Dienstag, 27. Dezember 2016

Rot-schwarz am Bosporus



Rezension


Pirmin Breninek
İstanbul'da kırmızı-siyah
Rot-schwarz am Bosporus
2016
166 S.






„Der Alltag ist Teil des Fußballs, Fußball ist Teil des Alltags.“ lautet die Devise, nach der in diesem Buch von privatem Leben und Erlebnissen ebenso erzählt wird wie von Fußballmatchbesuchen. Von Februar bis Juli 2015 hatte der Nürnberger Pirmin Breninek ein Erasmussemester in İstanbul verbracht, studiert, Land und Leute kennengelernt und Fußball geschaut.

Leben in der Riesenstadt İstanbul mit ihren 15 Mio. Menschen ist von neuen Erfahrungen geprägt: „Man muss in İstanbul nur vor die Haustüre gehen und spürt regelrecht, wie das Leben pulsiert. Selbst bei vier Grad Celsius und Dauerregen. In manchen Straßen sind abends so viele Menschen unterwegs, wie ich sie im beschaulichen Franken nicht mal an Weinfesten oder Kärwas hätte antreffen können.“ (Gegoogelt: „Kärwa“ ist ein regionales Wort für einen Kirtag.)

Aufgrund der Notwendigkeit des Passolig, der für Stadioneintritt in den oberen Ligen notwendigen Fanregistrierung per Plastikkarte, auf der alle persönlichen Daten gespeichert werden, samt zehnjährigem Kreditkartenvertrag bei einer der Regierungspartei nahestehenden Bank, fand der erste von mehreren Stadionbesuchen in der dritten Spielklasse statt. Passenderweise bei einem rot-schwarzen Verein. Als schließlich „typisches Drittliga-Programm“ fasst er an anderer Stelle zusammen: „Ein Stimmungsblock von etwa 50 überwiegend jungen Leuten, knapp 300-400 weitere Zuschauer und die obligatorischen Stänkerer, die eigentlich 90 Minuten damit beschäftigt sind die gegnerischen Spieler mit sämtlichen Schimpfwörtern, die das Türkische hergibt, zu beleidigen.“ U.a. ist er auch bei einem Relegationsspiel bei Pendikspor.
Zum großen Fußball kam er bei Europacupspielen von Beşiktaş, wo Passolig nicht galt, sowie auf einer sehr eindrücklich beschriebenen Auswärtsfahrt mit Galatasaray beim Cupfinale in Bursa. Aus der Fanszene kommend registriert Primin Breninek auch fankulturelle Unterschiede im unmittelbaren Umfeld an der Universität: „Sofern es innerhalb der deutschen Ultraszene eine Maximal-Beleidigung gibt, ‚Studentenultras‘ würde einen der vorderen Plätze belegen. Wer in der Heimat etwas auf sich hält, der versucht meist Straße zu sein, selbst wenn er die Hochschulbank drückt. In İstanbul ist das anders. Die Ultrasgruppen werben regelrecht um Mitglieder an den Unis. Viele Hochschulen haben sogar eigene Sektionen innerhalb der Gruppen.“

İstanbul, das Uni-Leben als Erasmus-Student, politische Baustellen in der türkischen Gesellschaft und die Eindrücke von diversen Spielbesuchen beim Fußball und Basketball sind die Themen der ersten vier Fünftel des Buchs. Eine nette Koinzidenz ist, dass der Autor zur selben Zeit in İstanbul lebte wie die Macherin und der Macher des Films Ayaktakımı, mit denen er teils zusammenwohnte. Mit ihnen fuhr er auch einige Tage nach İzmir, das im Film behandelt wird. Für einige Tage wird der Türkei-Aufenthalt für eine Reise zum Fußball ins griechische Larissa unterbrochen, mit dessen Fanszene die Nürnberger Nordkurve befreundet ist.

Im letzten Teil des Buchs wird eine Reise in den Ostteil des Landes und von dort quer durch den Süden der Türkei zurück beschrieben. Ein Reisebericht voller Begegnungen mit gastfreundlichen Menschen und diversen touristischen Attraktionen. Auch wenn sich seither das Rad des politischen Wahnsinns etwas weitergedreht und manches verändert hat, so ist Rot-schwarz am Bosporus dennoch eine spannende Lektüre über das Leben in der Türkei.

„Einfluss auf die Ideenfindung“ hatte laut Interview des Autors in Blickfang Ultrà das Buch Bienvenue en Banlieue Rouge gehabt. Pirmin Breninek bezeichnet sein Werk im übrigen nicht als Buch sondern als „Heft“, da er es in Fanzine-Tradition geschrieben sieht. Wohl nicht zuletzt aufgrund der Schreiberfahrung des Autors im Nürnberger Fanzine Ya Basta! liest sich das Buch flüssig und locker.

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