Samstag, 20. Januar 2018

Zeitspiel 10



Rezension


Zeitspiel
Magazin für Fußball-Zeitgeschichte
#10 (IV/2017)
100 S.







Die Titelgeschichte erzählt von tragischen Geschichten vieler Vereine, die in den letzten Jahrzehnten knapp am Aufstieg in die deutsche Bundesliga gescheitert sind und sie dann nie erreichten. Dabei geht es auch um die Vereine, die bei der Gründung 1963 die damals vom DFB geheimgehaltenen Qualifikationskriterien nicht schafften. Manche stiegen später in die Bundesliga auf, aber andere kamen nie mehr so nah heran. „Fünfmal waren die Lila-Weißen (VfL Osnabrück) zwischen 1969 und 1973 in der Bundesliga-Aufstiegsrunde dabei − geschafft haben sie es nie. [...] Bayreuth, Pirmasens, Hof und Schweinfurth scheiterten Mitte der 1970er unterschiedlich knapp am Bundesliga-Aufstieg − und verschwanden kurz darauf − jeweils finanziell gebrochen − im Amateurlager.“ Die Geschichte des Scheiterns von VfL Osnabrück, SpVgg Bayreuth, FK Pirmasens, Freiburger FC, VfB Oldenburg, Wacker 04 Berlin, VfB Bottrop, SC Leu 06 Braunschweig SV Alsenborn, SSV Reutlingen 05, Hertha Zehlendorf, Arminia Hannover, Göttingen 05, Rot-Weiss Essen, Bayern Hof, 1. FC Union Berlin, SV Meppen und FC Gütersloh wird genauer betrachtet. Als „König der Gescheiterten“ wird Hessen Kassel vorgestellt, die zwischen 1983 und 1986 viermal den Aufstieg in die Bundesliga knapp verpassten. Dazu werden auch in kurzen Absätzen die Vereine genannt, die es seit 1963 nur zu einem Kurzgastspiel in die Bundesliga gebracht haben. Ein eigener Artikel behandelt die Fast-DDR-Oberligisten Motor Nordhausen, Motor Babelsberg, Motor Werdau, Dynamo Fürstenwalde und BSG Motor Ludwigsfelde. Ein weiteres Mal ein spannender Schwerpunkt, dessen Lektüre man mit unfassbar viel neuem Wissen beendet.

Immer wieder interessant sind im Heft die Kurzmeldungs-Rubriken Neues aus dem Unterbau, Klubs in der Krise sowie Zeitspiel international aus denen man doch immer wieder einiges an Nachrichten erfährt, die man sonst nicht gelesen hätte oder die einem entgangen wären. Beim Kurzbericht über das Ferencváros-Boykottende hat man hier aber leider einige Fakten falsch (einen sehr guten Überblick gibt es im Ballesterer 128). Die Stadion von Sparta Rotterdam, Anker Wismar und Wacker Nordhausen werden präsentiert sowie traurige Bilder vom Abriss des Stade du Ray in Nizza gezeigt. Eine spannende Geschichte ist auch der Artikel von Ronny Klein darüber, wie Aktivist Schwarze Pumpe aus Hoyerswerda 1970 aus politischen Gründen aus der DDR-Liga (der zweithöchsten Spielklasse) in die Bezirksliga zurückgestuft wurde. Um den olympischen Gremien im Vorfeld der Spiele von 1972 die Durchsetzung der Amateurregelung zu zeigen, wurde ein willkürliches Exempel statuiert, das auch berufliche Konsequenzen für Trainer und Funktionäre hatte. Weitere Themen in der Ausgabe: Panama und Atlas Delmenhorst.

Endlich gibt es auch wieder eine Folge der in ihrer Detailtiefe großartigen Serie zur schlesischen Fußballgeschichte. Diesmal schreiben Hardy Grüne und Till Scholz-Knobloch über den oberschlesischen und polnischen Fußball im Zweiten Weltkrieg. Die organisatorischen Änderungen durch den Krieg und seine Abläufe werden nüchtern referiert. Aufgrund ihrer Unterdrückungsideologie wurde Polinnen und Polen von den Nazis etwa nicht nur der höhere Schulbesuch über Volksschulkenntnisse hinaus verboten sondern auch das Fußballspielen. Im Untergrund und widerständig wurde dennoch gespielt, was die deutschen Besatzungssoldaten mit Folter und Tod bestraften, wo sie konnten: „Ab 1943 nahm der Druck der Besatzer spürbar zu, und aus Furcht vor SS-Aktionen mussten die Spiele auf zweimal 25 Minuten verkürzt werden. Dennoch kam es immer wieder zu Vorfällen. Am 29. August 1943 beispielsweise schossen SS-Männer im Warschauer Vorort Konstancin in die Zuschauermenge und töteten mehrere Menschen.“ Wie berichtet wird, geht Autor Juliusz Kulesza in einem 2012 erschienen Buch davon aus, dass während der Nazi-Besatzung etwas 5.000 polnische Fußballer in das KZ Auschwitz kamen, weil sie sich über das Verbot hinweg gesetzt hatten.

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