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Donnerstag, 8. Juli 2021

„Deutscher Meister war nur der SCR!“



Rezension

SK Rapid (Hg.)
„Deutscher Meister war nur der SCR!“ Die Bedeutung der „2. Großdeutschen Kriegsmeisterschaft“ und die Rolle des SK Rapid im Nationalsozialismus
Projektleitung und Text: Laurin Rosenberg
Wien 2021
32 S.





„Darf man auf Rapids deutschen Meistertitel stolz sein?“ Eine einfache und doch komplizierte Frage sucht die Broschüre des Rapideum anlässlich des 80. Jahrestags des Titelgewinns Rapids am 22. Juni 1941 zu beantworten – ein Tag, der in die Weltgeschichte wegen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion einging, der eine neue Dimension des Vernichtungskriegs der Nazis und des millionenfachen Mordens brachte.

Die Publikation berichtet die Vorgeschichte des Titelgewinns mit der Nazi-Machtübernahme und der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich 1938, was auch den Fußballbetrieb vielfältig veränderte. Der in Wien seit 1924/25 betriebene Profibetrieb wurde abschafft und durch Pseudo-Anstellungen der für Trainings und Spiele freigestellten Spieler und öffentlichen Bereich ersetzt. Eine Auswahl an Vereinen wurde in den nach einem Nazi-Sportfunktionär benannten, bereits laufenden deutschen Cupbewerb aufgenommen. Rapid gewinnt den Pokal, am 8. Jänner 1939, dem 40. Vereinsgründungstag, vor 40.000 Zuschauerinnen und Zuschauern im Berliner Olympiastadion gegen den FSV Frankfurt. Zweieinhalb Jahre später stand Rapid am selben Ort im Meisterschaftsfinale. Nach dem Meistertitel der „Gauliga Ostmark“ 1940/41 (wird nach der Befreiung 1945 vom ÖFB als österreichischer Meistertitel geführt) traf Rapid in den Gruppenspielen der Endrunde um die deutsche Meisterschaft auf 1860 München, die Stuttgarter Kickers und den VfL Neckarau aus Mannheim, im Semifinale im schlesischen Beuthen (Bytom) auf den Dresdner SC und dann im Finale auf Schalke 04. Ein starker Gegner: „Von 1933 bis 1944 sind die Knappen durchgehend Meister der Gauliga Westfalen. Von 1934 bis 1942 steht die Mannschaft neun Mal im Finale um die Deutsche Meisterschaft, das sie sechs Mal gewinnt. Von den acht Endspielen um den Tschammer-Pokal in diesem Zeitraum erreicht sie fünf, siegt jedoch nur ein einziges Mal. Diese Stärke kann später nie wieder erreicht werden. Nach 1945 kommt nur noch der Meistertitel 1958 hinzu. Dennoch sind nach wie vor nur der FC Bayern München (31), der 1. FC Nürnberg (9) und Borussia Dortmund (8) öfter auf der deutschen Meisterschale vertreten als Schalke.“

Der sportliche Verlauf des Wegs ins Finale wird in der Broschüre mit Daten und zeitgenössischen Zeitungszitaten nachgezeichnet, Das Finalstadion und der in der Ausstellung des Rapideum in originalgetreuer Nachbildung zu sehende Meisterpokal (die Victoria) werden beschrieben. Dass dies alles nicht in einem normalen Umfeld sondern vor dem Hintergrund der Nazi-Verbrechen geschah, wird deutlich gemacht. Die Geschichte Rapids in der Nazizeit wurde bereits vor einem Jahrzehnt in der Studie Grünweiß unterm Hakenkreuz aufgearbeitet. Funktionäre Rapids beteiligten sich aktiv am Naziregime und unterstützten es, zum Hitler-Geburtstag 1940 spendete Rapid vierzig unwiederbringliche Trophäen, um sie für die Kriegsproduktion einzuschmelzen, und mit dem Rapid-Spieler Fritz Durlach gab es auch einen Kriegsverbrecher und Folterer. Die Vertreibung und Ermordung der Jüdinnen und Juden traf ebenfalls auch Rapid, mit den prominentesten Fällen des ehemaligen Rapidpräsidenten Fischer und des langjährigen Funktionärs Schidrowitz, die vor der Verfolgung durch die Nazis als Juden nach Brasilien flüchten konnten, oder den in der Shoah ermordeten Rapidlern Goldschmidt und Dünmann. Dazu kamen Fälle von Renitenz.

Man kann sich an den sportlichen Erfolg selbstbewusst erinnern. Die Umstände der zeitgleichen Verbrechen und Opfer kann man aber nicht ausblenden. Ob sich das in dem im Titel genannten, heute mit Ausnahmen nicht mehr zu hörenden Fangesang, ausdrückt, kann man bezweifeln – wenngleich emotionale Zuspitzung und nicht Komplexität Sinn und Zweck eines Fangesang sind. Autor Laurin Rosenberg findet jedenfalls eine treffende Schlussfolgerung mit Rapid-Bezug: „Die Gründung des 1. Wiener Arbeiter Fußball-Clubs erfolgte 1897 durch Arbeiter der Hutfabrik der Gebrüder Böhm. Diese Fabrik hatte eine Zweigstelle in der kleinen tschechischen Stadt Nový Jičín. In genau dieser kleinen Stadt wurde Max Mannheimer 1920 geboren. Als Jude wurde er inhaftiert und überlebte mehrere Konzentrationslager. Als Zeitzeuge sprach er mit tausenden von Menschen und sagte immer wieder einen Satz, den auch wir hier ans Ende dieser Broschüre setzen wollen: Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Mittwoch, 27. Januar 2021

Stein der Erinnerung für Fritz Dünmann

Wien, 27.1.2021

Am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erinnert der SK Rapid mit einem neuen Stein der Erinnerung an den von den Nazis ermordeten ehemaligen Rapid-Spieler Fritz Dünmann.

Der jährliche Gedenktag am 27. Jänner ist der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau durch die sowjetische Armee am 27.1.1945 gewidmet. Er erinnert damit auch an den dort ermordeten Rapidler Fritz Dünmann. Alfred „Fritz“ Dünmann wurde am 5. Dezember 1884 in Wien geboren und war in der Frühphase der Rapid-Geschichte als Spieler am linken Flügel im Einsatz. Er spielte in den Jahren 1906 und 1907 auch dreimal für die österreichische Nationalmannschaft, wobei er ein Tor erzielte. In der Festschrift zu zwanzig Jahren Rapid aus dem Jahr 1919 (Historische Dokumente) heißt es über ihn: „Dünmann, der schlanke, sehnige Bursche mit dem markanten scharfen Profil, war einer der schneidigsten und geistesgegenwärtigsten Stürmer, die wir je in unserer Mitte hatten.“
Seit 2019 erinnert bereits ein Stein der Erinnerung für Wilhelm Goldschmidt an den von den Nazis ermordeten Namensgeber Rapids. Eine Eröffnungsveranstaltung wie damals konnte dieses Mal aufgrund der gesundheitlichen Situation in der Pandemie nicht erfolgen. Es ist sehr zu begrüßen, dass Rapid diese Initiative hier mit dem zweiten Stein fortführt. Seit 2005 werden in Wien von einem Verein die Gedenksteine an den Wohnorten und Orten der Vertreibung und Deportation von Wiener Jüdinnen und Juden verlegt. Gleiches tun auch vier weitere Vereine in Bezirken. Da die Hauseigentümer überwiegend das Gedenken an die ermordeten Bewohnerinnen und Bewohner ihrer Häuser ablehnen, werden die Gedenksteine auf öffentlichem Grund am Gehsteig verlegt. Das Konzept stammt vom deutschen Künstler Gunter Demnig, der über die Wiener Nachahmung seiner Arbeit verärgert ist. Seit 1992 hat Demnig über 75.000 seiner Stolpersteine genannten Gedenksteine in 26 Ländern verlegt.
Der Fanklub Grün-Weiße AkademikerInnen übernahm die Kosten für den Stein der Erinnerung für Fritz Dünmann ebenso wie zuvor schon für jenen für Wilhelm Goldschmidt. Lehrreiches über NS-Täter und NS-Opfer aus den Reihen Rapids sowie zum Verhalten des Vereins ist in der Dauerausstellung des Rapideum zu erfahren bzw. auch online in der Zeitreise.
Im Novemberpogrom in der Nacht von 9. auf den 10. November 1938 ließen die Nazis deutschlandweit eine offene Welle der antisemitischen Gewalt los. In Wien lebten die Nazis sich dabei im Vergleich besonders stark aus. Die Wohnungen von ca. 70% der Wiener Jüdinnen und Juden wurden überfallen und geplündert, oft von den Nachbarn. Mehr als 4.000 Wiener Geschäfte und Gewerbebetriebe, die Jüdinnen und Juden gehörten, verwüsteten und enteigneten die Nazis. 42 Synagogen und jüdische Bethäuser wurden in Brand gesteckt. 27 Wiener Jüdinnen und Juden wurden ermordet, 88 schwer verletzt und 680 flüchteten sich in den Selbstmord. 6.500 Jüdinnen und Juden wurden verhaftet, in Polizeigefängnisse gesperrt und vielfach misshandelt, v.a. die in einem Behelfsgefängnis im 20. Bezirk eingesperrten 200 Frauen. 4.000 jüdische Männer wurden in den nächsten Tagen aus Wien in das KZ Dachau deportiert. Unter ihnen war auch Fritz Dünmann, der als Handelsangestellter gearbeitet hatte und sich in Hietzing dieses Haus bauen (lassen) konnte, in dem er mit seiner Frau lebte. Auch heute leben hier noch Familienmitglieder.
Aus dem KZ Dachau wurde Dünmann am 20.1.1939, unter der Bedingung das Deutsche Reich zu verlassen, entlassen. Er konnte dann mit täglicher Meldepflicht bei der Polizei noch einige Monate bei seiner Frau Anna in Wien sein, bevor er im Juli 1939 über Italien nach Frankreich flüchtete. In Grün-weiß unterm Hakenkreuz ist über seinen Leidensweg zu lesen: Er lebte in Nizza und befand sich damit nach der vorläufigen Niederlage Frankreichs im Mai 1940 im nicht von der deutschen Wehrmacht besetzten Landesteil. Während im deutsch besetzten Teil Frankreichs wie in allen von der Wehrmacht eroberten Ländern unter Federführung der deutschen Besatzungstruppen mithilfe lokaler Kräfte Jüdinnen und Juden verfolgt und zur Ermordung deportiert wurden, übernahmen das im nicht besetzten Teil die französischen Behörden des mit Hitler kollaborierenden Vichy-Staats. In mehreren Verhaftungswellen nahm hier die Polizei ab 1941 vor den Nazis aus Deutschland und Österreich geflüchtete Jüdinnen und Juden fest. Unter ihnen war auch Fritz Dünmann. Er wurde Ende 1941 festgenommen, in Südfrankreich in Internierungslager gesperrt, am 28. September 1942 in die deutsch besetzte Zone überstellt, am 4. November 1942 aus dem Sammellager Drancy (bei Paris) in das KZ Auschwitz deportiert und dort von den Nazis ermordet.
Die Hietzinger Feldkellergasse ist Fritz Dünmanns letzte Wiener Adresse. Ausschnitt aus dem Wiener Telefonbuch des Jahres 1938 (Telegraphendirektion Wien, Niederösterreich und Burgenland (Hg.), Amtliches Teilnehmerverzeichnis des Fernsprechnetzes Wien, Ausgabe Wien Mai 1938, S. 108)
Niemals vergessen.

Dienstag, 8. Januar 2019

Stein der Erinnerung für Wilhelm Goldschmidt

Wien, 8.1.2019

In der Wiener Leopoldstadt enthüllte der SK Rapid zum Auftakt der 120-Jahre-Vereinsjubiläumsfeierlichkeiten einen Stein der Erinnerung für den 1942 als Jude von den Nazis ermordeten Wilhelm Goldschmidt, der 1899 dem SK Rapid seinen Namen gegeben hatte. Er liegt vor dem Haus in der Großen Schiffgasse 22, wo Goldschmidt mit seiner Familie zuletzt bis 1939 lebte, bevor er durch den „Arisierung“ genannten Raubzug der Nazis seine Wohnung verlor.


Am 8. Jänner 1899 wurde aus dem seit 1897 bestehenden 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club ein neuer Verein: Der Sportclub „Rapid“. Den Antrag für den neuen Namen stellte auf der Generalversammlung der Klubsekretär Wilhelm Goldschmidt. Unsere Rapid verdanken wir diesem Mann mit mährischem Migrationshintergrund und jüdischer Herkunft. Am 22.7.1880 war er in Brünn geboren worden. Im Zuge der Ermordung der Wiener Jüdinnen und Juden wurde er am 5. Juni 1942 in einem Deportationszug ins deutsch besetzte Izbica in Polen deportiert. Zwischen dem 9. April und dem 5. Juni 1942 gingen insgesamt vier Deportationstransporte mit 4.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern vom Wiener Aspangbahnhof nach Izbica ab, wie das DÖW berichtet. Hier hatten die deutschen Behörden ein Durchgangslager der Shoah errichtet. Von März bis Juni 1942 wurden 17.000 Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich, dem deutsch besetzten Tschechien und aus der faschistisch regierten Slowakei nach Izbica deportiert. Von dem Sammellager gingen Bahntransporte in die Vernichtungslager Bełżec und Sobibór. 4.500 Jüdinnen und Juden wurden von der SS auf dem örtlichen Friedhof von Izbica erschossen. Die Spur des 62-jährigen Lebens des Wilhelm Goldschmidt verliert sich hier. Niemand von den 4.000 nach Izbica deportierten österreichischen Jüdinnen und Juden überlebte das Morden der Nazis. Wilhelm Goldschmidt war der erste bedeutende Rapid-Funktionär der Vereinsgeschichte und einer von 66.500 Österreicherinnen und Österreichern und sechs Millionen Europäerinnen und Europäern, die den Nazis nach ihren „Nürnberger Rassegesetzen“ als jüdisch galten und deshalb von ihnen umgebracht wurden.


Rapid-Präsident Michael Krammer eröffnete die Aktivitäten Rapids zum 120-jährigen Jubiläumsjahr 2019.


Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek zitierte die Proletenpassion: „Wir wissen, wohin wir gehen, weil wir wissen, woher wir kommen.“


Rapideum-Koordinator Laurin Rosenberg erzählte über die Person Wilhelm Goldschmidt


Gerald Netzl vom Fanklub Grün-Weiße AkademikerInnen, auch engagiert im Verein Steine der Erinnerung in Liesing. Der Fanklub bezahlte von sich aus die Kosten für die Verlegung des Gedenksteins. Netzl spannte den Bogen der Erinnerung in die Gegenwart und verwies auf die positive Errungenschaft, dass früher zu hörende antisemitische Gesänge gegen den Stadrivalen heute der Vergangenheit angehören, und heute auch Homophobes und Rassistisches beendet werden sollte.


Adi Hasch, Stellvertreter der Bezirksvorsteherin des II. Wiener Gemeindebezirks


Mit dem 2011 von Jakob Rosenberg und Georg Spitaler unter Mitarbeit von Domenico Jacono und Gerald Pichler erstellten Buch Grün-Weiß unter Hakenkreuz wurde der Name Wilhelm Goldschmidt einer größeren Öffentlichkeit in Erinnerung gerufen. Jakob Rosenberg erklärte damals: „Es ist ein Sieg der Nazis, dass in Vergessenheit geraten ist, dass Jüdinnen und Juden ein Teil des Alltags waren. Auch bei Rapid.“ 2016 leiteten die Ultras Rapid ihre Jubiläumschoreographie zu 75 Jahren deutscher Meister Rapid 1941 mit dem großen Spruchband „Gewidmet Wilhelm Goldschmidt und allen Rapidlern, die dem Dritten Reich zum Opfer fielen“ ein. Lesenswert ist dazu der Beitrag „Niemals vergessen“ von Domenico Jacono (pdf) aus dem Block West Echo 37. Der Stein der Erinnerung erinnert nun an Wilhelm Goldschmidt.


Seit 2005 werden in Wien von einem gleichnamigen Verein sogenannte Steine der Erinnerung als Gedenksteine an den Wohnorten und Orten der Vertreibung und Deportation von Wiener Jüdinnen und Juden durch die Nazis verlegt. Gleiches tun auch vier weitere Vereine in jeweiligen Wiener Bezirken. Da die Hauseigentümer überwiegend das Gedenken an die ermordeten Bewohnerinnen und Bewohner ablehnen, werden die Gedenksteine auf öffentlichem Grund am Gehsteig verlegt. Eine sehr wichtige Initiative. Es ist in Summe das größte Denkmal für die Ermordeten der Shoah und erinnert an sie als ermordete Nachbarinnen und Nachbarn an ihren Wohnorten. Das Konzept stammt vom deutschen Künstler Gunter Demnig, der über die Wiener Nachahmung seiner Arbeit verärgert ist. Seit 1992 hat Demnig über 70.000 seiner Stolpersteine genannten Gedenksteine in 24 Ländern verlegt.


Klubsekretär Wilhelm Goldschmidt am ältesten Mannschaftsfoto aus dem Jahr 1898 (rechts stehend)

Dienstag, 1. Oktober 2013

Die NS-Zeit und ihre Aufarbeitung in Geschichte und Gegenwart des SK Rapid Wien

Die NS-Zeit und ihre Aufarbeitung in Geschichte und Gegenwart des SK Rapid Wien

Themenabend im Rahmen der Ausstellung Tatort Stadion Wien

Georg Spitaler, Domenico Jacono

30.9.2013
Rapideum
Gerhard-Hanappi-Stadion



Zu einer Veranstaltung zur Aufarbeitung der NS-Zeit bei Rapid im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung Tatort Stadion Wien fanden sich im Hanappi-Stadion knapp über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, sowohl Leute aus der Rapid-Fanszene als auch fußballkulturell und/oder politisch Interessierte von anderswoher.

Im ersten Teil des Abend stellte Mitautor Georg Spitaler in der Aula der Südtribüne des Hanappi-Stadions kurz ein weiteres Mal die Studie Grün-Weiß unterm Hakenkreuz vor. Er griff einige Ergebnisse heraus. Die NS-Parteimitgliedschaft von 50% auf Funktionärsebene lag über dem Bevölkerungsdurchschnitt, war aber nicht überraschend hoch und kontrastierte vor allem zum Umstand, daß unter den aktiven Spielern niemand der NSDAP beitrat. Der Verein paßte sich den neuen Machthabern nach 1938 an und profitierte von der NS-Zuschreibung als „bodenständig“, was von diesen als Kontrast zum antisemitischen Feindbild „jüdisch“ formuliert wurde. Anderen Vereinen, hier vor allem der Vienna, gelang es aber im weiteren Verlauf des Krieges besser, Spieler zumindest zeitweise vom Kriegseinsatz freizuhalten und so besser besetzt spielen zu können.


Um das große Rapidspiel jener Jahre, das Endspiel um die deutsche Meisterschaft zwischen Rapid und Schalke 04 1941, halten sich auch nach ihrer Widerlegung durch die Studie die jahrzehntelang gebildeten Mythen hartnäckig, wie Spitaler bedauernd feststellte. Weder war der Rapidsieg ein Widerstandsakt noch wurde Rapid dafür bestraft und es gibt auch keinerlei Belege für die Schiebungsgerüchte. Kurz angerissen wurde auch eines der wichtigsten Ergebnisse der Forschungsarbeit, nämlich das „vergessene Erbe“ der jüdischen Spieler und Funktionäre von Rapid. Herausragend ist hier die Person des von den Nazis im Holocaust ermordeten Wilhelm Goldschmidt, der für die Namenswahl Rapid 1899 verantwortlich war. Die folgende Diskussion drehte sich u.a. um den Vergleich mit anderen Wiener Vereinen und die Frage des Fußballbezugs der Vorstadt-Jugendkultur der von den Nazis sogenannten Schlurfs, die sich vor allem durch Mode und Musikgeschmack definierten und der NS-Einförmigkeit und der HJ widersetzten.


Anschließend wurde die Veranstaltung im Rapideum fortgesetzt. Anhand des Umgebungsplans der ersten Rapid-Heimstätte auf der Schmelz erläuterte Rapideum-Kurator Domenico Jacono „die rote und die schwarze Seite“ der Rapidgeschichte. Von Anfang an gab es sowohl Arbeitermilieu als auch Kleingewerbetreibende im Anhang und letztere in Funktionen. Der christlich-soziale Politiker (und notorische Antisemit) Leopold Kunschak führte etwa den Ankick auf der Pfarrwiese aus. Sowohl über den üblichen bürgerlichen Antisemitismus fanden die Nazis einen Anknüpfungspunkt als auch über den tief in der Vereinsidentität verwurzelten „Kampf“ als Teil des Rapidgeists, der als dem abwertend für „jüdisch“ erklärten spielerischen Fußballverständnis gegenüberstand.


Anhand der Präsentation des Teils zur NS-Geschichte in der Ausstellung des Rapideums veranschaulichte Jacono die damalige Geschichte Rapids anhand Beispielen für Anpassung, für Täter und für Opfer. In der sich nicht schließen lassenden Lade Niemals vergessen mit verschiedenen Dokumenten zur Ansicht befindet sich etwa ein Bild der von Rapid 1940 stolz präsentierten 70 Trophäen und Pokale, die zur Altmetallspende an Hitlers Geburtstag gegeben wurden, um damit Waffen für den Krieg zu produzieren. Ein Beispiel eines Täters ist das Rapid-Vorstandsmitglied (Leiter der Radfahrsektion) Karl Kochmann, der an den Raubzügen des Novemberpogroms 1938 beteiligt war. Noch viel deutlicher ist aber wohl das Beispiel des Rapidspielers Fritz Durlach, der als Folterer später als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Eine interessante Biographie ist die des aus einer jüdischen Familie stammenden Leo Schidrowitz. Er war ein enger Mitarbeiter von Mister Rapid Dionys Schönecker, konnte 1938 durch Flucht sein Leben retten und nach der Befreiung 1945 zurückkehren (seine Schwestern wurden ermordet).


Die Brücke in die Gegenwart schlug ein Fernsehbeitrag aus dem Jahr 1983, der einen damaligen Rapid-Fanklub (Terrorszene) portraitierte und in dem u.a. von den Neonazi-Propagandaaktionen und Anwerbungen erzählt wird. Daraus entwickelte sich dann eine Debatte über heutige Anwesenheit aber Marginalisierung von Rechtsextremen unter Rapidfans, Entparteipolitisierung des Fanblocks, die heutige Fankultur und über Fangesänge und Schimpfworte. Angesprochen aber nicht gelöst wurde die Frage der Homophobie − eine nicht gestellte Frage oder ein Tabu? − oder die Frage des Ausmaßes und der „Tiefe“ der Beschimpfung des Gegners. Auf die Frage nach der so verfehlten Vorbildwirkung für Kinder kam die nicht ganz von der Hand zu weisende Gegenfrage, ob denn Vorbildwirkung für Kinder tatsächlich die Kernaufgabe eines Fanblocks wäre.


Es war ein spannender Abend.

Donnerstag, 23. Juni 2011

Tagung: Fußball unterm Hakenkreuz


Tagungsbericht


Fußball unterm Hakenkreuz
70 Jahre „Großdeutscher Meister“ Sportklub Rapid
Fußballklubs im Nationalsozialismus: „Ostmark“, „Altreich“ und „Protektorat Böhmen und Mähren“ im Vergleich
22. Juni 2011, 10:00 − 21:00 Uhr
Gerhard-Hanappi-Stadion: Aula


Projektteam Grün-Weiß unterm Hakenkreuz
SK Rapid / Rapidmuseum
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW)
Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien



Vor kurzem präsentierte der SK Rapid seine Aufarbeitung der NS-Zeit in dem hervorragenden Buch Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938−1945) von Georg Spitaler und Jakob Rosenberg. Zur Vertiefung und Erweiterung der Thematik fand im Hanappi-Stadion dazu eine spannende Tagung statt, die viele interessante Fakten und Anknüpfungspunkte brachte. Die Konferenz fand an einem geschichtsträchtigen Tag statt, dem siebzigsten Jahrestag sowohl des Gewinns der großdeutschen Meisterschaft durch Rapid als auch des Überfalls Nazideutschlands auf die Sowjetunion 1941.

Im folgenden meine persönlichen Eindrücke der Tagung, die sich in drei thematischen Blöcken erst mit dem Fußball im NS-Regime allgemein, dann mit mehreren Beispielen österreichischer Fußballvereine nach 1938 und schließlich mit Rapids Meisterschaft 1941 beschäftigte.

Rapid-Präsident Rudolf Edlinger verwies in seinen Eröffnungsworten auf die tradierte Überlieferung der NS-Zeit in vielen Büchern von und über Rapid in den vergangenen Jahrzehnten, in denen die Autoren offensichtlich voneinander abschrieben, so entstand eine Geschichte, die als Wahrheit genommen wurde. Es ist ein großes Verdienst, diesen Grauschleier gehoben und die Geschichte der Rapid in jener Zeit durch fundierte Recherche der Fakten auf eine neue, feste Basis gestellt zu haben. Domenico Jacono vom Rapidmuseum brachte dies eingangs auf den Punkt, in dem er auf den oft verwendeten Begriff der dunklen Jahre verwies, unter dessen Deckmantel auch in der Vereinsgeschichte Unangenehmes verschwiegen, verdrängt und vergessen wurde, Kontinuitäten konstruiert und Brüche geglättet wurden. Dies ziehe sich durch alle Geschichtspublikationen, von denen im Schnitt immerhin alle fünf Jahre eine erschienen sei. Jacono machte einen Bruch an der Rede Bundeskanzler Vranitzkys im Nationalrat im Jahr 1991 fest, der einen allgemeinen Einschnitt im verdrängenden Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit bedeutete, was sich auch in der Sporthistorie niedergeschlagen habe. Niemals vergessen, so Jacono, sollte auch in der Erinnerungsarbeit von Rapid ein Leitspruch werden.

Teil 1

Fußball im Nationalsozialismus: Wien, „Altreich“ und „Protektorat Böhmen und Mähren“ im Vergleich

Im ersten Themenblock der Tagung ging es um die Grundlagen, einen vergleichenden Einblick in den Fußball in der Nazizeit. Es begann Matthias Marschik, Autor des im Laufe des Tages mehrmals angesprochenen Buchs Vom Nutzen der Unterhaltung. Der Wiener Fußball in der NS-Zeit: Zwischen Vereinnahmung und Resistenz aus dem Jahr 1998. Er gab eine Einführung in die Thematik der Massen- und Popularkultur des Wiener Fußballs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und periodisierte den Fußball nach dem Anschluß.

Bernhard Hachleitner stellte Erkenntnisse seiner Forschungen zur Geschichte des Wiener Praterstadions vor. Interessant waren dabei drei Punkte: Erstens das Bemühen der Nazis um eine architektonische Hierarchisierung im modernen Betonbau, einem Abheben der Ehrentribüne von den übrigen Reihen und dem Plan eines hervorgehobenen Entrées. Zweitens die bereits bekannte Nutzung des Stadions als Gefängnis 1939, in dem Jüdinnen und Juden bis zu ihrer Deportation ins KZ Buchenwald eingesperrt wurden. Drittens der weiterlaufende Alltagsbetrieb im Weltkrieg, für den Hachleitner die Zusammensetzung des Fußballpublikums 1941 anhand der Statistik der ausgegebenen Eintrittskartenkategorien erheben konnte: 10 Prozent waren Soldaten, 1 Prozent Verwundete und 17 Prozent (!) Jugendliche.

Markwart Herzog von der Schwabenakademie Irsee beleuchtete vier Biographien von NS-Funktionären, die aus dem Westen Deutschlands, genauer aus der Pfalz, 1938 nach Wien kamen, um den Anschluß und die Volksabstimmung zu organisieren und propagandistisch zu begleiten. Sie waren auch Sportfunktionäre, die den Fußball als Bühne nutzen. Neben dem Gauleiter Josef Bürckel stach dabei insbesondere die Person des Jakob Knissel hervor, der in Wechselwirkung dann Rapid zu einem Gastspiel in seine Heimat Homburg brachte, wo er ein Stadion hatte errichten lassen und sich zum Führer eines städtischen Fusionsvereins gekürt hatte.

Eine Fülle für mich neuer Informationen brachte der Vortrag von Stefan Zwicker von der Universität Bonn über den Fußballbetrieb im von Hitlerdeutschland ab 1938/39 teils annektierten und okkupierten Tschechien. Im eingegliederten Sudetenland wurden die tschechischen Minderheitsvereine aufgelöst und die deutschen Fußballklubs in NSTG (Nationalsozialistische Turngemeinde) zusammengefaßt. Das sollte dazu dienen, einen der NS-Ideologie entsprechenden Mustergau zu schaffen, hatte aber sportlich vor allem die Folge, daß gewachsene Strukturen zerstört wurden und der sudetendeutsche Fußball in der großdeutschen Meisterschaft gegenüber den Vereinen aus Altreich und Ostmark erfolgslos blieb.
Zwicker stellte fest, daß es insgesamt zu keiner Bevorzugung des deutschen gegenüber dem tschechischen Fußball kam, sondern zu einer nationalen Trennung. Im übrigen besetzten Protektorat Böhmen und Mähren wurden weiter eigene tschechische Fußballbewerbe ausgetragen. Dies gehörte zum Konzept der Besatzungsmacht, ein Alltagsleben möglichst aufrechtzuerhalten, um Wirtschaft und Industrie für den Krieg nutzen zu können. Der Fußball paßte hier hervorragend hinein. Ein auffallender Kontrast zum besetzten Teil Polens, denn im dortigen Generalgouvernement wurde das Sporttreiben von den deutschen Besatzern bei Todesstrafe verboten.
Jüdische Spieler, Funktionäre und Zuschauerinnen und Zuschauer waren auch in Böhmen und Mähren vom Fußball ausgeschlossen, wurden verfolgt und ermordet. Die Terrorherrschaft der deutschen Besatzung ist trotz Aufrechterhaltung des Alltags nicht zu vergessen. Zwicker erwähnt Lidice. Das Stadion von Slavia Prag, wo Josef Bican (Meister mit Rapid 1935) zur Legende wurde, wurde im Prager Aufstand des Mai 1945 in einer Vergeltungsaktion niedergebrannt.

Teil 2

Österreichische Fußballklubs nach dem „Anschluß“

Das zweite Panel eröffneten am Nachmittag Vorträge von Susanne Helene Betz über die Geschichte der Hakoah Wien und ihrer Sportanlage in der Krieau 1919−1945 sowie von David Forster (Archiv der IKG, Ballesterer) über die Wiener Austria. Leider habe ich die Beiträge aufgrund anderweitiger Verpflichtung versäumt. Von Forsters Beitrag sah ich noch die von ihm zum Schluß präsentierten offenen Fragen zur Austria-Vereinsgeschichte: Lücken in der Verfolgungsgeschichte jüdischer Funktionäre und Ex-Spieler. Die Frage von NSDAP-Mitgliedschaften, Arisierungen und der Rolle der neuen Vereinsführung und Schirmherren. Austrianer bei der Wehrmacht. Die Frage von Ausschreitungen (Beispiel Austria gegen Schalke 04).
Aus der Diskussion entnahm ich, daß es der Führung der Austria gegenüber anderen Wiener Vereinen, insbesondere Rapid und Vienna, schlechter bis nicht gelang, ihre Spieler zunächst vom Wehrdienst zu bewahren und später von der Wehrmacht freigestellt zu bekommen.

Mit der Vienna beschäftigte sich daraufhin Alexander Juraske in seinem Vortrag unter dem Titel Die Triskele unter dem Hakenkreuz. Der First Vienna Football Club 1894 im Nationalsozialismus. Die Vienna war nach Rapid der sportlich erfolgreichste österreichische Fußballverein in der NS-Zeit und errang damals drei ihrer sechs Meistertitel. Als mitverantwortlich dafür nannte Juraske Vereinsmitglied Curt Reinisch, der als Personalchef der Wiener Lazarette vielen eingerückten Fußballern helfen konnte. Nachzulesen im Buch Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Juraske berichtete, daß es bisher keine umfassende Darstellung über die Vienna in den Jahren 1938 bis 1945 gibt und bisherige vereinseigene Publikationen sich nur sehr wenig mit dieser Zeit beschäftigt haben. Er kündigte allerdings an, daß bereits diesen Herbst das Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte angegangen werden soll. Eine positiv hervorzustreichende Nachricht.

Keine Erzählung über den Wiener Sport-Club kommt offenbar ohne eine mehr oder weniger geschickt eingewobene Erwähnung des 7:0 Triumphs gegen Juventus Turin im Jahre 1958 aus. WSC-Archivar Michael Almasi-Szabo nimmt diese Hürde eingangs mit Bravour und berichtet dann über die Geschichte des Vereins von den 1920er bis in die 1940er Jahre. Für die Themenstellung der Tagung zentral ist dabei der von Almasi-Szabo mittels Zitat aus einem Zeitungsartikel anschaulich dargestellte Umstand, daß der WSC bereits 1922 dafür bekannt war, keine jüdischen Mitglieder zuzulassen, auch ohne formal festgeschriebenen Arierparagraphen. Almasi-Szabo stellte dem die hohe Zahl an Freundschaftsspielen gegen die jüdische Hakoah in der Zwischenkriegszeit gegenüber. Leider geriet sein Beitrag insgesamt zu sehr defensiv-vereinspatriotisch und wurde damit zum inhaltlich schwächsten dieses Tages. So konnte etwa sein Erklärungsversuch die Frage von Domenico Jacono, warum in Zeitungsberichten aus der Ersten Republik auffallend oft der Begriff von Hakenkreuzler-Krawallen im Zuge von Ausschreitungen bei Spielen des Wiener Sport-Clubs jener Zeit vorkommt, nicht befriedigend beantworten.

Michael John von der Universität Linz stellte schließlich noch den Fußball im Gau Oberdonau ab 1938 vor. Im Zuge eines Programms der Entprovinzialisierung der Provinz, wie es John bezeichnete, sollte die Führerstadt Linz auch zur Sportstadt werden. Dafür wurden sportliche Events organisiert, dem LASK anstelle des Meisters Vorwärts Steyr zum Aufstieg verholfen und nach dem Vorbild Nürnbergs ein Stadion für 100.000 Menschen geplant. Zur Unterstützung des politischen Gebietserweitungsanspruchs des Gaus Oberdonau wurde Budweis in die oberösterreichische Meisterschaft eingeliedert, was allerdings propagandistisch nach hinten losging, da die nach Berichten mit Tschechen (die nicht in die Wehrmacht mußten) verstärkte Mannschaft die Liga mit Kantersiegen dominierte, woraufhin sie nicht mehr zur Meisterschaftsteilnahme eingeladen wurde. Beispiele von Resistenz bei Fußballspielen wie in Wien fand John in Oberösterreich nicht, was er mit den mehr gebrochenen, auch migrantischen Identitäten in der Großstadt Wien erklärte. Die inhaltliche Basis seines Vortrags bildete eine Fußballausstellung in Linz 2008, zu der auch ein begleitendes lesenswertes Buch erschien.

Teil 3

Rapid − „großdeutscher Meister“

Der letzte Programmpunkt der Tagung rückte den Ausgangspunkt der Beschäftigung mit der NS-Zeit in den Mittelpunkt: Rapids Titelgewinn 1941. Das Thema verfolgten mit ca. 80 Besucherinnen und Besuchern mittlerweile doppelt so viele Leute als am Vormittag. Durch den Abendtermin konnten auch interessierte Berufstätige teilnehmen. Als Einstand schilderte der 91-jährige Leopold Gernhardt, der letzte lebende Spieler des Finalspiels zwischen Rapid und Schalke 04 im Berliner Olympiastadion am 22. Juni 1941, seine Eindrücke und Erinnerungen. Auch wenn man die Anekdoten bei mehreren Gelegenheiten in den letzten Jahren bereits hören durfte, ist es immer wieder ein rührendes, beeindruckendes und faszinierendes Erlebnis, sie aus dem Mund eines solch großen Rapidlers zu hören.

Ulrich Matheja von der deutschen Fußballzeitschrift Kicker und Redakteur des Kicker-Almanachs erklärte zunächst die Ausgangslage, die Organisation des deutschen Meisterschaftsbetriebs und die Veränderungen nach Anschluß und Kriegsbeginn. Er wies auch darauf hin, daß in der Vorberichterstattung zum Finalspiel im Kicker zu lesen war, es sei bedauerlich, daß es diesmal keine Sonderzüge nach Berlin gebe, weil sonst noch mehr Fans aus Wien Rapid begleiten würden. Im Rückblick weiß man, warum keine Sonderzüge fahren durften, da an diesem Tag der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion stattfand.

Hardy Grüne, Autor von 60 Büchern (!) zu Fußballkultur und -geschichte sowie Fußballenzyklopädist, gab anschließend einen Kurzüberblick über die Geschichte von Schalke 04 (zu der er erst unlängst ein Buch veröffentlicht hat) und die Schalker Sicht der Meisterschaft 1941. Interessant an seinem Vortrag, gemeinsam mit der Publikumsdiskussion, war die beidseitige Mythendekonstruktion. So hielt Grüne fest, daß Schalke, das in der NS-Zeit seine größten Erfolge feierte, kein Naziverein, aber ein zunehmend von den Nazis vereinnahmter Verein war. Aus seiner Gründungsgeschichte war Schalke zwar kein Arbeiterverein, aber ein ursprünglich bürgerlicher Verein, der zur Plattform des Auslebens antibürgerlicher proletarischer Sehnsüchte im Fußball wurde. Dies wurde von den Nazis gerne propagandistisch genutzt. Darin gleicht Schalke Rapid.
Zu den wirkmächtigsten Mythen, die sich rund um das Finalspiel 1941 entwickelten, gehören wechselseitige Schiebungsgerüchte. Der Spielverlauf, in dem Rapid lange klar im Hintertreffen war und dann einen 0:3 Rückstand in einen 4:3 Sieg verwandelte, schien dafür eine Basis zu bieten. Grüne verwies darauf, daß Schalke in jenen Jahren schon zuvor mehrmals einen Vorsprung beinahe oder tatsächlich verspielt hatte und Manipulationsgerüchte bereits 1938 aufgetaucht wären, als Schalke im Finale um die Meisterschaft Hannover 96 unterlegen war. Er hielt fest, daß es außer der hinterfragenswerten Aussage eines Schalker Spielers keinerlei Hinweise auf Schiebung gibt: Das ging alles mit rechten Dingen zu − und das weiß man mittlerweile auch in Gelsenkirchen. 1941 spielt im Unterschied zu Rapid im Schalker Fan-Gedächtnis allerdings keine große Rolle.

Georg Spitaler und Jakob Rosenberg stellten ergänzend ausgewählte Aspekte ihrer Studie Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938−1945) vor und legten dabei ebenfalls einen Fokus auf die Mythenbildung. Spitaler klopfte den Widerstandsmythos (Rapids Triumph als Widerstand des kleinen, antifaschistischen Österreich gegen das das große naziprotegierte Schalke) auf die Realität ab, Rosenberg den tradierten Mythos von der strafweisen Einberufung von Rapidlern zur Wehrmacht als Konsequenz des Titelgewinns 1941. Diese Geschichte entspricht schlicht nicht den Tatsachen, da Einberufungen teils bereits vorher erfolgt waren und andererseits gleichzeitig auch andere große Vereine wie Schalke oder der Dresdner SC den Verlust von Spielern beklagten. Daß die Fußballer in den Krieg mußten, hatte eher etwas mit dem welthistorisch bedeutenderen Ereignis des 22. Juni 1941, der Ausweitung des Zweiten Weltkriegs, zu tun als mit dem Ausgang dieses Fußballspiels. Allerdings hat sich, wie von Rudolf Edlinger zu Beginn der Tagung angesprochen, eine gegenteilige Erzählung zur Wahrheit entwickelt, sodaß hier für den SK Rapid, das kommende Rapidmuseum, aber auch für alle Rapid-Fans die Aufgabe bleibt, die Tatsachen weiterzutragen und im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Rapid hat es sich nicht verdient, daß wir von seiner Geschichte die Unwahrheit erzählen.

Abschließend beschäftigten sich Wolfgang Maderthaner und Roman Horak, die bereits 1997 das bahnbrechende Buch Mehr als ein Spiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne veröffentlicht haben, in einem Kommentar mit den Möglichkeiten der Erinnerungskultur: Wie kann oder soll sich Rapid seiner Vergangenheit erinnern? Maderthaner strich das Erinnern an verschüttete und vergessene widerständige Geschichten und Geschichte hervor. Horak sprach die Frage nach der Veränderung der Erinnerungskultur im Lauf der Geschichte an, welche Geschichten wer wann warum erzählt(e).

Diese Tagung war ein Meilenstein in der Beschäftigung mit der österreichischen Fußballgeschichte in der NS-Zeit. Rapid gebührt Respekt dafür, die Beschäftigung mit der Vereinsgeschichte angestoßen zu haben. Für mich war es ein spannender Tag des Lernens, Aufsaugens von Wissens und Kennenlernens neuer Aspekte. Den Organisatoren gilt mein Dank und meine Anerkennung für ein hervorragend zusammengestelltes Programm. Ich hoffe auf eine Publikation, die es ermöglicht, das alles noch einmal in Buchform nachzulesen.

Donnerstag, 17. März 2011

Grün-weiß unterm Hakenkreuz


Rezension

Jakob Rosenberg / Georg Spitaler
unter Mitarb.v. Domenico Jacono u. Gerald Pichler
Grün-weiß unterm Hakenkreuz
Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938−1945)
Hg.v. SK Rapid u. DÖW
Wien 2011
303 S.



Als erster österreichischer Bundesligaverein ließ der SK Rapid unter Präsident Rudolf Edlinger seine Geschichte in der Nazizeit kritisch aufarbeiten. Dafür Respekt und Anerkennung! Ausgegangen war die Initiative von den Autoren Jakob Rosenberg und Georg Spitaler, die anläßlich des Jubiläumsspiels gegen Schalke 04 im Jahr 2009 auf das Fehlen einer solchen Auseinandersetzung aufmerksam gemacht hatten.

Ein äußerst verdienstvolles Buch, das aufgrund akribischer Recherche mit Halbwahrheiten aufräumt, Mythen richtigstellt und Vergessenes wieder zu Tage fördert. Darüber, daß der Rapid-Namensgeber, Wilhelm Goldschmidt, 1942 deportiert und ermordet wurde, hatte schon Domenico Jacono in seinem Artikel über Rapid und das Judentum vor 1938 im Ballesterer 49 im Februar 2010 informiert. Nicht nur der damalige Klubsekretär Goldschmidt hatte aus einer jüdischen Familie gestammt, sondern auch weitere Funktionäre; mit Hans Fischer und Leo Deutsch in den 1920er Jahren sogar zwei Präsidenten. Dies alles wurde in der nachfolgenden Zeit erst unter den Tisch gekehrt und dann vergessen.

Neben Opfern (mit Flügelstürmer Fritz Dünmann wurde zumindest ein weiterer Rapidler ermordet), gab es auch Täter wie den Folterer Fritz Durlach. Während sich die Vereinsführung 1938 dem neuen Regime bald und erfolgreich anpaßte und die Hälfte des Vorstands der NSDAP beitrat, fanden die Forscher kein einziges Parteimitglied bei den Spielern. Der Verein Rapid fügte sich in das NS-Regime ein, war nicht übereifrig, aber auch nicht widerständig. Geschichten wie der Operation am gesunden Blinddarm, der sich zumindest Franz Bimbo Binder unterzog, um einem Kriegseinsatz in der Sowjetunion zu entgehen und nach Frankreich geschickt zu werden, demonstrieren den Wahnsinn des Krieges. Gerüchte über eine Bestrafungsaktion durch Einberufung zur Wehrmacht für die großdeutsche Meistermannschaft 1941 scheinen früh aufgetaucht zu sein, haben aber keine Grundlage.

Die institutionelle Rapid wird in diesem Buch gut aufgearbeitet. Die Korrespondenz von Spielern und Verein mit dem deutschen Reichstrainer Sepp Herberger ist etwa interessant zu lesen. Was wohl aufgrund des Mangels an Quellen vergleichsweise wenig vorkommt, ist die Dimension der Rapid-Fans. Über die anti-deutsche Stimmung und Ausschreitungen bei den Spielen der Rapid gegen Fürth und der Admira gegen Schalke 1940 wird berichtet. Auch darüber, daß der Fußballplatz ein vergleichsweise offener Ort angesichts der ringsum verbreiteten Denunziationen war.

Die Studie ist ein Meilenstein und sollte der Anstoß zu ähnlichen Projekten bei weiteren österreichischen Vereinen sein.
Fußballkultur lebt von Tradition und Tradition bedingt, seine Geschichte zu kennen.