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Sonntag, 21. April 2024

Giugliano – Casertana 1:1 (0:1)

Italien, Serie C, girone C, 37a giornata, 21.4.2024
Stadio Alberto De Cristofaro, 1.700

Viel zu sehen und zu hören in einem Topspiel der Serie C. Die Casertana liegt im Spitzenfeld von Platz 2 bis 5. Giugliano hatte bereits zuvor zum ersten Mal in der Geschichte einen Platz im Play-off der Serie C fixiert. Giugliano begann das Derby im Norden Kampaniens stark, doch aus einem Konter gingen die Gäste mit ihrer ersten Chance in Führung. Danach neutralisierten sich die Mannschaften, wie man so schön sagt. Eine halbe Stunde vor Schluss traf aber Giugliano zum umjubelten und auch verdienten Ausgleich.
Vor Spielbeginn wurde wie im ganzen Land eine Schweigeminute in Gedenken an Mattia Giani gehalten. Der Fußballer von Castelfiorentino verstarb letzten Sonntag auf dem Spielfeld.
„Sostegno incondizionato“ („bedingungslose Unterstützung“) war die Devise der in gelb-weiß-blau gehaltenen Choreographie im Heimsektor auf der Haupttribüne zu Spielbeginn. Als Curva Liternum treten die Ultras von Giugliano auf, benannt nach der antiken römischen Stadt Liternum, die einst in der Nähe der heutigen Stadt Giugliano in Campania bestand. Es gibt die Brigataboys 1984, 1999 entstanden aus dem Zusammenschluss der 1984 gegründeten Brigate gialloblu mit den Boys sowie Kumani (1997), Briganti (2009) und A difesa della città (2017). Zuletzt hatte es Unstimmigkeiten gegeben, weswegen man fast ein Jahr lang getrennt stand. Mit den Brigataboys auf der Haupttribüne und dem Rest der Gruppen auf der Gegentribüne. Aktuell steht man seit wenigen Wochen wieder beisammen und wählte dafür zumindest bis Saisonende den Haupttribünensektor. „Was Mentalität und Gesänge betrifft hört man von der ,Curva Liternum‘ seit langem nur das beste, viel mehr erfährt man aber nicht, denn sie gelten als sehr verschlossen was ihre mediale Präsenz betrifft.“ schreibt Josef Gruber in seinem Referenzwerk Lo stile di vita über sie. Mit der schönen Choreographie zu Spielbeginn setzten sich gleich einmal ein Ausrufezeichen. Die dazu angestimmten Gesängen waren aller erster Güte.
Das kann und muss man auch über den 450-köpfigen Auswärtsblock der Casertana sagen. Hier ertönten teils sehr lang gehaltene Lieder, in auch beachtlicher Lautstärke und mit Leidenschaft. Ein Spruchband verlautete „Libertà per gli ultras“ („Freiheit für die Ultras“), was auch skandiert wurde. Von Gegenüber kam von Giugliano dazu gerufen „Siamo ultras, non criminali“ („Wir sind Ultras, keine Kriminellen“). Ein zweitens Spruchband der Casertana „Il tuo sorriso continuerà a resplendere ... Ciao Simona!“ („Dein Lächeln wird weiterhin strahlen... Ciao Simona!“) könnte sich auf eine kürzlich beim Überqueren einer Straße von einem Autofahrer getöteten jungen Frau aus Caserta beziehen.
Das war von beiden Kurven Italianità und Mentalità Ultras im Übermaß, die versprüht wurde.
I-Tüpfelchen war eine plötzlich auf einem Wohnhaus-Balkon im Hintergrund gezündete und gehaltene Fackel.
Giugliano Calcio wurde 1928 gegründet, unter damaliger faschistischer Diktatur mit dem Namen US Fascista Giuglianese. 1929 wurde daraus, nach dem Namen einer faschistischen Organisation, die Dopolavoro Aurelio Padovani Giugliano und 1934 wiederum Fascio Sportivo Giugliano und 1939 G.I.L. Giugliano. 1940 bis 1944 gab es im Zweiten Weltkrieg keine Vereinsaktivität. Schon bald nach der Befreiung 1944 nahm man sie unter dem Namen Virtus Giugliano wieder auf. 1949 änderte man den Namen in AC Giugliano, 1951 in S.S. Giugliano und 1955 in US Giugliano. Nachdem man die Saison in der Promozione Campania-Molise 1956/57 am 16. Tabellenplatz abgeschlossen hatte, stellte der Verein den Spielbetrieb ein. Nach einer Saison Pause begann man 1958/59 neu als Freccia Azzurra Giugliano. 1962 wurde daraus wieder die US Giugliano, 1974 die SSC Giugliano, 1993 die AC Giugliano, 1998 wieder SSC Giugliano bis zum Vereinsende nach Ende der Saison in der Eccellenza Campania 2009/10. Eine Neugründung begann 2010/11 in der Prima Categoria als Associazione Sportiva Calcio Atletico Giugliano, änderte den Namen 2011 in ASD Giugliano 1928 und fusionierte 2013 mit der ASD Città di Pompei, womit man aus der Promozione in die Eccellenza kam, zur ASD Giugliano 1928 Calcio. nach Ablauf der Saison 2013/14 wurde die Vereinsaktivität allerdings beendet. Erst 2017 wurde nach drei Jahren Pause durch Erwerb der Spielberechtigung des in der Eccellenza spielenden Vereins ASD Bacoli Sibilla wieder in den Spielbetrieb eingestiegen. 2018 entstand aus der Fusion von ASD Bacoli Sibilla und ASD FC Giugliano Academy die ASD FC Giugliano 1928, die 2018/19 als Eccellenza-Meister in die Serie D aufstieg, wo man 2019/20 und 2020/21 spielte. Nach dem Abstieg in die Eccellenza 2021 wurde die Spielberechtigung dort verkauft und stattdessen von einem anderen Verein eine solche in der Serie D erworben, wo man nunmehr als Giugliano Calcio 1928 antrat bzw. trotz Abstieg de facto weiterspielte. Als Meister des Girone G der Serie D 2021/22 schaffte Giugliano den Aufstieg in die Serie C, in der man seit 2022/23 spielt. Die beiden Saisonen in der Serie C sind bislang der größte Vereinserfolg.
Das Stadio Alberto De Cristofaro wurde im Jahr 2000 als Neubau eröffnet. Es ersetzte das gleichnamige alte Stadion im Stadtzentrum, das danach abgerissen wurde. Es gibt zwei Längsseitentribüne, wovon die Haupttribüne überdacht ist. 6.030 Plätze bietet das Stadion derzeit. 2013 wurde das Stadion geschlossen und verkam zum Lost Ground, bis 2018 Renovierungsarbeiten begannen und es 2020 wiedereröffnet wurde. Giugliano hatte zwischenzeitlich seine Auswärtsspiele auswärts in Mugnano bestreiten müssen. Auffällig sind der hermetisch mit Netzen abgeschirmte Auswärtssektor und die uralten, verfallenen und teils zugewachsenen Stahltribünen auf einer Hintertorseite.
In Giugliano in Campania habe ich zuvor die Ruinen von Liternum besichtigt.

Samstag, 27. Januar 2024

Casertana – Latina 1:1 (1:0)

Italien, Serie C, girone C, 23a giornata, 27.1.2024
Stadio Alberto Pinto, 2.800

Remis am Samstagabend in der Serie C zwischen einer Casertana, die in der ersten Halbzeit besser war, und einer Latina, die nach der Pause ihre besten Phasen hatte. Mit einem guten Match zog die Casertana die Fans auf der Tribüne in ihren Bann. Tosenden Applaus gab es für einen (wie meist erfolglosen) Fallrückzieher.
Vor Spielbeginn gab es wie bei allen Spielen des Wochenendes in Italien eine Schweigeminute in Gedenken an die vor wenigen Tagen verstorbene Cagliari-Legende Gigi Riva, der mit ihnen 1969/70 italienischer Meister wurde und mit der Nationalmannschaft 1968 Europameister. Er war mit Cagliari mehrmaliger Torschützenkönig der Serie A und ist Rekordtorschütze der Nationalmannschaft.
Über weite Strecken war der Tifo um die 1981 gegründeten Fedayn Bronx weit oben in Bewertungsskalen angesiedelt. Der Gruppenname ist bemerkenswert. Der Begriff der „Bronx“ kontrastiert mit der Eigenschaft Casertas als Palaststadt. Das große ehemalige Königsschloss im Zentrum der Stadt im Hinterland Neapels präsentiert sich allerdings erst seit den millionenschweren Renovierungen der letzten Jahre so herausgeputzt wie jetzt. Im Interview mit Josef Gruber in Unterwegs 12 (wiederabgedruckt in Lo stile di vita) erklärte Giuseppe Frondella, „dass die Gruppe in dem bevölkerungsreichsten Viertel der Stadt gegründet wurde, das zudem in den 80ern nicht unbedingt zu den besten gehörte. Viele sprachen von Rione Acquaviva als den ,Bronx‘ Casertas. Eben darum wurde dieser Name ausgewählt.“
Ebenfalls bemerkenswert ist der prominente Fetzen der sez. Girls. Das blassrote Karomuster, die Bombe mit Lunte, die Lippen, die Augen ...
Auffällig abseits der Fedayn Bronx sind die neuen Boys Caserta und Way of Life. Über den Fedayn Bronx hingen die Freunde der Brigate Cassino.
Nach Schließung ihres Sektors beim letzten Heimspiel und Auswärtsfahrtverbot vorige Runde konnten die Ultras der Casertana an diesem Abend wieder auf der Distinti stehen. Die Anfänge der hiesigen Ultrasbewegung hatten seinerzeit bereits hier stattgefunden, in den 1990er Jahren war man aber in die Curva Nord gezogen, später war man in der Curva Sud und dann wieder in der Curva Nord bis man mittlerweile wieder auf der Distinti ist.
Der nun in der Curva Nord angesiedelte Gästesektor blieb für Latina verschlossen. Seitdem es hier vor kurzer Zeit mit den Gästen aus Foggia gekracht hat, ist er nun als nicht tauglich bezeichnet.
Der Casertana FC wurde 1908 als Robur Foot Ball Club gegründet. 1911/12 spielten US Volturno und AS Ausonia, die 1914 zur Pro Caserta fusionierten. 1924 entstand als Neugründung die US Casertana. 1926 wurde sie zur US Fascista Casertana. 1928 entstand die Gruppo Sportivo Pro Caserta, 1930 die AS Caserta, 1936 AC Caserta und 1937 US Casertana wurde. Dabei blieb es bis zur Pleite 1993, nach welcher der Casertana FC gegründet wurde. Daraus wurde 2004 S.S. Casertana und 2005 erfolgte eine erneute Vereinsauflösung, nachdem sich die lange unbezahlten Spieler geweigert hatten, aufzulaufen und der Verein aus der Meisterschaft ausgeschlossen wurde. Man begann als Rinascita Falchi Rossoblù neu, woraus am Ende der Saison 2005/06 aus einer Fusion mit SC Club Napoli Caserta die Caserta Calcio wurde. 2008 wurde daraus wieder die US Casertana und 2011 der Casertana FC.
Die größten Erfolge sind zwei Saisonen in der Serie B 1970/71 und 1991/92. 1969 wäre man nach Gewinn der Serie C schon einmal aufgestiegen, aber nach einer Beschwerde von Taranto zog der Verband der Casertana wegen Spielmanipulation der Partie gegen Trapani sechs Punkte ab, womit man nicht aufstieg. Nach Verkündung des Urteils brach am 8. September 1969 die Rivolta del pallone, der Fußballaufstand, in Caserta los. Der Gemeinderat beschloss eine Resolution, welche zum Protest aufforderte. Menschenmengen blockierten Straßén, griffen Gebäude staatlicher Behörden wie die Forstverwaltung und die Finanz an, verwüsteten den Bahnhof und verhinderten zwei Stunden lang den Eisenbahnverkehr und blockierten auch auf der Autobahn die Mautstelle Caserta Nord. Am nächsten Tag ging es weiter, Arbeiterinnen und Arbeiter bestreikten Betriebe und der Bahnhof wurde erneut gestürmt. Am Nachmittag des 9. September kam es zu gewaltätigen Zusammenstößen mit der mittlerweile bereits auch aus anderen Städten verstärkten Polizei. Am 10. September ließen die Ausschreitungen nach. Dass die Casertana in der Serie C bleiben musste, wurde allerdings bestätigt. Dafür gewann man diese Saison 1969/70 und stieg 1970 erstmals in die Serie B auf.
Zuletzt schaffte die Casertana nicht die finanziellen Voraussetzungen für die Serie C 2021/22 und musste in die Serie D. Aus ihr schaffte man 2022/23 den direkten Wiederaufstieg in die Serie C.
Das Stadio Alberto Pinto wurde 1936 eröffnet. Die in den 1950er Jahren mit Bau der Kurven und der Gegentribüne ausgebauten Ränge bieten eine Kapazität von 12.000 Plätzen, von denen aber nur 6.817 zugelassen sind. Die alte Haupttribüne aus dem Jahr 1936 wurde für die Serie B 1990/91 abgerissen und durch die heutige Tribüne ersetzt. Ersatzlos abgerissen wurde die Curva Sud im Zuge von Renovierungen und Umbauarbeiten für die Universiade von Neapel 2019, bei welcher hier Fußballbewerbe stattfanden. Seit 2020 liegt am Spielfeld ein Kunstrasen. Benannt ist das Stadion nach dem ehemaligen Casertana-Spieler Alberto Pinto.
Am Tag nach dem Spiel habe ich die Stadt Caserta besichtigt.