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Dienstag, 3. September 2019

Diego Maradona – Rebell. Held. Gott.




Rezension


Diego Maradona
Rebel. Hero. Hustler. God.
Regisseur: Asif Kapadia
Großbritannien 2019
130 Min.

Österreich-Premiere: Votivkino Wien, 3.9.2019






„Diego hat ein fantastisches Leben gelebt und ein furchtbares.“ sagt an einer Stelle im Film Maradonas früherer persönlicher Fitnesstrainer Fernando Signorini über ihn. Der britische Regisseur Asif Kapadia hat packende, gut ausgewählte Bilder aus TV-Berichten und privaten Videos montiert und mit Interviewaussagen von Maradona selbst sowie von Weggefährtinnen und Weggefährten oder Journalisten unterlegt. Er zeichnet damit das Leben und die Karriere Diego Maradonas nach, wobei der Schwerpunkt auf den sieben Jahren in Neapel von 1984 bis 1991 samt den beiden Weltmeisterschaften mit Argentinien 1986 und 1990 liegt. Die Zeit davor und danach wird kursorisch, zur Abrundung der Biographie behandelt.

Regisseur Asif Kapadia hatte zuvor u.a. biographische Filmdokumentationen über den Autorennfahrer Ayrton Senna 2010 (Senna) und die Sängerin Amy Winehouse 2015 (Amy – The Girl Behind the Name) veröffentlicht. Beide verstarben jung. Diego Maradona ist dem Tod bislang entkommen, auch wenn er aufgrund seines Lebenswandels nahe dran war. Das ist hier aber nicht Thema. Ausschnitte eines TV-Interviews zu einem Drogenentzug Maradonas werden gezeigt.

In Neapel wurde Maradona zur religiös verehrten Gottheit. In den letzten Jahren war Napoli zeitweise nah dran wie schon lange nicht, aber die einzigen beiden italienischen Meistertitel von Napoli blieben bislang jene mit Maradona. Als Fußballgott wurde Maradona hier bejubelt, konnte sich alles erlauben, aber wurde auch von der Begeisterung der Menschen und ihm nahekommenden Journalisten stark bedrängt. Einige Bilder zeigen das nachdrücklich. Themen des Films sind seine fußballerische Karriere, aber auch die enge Beziehung zur Camorra, Frauen und Betrug sowie seine Drogensucht.

Nachdem es immer nur steil bergauf ging, wird die WM 1990 als dramatischer Einschnitt beschrieben, nach dem Maradona in der italienischen Öffentlichkeit aufgrund des italienischen Ausscheidens gegen Argentinien zur Hassfigur wurde, allen bisherigen Schutz verlor, und nun für Drogenhandel gerichtlich verurteilt und wegen Doping für ein Jahr international gesperrt wurde. So steil es bergauf gegangen war, so tief und rasant war der Fall. Er brach ihn als Mensch.

Eine interessante Randnotiz ist, dass aus dem englischen Originaltitel Diego Maradona – Rebel. Hero. Hustler. God. im deutschen Verleihtitel Diego Maradona – Rebell. Held. Gott. gemacht wurde. Die nicht unwichtige Komponente des Schwindlers wurde hier aus unbekannten Gründen entfernt. Der wesentliche Untertitel blieb: Gott.



Die Österreich-Premiere des Films wurde vom Ballesterer präsentiert. Chefredakteur und Neapel-Kenner Jakob Rosenberg sprach einleitende Worte.


Ab 5.9.2019 im Kino.

Freitag, 22. März 2019

Hans Menasse – The Austrian Boy


Rezension


Alexander Juraske / Agnes Meisinger / Peter Menasse
Hans Menasse
The Austrian Boy
Ein Leben zwischen Wien, London und Hollywood
Wien 2019 (Böhlau)
180 S.






Hans Menasse ist „ein Mann mit vielen Identitäten: ein Wiener, ein Kosmopolit, ein Vertriebener, ein Rückkehrer, ein Einzelkämpfer, ein Teamplayer, ein Netzwerker, ein Familienmensch, ein Mann mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte.“ So stellen die Autoren und die Autorin den Protagonisten ihrer Biographie vor. Als jüdisches Kind aus Wien konnte er sein Leben vor den Nazis durch Flucht mit einem Kindertransport nach England retten. Als Jugendlicher kehrte er in das kriegszerstörte Wien zurück, in dem seine Eltern unter Schrecken überlebt hatten, da seine nicht-jüdische Mutter dem Druck widerstanden hatte, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und sich das Leben zu erleichtern, aber ihn so dem Tod auszuliefern. Aus England kam Hans Menasse als talentierter Fußballer zurück. Sein Vater, Vienna-Anhänger, brachte ihn auf die Hohe Warte, wo er mit der Vienna erfolgreich war und Nationalteamspieler wurde. Schließlich spielte Hans Menasse auch bei der von ihm favorisierten Wiener Austria, bei der er später auch langjähriger Funktionär war. Aufgrund seiner englischen Sprachkenntnisse arbeitete er jahrzehntelang als Pressesprecher für US-amerikanische Filmproduktionen in Österreich. Ein bewegtes Leben. Von seine drei Kindern sind Robert und Eva Menasse als Schriftsteller und Schriftstellerin bekannt.

Eindrücklich sind vor allem die Schilderungen der Kindheit in Wien unter den Nazis, dem Verlust der Existenzgrundlage der Familie durch Gewerbeverbot für Jüdinnen und Juden, den Rausschmiss aus der Wohnung durch einen bekannten Vienna-Spieler, der sich ihre Wohnung samt Inventar raubte „(arisierte)“ und der Bemühungen der Eltern um eine Flucht, die ihnen nicht gelang, aber zumindest ihre beiden Söhne außer Landes bringen und damit ihr Leben retten konnte. Ebenso das Leben Hans Menasses in England während des Kriegs als auf sich allein gestellter Achtjähriger, der aber nach einiger Zeit in eine Gastfamilie kam, die ihn warmherzig aufnahm und großzog.

Im zweiten Abschnitt gehr es um die Fußballkarriere Hans Menasses im Nachkriegsösterreich. Im dritten Abschnitt des Buchs wird Menasses berufliches Leben im Umgang mit Prominenten aus der Filmbranche behandelt. Im letzten Teil gibt es persönliche Annäherungen an die Familie Menasse.

Da es sich in der Zeit von Menasses Fußballerkarriere um eine erfolgreiche Periode in der Geschichte der Vienna handelt (Meister 1955), erfährt man hier interessante Begebenheiten. Ein Sittenbild des damaligen Fußballsystems bietet der „lange Abschied“ Menasses von der Vienna. Eine von 1955 bis 1957 währende Entfremdung resultierte nicht in schneller Trennung, wie das heute wohl in kurzem Prozess geschehen wäre, sondern in jahrelang dauerndem Gezerre.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Geza!



Rezension


Thomas Gallos
Geza!
Die Geschichte der stillen Fußballlegende Geza Gallos.
Munderfing 2017 (Verlag Innsalz)
192 S.







Den Lebensweg des 2013 verstorbenen Ex-Rapidlers Geza Gallos zeichnet dieses Buch nach. Thomas Gallos berichtet anhand familiärer Quellen und Erzählungen von Weggefährten und Mannschaftskollegen vom Aufwachsen des 1948 als Arbeiterkind in der Werkskolonie im damaligen Fabriksort Neufeld an der Leitha geborenen Burgenländers, dem Fußballspielen beim ASV Neufeld, den Bundesliga-Stationen beim SC Eisenstadt 1968 bis 1969, der Rapid 1969 bis 1973 und 1977 bis 1979, dem LASK (1973 bis 1977, er wurde von Rapid für Gustl Starek eingetauscht), Admira Wacker 1979 bis 1982 und Neusiedl 1982, seine letzten Spieljahre zurück in Neufeld und seine anschließenden Trainerjahre als Unterhaustrainer im burgenländischen Amateurfußball. Allein die Länge der Bundesligakarriere von 1968 bis 1982 zeigt seine fußballerische Klasse. In seiner gesamten aktiven Zeit bei Rapid bestritt der offensive Mittelfeldspieler Geza Gallos 170 Spiele in der Meisterschaft (45 Tore), 26 Cupspiele (12 Tore) und 16 Europacupspiele (zwei Tore).

„Geza fuhr täglich mit dem Auto, einem Ford Taunus, nach Wien in Richtung Hütteldorf. Robert Körner und auch Gerd Springer waren harte und faire Trainer und behandelten die Spieler immer gut. Eine Trainingswoche bei Rapid Wien bestand darin, dass fast täglich trainiert wurde. Ausnahme war der Sonntag. Der Trainingstag begann um 9 Uhr 30 und dauerte bis ca. 11 Uhr 30. Nachmittags wurde wieder trainiert. [...] Geza und Stefan [Luzsicza] fuhren dann natürlich gemeinsam zum Training nach Wien. Da es vormittags und auch am nachmittag Trainingseinheiten gab, lohnte sich eine Heimfahrt nach Neufeld natürlich nicht. Stefan und Geza und auch andere Spieler verbrachten daher die trainingsfreie Zeit in Wien. Sie hatten sich Campingbetten mitgenommen und rasteten auf der Pfarrwiese oder spielten Karten, bevor das Training am Nachmittag weiterging.“ erfährt man etwa vom nüchternen Fußballeralltag bei Rapid Anfang der 70er Jahre.

Persönliche Details stehen im Buch im Vordergrund: „Bei Rapid standen Flugreisen zu internationalen Auswärtsspielen auf der Tagesordnung. Das Fliegen war aber nicht unbedingt Gezas Sache. Er litt unter Flugangst, rollte mit den Augen und verzog den Mund. Aber als er dann sein Cola zu trinken bekam, war es mit der Flugangst wieder vorbei. Geza hatte ein Lieblingsgetränk, und das war ein gutes kaltes Cola. Seine Mannschaftskollegen wunderten sich oft, wie viel Cola ein Mensch trinken konnte.“

Sein Privatleben wird ebenso erzählt wie sein berufliches Leben nach dem Fußball. Ein trauriges Kapitel ist die Schilderung seiner Erkrankung und seines frühen Sterbens mit erst 65 Jahren im Jahr 2013. Neben dem Haupttext gibt es zehn Seiten Vorworte, zwanzig Seiten Erinnerungstexte von Weggefährten und ein 22-seitiges Making-of des Autors zur Entstehung des Buchs. Sehr schön ist die große Anzahl an Fotos.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Zlatan − ihr redet, ich spiele


Rezension

Zlatan − ihr redet, ich spiele
(Den unge Zlatan / Becoming Zlatan)
Schweden 2015
Regie: Magnus Gertten, Fredrik Gertten
u.a. mit Zlatan Ibrahimović

Österreich-Premiere: Filmcasino, Wien, 18.5.2015





Der Film begleitet Zlatan Ibrahimović von seinen Jugendjahren im schwedischen Malmö über seine schwierige Zeit bei Ajax Amsterdam bis hin zu seinem Durchbruch und seinen Erfolgen bei Juventus Turin, mit denen er in der Champions League 2005 gegen Rapid spielte und dabei sowohl im Stadio delle Alpi als auch im Rückspiel traf. Das ist hier aber nicht zu sehen. Die letzten Bilder des Films zeigen Ibrahimović bei den Feiern zur Meisterschaft Juves 2005, zu der er wesentlich beigetragen hatte. Aufgrund der systematischen Spielmanipulationen wurde jener Titel später allerdings genauso wie der 2006 folgende Meistertitel aberkannt. Doch davon ist hier nicht die Rede sondern von Ibrahimovićs Durchbruch an der europäischen Spitze.

Zuvor sind in ungeahnten Archivbildern der Brüder Fredrik und Magnus Gertten viele Einblicke in die Anfänge von Ibrahimovićs Karriere bei Malmö FF sowie bei Ajax zu sehen. Die Filmemacher hatten vor fünfzehn Jahren einen Dokumentarfilm über den Verein gedreht, wie im aktuellen Ballesterer zu lesen ist. Heute sind sie angesichts der späteren Karriere Ibrahimovićs ein Schatz. Sie zeigen ihn in der Kabine, auf und neben dem Platz oder beim Computerspielen. Interviews mit Weggefährten ergänzen die Bilder. Wir sehen hier einen vor Selbstbewusstsein strotzenden jungen Mann. Er stolperte aber beizeiten genauso eben darüber wie über Eigensinn und Disziplinlosigkeit. Zu Ajax kommt er als teuerste Verpflichtung der Vereinsgeschichte, kann sich aber im ersten Jahr nicht durchsetzen. Erst nach schwieriger Zeit wird er im zweiten Jahr zum Star. Sein sich auch in Fouls äußernder Eigensinn begleitet ihn und gehört ebenso zu ihm wie fußballerische Klasse.

Diese beiden Gesichter Ibrahimovićs, der bis heute mit Zauberfußball und großspurigen Aussagen auf sich aufmerksam macht, sind bereits in jungen Jahren grundgelegt, wie wir hier lernen. Daher sind auch die Originalfilmtitel Becoming Zlatan oder Den unge Zlatan viel treffender als der deutsche Titel Zlatan − ihr redet, ich spiele.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Leo Schidrowitz


Rezension


Matthias Marschik / Georg Spitaler
Leo Schidrowitz
Autor und Verleger, Sexualforscher und Sportfunktionär
Jüdische Miniaturen Bd. 167
Berlin 2015
(Hentrich & Hentrich Verlag)
84 S.



Buchpräsentation
Podium: Matthias Marschik, Georg Spitaler, Domenico Jacono
Jüdisches Museum Wien, 30.11.2015


Auf den Namen Leo Schidrowitz stößt man schnell, wenn man sich mit der österreichischen Fußballgeschichte beschäftigt. Dabei war er weder Spieler noch Trainer sondern Funktionär. Er hatte ein außerordentlich vielfältiges Leben, das nun in einem Buch nachgezeichnet wird. Matthias Marschik und Georg Spitaler haben bereits 2008 einen biographischen Artikel im Ballesterer über Schidrowitz veröffentlicht. Hier legten sie nun eine wenn auch kurze, so dennoch sichtlich so ausführlich wie möglich erarbeitete Biographie vor. Im Wiener Jüdischen Museum wurde das Buch von den Autoren Marschik und Spitaler sowie Domenico Jacono vorgestellt.


Beim SK Rapid war Schidrowitz zwischen 1923 und 1938 enger Mitarbeiter von Dionys Schönecker, der den Verein von 1910 bis zu seinem Tod 1938 als Sektionsleiter (Geschäftsführer würde man heute sagen) leitete. Er gab Vereinspublikationen und Festschriften zu Jubiläen Rapids heraus, war zumindest zeitweise im Vorstand und wurde als Vertreter Rapids in Gremien des Fußballverbands und der Liga entsandt. Die Rapid-Aktivitäten von Schidrowitz werden im Buch genannt, aber man hätte hier gerne mehr darüber gelesen. Die Quellen gaben nicht mehr her. Ein Nachlass wurde trotz Suche nicht gefunden.


Auch wenn es in jener Zeit mehrere Personen jüdischer Herkunft gab, die bei Rapid tätig waren, und selbst zwei Präsidenten aus jüdischen Familien stammten, wie im von Mitautor Spitaler gemeinsam mit Jakob Rosenberg erstellten Buch Grün-weiß unterm Hakenkreuz belegt wurde, gilt dennoch, was Spitaler und Marschik hier schreiben: „Beim Sportklub Rapid war Schidrowitz als ,jüdischer‘ Funktionär jedenfalls eine Ausnahme.“ Einfach gestrickte Zuschreibungen von (Vereins-)Identitäten als „jüdisch“ und „nicht jüdisch“ lassen sich von der Komplexität der Realität aber jedenfalls nicht so ohne weiteres bestätigen.


Georg Spitaler stellte bei der Präsentation die Person Schidrowitz und seine Fußballaktivitäten vor. Anfang der 1920er Jahre zeigte sich Schidrowitz schon als leidenschaftlicher Rapidler, der sich über Bevorzugung der Austria ziemlich aufregen konnte und dies auch schriftlich veröffentlichte. Schidrowitz war eine zumindest in Wiener Kreisen auch bekannte Persönlichkeit und kam als Ungustl gezeichnet mit nur wenig veränderten Namen Direktor Szindrowits in Heimito von Doderers Roman Die Dämonen vor. Er leitet darin einen Verlag namens Pornberger & Graff. Die erste Silbe des Verlagsnamens kennzeichnet dessen Inhalte.


Der Großteil des Buchs handelt vom beruflichen Leben Schidrowitzs abseits des Fußballs. Er war als Kulturpublizist und als Buchverleger tätig. „Im Laufe von 15 Jahren war Schidrowitz in verschiedenen Funktionen für insgesamt sechs Verlage verantwortlich, sei es als Gründer, Eigentümer, Direktor, Programmleiter, Gesellschafter oder Mitinhaber.“ Darunter fällt auch eine umfangreiche Verlagstätigkeit im Themenbereich Erotik und Sex, wo er an der Herausgabe oft hochpreisiger und aufwändig produzierter Bücher beteiligt war. Er leitete auch ein Wiener Institut für Sexualforschung, das im Gegensatz zum Berliner Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld, das hier wohl Pate stand, wenig erforscht ist. Die Darstellung der Tätigkeit von Schidrowitz in diesem Bereich nimmt den Großteil des Buchs ein.


Domenico Jacono nahm diesmal nicht in seiner Eigenschaft als Fußballkulturexperte sondern als Literaturkenner und Kulturpublizist am Podium teil. Er widmete sich in seinem Part der Präsentation dem Homme de lettre Schidrowitz und bewertete seine publizistische Tätigkeit vom Bereich Literatur und Kunst als beachtliche Beiträge. Er war Autor, aber vor allem auch Herausgeber und Verleger. Noch sehr viel mehr als tatsächlich erscheinen konnte, war in seinen verschiedenen Verlagsprojekten projektiert gewesen.


Matthias Marschik wandte sich in seiner Vorstellung von Schidrowitz' Aktivitäten im Bereich der erotischen Literatur und Sexualforschung gegen eine Diskreditierung dieses Themenbereichs. Schidrowitz schloss sich einer Populärkultur an und brachte viel Erotisches an Bildern und Schriften für Männer heraus, allerdings eben auch wissenschaftlich Langatmiges. Marschik verwies darauf, dass die Bücher zwar verkaufsfördernd konzeptioniert waren, aber auch einen aufklärerischen und wissenschaftlichen Anspruch hatten. In der Fragestellung, ob Schidrowitz Sexualwissenschaftler oder Pornograph war, solle man das entweder oder durch ein sowohl als auch ersetzen, so Marschik.


Mit der Machtübernahme der Nazis 1938 war Schidrowitz sowohl als Jude als auch als „Pornograph“ in seinem Leben bedroht. Weggefährten wurden im KZ ermordet. Auf unbekannter Route gelang ihm 1938 mit Frau und Tochter rechtzeitig die Flucht nach Brasilien. Er konnte dort auch als Verleger tätig sein und seine Frau wieder wie in Wien als Buchillustratorin arbeiten, wenn auch in geringem Umfang. 1949 kehrte Schidrowitz wieder nach Wien zurück, dürfte aber zuvor an der Vorbereitung der Brasilien-Tournee Rapids 1949 mitgewirkt haben, die mit der aus dortigen Erfahrungen gewonnenen Umstellung des Spielsystems der Ausgangspunkt für die großen Erfolge Rapids in den 1950er Jahren war.


Schidrowitz war zunächst auch wieder im Rapid-Vorstand, widmete sich dann aber der Aufgabe als „Propagandareferent“ des ÖFB, heute würde man dazu Kommunikationschef sagen. Er arbeitete mit modernen Methoden und schuf ein umfangreiches Angebot an ÖFB-Publikationen. „Er war wohl der erste österreichische Verbandsfunktionär im Sportbereich, der im Sinn moderner Public Relations nicht nur Auskünfte erteilte, sondern die Presse aktiv mit Informationen versorgte, also Pressepolitik betrieb. Zugleich erkannte er, dass Informationsarbeit alle Medien − von eigenen Verbandspublikationen bis zum Aufbau eines Archivs und Museums − umfassen sollte.“
Von bleibender Wirkung aus jener Zeit ist Leo Schidrowitzs 1951 erschienene Geschichte des Fußballsports in Österreich. Das Buch ist der Klassiker der österreichischen Fußballgeschichtsschreibung. Es ist, wie Marschik und Spitaler schreiben, eine „zwar mitunter fehlerhafte, jedoch insgesamt profunde und detailreiche Faktengeschichte des Fußballsports inklusive einer Vereins- und Verbandsgeschichte.“

Unter anderem betrieb Schidrowitz für den ÖFB eine Radiosendung. Bei der Präsentation wurde ein Ausschnitt einer Sendung aus dem Jahr 1951 eingespielt, in der er über die internationalen Tourneen österreichischer Vereine informierte und anlässlich eines Wiener Sportstättenverzeichnisses die zu geringe Anzahl der Sportplätze in Wien kritisierte. Seine summarische Erzählung von den Spielen war in jenem ausdrucksstarken essayistischen Stil gehalten, wie man ihn aus der Fußballreportage vor Beginn des Fernsehzeitalters kennt.


Das Ambiente der Buchpräsentation:

Mittwoch, 11. Juli 2012

Unser Mann in London



Rezension


Moritz Volz
Unser Mann in London
Reinbek bei Hamburg 2012
(Rowohlt Taschenbuch Verlag)
255 S.





Dieses Buch ist die amüsanteste, aufschlußreichste und insgesamt lesenswerteste Fußballer-(Auto-)Biographie, die ich bislang gelesen habe − und das von einem Spieler, dessen Name mir zuvor nichts sagte.

Aus dem Nachwuchs von Schalke 04 wagte Moritz Volz einst den Sprung zum Arsenal FC. Er bekam 1999 als 15-jähriger vom Londoner Großklub ein Angebot und tat sich schwer mit der Entscheidung, die unter dem Schlagwort „Kinderhandel“ (so ein DFB-Funktionär) in den deutschen Zeitungen und im Fernsehen diskutiert wurde. Für den Teenager Volz war das nicht leicht: „Es half wenig, daß alle Welt sich bemüßigt fühlte, ihre Meinung zu mir und Arsenal kundzutun. Heute ist es alltäglich geworden, dass deutsche Jugendliche mit 15 oder 16 nach England ziehen, um ihre Ausbildung bei den Klubs der Premier League zu absolvieren. Ich aber war der Erste.“ Volz war bald sehr zufrieden mit seiner Entscheidung für den Wechsel ins große Unbekannte. Auch wenn die Anfangsphase schwer war.

Nicht nur die strukturellen Voraussetzungen waren im englischen Fußball anders als im heimatlichen Umfeld. Die englische Spielkultur prägte Volz bald, wie er dann merkte: „In Deutschland wurden Außenverteidiger wie ich meistens mit einem langsamen Querpass vom Innenverteidiger angespielt. In England dagegen liegt das Augenmerk darauf, die kleinste Unordnung in den Reihen des Gegners sofort auszunutzen. Das schafft man nur mir schnellem Vorwärtsstoßen. [...] Später, wenn ich zur Juniorennationalelf in den deutschen Fußball zurückkehrte, merkte ich immer, wie sehr mich das englische Spiel geprägt hatte. Mein Instinkt war, sofort steil nach vorne zu spielen, sobald ich den Ball hatte.“
Für seinen deutschen Trainer aber „blieb das falsch, selbst wenn daraus etwas geworden war“.

Auch wenn er sich letztlich bei Arsenal nicht in die Kampfmannschaft spielen konnte, wurde ein gestandener Premier-League-Spieler bei Fulham aus ihm. Neben allerlei Geschichten aus dem Leben eines Fußballprofis sind zwei Passagen besonders spannend, in denen er seinen Kontakt mit dem Freizeitfußball beschreibt. Seine Mitspieler wußte zunächst nichts von seiner Profession. So beobachtet er bei seiner Teilnahme an einem Kickerl im Park, wie viel die Hobbykicker miteinander redeten und ihren Mitspielern mit ein paar Worten ihre nächste Aktion, ihren nächsten Pass ankündigten, damit diese sich vorbereiten konnten. Ganz anders als in seinem Fußballalltag: „In der Regel wird Profifußball heutzutage schweigend gespielt. Wir lassen unsere Pässe reden. Wenn du einem Kollegen den Ball scharf und hart zupasst, weiß der automatisch, er hat einen Gegner direkt hinter sich. Wenn der Mittelstürmer zurückeilt, um sich dem linken Außenverteidiger als Anspielstation anzubieten, wissen alle, ohne zu schauen oder gar zu rufen, jetzt sprintet der rechte Außenverteidiger auf seinem Flügel hinunter und kann blind angespielt werden. Die Spielzüge sind mittlerweile derart einstudiert, daß dazu nichts mehr gesagt werden muß und auch kaum Zeit für Sprüche bleibt. Die Spieler, die im Profifußball heute noch während eines Matches reden, wollen nicht ihren Mitspielern helfen, sondern sich selbst. Das Gequassel beruhigt ihre Nerven.“

All sein Können und seine Erfahrung aus dem Profifußball waren in anderem Umfeld Makulatur. Über sein Erlebnis beim Mitspielen in einem der vielen Fußballkäfige in London schreibt Moritz Volz: „Wir spielten 8 gegen 8 auf 30 mal 15 Metern. Es war die Spielwiese der Dribbler und Trickser. Ein Profifußballer spielt anders, ein Profi sucht immer den einfachen Pass, das schnelle Abspiel. [...] Jedes Mal, wenn ich am Ball war, spürte ich die taxierenden Blicke der Ballkönige. Nach einigen Minuten begannen sie mir Tipps zu geben. [...] Meine sauberen, übersichtlichen Pässe waren in ihren Augen ja ganz okay, aber technisch hatte ich wohl nicht so viel drauf, oder warum dribbelte und trickste ich so wenig?“

Die verschiedenen medialen Zuschreibungen zwischen englischer Deutscher und deutscher Engländer findet er nicht überzeugend: „In meinen Augen wurde ich in England einfach nur erwachsen − und im besten Fall ein Londoner.“ Für die Leserin und dem Leser seines Buches fungiert Volz als Verbinder der Kulturen. Er erzählt, wie sehr er sich in London nach Handwerkern, die ihr Handwerk verstehen, sehnte, weshalb die sprichwörtlichen polnischen Installateure, die nach der Arbeitsmarktöffnung in Massen auf die Insel strömten, willkommen geheißen wurden. Neben der extensiven Vorliebe für Sonnenbrände fallen Außenstehenden oft befremdliche Bekleidungssitten in England auf. Volz erklärt sie verblüffend einfach und anschaulich: „Hier richtet man sich bei der Kleiderwahl weniger nach der Temperatur als nach dem Sonnenlicht. Je heller, desto weniger Kleidung, heißt es jedes Jahr im Frühling wieder, wenn nach den dunklen Monaten die Sonne in voller Pracht zurückkehrt. Dann strömen die Londoner in T-Shirts und kurzen Röcken ans Licht, sie sitzen in den Parks auf den Wiesen und vor den Pubs an vielbefahrenen Straßen. Es mag nur zwölf Grad haben, es mag objektiv zu frisch für kurze Ärmel sein, aber das spielt keine Rolle: Die Sonne ist da. Ihr muss gehuldigt werden. Einige Tage später mag die Temperatur auf 16 Grad steigen. Doch wenn es bewölkt ist, trägt die Mehrheit wieder Pullover und Jacken.“

Am Ende wurde die Stadt, in der er erwachsen geworden war, seine Heimat, auch wenn ihn seine später von Rückschlägen geprägte Fußballerkarriere weiterzog.
Mit seinem sehr kurzweiligen Buch macht er Lust auf England und den englischen Fußball.

Freitag, 24. Februar 2012

Keine Angst vorm Elfmeter


Rezension


Michael Konsel / Claus Schönhofer
Keine Angst vorm Elfmeter
Michael Konsel. Die Biografie.
Wien 2012 (Ueberreuter)
207 S.






Michi Konsel war für mich in jungen Jahren der Tormann schlechthin. Er war als Goalie schlicht beeindruckend. Daher freute es mich, ein Buch von und über ihn zu sehen.
Der Autor Claus Schönhofer hat aus Konsels Erzählungen ein nicht unbedingt tiefgründiges, aber kurzweilig zu lesendes Buch gemacht. Der Titel Biografie ist dafür aber zu hoch gegriffen. Es sind Erinnerungen.

Im Buch beschreibt Konsel, woraus er seinen sportlichen Erfolg baute. So erzählt er, wie wichtig seine ständigen Duelle mit seinem älteren Bruder in der Kindheit waren, um seinen Biß und Kampfgeist zu entwickeln oder wie ihm die vielen in seiner Jugend ausgeübten Sportarten − „Wasserskifahren, Tennis, Tischtennis, Eishockey, Paddeln und natürlich Fußball“ − später in seinem Tormannspiel halfen: „Diese vielfältigen Bewegungsabläufe habe ich alle auf meiner Festplatte gespeichert und sie sind Grundlage für die Entwicklung meines Bewegungstalents geworden. Tennis und Tischtennis haben mich das Fokussieren auf den Ball gelehrt, vom Eishockey lernte ich Wendigkeit und Schnellkraft, durch das Wasserskifahren wurde mein Balancegefühl verbessert.“
Dies ist umso höher einzuschätzen als er 1982 erst relativ spät, mit 20 Jahren, aus dem Amateurligaverein Kritzendorf zum Profiverein Vienna kam. Im Jänner 1985 kam er zu Rapid und stand bald darauf als Ersatz für den verletzten Funki Feurer in Semifinale und Finale des Europacups: „Die Beschleunigung meiner Karriere nahm schwindelerregende Dimensionen an. Von Kritzendorf zum Europacup − das war wie von null auf tausend!“ Über Feurer, den er schließlich im Lauf der nächsten Jahre aus dem Tor verdrängte und der dann zum wichtigsten Tormanntrainer seiner Karriere wurde, spricht Konsel viele ehrende und anerkennende Worte. Sehr eindrücklich schildert Konsel seine Kämpfe gegen die ihn schließlich immer stärker begleitenden Schmerzen als Resultate einer langen Profisportlerkarriere.

Einige inhaltliche Schnitzer im Buch stoßen leider ungut auf. Schönhofer hatte schon eingangs festgestellt, daß er sich „nicht (mehr) für Fußball interessiere“ und kryptisch geschrieben, es gehe ihm beim Buch über Michael Konsel stattdessen darum, „die DNA seines Denkens zu entschlüsseln“. Etwas mehr Fußball wäre allerdings nicht schlecht gewesen. So weiß der Kenner natürlich, wer denn diese Toffees waren, gegen die Rapid 1985 im Europacupfinale stand. Doch einen Finalbericht zu bringen ohne den Namen des siegreichen Gegners, des Everton FC, zu nennen, ist schon sehr seltsam. Noch eines drauf setzte dabei nur Peter Linden, der im Buch anstelle einer Fußballautorität als Kommentator aus dem Off eingesetzt wird und bei dem hier die damaligen Everton-Spieler Gray und Sharp gar „Liverpool-Stürmer“ sind.
Ärgerlich ist es auch, wenn es zum Auftakt des Kapitels über die magische Europacupsaison Rapids 1995/96 heißt „Nach zehn Jahren spielte ich wieder im Europacup.“ 1996 stand Konsel nach 1985 wieder in einem Finale. Aber Europacupspiele machte er mit Rapid zwischendurch auch. Man denke auszugsweise an die Spiele gegen Club Brügge und RFC Lüttlich 1989 oder gegen Inter 1990 − alle mit Konsel im Tor. Dieser Satz ist also schlicht falsch.

Die chronologische Erzählung wird immer wieder durch Einschübe unterbrochen, in denen ein bestimmtes Thema aus dem Leben Michael Konsels behandelt wird − vom Jähzorn über Psychokriege im Kampf ums Einserleiberl bis zum Privatleben. Hervorgehoben wird dies durch etwas dünkleres Papier und andere Schriftart. Grundsätzlich eine gute Sache und spannende Themen, doch kommt der Einschub beim ersten Mal doch sehr unvermittelt und hätte eingangs angekündigt und vielleicht grafisch noch etwas stärker abgesetzt gehört.

Zum Leben Konsels nach dem Ende seiner Karriere gibt das Buch einige Aufschlüsse über den schwierigen „Pensionsschock“, aber nur wenige über seine beruflichen Aktivitäten, die ihm jüngst immerhin den Titel Kommerzialrat eingebracht haben. Dafür erfuhr ich, daß er anscheinend vor ein paar Jahren an dieser Tanzsendung im Fernsehen teilgenommen hat. Dies ist so sehr außerhalb meines Universums, daß ich dies überhaupt nicht wahrgenommen habe bzw. es mir nicht im geringsten erinnerlich ist.

Während ich Konsels Jahre bei Rapid noch gut mitbekommen habe, weiß ich wenig über seine Zeit in Italien, zwei gute Jahre bei AS Roma und ein nicht so gutes in Venedig. Hier ist daher der interessanteste Teil des Buches. Neben allerlei Privatem, das ich persönlich jetzt nicht unbedingt hätte wissen müssen, gibt es hier doch auch einiges Spannendes. So erzählt Konsel etwa, daß er zu seiner großen Enttäuschung anfangs in Rom nicht viel mehr als bei Rapid verdiente und sein Vertrag erst vier Monate später, nach guten Leistungen, aufgefettet wurde. Ebenfalls sehr spannend, wie ihm die offensive Spielweise des damaligen Roma-Trainers Zdeněk Zeman entgegenkam, weil er viel zu tun bekam, als mitspielender Tormann seine Erfahrung als Feldspieler aus Jugendzeiten einbringen und seine Klasse ausspielen konnte, und wie er sich verabschiedete als 1999 (der spätere Meistertrainer 2001) Fabio Capello übernahm, weil ihm klar war, daß sich dies nun änderte.
Wenn er erzählt, wie er ohne Italienischkenntnisse seine Mitspieler einteilte, verbreitet sich ein Schmunzeln über das Gesicht:
„He, Cafu! Weiter nach rechts! Gemma, gemma, schneller! Totti, komm nach hinten! Ja, da bleib stehen!“ Und so weiter. Natürlich hat weder der Cafu noch der Totti oder ein anderer ein Wort verstanden, aber meine Handzeichen waren eindeutig und auf der ganzen Welt gleich.

Montag, 28. November 2011

Franz „Bimbo“ Binder


Rezension


Franz Binder jr.
Franz „Bimbo“ Binder
Ein Leben für den Fußball
St. Pölten / Salzburg 2011
(Residenz Verlag)
299 S.




Franz „Bimbo“ Binder wurde am 1. Dezember 1911 in St. Pölten geboren. Aus Anlaß seines 100. Geburtstags erschien eine Biographie aus der Feder seines Sohnes.
Wenn ein Sohn ein Buch über seinen Vater schreibt, kann diese Nähe das Werk beeinträchtigen oder es erst richtig interessant machen. Für dieses Buch gilt letzteres. Binder jr. kann nicht nur aus seinem familiären Erfahrungsschatz schöpfen, sondern auch eine Vielzahl wunderbarer Fotos, interessante Dokumente und einige Zeitungsausschnitte beisteuern. Menschliches, Schönes und Tragisches aus dem privaten Leben findet so ebenfalls Platz und läßt einen ungekannten Blick auf den Mensch hinter dem Fußballer Binder zu. Viel Autobiographisches des Autors fließt ebenfalls ein.

Manch herrliche Geschichte fand den Weg ins Buch. So die Anekdote, wie im heißen Sommer des Jahres 1930 der 19-jährige Franz Binder vor dem Kino im heimatlichen St. Pölten von einem Herrn im Anzug angesprochen wurde:
„San Sie net der Binder?“ Franz will nicht unhöflich sein und antwortet: „Ja. Warum?“ − „Maier“, stellt sich der Fremde vor und tupft sich die Schweißperlen von der Stirn. „Ich möcht' Sie bitten, mit mir heute noch nach Wien zu fahren, denn ich bin der Sekretär vom Sportklub Rapid. Wir interessieren uns nämlich für Sie.“
So begann eine unglaubliche Karriere bei Rapid. Sein Debut gab Franz Binder am 20. September 1930 in einem Freundschaftsspiel gegen die Post, wo er zwei Tore zum 4:0 beisteuerte. Sein letztes Spiel in grün-weiß fand am 9. Juni 1949 auf der damaligen Brasilien-Tournee Rapids statt, gegen Vasco da Gama. Dazwischen lag eine glänzende Stürmerkarriere mit insgesamt 1.045 Toren in 754 Spielen (so die Zahl der im Buch aufgelisteten Spiele, die ebenfalls hierin angegebene FIFA-Statistik nennt die Zahl von 1.155 Toren, wohl inkl. der Reserve-Spiele). 984 Tore in 700 Spielen schoß er für Rapid. Gegen die Austria erzielte er zweimal (!) jeweils vier (4!) Derbytore.
Damals gab es viel weniger Meisterschaftsspiele und viel mehr nationale und internationale Freundschaftsspiele als heute. Auch wenn man nur die Pflichtspiele heranzieht, ist Binders Bilanz allerdings beeindruckend: 469 Tore in 379 Pflichtspielen (Torquotient 1,24!) für Rapid und diverse österreichische bzw. nach 1938 großdeutsche Auswahlmannschaften. Dabei muß man noch berücksichtigen, daß er drei Jahre, 1942 bis 1945, im Krieg verbrachte und nur eine Handvoll Partien spielen konnte.
Für die WM 1934, bei der Österreich (damals enttäuschender) Vierter wurde, wäre er nominiert gewesen, versäumte sie aber durch eine Verletzung. Für die deutsche Nationalmannschaft machte er nach 1938 ebenfalls einige Spiele, im großdeutschen Kader der WM 1938 stand er aber nicht. Insgesamt kam er auf 19 Länderspiele für Österreich (16 Tore) und 9 Spiele (10 Tore) für Deutschland. Der statistische Anhang des Buchs bietet eine stattliche Menge an Zahlen und Daten.

Schön und spannend ist beim Eintauchen in die Vergangenheit das Feststellen von Parallelen und Unterschieden zur Gegenwart. Die Assoziation zu einem heutigen Spieler kam unvermeidlich, wenn Binder jr. über seinen Vater schreibt: „Aufgrund seiner Körpergröße hatte er fast während seiner ganzen Karriere damit zu kämpfen, dass man ihn für steif, unbeweglich und langsam hielt. Selbst als er bereits einer der erfolgreichsten Stürmer war, blieb ihm dieser Ruf erhalten. Es störte ihn aber persönlich wenig. Die Lauf- und Ballarbeit eines fast 190 cm großen Athleten mit rund 90 kg Kampfgewicht wird nie locker und geschmeidig aussehen.“ Seinen lebensbegleitenden Spitznamen „Bimbo“ verdankte Binder ebenfalls seinem Laufstil. 1936 wurde er nach einem Kinobesuch der Mannschaft, bei der im Film ein Afrikaner ähnlich lief, so getauft.

„Bimbo“ Binder ist einer der größten Rapidler der Vereinsgeschichte. Er war von 1930 bis 1949 als Spieler beim Verein sowie von 1946 bis 1952, von 1962 bis 1966 und noch einmal 1975/76 als Sektionsleiter, also Trainer bzw. „Manager“ im britischen Verständnis. Sechs mal wurde er als Spieler österreichischer Meister (1935, 1938, 1940, 1941, 1946, 1948) und einmal Cupsieger (1946). Dazu kamen der deutsche Cupsieg 1938 und die deutsche Meisterschaft 1941. Sechsmal wurde Binder Torschützenkönig, von 1937 bis 1941 sogar fünfmal hintereinander. Auch als Trainer führte Binder Rapid zu Titeln. Noch während seiner aktiven Laufbahn übernahm er 1946 die Verantwortung für die Mannschaft und gewann mit ihr 1946, 1948, 1951 und noch einmal 1964 den österreichischen Meistertitel. 1946 und 1976, bei seinem letzten Mal auf der Trainerbank, gewann er mit Rapid den Cup.
Die Abschiede von der Trainerbank 1952 und 1966 waren nicht freiwillig und von bösem Blut begleitet. Binder sah sich von der Vereinsführung seiner Rapid ungerecht behandelt, sah sich um Früchte seiner Arbeit gebracht, nachdem er jeweils neue Mannschaften zusammengestellt und aufgebaut hatte, die sich anschließend tatsächlich zu Triumphen aufschwangen. Wenn Franz Binder jr. über Frustrationserlebnisse seines Vaters mit Rapidfunktionären berichtet, spricht einer, der dieses Geschäft kennt, nachdem er selbst den Verein von 1979 bis 1985 und 1987 bis 1993 gemanagt hatte. Die erste Bekanntschaft mit unverständigen Funktionären hatte „Bimbo“ Binder bereits als junger Spieler nach seinem ersten Jahr 1930/31 gemacht, nach dem er wieder heimgeschickt wurde. Er war schon wieder zuhause in St. Pölten und war im Begriff, wieder für seinen Jugendverein Sturm 19 zu spielen zu beginnen, als ihn Rapid-Trainer Edi Bauer persönlich abholte und wieder zurückbrachte, nachdem er in Hütteldorf einen Aufstand gemacht hatte.

In kollektiver Erinnerung ist „Bimbo“ Binder als Stürmerstar verankert, vor allem dank seiner Tore im Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1941 (ein Hattrick beim 4:3 nach 0:3 gegen Schalke 04), aber auch durch die Anekdote des von ihm beim Torschuß zerfetzten Tornetzes (es geschah am 30. April 1939 in München gegen den FC Bayern). Dieses Buch rückt verdienstvollerweise sein Wirken als Trainer ebenso in den Fokus. Wie erwähnt verliefen seine Trainerzeiten bei Rapid erfolgreich, aber endeten jeweils unschön. Dazwischen coachte Binder von 1954 bis 1960 den 1. FC Nürnberg, mit dem er 1957 die süddeutsche Oberliga gewann und zweimal die Endrunde um die deutsche Meisterschaft erreichte. Mit seinen sechs Jahren ist er dort bis heute der Trainer mit der längsten Amtszeit. Danach folgten 1960 bis 1962 zwei Jahre bei PSV Eindhoven in den Niederlanden (mit einem Punkt Rückstand Tabellenzweiter 1962). 1969/70 trainierte er eine Saison 1860 München in der deutschen Bundesliga. Mitsamt den Erfolgen bei Rapid eine Visitenkarte auch als Trainer. Er dürfte auch ein ausgefuchster sportlicher Leiter gewesen sein. Die Geschichte, wie er den jungen Simmeringer Gustl Starek, der als Testspieler schon im Austria-Trainingslager war, dort besuchte und zu Rapid brachte, ist legendär.

Der Ort seiner Triumphe, der Ort, wo „Bimbo“ Binder sein Leben verbrachte, war die Pfarrwiese in Hütteldorf. Nachdem Rapid 1977/78 ins neue Weststadion (später Hanappi-Stadion) gezogen war, diente das ehrwürdige alte Stadion dem Nachwuchs. Bis 1981 die Bulldozer kamen und siebzig Jahre Tradition dem Erdboden gleichmachten, um Platz für eine Autobahn zu machen − die nach einer ablehnenden Volksbefragung nie gebaut wurde. „Mit Tränen in den Augen stand mein Vater ,Bimbo Binder am alten Zaun und beobachtete gemeinsam mit alten, treuen Rapid-Anhängern die Planierung und Zerstörung ihres so geliebten Platzes. Als letztes Andenken an die Pfarrwiese steckten sie sich noch schnell einen Holzsplitter der Tribüne in die Tasche.“ berichtet Binder jr. von einem traurigen Tag.

Im Statistikanhang werden zwei Spiele Binders im März und April 1930 angeführt. Nachdem dies vor seinem Engagement bei Rapid war, nehme ich an, daß dies Matches bei seinem Jugendverein Sturm 19 St. Pölten waren, wo laut Binder jr. ansonsten Aufzeichnungen fehlen.

Sieben Honoratioren-Vorworte sind im übrigen schon ein bisserl viel, auch wenn die Herren zur Finanzierung des Buchs beigetragen haben. Leider werden dabei in zwei Beiträgen Mythen wiederholt, die spätestens seit der vorbildlichen Aufarbeitung der Geschichte Rapids in der NS-Zeit als überholt zu betrachten sind.
Die Binder-Biographie ist trotz erkennbar akribischer Arbeit keine wissenschaftliche Studie. Abseits der persönlichen Geschichte „Bimbo“ Binders gibt Franz Binder jr. an manchen Stellen gerade im Bezug auf die Nazizeit leider tradierte Erzählungen wieder, auch wenn diese nicht den Fakten entsprechen. Daß Matthias Sindelar sein Kaffeehaus 1938 „von seinem jüdischen Freund zum marktüblichen Preis erworben hatte“ ist falsch und widerlegt, der vorherige Besitzer wurde Opfer einer „Arisierung“. Der Sieg Rapids in der deutschen Meisterschaft 1941 war und bleibt ein großer sportlicher Erfolg. Auch wenn dies die populäre Nachkriegserzählung war, die Version „In Wahrheit aber war es ein Kampf des kleinen annektierten Österreichs gegen das ,großdeutsche Reich.“ ist eine nach 1945 kultivierte Version retrospektiven Widerstands gegen das Naziregime, die falsch und nicht haltbar ist. Dies wurde zum 70. Jahrestag in einem von Rapid mitveranstalteten Symposion zum Fußball unterm Hakenkreuz, mit Franz Binder jr. im interessierten Publikum, aufgearbeitet.
Den weiteren Geschichtsmythos, den das Spiel umrankt, daß es strafweise Einberufungen in die Wehrmacht gegeben hätte (ebenso widerlegt), erwähnt Binder jr. korrekt in seinem Buch nicht, sondern schreibt richtigerweise, daß bei allen Mannschaften die Spieler entweder schon eingerückt waren oder jetzt drankamen (wie auch schon teils textgleich in seinem 1993 erschienen Buch Sportklub Rapid. Die „unendliche“ grün-weiße Geschichte).

Kurz nach den Feiern zum 90-jährigen Jubiläum Rapids starb „Bimbo“ Binder im April 1989. In Binders Geburtsstadt St. Pölten wurde die Straße, an der die Landessportschule und der Sitz des Niederösterreichischen Fußballverbands liegen und das in Bau befindliche neue Stadion liegen wird, Bimbo-Binder-Promenade benannt.

Franz Binder jr. setzt seinem Vater mit dieser umfangreichen Biographie ein verdientes und würdiges Denkmal zu dessen 100. Geburtstag.

Mittwoch, 28. September 2011

Die Legionäre


Rezension


David Forster / Bernhard Hachleitner / Robert Hummer / Robert Franta
„Die Legionäre“
Österreichische Fußballer in aller Welt
(Österreichische Kulturforschung: Bd. 12)
Münster 2011 (LIT Verlag)
337 S.




Vier markante Persönlichkeiten zieren das Titelblatt des Buchs über „österreichische Fußballer in aller Welt“. Hans Krankl beim FC Barcelona, Herbert Prohaska bei Inter Mailand, Ernst Happel beim HSV und Ernst Ocwirk bei Sampdoria. Doch die folgenden Seiten machen deutlich, daß die Geschichte österreichischer Fußballegionäre viel weiter zurückreicht und viel weiter faßt.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: Eine chronologische Abhandlung von den 1890er Jahren bis zu Bosman und den Folgen bietet im ersten Teil eine umfassende, detailreiche und spannende Darstellung über die Fußballmigration im Wandel der Zeit. Im zweiten Teil gibt es hundert kurze Biographien österreichischer Fußballer, die ihr Glück jenseits der Grenzen gesucht hatten. Teils bekannte, manch unbekannte und oftmals kuriose Geschichten. Nach diesen Abschnitten der Autoren David Forster, Bernhard Hachleitner und Robert Hummer folgt im abschließenden dritten Teil der Part von Robert Franta, der eine erschöpfende Liste jener Legionäre in Herkulesarbeit zusammengetragen hat, von A wie Karl „Waschi“ Adamek bis Z wie Herrn Zwiebel, der einst von der Hakoah nach Metz gewechselt war. Selbst ein gewisser Franz Strohsack, der in jungen Jahren vom SC Weiz zu Helvetia Bern ging, bevor er als Frank Stronach einen anderen Karriereweg einschlug, entging Franta in seiner peniblen Arbeit nicht.

Vor drei Jahren erschien bereits das zeitgleich erarbeitete Buch Legionäre am Ball von Barbara Liegl und Georg Spitaler über Fußballmigration nach Österreich, von Forster, Hachleitner und Hummer in ihrem Vorwort als „Komplementärstudie“ ihres Werks bezeichnet. Wenn man beide Bücher zusammennimmt, steht nun ein bisher ungekanntes Ausmaß an Wissen über ausländische Fußballer in Österreich und österreichische Fußballer im Ausland zur Verfügung. Ein wahrer Schatz.

Die Frage, was das „Ausland“ ist, das aus einem Fußballer einen Legionär macht, ist gerade in den ersten Jahrzehnten des österreichischen Fußballs in der Habsburgermonarchie schwierig zu beantworten. Bernhard Hachleitner bejaht die Frage, wer ein Legionär ist für Wiener Fußballer, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in Ungarn spielten, nach heutigen Maßstäben. In Ungarn bestand ein von der FIFA anerkannter eigener nationaler Verband. Für jene Kicker, die nach Prag oder andere böhmische Städte gingen, ist die Frage schwieriger zu beantworten, da hier unter den Vorzeichen des allgemeinen Nationalitätenkonflikts tschechische und deutschböhmische Verbände parallel bestanden und der tschechische Verband zwar 1906 seine FIFA-Anerkennung erreichte, ihm diese zwei Jahre später auf österreichisches Bestreben, das ihn als lediglich regionalen Teilverband unter seiner Jurisdiktion wollte, aber wieder aberkannt wurde. Waren sie Legionäre? „In Anlehnung an Robert Musil“ löst Hachleitner das Dilemma auf: „Sie waren Legionäre, aber nicht zu sehr.“

Als „Ausnahmezustand“ definiert David Forster die österreichische Fußballmigration in der NS-Zeit. Ein Beispiel für die mörderische Unmenschlichkeit ist die Geschichte des Hakoahners Oskar Reich, der 1938 den Nazis in Österreich nach Frankreich zum AS Cannes entkommen konnte, nach dem deutschen Einmarsch 1940 weiter ins vorerst unbesetzte Südfrankreich fliehen und dort weiterspielen konnte, bis er 1943 festgenommen wurde. Der Ermordung entkam er, indem er sich an Verhaftungsaktionen von Jüdinnen und Juden beteiligte. Nach Kriegsende wurde er wieder in Wien am Red-Star-Platz von einem ehemaligen Häftling erkannt und schließlich in Paris zum Tode verurteilt und hingerichtet. „Damit erhielt Reich eine strengere Strafe als jene SS-Schergen, die ihn zur Mittäterschaft gezwungen hatten.“ stellt Forster trocken fest (siehe über Reich auch den Artikel von Forster und Georg Spitaler im Ballesterer 38). Für die Mehrheit der rund hundert über ganz Europa verstreuten österreichischen Fußballarbeiter, Spieler und Trainer, bedeuteten die NS-Herrschaft und schließlich der Kriegsbeginn das Ende ihres Auslandsengagements. Nachvollziehbarerweise wurden Deutsche in ganz Europa immer unbeliebter und schließlich ab September 1939 vielerorts als „feindliche Ausländer“ klassifiziert.

Viele, viele Details bereichern das historische Wissen. So wußte ich etwa nicht, daß vor Ernst Happel bereits Max Merkel 1955/56 einmal niederländischer Bondscoach gewesen war. An der zweiten deutschen Meisterschaft des FC Bayern München 1969 hatten mit Gustl Starek und Peter Pumm zwei österreichische Spieler einen wichtigen Anteil. Aber auch beim ersten Meistertitels dieses Vereins 1932 war mit Richard Dombi als Trainer ein Österreicher entscheidend beteiligt gewesen. Nach der NS-Machtübernahme 1933 mußte Dombi als Jude den Verein verlassen.

Leider erschließt kein Namensregister das Buch für spätere erleichterte Verwendung. Auch der großzügige Verzicht auf Anmerkungen mag zwar die Lesbarkeit fördern, erschwert aber die praktische Verwendung des Buchs. Bei manchem Zitat, bei manchem Hinweis hätte ich liebend gern die Quelle gewußt. Bernhard Hachleitner sei der Fehler verziehen, daß er behauptet (S. 203), die Rapid wäre 2008/09 und 2009/2010 mit Siegen über Aston Villa in die Gruppenphase der Europa League eingezogen. Das ist natürlich falsch. Es war vielmehr in den Saisonen 2009/10 und 2010/11. Ein Grüner wüßte das ;-)

Die vielen Biographien faszinieren, ja fesseln geradezu. Da ist Karl Pekarna, der Tormann der Vienna, der 1904 beim Turnier zu deren zehnjährigem Vereinsjubiläum die Gastmannschaft so beeindruckte, daß er einen Profivertrag bei ihnen bekam. Es waren die Rangers aus der schottischen Fußballhauptstadt Glasgow. Pekarna wurde zum ersten und für lange Zeit einzigen Österreicher, den den Sprung in eine britische Profiliga schaffte. Aber auch die thematischen Infomationen im ersten Teil sind hochspannend. So ist es fast unglaublich, wieviele österreichische Trainer Teamchefs von Nationalmannschaften in halb Europa und aller Welt waren. Herrliche exotische Geschichten wie die Emigration von Leo Baumgartner nach Australien nach der Tournee der Wiener Austria ebendort 1957 und sein Avancement zur australischen Fußballegende, die 2001 in die dortige Football Hall of Fame aufgenommen wurde. Unglaublich ja auch die Geschichte der Rückkehr von Franz Hasil, der trotz großen Erfolgs 1973 sein Engagement bei Feyenoord Rotterdam (wo er 1970 den Europacup der Meister gewonnen hatte) beendete und unbedingt nach Österreich zurückwollte, „weil der Alltag als Profikicker dort weniger anstrengend war“, wie Bernhard Hachleitner schreibt: „In Rotterdam mußte er zwei Mal pro Tag trainieren und immer 100 Prozent bringen, in Österreich reichte ein gutes Spiel, dann konnte er drei Matches mit halber Kraft bestreiten.“ Ein potschertes Leben nannte diesen Zugang Jahre später auf sich bezogen Zeitgenosse Hans Orsolics.

Ein gutes Buch.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Ein halbes Jahrhundert am Ball



Rezension


Roman Horak
Ein halbes Jahrhundert am Ball
Wiener Fußballer erzählen
Wien 2010 (Löcker Verlag)
229 S.





Der Kulturwissenschaftler Roman Horak führte vor zwanzig Jahren für ein Forschungsprojekt Interviews mit Legenden der besten Zeit des Wiener Fußballs von 1920 bis 1970. Nun wurden sie veröffentlicht und zeichnen ein sehr lebendiges Bild der damaligen Zeit. Durchgehender roter Faden aller Schilderungen ist die Feststellung, daß früher alles besser war. Für Horak "eine rhetorische Wendung, die zur Grundausstattung der Rede des gegenwärtigen Fußballfreundes zählt", sie sei wahrscheinlich "unabdingbarer Bestandteil des Fußballdiskurses per se".

Die Erzählungen haben natürlich großen nostalgischen Wert, der das Buch sehr kurzweilig macht. Der große kulturelle Unterschied im Vergleich zu heute ist die damalige Allgegenwart des Fußballs, wie sie Karl Decker (1921-2005), Spieler der Vienna von 1938-1952 und legendärer Teamchef der Nationalmannschaft Anfang der 60er Jahre, schilderte: "Zu dieser Zeit war das einfach der billigste Sport. Ein Tennisball oder ein 'Fetzenlaberl' hat 20 Leute auf der Gasse unterhalten. Was hätten wir zu dieser Zeit schon anderes unternehmen können? Da und dort hatten wir ein Fußballfeld, haben uns zusammengerottet und Fußball gespielt."

Auch später dann, bei den Vereinen, kam der Spaß nicht zu kurz. So erzählte der 1926 geborene Alfred Körner, der auch heute noch jede Versammlung von Rapid, auf der er auftritt, mit seinen Anekdoten zu Begeisterungsstürmen bringt, von der Geselligkeit: "Nach dem Match waren wir beim Wirten, da mußte man keinen dazu zwingen, die Spieler haben sich darum gerauft! Wir hatten auch unseren Herrentag, da konnte uns keine Frau halten, da waren wir alle beisammen. Das hat sich alles geändert, jetzt trainieren sie ja schon am Montag, nicht wahr." Eine andere Zeit. Teambuilding würde man das heute nennen. Beisl und Heurigen entsprechen allerdings dafür nicht mehr dem letzten Stand der Trainingslehre.

Es gab aber auch früher nicht nur Sonnenschein im Fußball. Karl Decker erzählt, wie Vereine auf Kosten der Spieler wirtschafteten: "Es gab keinen Vertrag. Das war eine Gemeinheit von diesen Klubs, dass die Spieler nicht angemeldet waren. Später mußten wir dann um unsere Pension kämpfen. Ich habe das auch lange nicht kapiert, aber dann bin ich draufgekommen, als ich um 1950 herum nebenbei eine Firma gegründet hatte, da dachte ich mir: 'Halt. Da stimmt doch etwas nicht.' Sonst wäre ich genauso im Dreck gewesen, wie viele andere Fußballer."

In sportlicher Hinsicht am bemerkenswertesten ist die Veränderung von Position und Aufgabe des Trainers im Lauf der Jahrzehnte. So meinte der Austrianer Karl "Vogerl" Geyer (1899-1998): "Der Trainer kann dem Spieler etwas sagen, aber er soll ihn nicht dirigieren. Entweder man ist ein Mann, der den Geist hat und die Situation beherrscht − jetzt muss ich dies oder das machen − oder man ist es eben nicht." Über seine Zeit als (erfolgreicher) Trainer des WAC: "Ich habe den Spielern gesagt: 'Burschen, geht hinaus und spielt Euer Spiel!'. Ich sagte wohlgemerkt 'Euer Spiel' und nicht 'mein Spiel'! Und das kritisiere ich heute, es wird zuviel eingeschachtelt, bürokratisiert. Künstler darf man auch nicht einschränken, die wollen das nicht, die wollen sich ihre eigenen Gedanken machen."
Ins selbe Horn stießen auch andere der Interviewten. Der ehemalige Wacker-Spieler Ernst Reitermaier (1918-1993) sagte gar: "Ich habe das Gefühl, die müssen sich ja schon grausen vor dem Ganzen. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, wenn wir früher diese ganzen Lehreinheiten an der Tafel hätten machen müssen, das hat es ja früher überhaupt nicht gegeben, da hat sich alles auf dem Spielfeld abgespielt."
Heute geht ohne taktische Konzepte gar nichts mehr. Allerdings sind auch die wenigsten Kicker mit Künstlern zu vergleichen.

Man sollte frühere Zeiten nicht verklären, auch wenn es naheliegt. Gerade der O-Ton der Akteure jener Zeit über Licht und Schatten macht das Buch zu einem gelungenen Beitrag zum Diskurs des "früher war alles besser".

Freitag, 16. Oktober 2009

Der Papierene


Rezension

Sascha Dreier
Der Papierene
Das Leben des Fußballstars Matthias Sindelar
Band 1: 1903-1933
Wien 2009 (Ueberreuter)
206 S.




Ein beeindruckendes Comic-Buch über das Leben von Matthias Sindelar, des Superstars der besten Zeit des Wiener Fußballs hat der von Illustrationen in 11 Freunde her bekannte deutsche Zeichner Sascha Dreier veröffentlicht.
Dem Buch müssen umfangreiche Recherchen über österreichische bzw. Wiener Kultur und Fußballgeschichte vorausgegangen sein, denn von der Tribünenkonstruktion der Hütteldorfer Pfarrwiese über literarische Zitate von Friedrich Torberg zur Verdeutlichung des herben Wiener Charme bis zu historischen Details, hier paßt alles. Selten wird Geschichte in derart gelungener, kurzweiliger Form präsentiert.

"Graphic Novel" heißt so etwas, lernt der Unkundige. Dreier spinnt seinen gezeichneten Roman um eine junge Frau namens Roxy, die mit Sindelar zusammenkommt. 1937 spielte Sindelar in einem Kinofilm namens "Roxy und ihr Wunderteam" eine Rolle. Hieraus scheint Dreier den Namen entlehnt zu haben. Sonst ist seine Erzählung über ihre Verwandtschaft mit dem Fußballpionier Jimmy Hogan, ihre Freundschaft mit Hugo Meisl und ihre Arbeit am Bau des Praterstadions ein wunderbarer Aufhänger für die Tour durch das zeitgenössische Wien (Armut, politische Gewalt, Antisemitismus, aufkommende Nazis, Austrofaschismus) und die Anfänge des "Wunderteams", mit dem Austrianer Sindelar als Mittelstürmer.

Da Dreier offenbar das Leben Hugo Meisls studiert hat, aus dem er eine Fülle von Details präsentiert, hat mich die Szene stutzig gemacht, in der Meisl (ÖFB-Verbandskapitän 1912-1937) vom nicht minder legendären Rapid-Sektionsleiter (1910-1938) Dionys Schönecker antisemitisch verächtlich gemacht wird. Ohne tieferes Wissen um beider Biographien bin ich bisher von einem eher kollegialen bis amikalen Verhältnis der beiden ausgegangen. Da würde mich Näheres interessieren.

Das Buch ist eine liebenswürdige, assoziationsreiche Lektüre für diejenigen, die sich mit der Wiener Fußballgeschichte der Ersten Republik bereits auseinandergesetzt haben und eine spannende, aber doch weitgehend faktenbasierte Aufbereitung derselben für diejenigen, die dies noch nicht getan haben und für die ein Comic eine niedrige Schwelle ist. Für alle ist es aber in der Hauptsache eine große Freude.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Legionäre am Ball


Rezension

Barbara Liegl / Georg Spitaler
Legionäre am Ball
Migration im österreichischen Fußball nach 1945
Wien 2008 (Braumüller)
242 S.





Ein wichtiges Buch, das eine von Halbwissen und Vorurteilen geprägte Thematik mit vielen Fakten unterfüttert. Die beiden PolitikwissenschaftlerInnen Barbara Liegl und Georg Spitaler (Ballesterer-Redakteur) analysieren Rollen von und Debatten um ausländische (Profi-)Fußballer in Österreich seit 1945, den "ambivalente[n] Status von 'Legionären' - einerseits als beliebte Idole, andererseits als Objekt von Neid und Kritik".
U.a. haben sie 1.200 ausländische Spieler und Trainer statistisch erfaßt und bieten eine sehr interessante Parallelisierung von Zuwanderung im Fußball mit allgemeinen Migrationstrends nach Österreich, den generellen Regelungen des Arbeitsmarkts mit den historischen Zugangsbestimmungen für Legionäre im österreichischen Fußball. Öffnung wie Abschottung fanden zeitlich verblüffend parallel statt.

Über die Jahrzehnte variierte die Intensität der Debatte um einen "Zustrom" von "Ausländern" (je nach sportlicher Konjunktur), aber wenig die Argumente. Fußball als kein besonderer Teil der Gesellschaft, wie Liegl/Spitaler feststellen:
"Dass die 'Krise' des österreichischen Fußballs ... so bereitwillig mit der Zunahme von 'Legionären' in Verbindung gebracht, und nicht auch nach anderen Gründen für diesen Zustand gesucht wurde, kann als Indiz dafür gewertet werden, wie offen der österreichische Fußball in den späten 1990er Jahren - vor dem Hintergrund des europäischen Einigungsprozesses und einer zunehmend globalisierten Wirtschaft, die sich im Fußball stark abbildeten - für populistische, latent oder explizit ausländerfeindliche, Identitätstheorien war. Gleichzeitig wird dabei deutlich, wie gerade popularkulturelle Fußballdiskurse, die sich gegen die 'Vermengung mit Politik' wehren und auf ihrem 'unpolitischen' Charakter beharren, ausgesprochen politische Effekte kreieren können."

Das gesammelte Zahlenmaterial gibt interessante Fakten her. Etwa, daß die Vorarlberger, Salzburger und Steirischen durchschnittlich mehr Legionäre als die Wiener Vereine beschäftigten (Vergleich des Legionärsanteils mit der Spielfrequenz in der obersten Spielklasse). "Die Wiener Spitzenvereine Rapid und Austria verpflichteten zwischen 1945 und 2005/06 jeweils 16 Prozent 'Legionäre', die steirischen Klubs Sturm Graz und GAK wiesen jeweils etwa ein Fünftel an Spielern mit einem ausländischen Pass auf."
Sehr spannend dabei die regionale Verteilung: Vereine aus Kärnten und der Steiermark haben den höchsten Anteil an Legionären aus dem ehemaligen Jugoslawien, während diese in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland am stärksten aus Osteuropa sowie in Vorarlberg und Salzburg am meisten aus Westeuropa stammten. Netzwerke und Kontakte in bestimmte Regionen sind offenbar langlebig. Dazu konstatieren Liegl und Spitaler "Vorlieben für bestimmte Regionen" bei manchen Vereinen, "die mit den jeweiligen 'Klubmythen' und 'kulturellen Eintrittstickets' verbunden sind."

Sehr lehrreich auch Hintergründe historischer Spielerverpflichtungen. So erzählt der ehemalige Rapid-Klubsekretär Franz Binder jun. über "Ostblock"-Verpflichtungen in den 1980er Jahren:
"[Sintschenko] war an und für sich ein sehr günstiger Spieler, wir haben den Russen gezahlt und die Russen haben ihn gezahlt, das ist sozusagen Technikerleasing gewesen. Anders ist es nicht gegangen, und nachdem das so wenig gewesen ist, haben wir ihm dann noch die Prämien gezahlt. Weil der war am Existenzminimum ... Er hat zwar Wohnung und Auto gehabt, aber er hätte sich sonst nichts leisten können. Genau das gleiche mit dem Panenka. Der Panenka war glaub ich der beste Ausländer, der je bei Rapid gespielt hat - und der billigste. Und auch da haben wir ein Agreement oder eine Entscheidung getroffen innerhalb des Vorstands und des Präsidiums, dass der mehr kriegt als im Vertrag drinnen steht."
Tempora mutantur.

An aktuellem Handlungsbedarf ergibt sich das in einer Fragebogenerhebung von Liegl/Spitaler festgestellte Defizit in der Unterstützung von Legionären beim Besuch eines geeigneten Sprachkurses durch ihre Vereine. Hier wäre ein wichtiger Ansatzpunkt, den die Vereine aus Eigeninteresse angehen sollten.

Zum Leben in Österreich tätiger Legionäre gibt es - wohltuend reflektierte - Interviews mit ehemaligen Spielern und Trainern verschiedener Generationen durch Elisabeth Kotvojs. Ein eigentlich sehr wichtiger Teil des Buchs (zumindest in meiner Rezeption), ihr Name und Beitrag hätte daher eigentlich stärker hervorgehoben gehört.

Zur Frage von Rassismus und Antirassismus hätte ich mir hier mehr über die Fanseite der Fußballwelt gewünscht. Aber man kann in einem Buch natürlich nicht alles haben. Das, was geboten wird, gehört jedenfalls zum Feinsten.