Mittwoch, 7. November 2007

Calcio


Rezension


John Foot
Calcio
A History of Italian Football
Updated edition, London u.a. 2007 (Harper Perennial)
616 S.





Was für ein Buch! Der Thron von Brigit Schönaus Calcio als bestem Sachbuch über den italienischen Fußball (bestes Buch allgemein bleibt natürlich unangefochten Tim Parks' Eine Saison mit Verona) wackelt ziemlich, nein, ist eigentlich gefallen. John Foot bietet eine unglaubliche Fülle an Informationen, Fakten, Hintergründen und Historie - und das auch noch in der seriösen Arbeitsweise eines Wissenschaftlers, der nicht Gschicht'ln druckt und Anekdoten erzählt, sondern das, was er schreibt, belegt (oh, wie ich Anmerkungen und Literaturhinweise liebe!). Dabei ist er in der Tradition englischsprachiger Sozialwissenschaft aber trotzdem immer leicht und schön zu lesen.

Der Autor kennt seine Materie, in- und auswendig, das spürt man in jedem Satz. 600 Seiten Vergnügen und Wissenserweiterung. Foot schreibt über die Geschichte des Fußballs in Italien, über die Anfänge (großartig!!!), beschreibt die großen Spieler, Trainer und sonstigen wichtigen Gestalten und gibt einen wirklich guten Überblick über die wichtigsten Vereine - ihr Auf und Ab im Laufe der Jahrzehnte, was man wissen muß, wenn man über sie redet. Und natürlich geht es um die Defensive, das Herzstück des italienischen Fußballs, oft mißverstanden. Bei aller Hingabe an sein Thema bewahrt Foot immer einen kritischen Impetus wenn es um Gewalt und seine gefährlich wachsenden Ausmaße oder um "Power and Politics", von den früher einmal teils linken aber heute bis auf wenige Ausnahmen rechtsextrem dominierten Fankurven bis zum ausführlich ausgebreitetem Filz von Politik, Wirtschaft und Fußballfunktionärsclique, wo es, wie Foot seine Conclusion nennt, um "Money, Money, Money" geht und nicht um Spieler, Vereine, Fans, den Fußball oder gar die Gesetze geht. Die konzise Darstellung des eigentlichen ja atemberaubenden Calciopoli hat lexikalischen Charakter und werde ich sicher noch oft nachschlagen.

Das wirklich Faszinierende am italienischen Fußball ist ja das Drumherum, der Zugang zum Fußball, die Kultur des Ganzen. Foot beschreibt die Stellung des Schiedsrichters, der einmal grundsätzlich als gekauft, als Betrüger gilt und erst das Gegenteil beweisen muß. Die Medien, die eine wichtige Rolle spielen - von den wichtigen Radio- und Fernsehkommentatoren und ihrer (nationalistischen) Interpretation des Spiels und der Auswirkungen dessen, von der flächendeckenden Fußballisierung der Medienwelt vom Tageszeitungsmarkt (die Gazzetta dello Sport ist die größte Tageszeitung - und nicht einmal die einzige Sporttageszeitung) bis zum Fernsehen, wo das Reden über Fußball in Talk-Shows, das Zerlegen von Situationen mit der Zeitlupe immens wichtig sind und es eigene, beliebte Sendungen gibt, die ein ganzes Spiel lang nur die aufgeregten Kommentare und Gesichter eines Fan/Kommentators auf der Tribüne zeigen, aber keine Spielszenen. Seit ein paar Monaten, seit ich den Kanal habe, schaue ich mir das Calcio-Hochamt La domenica sportiva der RAI an, um die Spielszenen der Serie A zu sehen, obwohl ich nicht Italienisch kann. Man muß schon sagen, daß allein die Aufbereitung und Präsentation einfach so herrlich "anders" sind.

Meine Einstellung zum italienischen Fußball ist geprägt von Faszination und Zwiespältigkeit. Einerseits ist es ganz großartige Show, Dramatik, Leidenschaft, beeindruckende Fankultur und hochklassiger Fußball - andererseits aber zeigt das Drumherum eben auch, daß, wie Foot schreibt "in Italian football, much of the battle is won off the pitch". Das Fußballspiel selbst ist klar untergeordnet dem Ziel des Gewinnenwollens, was eigentlich unsympathisch ist, und diesem riesigen Filz an Geschäftemacherei. Symptomatisch zeigt sich das mir immer am AC Milan: Io sono un piccolo Milanista - gleichzeitig könnt' ich aber ins "Berlusconi, un pezzo di merda"-Schreien/Singen mit Leidenschaft einstimmen. Gerade die Widersprüche machen den italienischen Fußball wahrscheinlich so interessant für mich.

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