Mittwoch, 26. Juni 2013

11 Freunde, Spezial 3


Rezension


11 Freunde
Spezial Nr. 3
Sonderausgabe Fußballrebellen
130 S.






Bereits im März erschien eine Sonderausgabe der 11 Freunde zum Thema Fußballrebellen. Diesen Begriff definierten sie dafür recht breit: „Sportler, die herausstachen aus der großen Masse. Deren Horizont nicht am Spielfeldrand endete. Die sich dem Kadavergehorsam, der oftmals in Profiklubs eingefordert wird, entzogen.“
Als Prototyp des rebellischen Spielers gilt in Deutschland Günther Netzer, der (im Nachhinein) mit einer „Selbsteinwechslung“ von sich reden machte, in den 70er Jahren zum fußballerischen Popstar wurde (ohne wie sein Antipode Franz Beckenbauer zu singen) und dessen Fußballspiel dem Feuilleton Stoff gab. Netzer selbst sieht im Interview das alles nüchtern, etwa die Eröffnung einer Diskothek in seiner Zeit als Spieler: „Im Grund war aber auch dieser Schritt meiner, wenn Sie so wollen, Solidität geschuldet. [...] Ich habe den Laden allein deshalb eröffnet, weil ich als Spieler in Mönchengladbach nicht genug verdiente. Als zusätzliche Geldquelle.“ Auch bei mehrmaligen diversen Nachfragen bleibt er dabei, kein Rebell gewesen zu sein.

Neben diesem nur innerhalb Deutschlands relevanten Diskurs gibt es dann im Heft aber einige interessante politische Portraits, etwas des Brasilianers Sócrates oder des norwegischen Fußballers Asbjørn Halvorsen, der von den Nazis ins KZ gesperrt wurde, es überlebte, aber zehn Jahre nach Kriegsende an den gesundheitlichen Folgen starb. Es gibt ein Interview mit Rachid Mekhloufi, einem der in Frankreich reüssierenden Algerier, die 1958 dort ihre Profikarriere aufgaben (im Fall von Mekhloufi auch die Teilnahme an der WM 1958 in der französischen Nationalmannschaft) und eine algerische Nationalmannschaft formierten, die fortan auf Tournee ging und damit den Unabhängigkeitskampf ihres mit blutigem Krieg überzogenen Landes unterstützte.
Bedrückend ist die Erzählung des chilenischen Spielers Carlos Caszely über das im Herbst 1973 angesetzte WM-Qualifikationsspiel im Nationalstadion von Santiago de Chile gegen die Sowjetunion (die nicht antrat). Kurz zuvor hatte der Militärputsch stattgefunden. „Wenn ich heute im Nationalstadion bin, vermischt sich in meinem Bewußtsein noch immer die Zeit vor dem Putsch mir der Zeit danach. Die Erinnerungen an all das Schöne, das wir hier vor 1973 erlebten − und an all das Schreckliche, das danach kam. Es wurde zu einem Konzentrationslager umfunktioniert! In den Kabinen wurden Oppositionelle gefoltert und ermordet! Und als die Narben der Gefangenen noch längst nicht verheilt waren, spielten wir wieder Fußball in diesem Stadion.“ Einige Tage später verweigerte er bei einem Empfang dem Militärdiktator Augusto Pinochet den Handschlag und sprach ihn auf das Leid der Gefangenen an. Um ihn zu strafen verhafteten sie, während er mittlerweile in Spanien spielte, seine Mutter und folterten sie.

Dazu gibt es etwas über den Fußballrevolutionär Johan Cruyff (von David Winner) und die begnadeten Exzentriker Diego Maradona und Éric Cantona.
Der spannende Erzählstrang zum Thema Rebellion außerhalb des Spielfelds, die Rolle der Fans, kommt vergleichsweise kurz. Es gibt eine Fotoreportage über Fußballfans in der DDR, wo in den 80er Jahren die Kurven zu einem Ort der Rebellion wurden. Zu Lesen gibt es auch über die Ultras Ahlawy, ihre Rolle in der ägyptischen Revolution und die Toten von Port Said, sowie über die Curva Nord von Livorno in Zeiten der Repression heute.

Keine Kommentare:

Kommentar posten