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Freitag, 27. Januar 2023
Der Kompass, 10
Rezension
Der Kompass
Ausgabe 10
2022
146 S.
35 Spielberichte aus zwölf Ländern aus dem Jahr 2021 umfasst das Heft aus ursprünglich Halle/Saale. Da beide Autoren Kev und Timo nunmehr im Westen Deutschlands verortet sind, gibt es mit einem Viertel der Berichte des im Frühjahr 2022 erschienenen Fanzines einen stattlichen Benelux-Anteil darunter (Belgien 3x, Niederlande 3x, Luxemburg 3x). Halle kommt aber gleich anfangs mit einem Interview mit einem Gründungsmitglied und jahrelangen Vorsänger der Saalefront Ultras ins Spiel. Kev stellt René B. als „DER Mann in Sachen Groundhopping in der Fanszene des HFC“ vor. Ein starker Kontrast zur Gegenwart sind Erzählungen von den Umständen des Fußballreisens in den 1990er Jahren immer aufgrund der geschilderten spärlichen Informationsmöglichkeiten. So berichtet er: „Das schwerste damals in den 90ern war tatsächlich das Herausbekommen von verlässlichen Spielplänen im Ausland. Das fing schon im nicht allzu weit entfernten Tschechien an. Oder in Österreich. Die Sport Bild druckte immer den gesamten Spieltag auf Samstag ab. Das wurde mir, zusammen mit zwei Südpark Jungs, damals beim Wiener Derby zum Verhängnis, als wir erst vor Ort davon erfuhren, dass nicht Samstag sondern Sonntag angepfiffen wird. Da zahlten wir zu dieser Zeit einiges an Lehrgeld, aber ich wurde auch vorsichtiger.“
Ein bisserl Osten, genauer gesagt Polen, gibt es aber doch auch. Die vielen deutschen Fußballreisenden prägten die polnischen Spiele im Juni 2021. „Wir versuchten, uns auch hier ein klein wenig abzusondern und nicht großen Pulk voller Hopper abzugammeln.“ schreibt Kev über das auch von mir besuchte Spiel von Zagłębie Wałbrzych und Górnik Wałbrzych. Das kann ich nachvollziehen und tat ich nicht vollständig, aber im großen und ganzen auch.
Ein normales Jahr war 2021 als zweites Pandemiejahr nicht („Umplanen ist bekanntlich des Groundhoppers neueste Lieblingsbeschäftigung“), was sich auch hier in den Berichten niederschlägt und z.B. zu einem ungeplanten Besuch im Centenary Stadium auf Malta führte. Das Umplanen für den Besuch bei Góral Żywiec gegen Polonia Bytom hat sich auch sichtlich ausgezahlt.
Gute Erinnerungen weckte der Bericht von einem Länderspielbesuch im Estádio Algarve, nachdem ich dort vor einem Jahrzehnt bei den da ausgetragenen Spielen der Rapid-Trainingslager 2012 und 2013 gewesen bin. Die Spiele damals waren allerdings dezent weniger besucht als das Portugal-Länderspielspiel, um das es im Heft geht. Schon näher an die Publikumsanzahl bei meinem Besuch kommt der Bericht von Ferreiras im Heft. „Wahnsinnig aufgeheiztes Publikum“ hatte ich damals 2013 beim Rapid-Testspiel aber nicht. Mit sechs Spielbesuchen ist das Estádio Algarve jedenfalls aktuell immer noch mein meistbesuchtes Stadion im Ausland, ex aequo mit dem neuen Tehelné pole und vor dem neuen Ferencváros Stadion mit fünf Besuchen bis dato. Bevor ich zu sehr abschweife: Ich wurde gut unterhalten und habe das Heft gern gelesen.
A5 Format / 4,50 € / Kontakt derkompass-dasheft @ web.de
Mittwoch, 1. Dezember 2021
Der Kompass, 9
Rezension
Der Kompass
Ausgabe 9
2021
100 S.
Im Dezember 2021 befindet sich Europa entweder bereits im Lockdown oder in der Phase davor. 2020 war das noch alles neu und Kev bilanziert den Umgang mancher damit im Vorwort gleich einmal mit deutlichen Worten: „Was eine gewisse Minderheit an Groundjägern während des vergangenen Lockdowns so getrieben hat, ließ nicht nur mir die Schamesröte in die Gesichtszüge fahren. Geisterspiele in Luxemburg mit Presse-Akkreditierung, für Geisterspiele quer durch Europa jetten, Frauenfußball in Deutschland ebenso per Presse oder von außen gucken oder gar irgendwelche U-Kicks von hinter dem Zaun ,genießen‘ (,Fence-Hopping‘ kam mir dabei zu Ohren). Hat die deutsche Groundi-Bewegung denn echt kein anderes Leben? Besteht tatsächlich der Sinn von manch armer Seele darin, Grounds mit der Attitüde ,koste es was es wolle‘ abzuhaken und sich für nichts zu lächerlich zu sein?!“
Entschuldigend schreibt Kev über den Heftinhalt, dass er diesmal für „Stammleser und Randalefreunde“ großteils eher ernüchternd wäre, da umständehalber diesmal ein „Ausreißer in Richtung schöne Amateurgrounds“ gemacht wurde. Als Freund des Amateurfußballs stört mich das gar nicht. Ich hätte angesichts der Pandemie auch wenig anderes erwartet und wäre das nicht eingangs derart herausgestrichen worden, wäre es mir vielleicht nicht einmal explizit aufgefallen. Ich vermelde jedenfalls keine Spur von Ernüchterung hier. Von Juni bis Oktober 2020 führen die Matchberichte, die, wie könnte es auch anders sein, im Juni 2020 in Tschechien begannen. Bereits im Juni ging die Reise aber auch schon wieder nach Polen, wo neben Freundschaftsspielen mit Kapazitätsbeschränkung auch Pflichtspiele zu besuchen waren wie Lech Poznań gegen Legia Warschau mit Support (ohne Gäste) und Choreo vor immerhin 8.167 Zuschauerinnen und Zuschauern am 4. Juli 2021. In der Woche darauf folgte das von einer großen Hoppinggemeinde inklusive meiner Person besuchte Match Slovan Bratislava – Spartak Trnava. Unter den deutschen Amateurfußballspielen ragen aufgrund der herrlichen Stadien das Spiel von Wacker Gladbeck in der Vestischen Kampfbahn und des Dresdner SC im Heinz-Steyer-Stadion hervor. Weiters gibt es im Heft ein Interview mit Igor von den Crveni Đavoli von Radnički Kragujevac (der vorausgegangene Matchbericht war in der vorherigen Ausgabe zu lesen gewesen). Um die oben angesprochenen „Stammleser und Randalefreunde“ nicht ganz zu verschrecken, gibt es Rückblicke. Timo berichtet von einem Spiel mit Randalen bei Újpest 2009 und Kev über ein ebensolches im alten Stadion Bazaly in Ostrava 2014.
Erfreulich ist der umfangreiche Fanzine-Rezensionsteil. Darunter findet sich auch eine positive Rezension des Strawanza, in deren Rahmen meine Person gegrüßt wird. Ich grüße hiermit zurück!
Donnerstag, 24. Dezember 2020
Der Kompass, 8
Rezension
Der Kompass
Ausgabe 8
2020
116 S.
Mit Timo aus Barmen gibt es neben Kev aus Halle nunmehr einen neuen zweiten Heftautor, der sich in einem Interview vorstellt und in der Aufzählung seiner Vorlieben und Eindrücke seines bisherigen Hoppings mit dem Satz „Rapid finde ich einzigartig.“ sehr wahr spricht. Das ist gleich einmal sympathisch.
Ganze Wochenenden konnte Kev wieder bei europäischen Highlights wie im Herbst 2019 einem Stockholmer Derby sowie einem Krakauer Derby und im März 2020 dem letzten Belgrader Derby vor dem Corona-Schlusspfiff mit Vorprogramm am Vortag und Hauptspiel am Sonntag bestens verbringen. Vom recht flüssigen Abenteuerausflug nach Kragujevac am Vortag des Belgrader Derbys war es amüsant zu lesen. Timos Einschätzung, dass ein Besuch bei Voždovac als Vorspiel am Tag eines Belgrader Derbys uninterssant wäre, „da lediglich eine kleine Szene vorhanden ist und das wohl sinnloseste Stadion in ganz Serbien auf einem Einkaufszentrum“ stehe, kann ich insofern nicht zustimmen, als ich die Szene zwar als klein, aber nicht so dermaßen uninteressant in Erinnerung habe. Zutreffend ist aber hingegen die Annahme, „dass wohl 50% der Zuschauer unsere Nationalität teilen würden und was gibt es Schlimmeres als große Ansammlungen Deutscher im Ausland?“ Bei meiner Nachmittagsvisite seinerzeit 2017 vor dem abendlichen Derby war der Anteil deutscher Fußballtouristen am Publikum jedenfalls erwartungsgemäß hoch gewesen.
Weitere Reisen führen nach Polen – auf der beim Besuch der Autoren bei Wawel Kraków gesperrten überdachten Tribüne konnte ich vor wenigen Jahren noch Platz nehmen, was damals angesichts eines sommerlichen Regengusses hilfreich war – sowie Belgien, die Niederlande, England, Frankreich oder Andorra. Außereuropäisches Terrain ist zwar außerhalb meines Radars, es war aber spannend von Kanada zu lesen, wo Kev an einem Tag in der Stadt Toronto sowohl ein Spiel der kanadischen Premier League (beim York 9 FC) als auch der US-amerikanischen Major League Soccer (beim Toronto FC) besuchte.
Beeindruckend sind die Schilderungen vom französischen Viertligaspiel von CS Sedan und SC Bastia vor 12.000 Zuschauerinnen und Zuschauern und davon 1.200 Gästen von der Insel Korsika. „Einmal die typischen französischen Chants“ auf der einen Seite und „die paar Hits aus Richtung der Gäste beinahe schon auf Weltklasse-Niveau. Alles sehr italienisch angehaucht und ab und an alles mit einer ganz eigenen Note verfeinert.“ Ein kleiner Trugschluss im historischen Exkurs: Beim 1870 im deutsch-französischen Krieg in der Schlacht von Sedan, nach tausenden für die Machtansprüche der Kaiser und Könige getöteten Menschen, gefangengenommenen Kaiser handelte es sich um Napoléon III. Dieser hatte eigentlich nur mehr verwandtschaftlich mit Korsika zu tun, im Unterschied zum gebürtigen Korsen Napoléon Bonaparte (als Kaiser als Napoléon I. durchnummeriert).
Mit dem Griffin Park und dem Oscar Vankesbeeckstadion wurden „zwei traumhaft nostalgische Stadien besucht, welche alsbald endgültig dem Abrissbagger zum Opfer fallen werden.“ Eine gute Erinnerung, letzteres nur einmal leer besichtigtes Stadion zu einem Spiel zu besuchen. Wenn das denn einmal wieder möglich sein wird. Denn es hatte mir tatsächlich gut gefallen. Damit es mir damit nicht so geht wie mit Royal Antwerp, wo ich die Besuchsabsicht so lange nachrangig behandelt habe, bis das Stadion nach Neubau nicht mehr den Charme der historischen Tribünen versprüht. Fanzines lesen lässt die Gedanken in die Ferne schweifen.
Mittwoch, 13. Mai 2020
Der Kompass, 7
Rezension
Der Kompass
Ausgabe 7
2020
160 S.
16 Länder und 36 Spielberichte lässt einen Heftautor Kev in der siebten Ausgabe des Kompass aus Halle miterleben. Von ihm stammen alle Texte. Kollege Veverka kommt zwar im Reisebericht vor, doch gleich auf der ersten Seite des Hefts wird die Nachricht seines Todes im Jänner 2020 mitgeteilt. RIP.
Touren führten von September 2018 bis August 2019 u.a. zweimal auf den Balkan, nach Portugal, auf die Insel, durch Italien oder nach Moskau und St. Petersburg in Russland. Straßenszenen-Bilder aus der Stadt Minsk riefen beim Lesen Erinnerungen an die auch schon wieder einige Jahre zurückliegenden eigenen Besuche dort wach.
Interessant war es, vom Dérbi do Minho zwischen Vitória SC und SC Braga 2018 in Guimarães zu lesen (ausverkauft mit 26.170, darunter 1.000 Gäste). Ein Ziel, das mir neu war, aber die Eindrücke klingen hier recht vielversprechend: „Der Vorhang fiel im Anschluss, was folgte waren erste intensive Lieder aus den Kehlen der heimischen Anhänger. Auch die übrigen Stadionbesucher stimmten voller Inbrunst mit ein. Mich füllte eine vollumfängliche Gänsehaut aus und ich musste mich beinahe selber kneifen. ,Bin ich hier tatsächlich in Portugal?‘ Denn auch das was folgte war wild und teilweise abnormal. [...] Die Gästefans kaufen im Anschluss in Hälfte zwei dem heimischen Anhang mehr und mehr den Schneid ab. Ich bin wirklich begeistert vom Auftritt der Gäste. [...] Dieses Duell strotzt nur so vor Frische und Explosivität.“ Spannende Sache.
Aus deutschen Landen gibt es den einen und anderen Bericht, so u.a. von TV Herkenrath gegen den Wuppertaler SV im November 2018, wo sich auch interessierte Auswärtige einfanden. „Die fröhlich fotografierenden Groundhopper, zwei Reihen unter mir, sind nun allerspätestens Freiwild für die sogenannten Wuppertaler Hopperklopper, denke ich mir noch, als plötzlich ein anderer Hopper mit SpVgg Unterhaching Wintermütze auffällt. Ich erwische mich doch tatsächlich, wie ich aufgrund von so viel Dämlichkeit zu grinsen anfange. Passieren tut hier heute allerdings niemanden etwas, auch wenn die ein oder anderer Personengruppe aus dem Kreise von Ultras Wuppertal in der Halbzeitpause auch die Stehtraversen abschreitet.“
Das Heft ist erneut eine kurzweilige Lektüre, die gut gefällt. „Lesen ist Abenteuer im Kopf.“ heißt es in einem bekannten Sinnspruch. Da Reisen derzeit nicht möglich sind, sind solche Leseabenteuer noch schöner und wichtiger.
Dienstag, 10. September 2019
Der Kompass, 6
Rezension
Der Kompass
Ausgabe 6
2019
160 S.
Der Kompass führt seine Leserinnen und Leser durch 19 Länder und 37 Spielberichte. Heftautor Kev aus dem ostdeutschen Halle/Saale und Kollege Veverka reisen von Oktober 2017 in Italien bis September 2018 in Polen gut herum und schreiben in schwungvollem Stil von ihren Groundhoppingtouren und Reiseerlebnissen in Europa und den USA (New York). Interessant ist es, Eindrücke von einem wiederholten Besuch bei einem Kopenhagener Derby zu lesen, da man selbst ja erst vor kurzem bei einem Europacupspiel erstmals in Dänemark und Kopenhagen gewesen war und hier keine Erfahrungswerte hatte. Vom Derby in Sofia liest man auch hier nur Gutes, aber ob es mich selbst nochmal dorthin zieht, lasse ich mal eher offen. Es ist ein reines Hopping-Zine, Berichte vom eigenen Verein kommen nicht vor.
Rapid kommt im Heft anlässlich des Besuchs des Gastspiels in Mattersburg im April 2018 vor, am Rückweg von einem Budapester Derby. Die Eindrücke sind positiv: „Gefühlt 250 Schwenkfahnen und Doppelhalter sind in der Luft und runden das optische Bild mit den nostalgischen Zaunfahnen perfekt ab. [...] Paar wenige, zumindest für mich, neue Lieder haut der Gästeblock auch heute wieder raus. Wie immer kernige Texte, die mit dem typischen Dialekt gleich noch mal gigantischer klingen, werden hier ab und an mit den Klassikern aus dem heimischen Block West gepaart. [...] Es ist noch dazu immer wieder verwunderlich, wie viele Doppelhalter, Schwenker und sonstiges die Rapid-Fanszene zu solch Nullachtfünfzehn-Spielen mitschleppt. Da kannst du glaube ich 75 Minuten am Stück auf den Gästeblock schauen und es geht immer wieder irgendein bis dato noch nicht erblickter Doppelhalter in die Luft.“ Dass die Wienerische Sprache gigantisch klingen kann, wusste ich zuvor gar nicht – aber darum liest man ja, um zu lernen. Ein Bild des Spiels hat es auf das Titelblatt geschafft.
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