Sportjournalisten und Fußballfans ein Teil des Fußballbetriebs gewesen. Von den Nazis wurden sie ausgeschlossen, verfolgt, vertrieben, umgebracht und aus der Fußballhistorie ausradiert. Über viele Jahrzehnte nach 1945 blieben sie und ihr Beitrag zum Fußball ausgeblendet und vergessen. Erst in den letzten Jahrzehnten begann man sich an sie zu erinnern. Lorenz Peiffer und Henry Wahlig veröffentlichten in 11 Freunde eine Sammlung an Biographien.


Julius Hirsch war Fußballpionier, deutscher Nationalteamspieler und deutscher Meister mit dem Karlsruher FV. Durch verbitterten Austritt kam er 1933 seinem Vereinsausschluss zuvor, vom DFB wurde er aus Geschichte gestrichen. Er hatte im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat gekämpft, war wie viele andere deutschnational und konnte sich nicht vorstellen, was passieren sollte. 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und vermutlich unmittelbar nach seiner Ankunft ermordet.


Tull Harder war ein wahrer Fußballstar des HSV. Als überzeugter Nazi trat er der SS bei, wurde Verbrecher und am Ende sogar KZ-Kommandant. Nach 1945 wurde er als Kriegsverbrecher verurteilt, aber vom HSV weiter in Ehren gehalten. Im HSV-Museum wird auch dies heute dargestellt.


Fußball wurde auch in Kriegszeiten gespielt. Sowohl verordnet zur Ablenkung als auch freiwillig einfach aus der Freude am Spiel. Skizze eines Fußballspiels von Kriegsgefangenen in einem Gefangenenlager 1945.


Unter besonderer Extremsituation wurde selbst in den KZs und Ghettos der Nazis Fußball gespielt. Hier der Turnierbaum eines Pokalturniers, das 1943 im KZ Theresienstadt von den Gefangenen gespielt wird. Es ist ein Turnier ohne Sieger: Die meisten Spieler werden im Holocaust ermordet.


Bei der EM 2012 besucht eine DFB-Delegation mit der deutschen Nationalmannschaft die Gedenkstätte in Auschwitz.


Bilder von Ermordeten.


Die Trophäe des in der Nazizeit begründeten und dann als DFB-Pokal weitergeführten Cupbewerbs. 1938 gewann ihn Rapid und 1943 die Vienna.


Plakat des berühmt-berüchtigten „Todesspiels“ von deutschen Besatzungssoldaten und Besetzten in Kiew 1942. Eine komplexe Geschichte, wie hier anlässlich eins Lokalaugenscheins beschrieben.


Plakat einer Doppelveranstaltung der zur Aufrechterhaltung des Anscheins von Normalität von den Nazis aufrechterhaltenen Fußballmeisterschaft im Krieg, u.a. mit Union Oberschöneweide (Vorläufer von Union Berlin) gegen Rapid.


Auch dem Frauenfußball ist ein Bereich gewidmet.


Die 90er Jahre.


Die 2000er Jahre.


WM-Ball von 1970, im bis dato unerreichten Fußball-Design.


Franz Beckenbauer


Die Diskussion um das „Wembley-Tor“ des WM-Finales von 1966 wird als kriminalistische Ermittlung aufbereitet.


In der Qualifikation für die WM 1954 hatte der spätere Weltmeister BRD gegen das Saarland anzutreten. Das Saarland war bis 1956 unter französischer Militärregierung kein Teil der Bundesrepublik Deutschland und von 1950 bis 1956 auch eingenständiges FIFA-Mitglied. Trainer der saarländischen Nationalmannschaft war von 1952 bis 1956 der aus Dresden stammende und 1950 aus der DDR geflüchtete Helmut Schön, der später mit der BRD Weltmeister werden sollte.


Beim einzigen Aufeinandertreffen der Nationalmannschaften der DDR und der BRD gewann bei der WM 1974 die DDR 1:0 und wurde sogar Gruppensieger. Weltmeister wurden aber die anderen.


Hoch über den Köpfen ist im Abschnitt über den DDR-Fußball das wahre Prunkstück dieses Teils: Eine Wimpelsammlung von allerlei Vereinen. Der Fußballbetrieb wurde in der DDR v.a. in den ersten Jahrzehnten oft umorganisiert, Vereine gegründet und geschlossen, verlegt und umbenannt.


Aufstellungskarte der Stasi-Spitzel des MfS auf den Tribünen beim Europacupspiel des BFC gegen den HSV 1982.


1974 gewann der 1. FC Magdeburg den Europacup der Cupsieger, größter internationaler Erfolg des DDR-Fußball.


Wie andere auch wollten auch manche Fußballer immer wieder aus der DDR-Diktatur flüchten. Einigen gelang das, viele wurden aber auch verhaftet und eingesperrt.


WM 1990


WM 2014


Zwei von mehreren Grafiken der Zuteilung bei Standardsituationen der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014.


In einem Kinosaal führen diverse Sympathieträger (Ironie) durch einen Film, der eine Heldengeschichte der deutschen Nationalmannschaft erzählt.


Einen Trophäensaal gibt es natürlich auch.


Fußballtaktik und Systeme


Notizen von Ernst Happel über die notwendigen Kompetenzen eines Trainers.


Im ersten Stock wird es eigentlich erst richtig interessant in der Ausstellung, denn jetzt geht es um den Vereinsfußball.


Die Bronzefigur der Viktoria, die von 1903 bis 1944 als Meistertrophäe des DFB vergeben wurde und dann verschollen war, bis sie nach dem Ende der DDR wiederentdeckt wurde und zum DFB zurückkam.


Matchplakat aus Braunschweig, auf dem nicht nur die Daten angekündigt werden sondern auch gleich eine Erklärung der Fußballregeln angefügt ist.


in der Ausstellung


Der nach dem Verlust der Viktoria und der Wiedervergabe eines deutschen Meistertitels in der BRD seit 1949 vergebene Meisterteller. Auch die Titelgewinner seit 1903 wurden eingraviert.


Ein überdimensionaler Fußball mit den Unterschriften aller (!) Spieler der ersten Saison der deutschen Bundesliga 1963/64.


Ausstellung über die deutsche Bundesliga


Die mediale Vermittlung und Inszenierung war von 1963 an ein wesentlicher Grund für den Erfolg der deutschen Bundesliga. Dies wird hier anekdotisch erwähnt, aber nicht genauer beleuchtet.


Die einzelnen Jahrzehnte der Bundesligageschichte werden beleuchtet, wobei besonders die 1980er Jahre ins Auge fallen. Nicht nur löste 1987 Bayern München den 1. FC Nürnberg als Rekordmeister ab, sondern war hier damals auch Ernst Happel als HSV-Trainer aktiv und höchst erfolgreich.


Der Schlussteil enttäuscht. Neben Ecken über den DFB-Pokal und die Champions League gibt es ein liebloses Eck über die Schiedsrichterei und eine Wand mit Bildern von Fans und Faninitiativen bzw. Fanprotesten. Es erweckt den Eindruck, als wollte man etwas zu diesen Akteuren des Fußballbetriebs noch unterbringen, ohne sich näher mit ihnen zu beschäftigen und sie fundiert darzustellen.


Die Sonderausstellung „50 Jahre Wembley“ widmet sich derzeit dem WM-Finale von 1966 im Londoner Wembley-Stadion, das durch das legendäre „Wembley-Tor“ in die Geschichte einging. Gezeigt werden Fotografien und eine künstlerische Medieninstallation (Video) zum Thema.


Im Untergeschoss gibt es ein Kleinfeld, das sich einiger Bleiebtheit erfreute.


Das uninteressanteste, aber offensichlich beliebteste Ausstellungsstück steht ebenerdig im Erdgeschoss: Der Mannschaftsbus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014. Nach Betrachtung von innen und außen: Es ist ein Bus.


Am Ende.