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Dienstag, 25. Dezember 2012

Monumento di Vincenzo Spagnolo

Genua, 22.12.2012

Am 29. Jänner 1995 wurde der Genoa-Fan Vincenzo Spagnolo im Vorfeld des Spiels Genoa-Milan vor dem heimischen Stadio Luigi Ferraris von einem Milan-Fan erstochen. Dies führte zu heftigen Straßenschlachten mit der Polizei. Die Milan-Fans konnten erst viele Stunden später, aber vor allem lebend das Stadion verlassen. Man lese über damals übliche Gewalt und Messerstechereien unter Ultras, diesen speziellen Fall und seine Auswirkungen sowie seine Einordnung in der Geschichte der italienischen Ultrabewegung bei Giovanni Francesio.
Spiele zwischen Genoa und Milan waren in den Jahren danach von Haß und Gewalt geprägt. Bis heute sind es Risikospiele.
Fünfzehn Jahre danach wurde 2010 dieses Denkmal vor dem Stadion errichtet. Es erinnert an Spagnolo mit der Aufschrift „in memoria di Vincenzo Claudio Spagnolo − Spagna − morto per mano assassina antisportiva“, gestorben durch unsportsmännische Mörderhand.



Freitag, 27. Januar 2012

Narben der Gewalt

Rezension

Narben der Gewalt
Basler Ultras und ihre Schlägerkarrieren 1990 bis 2011
Schweiz 2011
Regie: Alain Godet
u.a. mit: Nevio, Frosch, Gök, Jimmy



Im Zentrum dieses Films steht nicht die fußballkulturelle Frage der immanenten Gewalt, sondern stehen die Biographien der Akteure. Der Regisseur Alain Godet hatte vor zwanzig Jahren eine Gruppe damals junger gewalttätiger Fans des FC Basel kennengelernt und sie mit seiner Kamera begleitet (Faustrecht, Fußball-Fieber 1993). Er drehte Ende der 90er Jahre ein Follow-up und suchte die ehemaligen Basler Ultras nun zwanzig Jahre nach der ersten Begegnung erneut auf.

So sieht man zwischen den Erzählungen der früh gealterten 40-jährigen Szenen aus den früheren Filmen als Rückblick auf die unterschiedlich verlaufenden Leben der vier Protagonisten. Wohl aus der langjährigen Zusammenarbeit rührt das vertraute Verhältnis der Interviewten zum Interviewer, dem in erstaunlicher Offenheit schmerzhafte biographische Details erzählt werden. Diese sind für Godet der Grund für ihren Weg in die Gewalt. Sie hätten sich „mit Gewalttätigkeit immunisiert, wie ein unsichtbarer Mantel, der ihre Verletzlichkeit kaschierte“.

Bemerkenswert ist die Unterschiedlichkeit der vier Biographien. Von der gleichen Basis ausgehend, fand mancher aus der Gewaltspirale heraus und mancher nicht. Trotz Inszenierung der tätowierten Oberkörper sind die Gespräche keine Verherrlichung von Gewalt, sondern zeigen vielmehr deren fatale Folgen auch für die Schläger selbst: Die Ventilfunktion ist beschränkt und bringt keinerlei Lösung. Werbung fürs Prügeln sind diese gezeichneten Leben und geschundenen Körper beileibe nicht.

In emotionalen Bildern dreht sich der Film daneben auch um eine gesellschaftliche Botschaft: Der Mensch hinter dem Knochenbrecher ist ein Mensch mit einer eigenen Geschichte. Die Gewalt fällt nicht vom Himmel, sondern beruht auf sozialen und familiären Ursachen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang der in einer Zeitung geäußerte Vergleich Alain Godets zum Stadionumfeld vor zwanzig Jahren und heute: „Das Erstaunliche ist, dass damals zwei Polizisten die ganze Muttenzerkurve im Griff hatten. Heute kommt man mit absurden Verboten. Aber das ist wie bei einem Kochtopf. Mit einem Deckel drauf steigt der Druck nur noch und dann explodiert das Ganze.“ (Hinweis dank Knapp daneben).

Dienstag, 27. Dezember 2011

Streunende Köter


Rezension


Domenico Mungo
Streunende Köter
(Cani Sciolti)
Freital OT Pesterwitz 2011
(Burkhard & Partner)
313 S.






Auf dieses Buch war ist gespannt, spätestens seitdem ich den Autor Domenico Mungo in einer Podiumsdiskussion des Ballesterer im Februar 2011 im Wien in seiner erzählerischen, historischen, intellektuellen und auch physischen Präsenz sehen und hören durfte (ein Interview im Ballesterer 61 dient als Nachlese). Kai Tippmann, Betreiber des Italien-Blogs altravita.com, übersetzte nach Tifare Contro nun mit Cani Sciolti ein weiteres interessantes Werk der Ultrà-Literatur aus dem Italienischen ins Deutsche.

Domenico Mungo läßt die italienischen Ultras als Akteure seines Buchs auftreten, will sie selbst erzählen lassen, was sie antreibt. Er läßt sie aus verschiedenen Perspektiven (verschiedenen Vereinen) ihre Welt rekonstruieren, von Helden- und Missetaten und immer wieder von ihren „Kämpfen“, den als heroisch empfundenen Ausbrüchen der Gewalt, erzählen:
„Die Ultras sind schizophren. Sie sind alles und das Gegenteil von allem. Sie suchen den Kampf und verleumden die Toten. Aber sie sammeln auch Spenden und Hilfsgelder für Erdbebenopfer und hängen aus Solidarität Transparente auf.
Sie zerstören Stadien, Sonderzüge und Raststätten. Aber es sind auch dieselben, die aus Liebe Choreos vorbereiten und den Himmel in den Farben des Herzens schmücken. Während in den Arterien der Stehplätze mitreißende Sprechchöre pulsieren.“


Die Erzählung lebt davon und gewinnt daraus, daß der Fiorentina-Ultra Mungo weiß, wovon er schreibt. Im Florentiner Teil ist in Kenntnis der Biographie des Autors die Autobiographik unverkennbar. Im Vorwort definiert Domenico Mungo seine Vorgehensweise als eine Art von Kollektivbiographie: „Dieses Buch ist geboren aus persönlichen Erfahrungen, erzählten Begebenheiten, veröffentlichten Zeitungsartikeln, Büchern. Dieses Buch ist geboren aus Raubkopien kollektiver Erfahrungen, aus im Netz gefundenen Quellen, aus der Abänderung bereits bestehender Texte und aus mit dem Wind wandernden Erinnerungen.“

Ein Rahmen faßt die Handlungsstränge des Buchs ein: Der Ich-Erzähler ist ein Teil einer losen Gruppe von Ultra-Autoren. Er flieht vor der Repression, die dem Tod des Polizisten Filippo Raciti im Februar 2007 bei Ausschreitungen in Catania folgte. Unterwegs liest er Texte vieler anderer dieser − glänzend erdachten − Gruppe.
Aus verschiedenen Blickwinkeln läßt Domenico Mungo seine Protagonisten nicht nur die Kommerzialisierung des Fußballs kritisieren, sondern z.B. auch die Kommerzialisierung von jenen Ultras, die sich mehr um eigene korrupte Geschäfte kümmern, mit Vereinsfunktionären, Polizeikräften und Journalisten ihr eigenes abgekartetes Spiel betreiben: „Sie zerfleddern die Unschuld der Grenzüberschreitung für ihre eigenen Zwecke und Interessen.“ lautet die Anklage. Die „Unschuld der Grenzüberschreitung“ der Ultras ist ein schön formuliertes Bild für ihre eigene Welt und ihre eigenen Regeln. An anderer Stelle kommt er zu harten Worten über die Gegenwart: „Wir sind alles Schaufenster-Ultras. Jede Menge Form, aber kaum Substanz. Und wenn es Substanz gibt, dann ist das irgendein durchgeknallter Blödsinn, der die Spannung steigert, die Repression mit Argumenten füttert und die Unverfälschtheit der Bewegung zerstört.“

Die gesellschaftskritischen Passagen sind eine Sache, den Hauptteil bilden aber die Abenteuergeschichten von allerlei Schlägereien, Raufereien, Prügeleien, Randalen, Krawallen etc. Übersetzer Tippmann gibt Mungos Buch den Zusatztitel „Ein Roman über zwei Jahrzehnte italienische Ultrakultur − Freundschaften, Kämpfe und Drogen“. Er hätte auch die Kämpfe zu erst nennen können. Heroische Geschichten allesamt, literarische Schlachtengemälde von Heldentaten, Adrenalin, Opfern und Siegern. Ort und Personen der Handlung sind austauschbar und in vielerlei Erzählungen der Kulturgeschichte seit tausenden von Jahren einsetzbar.
„In jedem Fall gab es eine begeisternde Abfolge von Hinterhalten und Angriffen, Steinwürfen und Episoden blutiger urbaner Guerilla. Leute aus Bergamo sprangen plötzlich aus allen möglichen Gassen und hinter irgendwelchen Hecken hervor und warfen Bengalos, Papierbomben, Blumentöpfe, Absperrgitter und Parkbänke. Aus den Häusern warf man wirklich alles auf uns. Und wir marschierten über die Autos hinweg und griffen unsererseits an.“

Ein herausragender Moment ist es, wenn Domenico Mungo von großen Choreographien in Florenz erzählt, etwa eine das ganze Stadion umfassende Aktion 1991: Anlaß war die Rückkehr des einst so geliebten Roberto Baggio, der ausgerechnet zum verhaßten Juventus gewechselt war − vor dem Rückspiel des inneritalienischen UEFA-Cup-Finales zwischen der Fiorentina und Juventus 1990. Diesem ultimativem Vertrauensbruch wurde bei seinem ersten Gastspiel mit Juve die größte bis dahin gesehene Choreographie entgegengestellt. Die Renaissance-Skyline der Stadt Florenz wurde detailliert in der Curva Fiesole nachgezeichnet präsentiert, in einem vollständig in lila und weiß gehüllten Stadion.

Auch wenn sich bei den genannten Farben bei mir etwas der Magen umdreht: Das sind schöne Momente. Schade, daß es davon nicht mehr im Buch gibt. Man muß dennoch nicht selbst der Gewalt verfallen sein oder sie auch nur gut oder gesellschaftlich akzeptabel finden, um das Buch mit Interesse und Genuß zu lesen.

P.S.: Sehr nett fand ich die dem Buch vorangestellte „Kleine typografische Anmerkung: In diesem Buch wird das Wort juventus immer kleingeschrieben. Es handelt sich dabei um keinen Druckfehler...“. Es ist daher wohl ein Lapsus entgegen der Intention des Autors, wenn dies auf den Seiten 81 und 82 doch zweimal großgeschrieben vorkommt. Nachtrag: Nach Information von Kai Tippmann stand hier im Italienischen ein anderes Wort (gobbi), er ist somit exkulpiert :-)

Mittwoch, 9. November 2011

11 Freunde, 120


Rezension


11 Freunde
Magazin für Fußballkultur
Nr. 120, November 2011
114 S.






Über die self-fulfilling prophecy einer „Gewaltwelle“ im Fußball schreiben sachlich, aber bestimmt Christoph Biermann und Ron Ulrich. Sie verweisen einerseits auf Fakten und präsentieren andererseits ein Gegenbeispiel zur üblichen Konfrontationssuche. Der politisch und medial instrumentalisierte Anstieg in den offiziellen Statistiken zur Gewalt im Fußball um ein Drittel zwischen 2004 und 2006 ging in Deutschland einher mit gleichzeitigem Einsatz von einem Drittel mehr Polizei bei Bundesligaspielen, um diesen Training für die WM 2006 zu geben. Dasselbe geschah zeitversetzt in Österreich vor der EM 2008. Die tatsächliche Gewalt, gegen die eingeschritten werden muß, soll nicht verharmlost werden. Bedrückende spektakuläre Fälle gibt es immer wieder. Der Alarmismus, der sich in medialer Aufregung und neuen Gesetzen niederschlug, ist aber faktisch zu relativieren. Dazu nennen die beiden Autoren auch den undifferenzierten Umgang mit dem Phänomen der Ultras. Biermann und Ulrich plädieren für Kommunikation statt Shock and Awe und verweisen dafür auf das Modell des Umgangs der Polizei mit Auswärtsfans in Hannover.

Interessant ist im Heft weiters die Geschichte von Dieter Zembski, der in den 1960er eine kleine Rockstarkarriere hinlegte, bevor er eine erfolgreiche Karriere in der deutschen Bundesliga begann. Bei den vielen Ebenen und politischen und wirtschaftlichen Verwirrungen des Bestechungsskandals in der Türkei, ebenfalls Thema in der Ausgabe, darf man gespannt sein, was dabei rauskommt. Amüsant ist das anekdotenreiche Erinnerungsinterview mit dem österreichischen Deutschland-Legionär Buffy Ettmayer.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Tifare Contro



Rezension

Giovanni Francesio
Tifare Contro
Eine Geschichte der italienischen Ultras
Freital OT Pesterwitz 2010
(Burkhard & Partner)
240 S.





Betont eine, keinesfalls die Geschichte der Ultras in Italien von 1968 bis 2007 erzählt Giovanni Francesio in seinem 2008 im italienischen Original erschienenen Buch. Das Spannende ist die Innensicht des Autors, der über die von ihm miterlebte und mitgetragene Ultràbewegung erzählt − und dabei auch laut und deutlich anspricht, was ihm mißfällt. Übersetzt und auf Deutsch herausgebracht wurde das Buch von Kai Tippmann, Autor des lesenswerten Blogs altravita.com − Betrachtungen eines Deutschen in Italien.

Francesio beginnt mit den Anfängen, mit der Gründung der allgemein als erste Gruppe anerkannten Fossa dei Leoni des AC Milan 1968 (deren unrühmliche Auflösung nach fast vier Jahrzehnten wird ebenfalls beleuchtet). Trotz dieser klaren zeitlichen Marke streicht er aber hervor, daß dies nicht den Beginn des Supports markiert. Es gab bereits zuvor Beispiele der Unterstützung der Mannschaft akustisch durch Sprechchöre oder Trommeln genauso wie optisch durch Schals oder Fahnen. Es charakterisiere nicht die Ultras, dass sie ihre Begeisterung für den Fußball choreographisch begleiten. Es sei aber auch nicht die Gewalt, die das besondere an Ultras ausmache. Gewalt sei seit Beginn trauriger Begleiter des Fußballs. Das Neue, das die Ultras brachten, war für Francesio die antagonistische Dimension des Supports, die Aufnahme der jugendkulturellen Ausdrucksweise der italienischen radikalen Linken der 1960er Jahre in die Fußballkultur − die Kurve als ein perfekter Ort der Freiheit, den es einzunehmen und zu verteidigen gilt. Ultrà sein: in jedem Fall gegen etwas zu sein und zu fühlen, selbst nur irgendwie unklar, selbst nur oberflächlich. Sich von einer Aura des Widerstands umgeben zu fühlen. So kommen die Transparente, die Megaphone, die Parolen, die Lieder mit politischen Melodien hinzu.

Harsch kritisiert Francesio die Kommunikationsunfähigkeit der Ultràbewegung. Er sieht es als Fehler, die eigene Geschichte nicht geschrieben zu haben: wenn wir es nicht getan haben, wir im Sinne von Ultras und Generation, vor allem die der 70er Jahre ungefähr, dann weil wir nicht in der Lage oder nicht wirklich Willens waren, zu kommunizieren, von uns zu erzählen, uns die Kommunikationskanäle zu eigen zu machen oder selbst welche zu erfinden. Einen späten, aber wichtigen Beitrag leistet das Buch.
Das Kommunikationsdefizit zieht sich aber auch in hiesigen Verhältnissen durch, von Ausnahmen wie der Initiative Pyrotechnik ist kein Verbrechen, der wohl bestorganisierten politischen Kampagne von Ultras in Österreich, abgesehen.

Zum Thema der Gewalt ist Francesio eine Unterscheidung sehr wichtig: Achtung: ,Kämpfe, nicht ,Gewalt. Die Gewalt gab es schon immer im Fußball. Die organisierten Zusammenstöße nicht. Die Kämpfe sind eine Spezialität der Ultras, wahrscheinlich aus den politisch motivierten Straßenkämpfen entlehnt Die Kämpfe zwischen Gruppen als Methode der Definition des eigenen Stellenwerts sieht Francesio als zentral an. Die Spirale der Rivalitäten drehte sich aber immer schneller, sodaß er in den letzten zehn Jahren eine Schwelle überschritten sieht. Die Logik der ehrenvollen Auseinandersetzung habe die Bewegung, wie er hart urteilt, wahrscheinlich in den Selbstmord geführt. Er verdammt sinnlose Zerstörungen und grundlose Gewalt pöbelnder Jugendlicher. Er klagt die brutalen Einsatzstrategien der italienischen Polizei an, die Gewalt sucht und findet, sowie die Massenmedien, die dazu einseitig schweigen. Aber das alles darf keine Rechtfertigung für die Ultras werden, die selbst die Kraft hätten finden können, ja hätten finden müssen, aus dieser selbstzerstörerischen Spirale auszubrechen und sich als Bewegung ,zu retten. Aber Francesio kennt und nennt auch den Grund: Ich kann, nach einem Vierteljahrhundert in der Kurve, keine andere Antwort geben. Das Adrenalin, die Spannung, die reine Energie, die während einer Prügelei frei wird, haben eine Verführungskraft, die man nie wieder verdrängen kann. Also machst du es wieder.

Die Gewalt und ihr Beitrag zum Dilemma der Ultras in Italien heute steht im Zentrum des Buchs. Doch Ultrà ist ja mehr, was hier leider zu kurz kommt. Dies liegt wohl am Kontext der Erscheinung des Buchs, das Thema war 2007 wie heute zentral in der italienischen Diskussion um Fußballfankultur. Das Spannende an der Ultràkultur für Außenstehende ist allerdings die funkensprühende Kreativität, die erfreut, emotionalisiert, das Erleben des Fußballspiels im Stadion bereichert. Hierzu erzählt Francesio von den Brigate Gialloblù (1971−1991) von Hellas Verona, denen wie Verein und Fans als ganzes ein nicht unbegründetes übles rechtsradikales Image anhängt. Francesio stellt das gar nicht in Abrede, versucht es aber in den Kontext einer eigenen Logik, den Blick der Ultras, zu stellen: Die Brigate Gialloblù waren gewalttätig, frech, rassistisch, zugedröhnt und besoffen, aber sie waren auch originell, unvorhersehbar, unterhaltsam, absolut unkontrollierbar. Als Beispiele nennt er neben frühen (1983) Bananenwürfen zur rassistischen Verhöhnung eines afrikanischstämmigen Spielers die Ku-Klux-Klan-Kapuzen, die Schutzmasken, die sich die gesamte Kurve aufsetzte, als die Neapolitaner eintrafen, die von Spruchbändern vom Typ ,Herzlich willkommen in Italien oder ,Wascht euch begrüßt wurden, die Tausende fantasievoll beleidigender oder schlicht roher Gesänge und Dutzende weiterer solcher Gesten, die in der Curva Sud in Szene gesetzt wurden, finden im Kontext des Stadions, der italienischen Stadien der 80er Jahre, eine Art irrationale, ästhetische und vielleicht bedrückende Erklärung. Übersetzer Tippmann merkt dazu richtigerweise an, dass Francesios Wir alle lachten. wahrscheinlich nicht für den farbigen Spieler Julio César Uribe galt, der mit Bananen verhöhnt wurde. Das ist nicht die Kreativität des Supports, die ich eingangs gemeint habe.

In den letzten zehn Jahren seit 2000 macht Francesio zwei Strömungen in der Entwicklung der Ultras fest: Einerseits des Verschärfung der Spirale der Gewalt, in der durch die Militarisierung der Stadien, wie er es nennt, auch immer mehr die Polizei zum Kombattanten wird. Andererseits die Nutzung des Internets, das das Bewußtsein der Ultras, eine gemeinsame und ,politische Bewegung zu sein, deutlich verstärkt hat. Auch die Ausschreitungen um den G8-Gipfel in Genua 2001 stellt er in diesen Zusammenhang.

Tiface Contro ist das Buch eines Leidenden. Giovanni Francesio liebt seine Ultràkultur und sieht sie nach seinen Maßstäben den Bach hinunter gehen. Er versucht durch einen Rückblick der heutigen Generation an Ultras zu vermitteln, warum das nicht geschehen darf, warum man die Ultràkultur nicht der Gewalt opfern darf und dafür Verantwortung trage.
Manchmal schwankt man bei der Lektüre zwischen Zustimmung zu den harten Urteilen Francesios und dem Verdacht des Verdikts der älteren Generation gegen die Jüngeren. Die Schwerpunktsetzung und seine nachdrückliche Botschaft erklärt sich aus dem italienischen Zusammenhang. Daß die geschilderten Aspekte nur ein Teilaspekt der Geschichte sind, ist klar. Dennoch bietet das Buch spannende Einblicke und Aufschlüsse in drei Jahrzehnte Ultras in Italien. Eine Geschichte, die alle Aspekte umfaßt, bleibt ein Desiderat.

Mittwoch, 8. September 2010

Ballesterer 55


Rezension


Ballesterer fm
Nr. 55, September 2010
66 S.







Die völlige Regulierung ist ein mögliches Zukunftsszenario für Fußballfans, ein anderes ist die Tendenz zur Kriminalisierung. So bilanzieren Reinhard Krennhuber und Jakob Rosenberg in ihrem Artikel über die staatlichen Bemühungen, Freiraum und Verhalten von Fußballfans einzuschränken, um das, was man Sicherheit nennt, herzustellen. Das Problem ist der Generalverdacht, der den Repressionsbemühungen, die sich ja gegen Gewalt richten wollen, innewohnt.
Der Ballesterer sprach mit langjährigen Fans und mit anscheinend eher abgeklärten Polizisten. Der Favoritner Polizeichef Lepuschitz begründet etwa seine Befürwortung von Ordnern anstelle Polizei auf den Tribünen auch mit dem, als Fehler zugegebenen, Sturm des Rapid-Auswärtssektors durch das WEGA-Einsatzkommando beim Derby im März 2007 am Horrplatz. Das möchte ich echt nicht noch einmal erleben.
Ein bisher unerwartet erfolgreiches Beispiel, wie einer repressiven Bedrohung von Fankultur, hier der zündelnden Ultrakultur, mit − ja − politischen Mitteln begegnet werden kann, zeigt die kurvenübergreifende Initiative Pyrotechnik ist kein Verbrechen. Hier wurden mit Plattformbildung, Aktionen in den Fankurven, Medienarbeit im Internetz und schließlichen Verhandlungen mit den Verantwortlichen alle Register einer erfolgreichen Kampagne gezogen. Im Heft gibt es dazu ein Interview mit zwei Initiativenmitgliedern.

Bei Stefan Krafts Artikel über den nunmehr fußballdesinteressierten Exprofi Wolfgang Feiersinger, der als Hüttenwirt am Berg sitzt, Eierschwammerl putzt und sich fürs Foto vor (s)eine Hirschgeweih-bewehrte hölzerne Liebeslaube stellte, mußte ich hart ringen, das nicht als Satire wahrzunehmen.

Der Kollege Mäx Egger von Gezeichnet fürs Leben empfiehlt im Heft den Kaiserslautern-Punkrock von Die Walter Elf. Er irrt nie in musikalischen Dingen. Nur in seiner Hoffnung auf spielerische Brillanz des Sportklub.

Es tut mir sehr leid, daß ich nicht jedes Mal die Institution der Geschichtsrubrik Nachspielzeit lobe. Diesmal erfreut Andenken an Gerhard Hanappi das grün-weiße Herz. Dabei heißt es im Text der AZ aus dem Jahr 1980, Hanappi sei im Alter von 5! Jahren verstorben. 51 wäre typographisch richtig. Tatsächlich scheint in der Vorlage, der Zeitungsseite vom 26.8.1980 aus dem Online-Archiv der AZ, ein Rufzeichen zu stehen, was für korrekte Abschrift spräche. Ich nehme aber an, daß dies ein Übertragungsfehler beim Scannen ist oder hier schlicht am Zeitungspapier dieses Exemplars ein Euzerl Druckfarbe gefehlt hat. Ich meine, in diesem Zeichen einen Einser zu erkennen. Sicher bin ich mir allerdings nicht.

Freitag, 21. Mai 2010

11 Freunde, 102


Rezension


11 Freunde
Magazin für Fußballkultur
Nr.102, Mai 2010
146 S.






Zwei sehr spannende Artikel zur Frage von Fans, Gewalt und "Sicherheit" bietet die Ausgabe.
Pascal Claude berichtet aus der Schweiz, wo die Debatte "laut und verfahren" ist. Es wird aneinander vorbeikommuniziert: "Die einen verteidigen, unverstanden von der Öffentlichkeit, ihr Verständnis von Fantum, die anderen haben genau diesem Fantum den Kampf angesagt, auf Biegen und Brechen."
Das kommt auch aus Österreich bekannt vor, wo Ultras sich vorzugsweise per Kommunique öffentlich äußern (und die Wiedergabe nur eines Zitats daraus in den Massenmedien anstatt einer vollständigen Wiedergabe als Beweis der Feindlichkeit derselben sehen) sowie die staatliche Seite mit Schikanen und Strafen vorgeht und das dann auch noch Dialog- und Deeskalationsstrategie nennt. Dennoch klingt die geschilderte Schweizer Situation hart.
Blanke Repression ist falsch. Veränderungen können nur durch Veränderung der öffentlichen Meinung herbeigeführt werden. Dafür muß man öffentlich argumentieren. Claude vermißt eine Stimme der Fans im öffentlichen Diskurs. "Gerade in ihrer Sprachlosigkeit" seien Fußballfans "ein dankbares Exerzierfeld für neue repressive Instrumente", denn "Verweigerung ist eine schlechte Taktik in einer Debatte, die wie kaum eine zweite über die Medien ausgetragen wird." Dem ist zuzustimmen. Die zu späte, aber dennoch einige Aufmerksamkeit erregende, weil professionell aufgezogene Kampagne Pyrotechnik ist kein Verbrechen ist hierzulande ein Beispiel, was und wie's ginge.

Ganz gegenteilig ist die Situation im nordirischen Derry, wo beim katholischen Derry City am Spieltag keine Polizei zu sehen ist, sich im Stadion nur Ordner des Vereins befinden. Das hängt natürlich mit dem Nordirlandkonflikt zusammen, aufgrund dessen die lange protestantisch dominierten Sicherheitskräfte hier kein Leiberl hatten und eskalierend wirken mußten. Doch auch heute funktioniert das Modell und läßt laut John Flack selbst hartgesottene Auswärtsmobs von ZSKA Sofia oder Paris Saint-Germain mangels Gegner hier friedliche Fußballfeste veranstalten.

Dazu gibt es im Heft noch Interessantes über die Trainerausbildung in den Niederlanden. Über Rot-Weiß Essen, Traditionsverein aus dem deutschen Ruhrgebiet abseits der großen Fußballwelt, mit zwar großer Vergangenheit, aber trister Gegenwart erzählen Tim Jürgens und Benjamin Kuhlhoff eine traurige Geschichte des Verfalls, manifestiert im halb abgerissenen Stadion und dem scheiterenden Neubau.

Freitag, 30. Januar 2009

Die Praxis der Cultural Studies



Rezension


Roman Horak
Die Praxis der Cultural Studies
(Cultural Studies: Bd. 4)
Wien 2002 (Löcker)
242 S.




Das auch nimmer neue Buch versammelt Beiträge von Roman Horak über Wissenschaft(sgeschichte), Volkstümliche Musik (mein Wissen über die "Zillertaler Schürzenjäger" hat sich potenziert), Jugendkultur - und eben auch: Fußballkultur. So erfährt man in einem persönlich gefärbten Text über die Geschichte der Cultural Studies, daß deren Entwicklung in Österreich wie die Fußballfan- und Fußballgewaltforschung hierzulande Anfang der 1980er Jahre in einer WG des Autors mit Wolfgang Reiter und Kurt Stocker begann.

In einem erstmals 1993 erschienenen Artikel beschäftigen sich die drei mit "Fußball, Fans und Hooligans" und analysieren zeitgebunden eine sehr spezifische Zeit der Fußballfangeschichte, zugespitzt im Zitat eines 16-jährigen Hool, der 1990 meinte "Rapidler oder Austrianer, des is wurscht, Hooligans san Hooligans in Wien." - heute geradezu unvorstellbar. Die Autoren weisen auch auf die damals neuartigen Veränderungen in der Kurvenlandschaft hin:
"Bei wichtigen Heimspielen des SK Rapid wird unmittelbar vor Spielbeginn ein riesiges Transparent, eigentlich eine überdimensionierte Vereinsfahne, entrollt, die dann für einige Minuten gut ein Drittel des Sektors bedeckt. Eine Botschaft an die Mannschaft, aber auch an das Tribünenpublikum. Gewaltbereitschaft ist unter diesem Teil der Fanpopulation kaum zu finden, es sind die "Braven", wie sie nicht selten herablassend von den anderen Fans in der Kurve genannt werden."
Wie sich die Zeiten ändern.

Andere Fußball-Texte im Buch widmen sich der "Verösterreicherung" des Fußballs, der hierzulande zunächst rein und dann dominant ein Wiener Fußball war, sowie einem Vergleich der Fußballkulturen in Deutschland und England anhang der Konfliktlinien "Politik - Kultur, Nationalteam - Liga, neues Deutschland - altes England".

Mittwoch, 7. Januar 2009

The Football Factory


Rezension

The Football Factory
Großbritannien 2004
Regie: Nick Love
u.a. mit: Danny Dyer, Frank Harper
DVD: 11 Freunde Edition Nr.2






Die vor ein paar Jahren gehypte britische "Hooligan-Literatur" mit ihrer Heroisierung von Gewalt war für mich schon immer eher uninteressant. Auch wenn ich das außerordentlich gelungene I Furiosi schätze, das ja aber hier weder vom Stil noch vom - italienischen - Hintergrund in diese Reihe paßt.

Das Buch The Football Factory von John King habe ich daher nicht gelesen und auch die Verfilmung bis jetzt nicht angeschaut. Der Film erzählt in seinen guten Momenten vom Gruppenleben und Lebensgefühl des Hooligans. Ein ästhetischer Film, der in seinem dokumentarischen Aspekt das "normale" bürgerliche Leben unter der Woche bzw. zwischen den Wochenenden einfängt. Trotz guter schauspielerischer Darbietungen, "schöner" Bilder und passender Musik habe ich mich aber dennoch weitgehend fadisiert. Die Ästhetisierung der Bilder war mir eigentlich sogar zu viel, zu positiv - auch wenn die Konsequenzen der Gewalt hart gezeigt werden und in Form der Frau mit Kinderwagen zu Beginn und des alten Opas sogar gleich zwei Kassandren mit der Frage, ob die Gewalt das denn alles wert sei, auftreten.

P.S.: Wenn schon ästhetisierte Gewalt, dann spreche ich mich nachdrücklich für gute Italowestern und Mafia-Filme aus. ;-)

Dienstag, 27. Mai 2008

I Furiosi

I Furiosi - Die Wütenden
Fußball, Fans & Prügeleien

nach einem Roman von Nanni Balestrini
mit: Holger Schober, Sebastian Wendelin
Musik: Siegmar Aigner, Didi Bruckmayr
Regie: Thomas Gratzer
Spielfassung: Roman Freigaßner
Bühne/Visuals: Chili Galilei

Rabenhof Theater, 20.5.-6.6.2008


Die Aggression steht im Mittelpunkt des "Fußball, Fans & Prügeleien" untertitelten Stücks. In Nanni Balestrinis Roman dient die Schilderung der Gewalt zur Darstellung der Geschichte, genauso wie die Drogen und die Leidenschaft des Fanseins, des Gemeinschaftserlebnisses der Gruppe, der Kurve, der Masse. Letzters kommt, wie die sozialkritische Dimension, im Stück vor, aber mehr zur Beschreibung des Terrains (manifestiert im gelungenen Bühnenbild mit Maschendrahtzaun als Zitat einer Sektorabsperrung), in dem sich die Geschichte der Wut und Gewalt abspielt. So ist es weniger als Einführung in die italienische Ultràkultur tauglich als das Buch (mit Ausnahmen, z.B. der Bedeutung des Transparents). Die Aufführung steht eher für sich, indem sie Aspekte des Romans nimmt und sie zu etwas eigenem macht, "dramatisiert". Die Zuspitzung des Rauschs der Gewalt wird in ca. einer Stunde in der Tat beeindruckend in Szene gesetzt. Dies wird durch die laute, harte elektronische Musik, die jetzt nicht mein Fall ist, noch deutlich unterstrichen. Dafür erhält man zur Karte gleich Ohrenstöpsel dazu, was auch lieb ist. Etwas gewöhnungsbedürftig war für mich nur die Hochsprache des Textes, etwas, was mir beim Lesen des Buchs nicht aufgestoßen ist, aber gehört wirkt das gleich anderes. So geschliffen redet im Fußballkontext natürlich niemand, andererseits war dies doch auch gut, um die Künstlichkeit des Gezeigten rüberzubringen.

Problematisch finde ich, daß der Abend als Kontrapunkt zur EM beworben wird, da er als "Aggressionsshow" (Rabenhof) im Fußballfankontext funktioniert, aber eben nicht zum besseren Verständnis von Fußballfans und Ultras und deren Kritik an Kommerz und Repression, wie damit impliziert wird. Das muß das Stück auch nicht, Theater muß sich nicht als Lehrstück begreifen - man sollte es dann aber nicht so bewerben, sodaß das unbedarfte Publikum hinausgeht und schaudernd denkt, etwas über Fußballfans erfahren zu haben. Das ist trotz Überrollfahne, Fackeln, Rauch, Trommeln und You'll never walk alone nicht wirklich der Fall.

"Non ci sono più non ci sono più
i Furiosi non ci sono più"




Rezension

Nanni Balestrini
I Furiosi
Die Wütenden. Roman
Aus d. Ital. v. Dario Azzellini
Berlin 22001 (ID Verlag)
141 S.





Nanni Balestrinis 1994 im Orginal erschienenen Roman habe ich als mir passend erscheinende Begleitlektüre zum Besuch des Mailänder Derbys gelesen. In elf Gesängen schildert Balestrini die Welt eines Milan-Ultras der 1980er Jahre. Er tut dies, indem er seinen Protagonisten ohne Punkt und Beistrich (es gibt keine Satzzeichen) in literarisierter Form gesprochener Sprache scheinbar sich frei von einem Thema zum nächsten hangelnd, sein Leben (definitionsgemäß deckungsgleich mit dem Ultra-Sein) erzählen läßt.

In der teilweise in Heimen und Jugendgefängnis verbrachten Kindheit erfährt Falco Halt in der Gruppe der Fans, wo er gleichzeitig seinen Lebensstil von Diebstahl, Drogen und Gewalt weiterpflegt. Die Auswärtsfahrten sind Abenteuer, sei es wegen der kaputten Busse, der auseinandergenommenen Züge und Schiffe oder den nach Alkohol und Drogen noch als zusätzlicher Adrenalinrausch erlebten gewalttätigen Aufeinandertreffen mit gegnerischen Fans. Der entscheidende Satz ist dazu, daß die Gewalt als Droge dient.

Die Schlägereien und Zerstörungsorgien sind die heroischen Raubersgschichten, quasi nebenbei gibt es aber die Essentials, "alleine gehe ich vielleicht ein Heimspiel anschauen aber bis runter nach Neapel zu rattern wie wir das zum Beispiel morgen tun sowas mache ich nur aus Lust gemeinsam mit meinen Freunden was zu machen nicht nur wegen dem Milan und dem ganzen Rest" (S.57), die Symbole, die Rituale. Balestrini bringt seine Geschichte in einen Kontext sozialer Verwerfungen, die linke (Jugend-)Subkultur Mailands in den gewaltätigen italienischen 1970er Jahren und der fließende Übergang zum Fußballfan - Balestrini erzählt en passant die Geschichte der Ultrà-Bewegung nach - und dann auch das spätere Auftauchen der Rechtsextremen in den hochpolitisierten italienischen Kurven ("bei den Jüngeren habe ich auch gesehen daß die nach rechts gingen weil es in diesen Jahren auch wirklich eine politische Leere gab eine völlige Leere in der Linken weil all die Vorstellungen die es gegeben hat die Welt zu verändern die ganze Scheiße wegzufegen diese ganzen Vorstellungen diese Hoffnungen wurden weggefegt und was haben wir an ihrer Stelle bekommen nichts wir haben noch mehr Scheiße bekommen" (S.98f.). Gab es früher viele und stolze linke Kurven in Italien, gibt es ja heute hauptsächlich rechte.

Wenig berücksichtigt wird etwa die harte Arbeit an den Choreographien und die Leidenschaft des Supports während des Spiels der Ultras und die emotionale Hochschaubahn zwischen Jubel und Niedergeschlagenheit aller Fußballfans, ganz abseits von Gewalt, mit der ja die meisten nichts am Hut haben. Es ist Literatur, nicht Realität. Aber ein sehr gelungenes Stück Literatur.

Dienstag, 14. August 2007

Im Schatten des Spiels



Rezension

Ronny Blaschke
Im Schatten des Spiels
Rassismus und Randale im Fußball
Göttingen 2007 (Verlag Die Werkstatt)
240 S.





Gewalt und Rassimus im Fußball sind ja leider ein immer aktuelles Thema. Mir ist Gewalt ja zutiefst zuwider. Aber da ich mich ja doch regelmäßig in Stadien herumtreibe, weiß ich, wie es anderen anders geht. Und das hat jetzt aber gar nichts damit zu tun, daß ich Rapid-Fan bin. Trottel gibt es überall. Für mich ist die Rapid ja selbst ganz sicher Zivilreligion, das verringert aber nicht meinen grundsätzlichen Respekt vor einem anderen Menschen, und wenn er oder sie noch so sehr unausstehlich und/oder für einen anderen Verein ist. Und jegliche Form von Rassismus ist sowieso jenseits.

Das Buch glänzt vor allem durch seine vielschichtige Annäherung an das Thema Fußball und Gewalt. Berichtet wird u.a. über die Perspektive eines ehemaligen Hooligans, eines Unterklasse-Schiedsrichters oder eines Polizisten. Anschaulich werden die Problematiken Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Homophobie anhand einzelner Personen beschrieben.

Im Unterschied zu Österreich gibt es in Deutschland bei vielen Vereinen teils seit zwei Jahrzehnten "Fanprojekte" zur professionellen präventiven Fanarbeit - quasi von, für und mit Fans. Auch wenn das nicht problemlos ist - immer wenn Gewalt, Rassimus etc. abflauen, sobald das Fanprojekt also Erfolg hat, werden in Ländern und Kommunen Kürzungen diskutiert. "Keine Gewalt, kein Job", so lautet die einfache Formel. Ein Ende dieses Kreislaufes ist nicht in Sicht. - so etwas, möglichst von diesem Strukturproblem der Sozialarbeit befreit, klingt doch sehr nachahmenswert.

Hauptsächlich geht es um die Situation in Deutschland, hervorragend sind aber auch die Kapitel über die Situation in Italien, Holland, Polen, den USA und Argentinien. Vor allem die Schilderung der immer stärker werdenden rechten Gruppierungen in Italiens Stadien stimmt fast schon fatalistisch. Und der Text darüber, was es heißt "Fan" in den USA, "Fan" eines immer noch mehr als Unterhaltungsindustrie als bei uns organisierten US-Sports zu sein, macht nachdrücklich klar, wie unterschiedlich hier die Sportkulturen sind, hauptsächlich natürlich im Vergleich zur Leidenschaft und Anhänglichkeit eines Fußballfans.

Einzig die "Chronologie der Gewalt" am Schluß ist doch etwas nach der Devise Kraut und Rüben geraten. Trotzdem ist das Buch aber sehr zu empfehlen.